27.8.2019

Wir und der Busfahrer

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Gerrie van der Walt
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Ein Busfahrer wird mit dem Tod bedroht, wegen 2,50€. Der Busfahrer ist Familienpapa, und er singt schon mal mit den Passagieren. Da stimmt doch etwas ganz heftig nicht, wenn so einer Angst haben muss!
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Es war einmal ein Bursche, der hatte sich in eine junge Dame verguckt, und die Dame war seinen Reizen ebenfalls zugetan, jedoch, wie es in diesen Geschichten so geht, waren die Eltern des Mädchens davon wenig begeistert, nein, gar nicht. Was hatte der Bursche denn für einen Beruf? Er war doch ein Träumer, der immerzu von Büchern erzählte, von Literatur und der großen Welt, in die er dereinst reisen wollte!

Er war ein sehr anständiger junger Bursche. Eines mährischen Frühlingstages nahm der Bursche seinen Mut zusammen und klopfte bei den Eltern des Mädchens an die Tür. Er wollte selbst mit ihnen reden, in seinem besten Samstagsstaat und mit ebensolcher Argumentation.

Um es hier so kurz wie schmerzhaft zu gestalten: Die Eltern der jungen Dame wiesen ihn ab. – Nein, mit so einem Träumer wollten sie nichts zu tun haben! Oder war es nur ein »noch-nicht«, ein »nicht-so-früh«? Auf jeden Fall nicht in diesem Frühling, nicht an jenem Tag.

So schnell gab der Bursche aber nicht auf! Hier nicht und auch später im Leben nicht, wahrlich nicht. Der Bursche und das Mädchen kannten sich schon von den gesellschaftlichen Treffen, vom Eislaufen im Winter zuvor, und der Bursche wusste, dass auch sie ihn ein wenig mochte, genug, um nicht gleich aufzugeben.

Am Tag nach seiner Abfuhr durch den strengen Herrn Papa stand der Bursche noch früher auf als sonst, und er fuhr zur Haltestelle, an der die junge Dame einsteigen würde, um zur Schule zu fahren. Dort stieg er dann wie zufällig in den gleichen Bus ein wie sie.

Sie lachte, als sie ihn sah, wie man so sagt, von einem Ohr zum anderen. Sie fuhren mit dem Bus zu ihrer Schule. Den ganzen Weg über hielten sie Händchen.

Was aber würden ihre Eltern dazu sagen, wenn sie davon erführen? Egal, auf der Fahrt im Bus wussten sie, dass es schon gut werden würde. Nicht unkompliziert, aber gut. Sagen wir: Sie hofften es, und für Verliebte ist das genug.

Die beiden kannten den Film »The Graduate« mit Dustin Hoffman nicht, wo am Ende die Braut mit dem Protagonisten im Bus davonfährt, mit dem Bus als Symbol der Freiheit, der Veränderung, des erleichterten Seufzers, wenn man sich hinsetzt, und weiß, dass ab jetzt sich der Busfahrer kümmern wird – Hauptsache man ist in den richtigen Bus eingestiegen.

Unsere Geschichten, unsere Geschichte

Ach, so viele unserer persönlichen Geschichten sind mit Bussen verbunden! Als Schüler fuhren wir mit Bussen zum Schwimmbad, zum Tagesausflug oder natürlich auf die Klassenfahrt, was für viele von uns die erste Übernachtung ohne die Eltern oder Großeltern waren. (Randnotiz: Unser Sohn war letztens für zwei Nächte auf seiner ersten Klassenfahrt, zwei Dörfer weiter, und er war vorher und nachher tagelang ganz aufgeregt! Und wie fuhren die Kinder? Natürlich im Bus, kreischend und fröhlich hin, kreischend und fröhlich und hundemüde zurück – so muss das!)

Kindheiten rund um den Globus mögen auch heute noch sehr verschieden sein, doch in einem Aspekt ähneln sie sich alle, ob man in New York oder in Neu Delhi aufwächst, in Hamburg oder auf Hawaii – Kindheit bedeutet immer auch Busfahrten, richtig viele Busfahrten.

Der Bus ist ein sehr nützliches Fortbewegungsmittel der Wahl, wenn man groß genug ist, um die Welt außerhalb des ersten Lebensradius zu entdecken, allein oder in der Gruppe, aber noch lang nicht alt (oder zahlungskräftig) genug, um sich mit einem Auto fortzubewegen.

Doch, ein Bus ist natürlich mehr als nur ein Mittel, um von A nach B zu kommen!

Die Idee des Ankommens

»Let us be lovers«, singt der Erzähler im Lied America von Simon and Garfunkel (YouTube-Link), und dann ziehen er und seine Angebetete los, »to look for America«, und wir wissen, dass sie »nach sich selbst« suchen – es ist ja Kunst. Wie ziehen sie los? Sie steigen, so das Lied, in Pittsburgh in einen Greyhound ein, einen amerikanischen Fernbus, der als Synonym fürs Suchen und fürs Fliehen steht.

Busse sind anpassungsfähig. Busse sind als Konzept denkbar simpel – eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Lebenspfade teilt ein Stück des (Lebens-) Weges und so fahren sie von einem Ort an den anderen. Manche Menschen fahren auch ohne Ziel mit dem Bus, weil sie die Idee des Ankommens schätzen, aber gar nicht weg wollen! Im Lied »New York State of Mind« singt Billy Joel davon, wie er den Bus nimmt, wieder den Greyhound, und nur am Hudson River entlangfährt (eine schöne Live-Version des Liedes ist bei YouTube).

Ich kenne einen Ort, da darf man gratis mit den Bussen fahren, und manche Leuten fahren eben stundenlang im Kreis herum, wie Touristen in der eigenen Kleinstadt – ankommen ohne wegzufahren. (Übrigens: Bei YouTube gibt es stundenlange Busgeräusche als Hintergrundgeräusch, zur Beruhigung der Seele.)

Ansonsten seine Ruhe

Erinnern Sie sich selbst an Ihre Kindheit zurück und an Ihre Interaktionen mit Busfahren! Waren das nicht stets interessante und meist auch liebevolle Charaktere?

In einem Bus fahren wir als Gruppe von Menschen ein Stück unseres Weges zusammen, und es obliegt der Verantwortung des Busfahrers, dass dieses Vorhaben auch gelingt, ob in Köln, Kyoto, Karatschi oder Kuala Lumpur. Busfahrer geleiten uns ein Stück unsere Weges, übernehmen für eine Zeit die Verantwortung, damit wir durchschnaufen und doch vorankommen können. Busfahrer sind wunderbare Menschen, und ohne sie würden wir alle noch heute an der Bushaltestelle warten.

Vor Heimen, in denen Alzheimer- und Demenz-Patienten wohnen, werden gelegentlich falsche Bushaltestellen aufgestellt (siehe etwa welt.de, 13.11.2013), wo Patienten sich hinsetzen und warten können, statt hilflos umherzuirren, und die Pfleger holen sie dann liebevoll ab. Den Menschen wird die Welt zum Rätsel werden, und nur daran erinnert er sich noch immer, dass er auf den Bus warten sollte, weil dann alles gut wird, sobald nur der Bus kommt.

Noch nicht abgefunden

Wir lesen aktuell eine jener Nachrichten, die uns die ätzende Ahnung bescheren, dass da etwas zerbricht, was nicht wiederkommen wird.

Wenn Hans-Joachim Lotze (51) vorfährt, ist gute Laune garantiert. Seit sieben Jahren ist der ehemalige Musiker Busfahrer, stimmt freitags mit Schulkindern „Hoch die Hände, Wochenende“ an, singt mit Rentner-Trupps. Doch jetzt sitzt dem Familienvater (3 Kinder) bei jeder Linientour die Angst im Nacken. (bild.de, 26.08.2019)

Ich bin schon jetzt, nach diesen wenigen Worten in diesen Mann verliebt! Ein ehemaliger Musiker (wobei: »ehemalig« heißt doch nur, dass er jetzt wohl nebenbei spielt, nicht dass er gar nicht mehr spielt), der mit den Menschen, die er in seinem Bus mitnimmt, ein Lied anstimmt!

Ein Vater von drei Kindern, der treu seine Familie ernährt, und seine Arbeitsstelle war wohl nicht seine erste Wahl, doch er füllt diesen Job mit Leben und mit Liebe – wow! Das ist die Art von Mensch, die diese Welt besser und lebenswert macht. Solange es solche Menschen gibt, solange ist die Hoffnung noch nicht tot! – Doch, was war das mit der Angst im Nacken?

Wir lesen weiter:

Grund: Ein Fahrgast hat ihn am Steuer angegriffen, mit dem Tode bedroht. Und das wegen 2,50 Euro! (bild.de, 26.08.2019)

Der Angreifer fand es tendenziell eher ungut, dass er 2,50 Euro an Bustarif nachzahlen sollte, was er dadurch deutlich machte, dass er Hans-Joachim das Hemd zerriss und durch Lautstärke betont erklärte: »Du tot, morgen!« – so der Bericht des Angegriffenen und der Zeitung.

Bei der in der Nachricht notierten Aussage des aufgebrachten Mitmenschen fehlt das finite Verb. Soll es »Du wirst tot sein« heißen? Soll hier in konziser Form Psalm 90, Vers 12 zitiert werden? (»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«) – Prima facie darf jedenfalls vermutet werden, dass der Bustarifkritiker sich noch in der Lernphase befindet, aber er scheint ein schneller Lerner zu sein: Es wird berichtet, dass er Hans-Joachim als »Nazi« beschimpft haben soll, und das gemäß haltungsjournalistischen Sprachgebrauchs sogar völlig korrekt, denn Hans-Joachim wagte es, alle Menschen gleich zu behandeln und zugleich die Regeln des Zusammenlebens durchsetzen zu wollen, was ja Teil seines Jobs ist. Anständiger Kerl, der geregelter Arbeit zum Wohle der Allgemeinheit nachgeht, fröhlich und dabei gewissenhaft? Drei Viertel von Kreuzberg und so manche Redaktion werden zustimmen, dass so einer nur ein »Nazi« genannt werden kann. – »Verharmlosung«? »Geschichtslosigkeit«? Das ist nur, wenn die anderen »Nazi« sagen.

Vorfreude auf die nächste Fahrt

Etwas in uns und in diesem Land geht kaputt. Es ist mehr als nur ein »praktisches« Problem, wenn Parks und Plätze, Bahnen und Busse zu Gefahrenorten werden.

Busse sind nicht nur ein lebendiges Symbol unseres Zusammenlebens, sie sind auch ein Diagnoseinstrument – die schwarze Bürgerbewegung in den USA begann damit, dass Rosa Parks sich weigerte, die Sitzordnung und damit die Ordnung der Gesellschaft so, wie sie war, zu akzeptieren.

Wird Hans-Joachim wieder mit gleicher Freude seine Bustour machen können? Wir wissen aus aller Erfahrung, dass dieses Ereignis ihm und allen, die dabei waren, für den Rest des Lebens in der Seele pochen wird.

Die Kunst der Freude wird zur harten Arbeit, mit jedem Tag fällt die Freude ein wenig schwieriger. – Freut euch an dem, was ihr habt, und freut euch, solange ihr es habt!

Erinnert euch zurück an die Busfahrten eurer Kindheit! Erinnert euch an die Klassenausflüge, an die Streitereien und Flirts, an die Übelkeit und an die Pinkelpausen, ans Losfahren und ans Ankommen. Erinnert euch an die erschöpfte Zufriedenheit, wenn die Fahrt endlich vorbei ist – und dann an die nervöse Vorfreude auf die nächste Fahrt.

Dagegen kannst du nichts tun

Übrigens, der Bursche und die junge Dame damals, sie setzten sich am Ende durch, sonst wäre es keine Geschichte mit Happy End, und Geschichten ohne Happy End haben wir schon genug.

Während ich diese Zeilen schreibe, spielen der Bursche und die junge Dame mit ihren Enkeln – meinen Kindern.

Die Schwiegermutter jenes Burschen, meine Großmutter, überzeugte damals meinen Großvater: »Die haben sich halt gern, und dagegen kannst du nichts tun« – und nun sitzt sie ebenfalls spielend bei ihren Urenkeln.

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