Sind wir »zu wütend« auf Journalisten?

22. Februar 2019, von Dushan Wegner; Bild von Sho Hatakeyama
Sind wir »zu wütend« auf Journalisten? Bloß weil einige hier ein wenig framen, da ein paar Sachen erfinden und dann de facto kollektiv wichtige Fragen ignorieren? – Ich sage: Wir sind nicht wütend genug!
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Nun, kommen Sie schon Herr Wegner, sind Sie nicht etwas zu wütend auf Journalisten? – So höre ich es manchmal. Nicht oft, nicht jeden Tag, aber öfter als der Vollmond sein fahles Gesicht zeigt durchaus!

Ich aber, wenn ich solches gefragt werde, ich strecke meinen Rücken, bis er gerade ist, und ich räuspere meinen Rachen, und ich rede so: Nein, wir sind nicht wütend genug!

Wenn ich darf, und weil ich es will, werde ich Ihnen hier darlegen, warum dem so ist!

Er hat es wieder gesagt!

Nehmen wir an, einer sagt: »Der Suppe fehlt Salz!«, oder: »Es ist dunkel!« – Solches Sprechen ist mehr als die Feststellung eines Sachverhaltes. Im einen Fall soll wohl ein Tischnachbar aufgefordert werden, das Salz hinüberzureichen, im zweiten Fall soll wohl jemand eine Lampe anschalten oder die Jalousien öffnen.

Wenn einer den Satz »der Islam gehört zu Deutschland« sagt, dann will er damit etwas erreichen (oder er ist unbedarft und hat keine Ahnung oder Erfahrung in Sachen politischer Sprache).

Schäuble hat ihn gesagt, den Satz, und er hat es so formuliert: »Muslime und mit ihnen der Islam sind ein Teil Deutschlands« (faz.net, 21.2.2019).

Wir müssen davon ausgehen, dass es Schäuble nicht an Erfahrung mangelt – was also will er bezwecken?

Nun, er schiebt noch nach, es handele sich um eine, »im Grunde nicht zu bestreitende Tatsache«. – Hui, wenn einer an dieser Stelle frech ausriefe, dass Schäuble eine Lüge gesprochen habe, oder wahlweise als Sprachanalytiker so schlecht sei, dass er glatt Gutachten für den Staatsfunk schreiben könnte, gegen ein kleines Entgelt in Koffergröße, dann würde ich mich nicht gerade darum reißen, mit einem solchen Schandmaul in den Ring der Argumente zu treten.

Doch (oder, wie die Teetrinker sagen: Alas!), heute soll es mir nicht um den Herrn Parlamentspräsidenten gehen. (Sie können ja einen Umweg über den Text »Zeige mir eine lügende Regierung und ich zeige dir ein ausgeraubtes Land« nehmen, es nimmt sich ja heute ohnehin ein jeder, so scheint es bald, was er will.)

Nicht ob Schäuble ob der angespannten Debattenlage die Obacht fallen ließ, oder ob er obduzieren, pardon: provozieren wollte, ist die obliegende Frage, sondern ob wirklich kein einziger Journalist die Lücken im Gesagten beobachtet hat, denn Lücken sind darin – und ob!

Gehört die Uhrzeit zum Raum?

Wittgenstein sagte sinngemäß über die Philosophie, sie verhielte sich zu den Problemen des Menschen wie das Kratzen zum Jucken: Man kratzt, und das Jucken geht weg, und dann kommt das Jucken wieder, und dann muss man eben nochmal kratzen.

Ach, so ähnlich fühlt man sich auch als Essayist, mit dem Unterschied, dass man zwar kratzte, doch das Jucken nicht wirklich, nicht ganz fort war.

Ich habe im Text »Islam, Deutschland und Zu-etwas-gehören« (März 2018) vorargumentiert, warum die Behauptung, der Islam gehöre zu Deutschland, in sich – unabhängig vom Inhalt – nicht funktioniert.

Die Kurzfassung: Praktisch keiner dieser Begriffe ist allgemein eindeutig definiert – und am wenigsten wohl »dazu gehören«.

Wer sind »die Muslime«? Zählen etwa Atheisten mit muslimischem Elternhaus dazu? Was exakt ist »Islam«? Die Menge der Muslime? Eine bestimmte Lehrschule? Die Summe oder die Schnittmenge der Glaubenssätze?! Die tatsächliche Glaubenspraxis? Die ideale Glaubenspraxis? Die Glaubenspraxis, »wenn es drauf ankommt«? Die Identifikation im Alltag oder die Identifikation, wenn man sich entscheiden muss? – Dies sind keineswegs Begriffsklaubereien! Kriege werden geführt und Menschen sterben, wenn und weil diese Fragen auf reale Unterschiede hinweisen!

Und, weiter: Was genau ist mit Deutschland gemeint? Meint man es rechtlich oder kulturell, historisch oder in die Zukunft? Meint man Bürger, oder »die, die schon länger da sind«?

Schließlich »dazugehören« beziehungsweise »Teil sein von« sind keine eindeutigen Begriffe – und wenn ein Politiker es sagt, dann sind es Bullshit-Begriffe, Nebelkerzen, die Gefühle und Konflikte hervorrufen, aber alles andere als klar definiert sind. – Als Vergleich: Ist die Uhrzeit, welche die Uhr anzeigt, ein Teil des Raums?!

Wenn Schäuble sagt, es handele sich um eine »im Grunde nicht zu bestreitende Tatsache«, dann ist diese Aussage im besten Fall falsch, im übelsten Fall ist es eine Lüge – ein Satz, der je nach Deutung mal falsch und mal wahr sein kann, der ist (noch) nicht wahrheitsfähig.

Der Satz »x + 2 = 4« ist nicht allein für sich wahr, denn es kommt darauf an, was man für x einsetzt – die Behauptung aber, »x + 2 = 4« sei wahr, ist zweifelsohne falsch – und sehr ähnlich ist es mit der gefährlich ungefähren Aussage, der Islam gehöre zu/ sei Teil von Deutschland.

Es ist ein Test

Dieser Satz »Der Islam ist ein Teil von Deutschland« ist ein Test!

Es gibt drei Möglichkeiten, wie man als Journalist auf diesen Satz reagieren könnte, zwei davon sind »gut«, eine ist »böse«.

Zuerst, zu den »guten« Möglichkeiten: Der brave Journalist begreift nicht (Möglichkeit 1), wie viel Unschärfe die Aussage lässt – oder er tut so (Möglichkeit 2), als würde er es nicht sehen.

Nun, die »böse« Möglichkeit. Der Nachdenker, der erkennt, dass die Aussage gefährlich unscharf ist, kann diese Unschärfe auch benennen und dem Politiker vorhalten (Möglichkeit 3), doch damit wird er als Störenfried und »Rechter« gebrandmarkt werden. Wer denkt, der stört, und wer noch dazu Fragen stellt, wird schnell zum Prüffall.

Wenn Schäuble oder irgendein anderer Politiker sagt, der Islam gehöre zu oder sei Teil von Deutschland, testet er die Haltung der Berliner Journalisten.

Sie tun ihren Job nicht!

Sicher, es gibt genug Gründe, auf Politiker wütend zu sein. Es wird berichtet von angeblichen Vertuschungsversuchen rund um den Breitscheidanschlag, und man hält als Nachrichtenleser nicht einmal kurz den Atem an (focus.de, 22.2.2019). Der Bundespräsident gratuliert Terror-Sponsoren in unserem Namen zur »Islamischen Revolution« (bild.de, 21.2.2019). Europas berühmtester Ischias-Patient blamiert sich und in der CDU distanzieren sie sich voneinander, weil einige partout nicht die Grenze schützen wollen (welt.de, 22.2.2019).

Ja, es gibt genug Gründe, auf Politik wütend zu sein. Gut, dass es legitime Arten gibt, seine politische Wut zu kanalisieren. Gründet eine Partei, und/oder wählt wütend und/oder protestiert und sagt eure Meinung laut. Sie werden euch verhindern wollen, zensieren und unterdrücken, doch wenn euer Anliegen echt und wichtig ist, sind nicht sie, sondern immer nur ihr selbst eure größten Gegner. (Fragt die Piraten…)

Ja, es ist wichtig und richtig, auf Politik und Politiker wütend zu sein, doch – seien wir ehrlich – sie tun »nur« ihren Job: sie sorgen sich um ihre Macht, und wenn sie sich zwischen ihrer Macht und deinem Glück entscheiden sollen, werden sie nicht lange zu entscheiden haben.

Journalisten jedoch, anders als Politiker, tun ihren Job nicht, definitiv nicht. Mit diesen Journalisten wandeln wir nicht nur durch die Nacht der Unvernunft, mit Haltungsjournalisten ist auch noch dauernde Mondfinsternis! Der Job von Journalisten war es einst, Politiker zu kontrollieren, ihnen ihre Vergehen und Fehler vorzuhalten, heute verleihen sie einander Preise und besuchen Framing-Workshops – einige von ihnen zumindest, viel zu viele.

»Journalisten mit Haltung« verhalten sich zu Journalismus wie die »Demokratische Volksrepublik Korea« zur Demokratie.

Bloß weil sie manchmal ein wenig framen, weil sie manchmal Kampagnen gegen andersdenkende Bürger fahren, weil sie sich vor Milliardäre und Globalisten statt vor Bürger und Demokratie zu stellen pflegen, wegen solcher Details müssen wird doch nicht so wütend sein, oder? – Oh doch!

Strecken wir den Rücken, ob gerade Halb- oder Vollmond ist – wir sind ja nicht wie die – wir wollen es nicht sein. Jedes Mal, wenn ein Politiker den leeren Satz vom Islam sagt, der angeblich zu Deutschland gehört oder nicht gehört, und wenn dann Journalisten ihn dafür nicht zerpflücken, sondern ihm womöglich sogar huldigen, wird aufs Neue deutlich: Wir sind längst nicht wütend genug auf Journalisten!

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