Es ist okay, wenn sie mich hassen – solange sie damit falsch liegen

Es ist Sonntag (spätestens wenn Sie folgenden Text lesen, wird es sich wie Sonntag anfühlen, das verspreche ich) – warum also nicht eine kleine Bibel-Stunde! (Es funktioniert für Atheisten ebenso, auch das verspreche ich.)

Schwestern und Brüder, schlagt mit mir die Heilige Schrift auf! Wir lesen heute das Markus-Evangelium, Kapitel 13, Verse zwölf bis dreizehn.

Und es wird ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater das Kind, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie zu Tode bringen. Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. Wer aber beharrt bis an das Ende, der wird selig.
Markus 13:12,13

Bei allen drei Synoptikern (also den ersten drei Evangelien, die ein Stück weit parallel sind) findet sich die Warnung, dass man gehasst werden wird, wenn und weil man öffentlich von Jesus spricht. Sogar von seiner engsten Familie wird man gehasst und verraten werden. Soll das ein Versprechen oder eine Drohung sein?

Wir lesen also diesen Text. Er verspricht Gruseliges und doch liegt etwas Motivierendes darin.

Da fällt mir ein alter Witz ein:

„Du hast dir ein Hufeisen über die Tür gehängt. Glaubst du daran?“
„Nein, natürlich nicht. Es soll aber auch dann Glück bringen, wenn man nicht daran glaubt.“

So ähnlich verhält es sich mit diesem Bibelvers: Die Worte haben etwas Beeindruckendes, auch wenn man nicht an die zu verkündenden Inhalte glaubt.

Einige von uns sind theoretische Atheisten. Die allermeisten von uns sind praktische Atheisten. Wir spüren, dass dieser Text dennoch eine gewisse Kraft hat, doch worin liegt diese?

Lassen Sie es mich gleich sagen: Ich finde nichts Reizvolles daran, im Namen eines konservativen Erweckungspredigers von vor 2.000 Jahren gehasst zu werden. Jesus hat wichtige Sachen auf den Punkt gebracht, kein Zweifel, und ich bin ein Fan gut gemachter Talking Points. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – das ist einer der wirkmächtigsten Talking Points der Menschheitsgeschichte! Doch ich will bestimmt nicht „in seinem Namen“ gehasst werden.

Ja, auch heute noch werden Menschen wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt und bedroht, etwa im Iran, in Saudi-Arabien oder in Berlin. Selbst wenn es nicht meine konkrete Überzeugung ist, ich habe großen Respekt vor Menschen, die ihre Überzeugung trotz Gefahr bekunden.

Und das ist der Punkt, an dem uns dieser Vers berührt. Selbst wenn wir weder an Jesus noch an irgendeine Göttlichkeit überhaupt glauben, so sehnen wir uns doch nach dem Mut, zu sagen, was wir nach gründlichem Nachdenken und in eigener Erfahrung für wahr befunden haben.

Es mag von finanziellem Vorteil sein, die eigene Überzeugung und Erfahrung zu übertönen mit sinn- und seelenloser Propaganda, wie man sie Abend für Abend vorm Schlafengehen durchs Fernsehen eingetrichtert bekommt. Zu sagen, was der Regierung nutzt, mag die Arbeitsstelle sichern und davor schützen, dass die Antifa einem das Hab und Gut in Flammen setzt. Propaganda und Politische Korrektheit sind besonders heute ein einträgliches Geschäft – man schaue nur, was GEZ-Moderatoren oder die vielen von Ministerien durchgefütterten Polit-PR-Agenturen verdienen. Und doch, um es mit einem weiteren Jesus-Wort zu sagen: „Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?“ (Markus 8:36)

Es liegt etwas Reines und Starkes darin, zu sagen, was man als wahr erkannt hat. Ist es denn besser, für eine Lüge geliebt als für die Wahrheit gehasst zu werden?

Noch ein Bibel-Vers, diesmal von Matthäus. Er ergänzt den Gedanken um eine wichtige Warnung:

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen.
Matthäus 5:11

Wer für etwas steht, wer seine eigene Meinung hat, der wird immer gehasst werden von den Mitläufern und den Opfern der Propaganda. Wer sagt, was er sieht, wird gehasst werden, von denen, deren Weltbild auf Lügen gebaut ist.

Wer eine eigene Meinung zu haben wagt, muss sich um so genauer prüfen. Habe ich meine Erkenntnisse geprüft? Habe ich zu meiner Meinung auch die Gegenargumente gehört und bedacht? Beziehe ich stets die Möglichkeit mit ein, dass ich falsch liegen könnte?

Wenn ich das alles bejahen kann, wenn ich ernsthaft und täglich bemüht bin, mein Weltbild mit der Realität abzustimmen, wenn ich meine Werte zu Ende gedacht habe und noch immer zu ihnen stehe, dann können mich jene Leute gerne hassen.

Solange jene, die uns hassen, in ihrem Hass falsch liegen, solange wir unsere Position doppelt und dreifach geprüft haben, ist es völlig okay, gehasst zu werden. Mehr sogar: Wenn jene, die sich in Unwahrheiten und Propaganda eingerichtet haben, sich bei unseren Worten nicht mindestens unwohl fühlen, dann sind wir zu leise!

Um einen alten Rap-Song zu zitieren: You can hate me now, but I won’t stop now. – Ihr könnt mich hassen, aber ich werde jetzt nicht aufhören.

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