Haben wir ein Wunder verdient?

10. März 2019, von Dushan Wegner; Bild von Aarón Blanco Tejedor
In Kreuzberg wurde einer ALDI-Filiale gekündigt – wer von Mindestrente lebt, kann ja anderswo einkaufen. Sinngemäß: »Seid doch woanders arm!« – Haben die Armen mit Aldi-Tüten optisch gestört, wenn die Guten ihren ethischen Kaffee schlürften?
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Es ist ein Wunder, dass wir hier sind. Wie viele Galaxien und Sonnensysteme taumeln im Weltall in ihren Bahnen? Ungezählte! Die meisten Planeten, soweit wir wissen, sind unbelebt. Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht hier, auf dem sonnig-blauen Erdenrund geboren worden, sondern auf einem kalten Stein im Andromeda-Nebel, weit weg von hier. Wer kann sagen, ob es da überhaupt eine Atmosphäre gibt oder Wasser, und wo weder Luft noch Wasser ist, da gibt es vermutlich keinen genießbaren Kaffee, und das ist ruinös für die Laune.

Es ist ein Wunder, dass wir hier sind, auf diesem feuchten Weltraumkiesel, und es ist ein Wunder, dass wir ausgerechnet heute hier sind. Die Dinge, die um uns her passieren, sind die nicht wunderlich?

Wunder mit Siegel

In Disneyland und vielen anderen Themenparks gibt es nicht nur Shows und Fahrten, für die man stundenlang anstehen darf, sondern auch komplett künstliche Nachbauten rustikaler Dorfszenen. Aus Maschendraht, Fiberglas, Gips, Beton und anderen nicht wirklich traditionellen Materialien werden Gebäude gebaut, die an rustikale Dorfszenen erinnern sollen.

Der Stadtmensch sehnt sich nach Echtheit und den guten alten Zeiten, und er ist vollständig ratlos darüber, was das sein soll, also bekommt er simulierte Echtheit verkauft. – Zück die Kreditkarte, und genieße die Pappmaschee-Echtheit. It is true magic! Ein echtes Wunder!

In Großstädten rund um den Globus gibt es seit einigen Jahrzehnten immer mehr Markthallen neuen Typus für ein exquisites Publikum. Manche haben sich aus alten tatsächlichen Markthallen entwickelt, doch ihre Kundschaft ist heute eine ganz andere.

Manche dieser Markthallen erinnert an eine Art von »Essens-Disneyland« für wohlbetuchte Stadtmenschen. Wer sich Kraft seiner Toleranz und sonstiger Güte das Anrecht verdient hat, sein Brot oder sein Gemüse nicht mehr mit den hoi polloi im Supermarkt einzukaufen, der darf sich auf diesen oft von Designern und Marketing-Profis durchgestylten Edelmärkten seine Nahrung mit eingebauter Bessermoral kaufen.

Für den zahlungskräftigen Kunden auf Sinnsuchen werden auf diesen Märkten die Möhren in Holzkisten statt in Folie und Karton gestapelt. Der Kaffee wird von sich selbst ungemein ernst nehmenden jungen Männern handgeröstet.

Der Brotlaib vom Bäckerstand mit dem gefühlvollen Namen kostet so viel, dass man später bei jedem Bissen erzählen muss, wie dieses Weizenmehlerzeugnis »etwas wirklich anderes« ist.

Im Berliner Kreuzberg gibt es die Markthalle Neun. Touristen mit Geschäftskonto könnten einander den Käsestand empfehlen, die Angus-Beef-Burger (etwa 9 Euro) und den Street-Food-Donnerstag mit allem, was das gelangweilte Herzlein begehrt, von »tibetanischen Momos und britischen Pies zu mexikanischen Tacos und Allgäuer Kässpatzen« (Zitat markthalleneun.de).

Die Anbieter tragen Namen wie »Tofu Tussis«, »Die Walnussmeisterei« oder »endorphina Backkunst«, und man ist sich nicht sicher, was es ist, das das betuchte Publikum wirklich kauft. (Man ahnt allerdings, welche Partei jene wählen, so sie denn in Deutschland wählen dürfen: Kreuzberg + Sinnsuche + öko-style + zu viel Geld? Man muss es nicht weiter ausbuchstabieren.)

Wissen Sie, was nach manchem Geschmack gar nicht in die echte Echtheit passt? – Echte Menschen, die echt nicht so viel Geld haben.

In der Markthalle Neun gab es bislang einen Aldi-Discounter. Doch, dem wurde jetzt gekündigt.

Echte, alte Kreuzberger, die von Mindestrente statt vom Job in irgendeinem Propagandabüro leben, so sagen sie, können sich kein Brot für 9€ das Kilo leisten.

»Diese Halle ist seit 130 Jahren ein Treffpunkt für den Kiez. Das droht zu enden«, zitiert morgenpost.de, 2.3.2019 einen Anwohner, der von Hartz-IV sein Leben bestreitet.

Die schöne, teure Welt der Schicken, Guten und Toleranten – moralisch betrachtet eine angenehm beleuchtete 3-D-Lüge?

Der Anblick der echten Armen stört womöglich, wenn man den handgedrechselten Kaffee schlürft, und sich extra gut dabei fühlt, durch die Fair-Dingsbums-Öko-Kaffee-Bohnen mit gewiss auch päpstlichem Siegel den Armen in Übersee zu helfen, da sollen bitte die echten Armen die Hochglanz-Echtheit nicht stören!

Etwas zynisch verlinken die Betreiber der Halle auf ihrer Website eine Karte anderer Discounter in der Umgebung, wo die Armen von Kreuzberg eben hingehen sollen. Die Kreuzberger Besserbürger rufen den Armen zu, sinngemäß: Seid doch woanders arm!

Die Berliner Zeitung zitiert eine Anwohnerin:

Für Lily M. (83) keine Option: „Ich schaffe es mit dem Rollator gerade so zum Aldi, wie soll ich in Zukunft an meine Lebensmittel kommen? Mit meiner kleinen Rente kann ich mir die Stände in der Halle nicht leisten.“ Für die Rentnerin ist es der letzte Anker der Eigenständigkeit im Alter. (bz-berlin.de, 9.3.2019)

In einem »offenen Brief« belehren die Betreiber die Armen von Berlin-Kreuzberg:

Die wahren Kosten für die scheinbar so günstigen Preise im Discounter Regal zahlen andere, auf den Plantagen und Feldern, in Schlachthöfen und Fabriken – sie verschwinden nicht. (Website markthalleneun.de)

Sind arme Menschen schlechte Menschen, weil sie sich keine bessermoralischen Produkte kaufen können? – Dass die Aldi-Brezeln nur 0,29€ und die Endorphina-Brezeln (ja, die heißen so) stolze 1,49€ kosten, wird gar nicht bestritten, sondern moralisch aufgeladen: »Die Bio-Brezeln von endorphina werden in Handarbeit in Neukölln hergestellt. Wir halten es für fair, dass von dem Preis einer Brezel der Bäcker, der Müller und der Landwirt leben müssen. Geht das bei 0,29€?« – Mit anderen Worten: Handarbeit ist moralisch und maschinengestützte Effizienz nicht. (Ich hoffe, die Betreiber schreiben ihre Briefe alle von Hand auf handgeschöpftem Papier und fahren ihre Ware mit Eselkarren aus, sonst müssten sie sich selbst aus moralischen Gründen kündigen!)

Soviel Moralin muss man sich leisten können! Die Betreiber sollten sich ehrlich machen und »eure Armut kotzt uns an« plakatieren. (Für Freunde feiner Genüsse sei kommende Woche das Sake-Tasting in der Markthalle Neun empfohlen! Es kostet 18 Euro pro Person, ist also eher nichts für das von den Guten eher nicht so geschätzte Hartz-IV-Publikum, aber das ist – Moral-sei-dank! – sowieso bald weg.)

So mancher hofft dieser Tage auf Wunder; wenn man arm ist und in Kreuzberg lebt, dann bleibt als erhofftes Wunder vielleicht nur, dass der Aldi nicht schließen muss.

Wunder frei Haus

Den einen wird genommen, den anderen wird gegeben. Den Beratern von Frau von der Leyen (CDU) wurde, was man so liest, der ein oder andere Steuer-Euro gegeben. Medien berichten jetzt, dass die Beratungs-Kosten womöglich nochmal deutlich höher sind als gedacht – von 660 Millionen Euro seit 2014 ist die Rede (bild.de, 9.3.2019: »Von der Leyen verheimlichte Berater-Kosten«).

Während sich das Verteidigungsministerium ganz doll viel beraten lässt, gibt es ein paar Problemchen mit den Flugzeugen der Flugbereitschaft. Ab sofort, wird berichtet, müssen die meisten Minister per Linienflugzeug fliegen (bild.de, 8.3.2019). – »Kein Wunder!«, möchte man fast ausrufen.

Die Ausstattung soll marode sein (manche Waffen darf man, wieso auch immer, nicht selbst reparieren, siehe heise.de, 25.2.2019), Flugzeuge der Flugbereitschaft dürfen nicht abheben – ein Zyniker könnte fragen, warum man sich nicht die Bürokratie spart, die Bundeswehr auflöst und das Geld direkt an die Beratungsfirmen überweist. (Verschwörungstheoretiker könnten mutmaßen, dass die Bundeswehr runtergerockt wird, um die Idee einer EU-Armee attraktiver zu machen.)

Wir brauchen alle von Zeit zu Zeit ein kleines Wunder, die Bundeswehr jedoch, so scheint es, braucht ein großes Wunder!

Die kleinen Wunder

Und dann gibt es die kleinen Wunder, wenn einem etwas Gutes widerfährt. Wenn man illegal in Deutschland ist und dann wieder rausgeht, bekommt man von Deutschland manchmal Geld geschenkt. Und manche von denen, die Geld geschenkt bekamen, sind schon wieder da (mopo.de, 9.3.2019) – es muss ein Wunder sein! (Letztes Jahr sagte ich voraus, dass mit der Ausreiseprämie ein finanzielles Perpetuum-Mobile geschaffen wird – ich meinte es sarkastisch!)

Es ist üblich, dass Länder sich fürs Ausland attraktiv machen. Deutschland möchte seine Spitzenposition in der Attraktivität für Asylbewerber ausbauen. Zur Steigerung der Attraktivität Deutschlands von Senegal bis Somalia plant die SPD eine Erhöhung des Taschengelds für Asylbewerber um 11 Prozent von 135 Euro auf 150 Euro. (Ich hoffe nur, meine Kinder hören nichts davon, sonst beantragen sie umgehend Asyl bei mir.) – Die deutsche Spitzenstellung im Geldverteilen muss gehalten werden, da mögen sich alle anderen Länder der Welt noch so wundern!

Signatur

Was ist das Buch der Wunder? Wo lesen wir von Wasser, das zu Wein wird? Korrekt! In der Bibel.

Bücher, die einem wichtig sind, lässt man signieren. Im Idealfall lässt man das Buch vom Autor selbst signieren, und wenn das nicht möglich ist, dann von jemandem, der dem Autor nahesteht. In Alabama haben Überlebende eines Tornados sich ihre Bibeln letzte Woche von Donald Trump unterzeichnen lassen.

Ob einen Tornado zu überleben während andere starben ein »Wunder« ist, das ließe sich diskutieren. Dass aber Trump-Hasser über die Bitte der gläubigen Christen wütend sind – während andere Präsidenten dasselbe taten, wenn sie gebeten wurden – das ist ganz und gar kein Wunder (foxnews.com, 9.3.2019). Vielleicht hoffte Trump ja, etwas Wunderkraft möge aus dem Buch auf ihn übergehen. Trump kämpft an unserer statt gegen die Mächte linken Irrsinns. Ich fürchte, er ist doch ein Mensch wie wir, und könnte an diesem Punkt ein kleines Wunder gebrauchen.

Reprise

Ich verstehe ein Wunder als ein Ereignis, das äußerst unwahrscheinlich ist, aber sehr nützlich, oft lebensbewahrend.

Man kann auf Wunder hinarbeiten, indem man sie ein wenig weniger unwahrscheinlich macht. Wer ein Lottoticket kauft, wird wahrscheinlich nicht gewinnen – wer aber keines kauft, dessen Gewinn ist noch weniger wahrscheinlich.

Wenn wir betrachten, was für ein Irrsinn heute als »normal« akzeptiert wird, von Greta bis Heiko, von Claudia bis Ralf, dann beginne ich daran zu zweifeln, ob es ohne Wunder besser werden kann.

Denken Sie sich in der Zeit um zehn, zwanzig, oder (wenn Sie so alt und weise sind) dreißig Jahre zurück! Wie hätte man auf die heutigen Gestalten und Themen reagiert? Man hätte sie durchweg ausgelacht und wieder arbeiten geschickt, in einem Job, wo sie sich und andere nicht verletzen können.

Es bräuchte fast ein Wunder, so fühlt es sich, um heute wieder Vernunft in den Berliner Irrsinn zu bringen.

Dass bald wieder eine ausreichende Menge an Vernunft in Land und Hauptstadt einkehren, das scheint nicht sehr wahrscheinlich zu sein – das Gewinnen der Lotterie ist aber auch nicht sehr wahrscheinlich, und doch gewinnt immer wieder jemand. Werfen wir also unser Los in die Ziehung!

Werfen wir unser kleines Stück Vernunft in die große kreischende Lostrommel des Irrsinns!

Ein kleines Wunder, hier, auf diesem kleinen und doch liebenswürdigen Planeten, der etwas hilflos durch das dunkle Weltall purzelt, das hätten wir doch verdient, oder?

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