Ein rätselhaftes Manuskript zeigt, wie man »interessanter« wird

Viel wurde spekuliert, was die Worte des Voynich-Manuskripts bedeuten sollen. Dieses Manuskript ist ein Schriftstück aus dem späten Mittelalter (vermutlich ca. 1500), benannt nach Wilfrid Voynich, einem polnischen Buchhändler, der es 1912 in Italien kaufte. Das Pergament ist aus Kalbsleder und es ist aufwändig illustriert.

Voynich-Manuskript
Voynich-Manuskript, Foto: Beinecke Rare Book & Manuscript Library, Yale University

Der Text des Voynich-Manuskripts ist in einer unbekannten Sprache verfasst. Einige Notizen sind zwar Lateinisch und eine kurze Notiz ist wohl Althochdeutsch. Der Haupttext aber ist bis heute unverstanden. Das ist ein Teil seiner Faszination.

Voynich, bis heute ungeknackt

Dieses unverständliche Unverstandene ist bis heute (Stand 2017) für Hobby-Forscher und Profi-Kryptographen ein spannendes Rätsel. Geknackt hat es bislang niemand. Es sieht aus wie Sprache, es »fühlt sich an« wie Sprache, doch es versperrt sich.

Woher die Faszination?

Natürlich ist diese Angelegenheit höchst aufregend! Welche Geheimnisse mögen sich hinter den Zeichen und Bildern verbergen? Magische Rezept? Mystische Erkenntnis?

Es ist dem Menschen angeboren, sich das Unbekannte bekannt machen zu wollen. Das ist Forschergeist. Und es ist zutiefst menschlich und wahrscheinlich auch edel, Hürden, die einem im Weg stehen, überwinden zu wollen. Manche Hürden sind ganz natürlich, etwa der Wunsch des Kindes, laufen zu lernen. Andere Hürden sind selbstgewählt, etwa der Entschluss der USA unter Kennedy, sich den Mond untertan zu machen. Und schließlich gibt es Hürden, deren Faszination ist schlicht, dass sie sich unserem Geist versperren. Wie kann das Voynich-Manuskript es wagen, seine Rätsel für sich zu behalten?

Mehr als Unverständlichkeit

Es ist aber, meine ich, mehr als bloße Unverständlichkeit, die Forscher an jenen wohl verschlüsselten Worten reizt. Da ist mehr.

Unverständlichkeit allein genügt nicht als Grund solcher Faszination. Wäre es nur die Unverständlichkeit, so müsste jedes Kindergekrakel und jedes per https übertragene Urlaubsfoto, derer im Internet endlos viele herumschwirren, die gleiche Faszination ausüben. Tun sie aber nicht! Hier geht es um mehr.

Arbeit

In das Voynich-Manuskript ist offensichtlich extra viel Arbeit und wohl auch einiges Geld geflossen. Jemand hat sich die Mühe gemacht, diese Inhalte festzuhalten. Jemand hat wunderschöne Illustrationen komponiert. Seine Mühe ist uns Rechtfertigung, ebenso Mühe aufzuwenden bei der Entschlüsselung. Er hat sich Mühe gemacht, also ist es wert, dass wir Mühe bei der Entschlüsselung aufwenden. Wo sich jemand Mühe gemacht hat, ist zu vermuten, dass es etwas zu entdecken gibt.

Reziprok

Man beschäftigt sich lieber mit Dingen beschäftigen, in die viel Arbeit geflossen ist. Zumindest gilt das für die Inhalte anderer Leute. Bei unseren eigenen Ideen sind wir gelegentlich etwas nachlässiger.

Seien wir ehrlich! Nicht nur im Internet sind wir schnell dabei, einen undurchdachten Gehirnwind in die Welt zu jagen – und dann zu erwarten, dass Menschen sich damit ernsthaft beschäftigen. Das ist kein faires Verhältnis. Wenn uns Voynich eins lehrt, dann dies: Es lohnt sich, über Ideen nachzudenken, bevor man sie in die Welt lässt. Das macht die Ideen interessanter. Das gilt selbst dann, wenn (für eine Zeit) niemand außer uns selbst diese Ideen versteht.