Wolf, resigniere nicht!

Denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch. Das gilt zumindest solange, als man sich nicht kennt.

Sie kennen diesen Gedanken! Sie kennen ihn vielleicht aus jenem Sprüchlein: Im Kapitalismus ist der Mensch dem Menschen ein Wolf – im Kommunismus ist es umgekehrt.

Sie kennen den Gedanken vielleicht aus dem Leviathan von Thomas Hobbes, die erwähnte Original-Fassung des Homo-homini-lupus stammt allerdings vom römischen Dichter Plautus, konkret aus seiner Komödie Eseleien (lateinisch: Asinaria).

Alle gegen alle

Für den Staatsphilosophen Thomas Hobbes sind Menschen im Naturzustand egoistische, auf den eigenen Vorteil bedachte Wesen. Von Natur aus sind die Menschen nicht moralisch gut und schon gar nicht sozial. (Wenn wir uns Farbbeutel, Stinkefinger, Schlägereien, Urinprotest und überhaupt dauernde Vulgarität als Mittel grüner Politikdebatte vergegenwärtigen, kommen wir kaum umhin, Hobbes’ Kritik am Naturmenschen zuzustimmen.)

Hobbes schrieb den Leviathan vor dem Hintergrund des Englischen Bürgerkrieges. Politisch war es ein Krieg zwischen Parlamentariern und Anhängern Karls des Ersten. Für den einfachen Bauern aber schien es wie ein Alle-gegen-alle-Gemetzel – Hobbes spricht im Leviathan vom Bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle), der den Naturzustand menschlicher Gesellschaft darstellt.

Das sensible Hochbegabtchen

Hobbes war nicht nur ein besonders begabtes Kind gewesen, das mit vier Jahren schon lesen und schreiben konnte, er war auch gegenüber den Übeln zwischenmenschlicher Gewalt besonders sensibilisiert. Sein Vater etwa war Vikar der anglikanischen Kirche, hatte sich auf der Kirchentreppe mit anderen Geistlichen geprügelt, worauf er entlassen wurde und London verlassen musste. Hobbes selbst war zu früh geboren worden, im Schrecken seiner Mutter über die Nachricht von der Invasion der Spanischen Armada. Und dieses sensible, begabte Kind, das später Philosophie und Physik studierte, musste dann noch die Schrecken des Englischen Bürgerkrieges erleben, das Chaos, die Anarchie und das Recht des Stärkeren, das keine Gerechtigkeit und keine Gnade kennt.

Forsche 64 Jahre

Im Jahr 1651, als der Leviathan auf Englisch erschien, wurde Thomas Hobbes stolze 64 Jahre alt. Er sollte noch bemerkenswerte 91 Jahre alt werden. 1668 wurde der Leviathan übrigens auf Latein veröffentlicht, um die Zensur zu umgehen. (Sollten kritische Blogger ihr Latinum auffrischen?)

Es wäre Hobbes wahrlich nicht vorzuwerfen, wenn er nach einem Jahrzehnt Bruderkrieg in Resignation verfallen wäre. Wie soll ein Mensch denn morgens sein Tagwerk angehen, wenn die Powers-that-be ohne Gewissen und Verstand mit einem lässigen Handstreich alles gefährden, was der kleine Mann in Jahren und Generationen mühsam aufgebaut hat? Wem ließe sich da seine Resignation ankreiden?

Man nehme

Hobbes stemmt sich gegen die Resignation, und zwar nicht trotzig, sondern klug. Seine Waffen waren Logik und Sprache, und mit diesen hatte er in Elements of Law (1640) und in De Cive (1642) gekämpft, diese brachte er 1651 im Leviathan in Stellung.

Als Gegenentwurf zur Resignation und den brutalen Naturzustand des Menschen setzte Hobbes die Übertragung der Macht auf einen Herrscher, der die Menschen vom Krieg alle-gegen-alle abhält.

Hobbes gilt als Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus mit Vernunft und aufklärerischen Elementen.

Nun ist ein aufgeklärter Absolutismus nicht nur wie die heilige Maria, also Mutter und Jungfrau zugleich, sondern auch noch immer ein Absolutismus, eine Herrschaft von oben, die das Subjekt unten aus Vernunft heraus akzeptieren soll.

Gerade deshalb ist es interessant, dass Hobbes der Pflicht der Untertanen zur Unterwerfung gewisse Grenzen zugesteht:

The obligation of subjects to the sovereign is understood to last as long, and no longer, than the power lasteth by which he is able to protect them.
Leviathan, Kapitel 21

Übersetzung: Die Verpflichtung der Subjekte dem Souverän gegenüber versteht sich als so lang andauernd, und nicht länger, wie dessen Macht besteht, sie zu schützen.

Im aufgeklärten Absolutismus nach Hobbes endet die Gehorsamspflicht des Untertanen gegenüber dem (notwendigen) König dort, wenn dieser das Leben der Untertanen nicht mehr schützen kann. Auch die absolute Macht hat ihre Grenzen.

Auf einer Meta-Ebene lässt sich Hobbes’ Leviathan als Mittel gegen die Resignation lesen: Wer über die Machthaber schimpft, ihre Fehler benennt und kritisiert, der bereitet sich darin auf eine bessere Zukunft vor. Selbst wenn gewisse Stiftungen hinter jeden Bürger einen Zensor stellten und an jede Ecke einen Denunzianten, würde sich irgendwann die Frage stellen, wer die Zensoren zensiert und die Denunzianten denunziert. Jedes Benennen von Unrecht und Dummheit ist bereits eine wichtige Tat, selbst wenn man es nur vor sich selbst tut. Hundert Menschen, die Nein sagen, selbst wenn sie es allein tun, sind noch immer hundert Menschen weniger, die Ja sagen!

Man könnte selbst etwas verändern, indem man sich in die Politik einmischt und lokal gegen den Merkel-Irrsinn protestiert. Man könnte eine Partei zu reformieren versuchen, eine neue Partei gründen, oder eine regierungskritische Partei unterstützen. Nur Resignation wird uns von innen auffressen. Man kann immer etwas tun, und sei es „nur“, wie Hobbes, das Gegenmodell, einen gerechteren Zustand, zu entwerfen.

Unverhandelbar

Merkel bestreitet ihre gesamte PR-Karriere mit einem simplen Trick: Sie reduziert politische Debatte auf das Reden übers Gefühl. Im Talking-Points-Buch habe ich es „Reductio ad Emotum“ genannt, ich beschreibe es auch im Text Mit Gefühlsmenschen logisch reden.

Durch die Reductio ad Emotum wird im (unerfahrenen) Gegner das Gefühl geweckt, „verstanden“ worden zu sein. Erst später merkt er, dass er in der Sache keinen Schritt weiter gekommen ist.
Mit Gefühlsmenschen logisch reden

Angela Merkel lässt sich zur Regierungsbildung mit einem bemerkenswerten Satz zitieren:

Angela #Merkel: „Die Menschen möchten einen handlungsfähigen Staat. Die Menschen möchten sehen, dass Recht und Gesetz eingehalten werden.“ #Koalitionsvertrag
@cdu, 12.3.2018

Das klingt wie etwas, zu dem man nicken könnte – bis man eine Sekunde darüber nachgedacht hat.

Meine Replik darauf ist: Na und?!

Merkel hat in der Vergangenheit den Rechtsbegriff aufgeweicht, weil sie wohl der Meinung war, dass es „die Menschen möchten“ – und jetzt soll wieder „Recht und Gesetz“ eingehalten werden, weil die Menschen das „möchten“?

Ich sage wieder: Na und?

Wenn „die Menschen“, vom staatlichen Fernsehen aufgeheizt, „möchten“, dass Oppositionspolitiker verprügelt werden, wird es dadurch richtig? „Die Menschen“ möchten auch keine Steuern zahlen, schaffen wir sie deshalb ab?

Merkel reduziert rhetorisch den Rechtsstaat auf das Level von Freibier für alle.

Die Grundlagen des demokratischen Rechtsstaats dürfen nicht schwanken auf den Wellen der Umfragen, nicht umgenäht werden nach der neuesten Stimmungsmode. Recht und Ordnung ist Anfang und Grundlage der Demokratie, nicht ein nach Stimmungslage zu bedienendes Bonbon für das Volk.

Der Mensch mag des Menschen Wolf sein, doch ein resignierter Wolf ist noch trauriger als ein wütender Wolf angsteinflößend ist. Resignation ist der Wurmfraß der politischer Seele. Resignation nennt man im Berliner Politsprech auch die „einseitige Demobilisierung“.

Der erste Schritt im Kampf gegen die allgemeine Resignation ist der Gegenentwurf. Heute beginnt die Skizze des Gegenentwurfs denkbar einfach: Sagen, was man will (Grenzen, Sicherheit, gleiches Recht für alle, Durchsetzung von Recht und Gesetz) – und immer weiter darauf bestehen.

Merkel will, dass Sie resignieren. Ein resigniertes Volk regiert sich leicht. Wer Merkel ärgern will, der weigert sich, zu resignieren – ich will Merkel ärgern!

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