Wir könnten so viel klüger sein!

Im Juli 2017 machte sich Google-Mitarbeiter James Damore darüber Gedanken, wie man mehr Frauen für IT-Jobs gewinnen könnte. Sein Memo hieß „Google’s Ideological Echo Chamber“ („Googles ideologische Echokamer“). In Stichpunkten wie „Non-discriminatory ways to reduce the gender gap“ (Nicht-diskriminierende Wege die Geschlechterlücke zu schließen) plädierte Damore dafür, den Stand der Wissenschaft zu Unterschieden zwischen Frau und Mann anzuerkennen statt sich realitätsfernen Gender-Ideologien hinzugeben – und dann von der wissenschaftlichen Realität aus nach Lösungen zu suchen. (Das Original-Dokument in Englisch können Sie z.B. hier herunterladen.)

Damore hatte in den Augen der üblichen Kreise eine schlimme Blasphemie begangen: Er hatte es gewagt, wissenschaftliche Erkenntnisse gegen Gender-Lehren ins Feld zu führen. Er wurde bald gefeuert.

Journalisten und Gender-Krieger (wahrlich nicht immer zwei verschiedene Personen) bekämpften die gefährliche Bedrohung ihres Glaubens mit zwei verschiedenen Strategien. Die einen erzählten Unwahrheiten über Damore, die anderen bestritten die Autorität von Wissenschaft insgesamt.

Ideologie gegen Wissenschaft, Strategie 1: Bullshit erzählen

Die erste Art der Reaktion waren schlichte Antifakten. Anett Selle etwa schrieb in der Welt:

„Frauen sind nicht für IT-Jobs geeignet, behauptet ein Google-Mitarbeiter.“
welt.de, 10.08.2017

Als man(n) Frau Selle ihre plumpe Falschbehauptung vorhielt, verteidigte sie sich damit, dass ihr Text eine Satire sei. Diese Verteidigung war wenig glaubwürdig: Erstens war ihre Falschbehauptung in der Eröffnung des Artikels, also innerhalb der Kontext-Setzung des Textes, zweitens ist eine Falschbehauptung etwas anderes als eine Zuspitzung. Der erwischte Taschendieb behauptet zu seinem Schutz, er habe doch nur einen Scherz gemacht. Die bei der Faktenumdrehung ertappte Journalistin sagt zu ihrem Schutz, es sei doch nur Satire gewesen.

Spiegel.de und andere sprachen von einem „sexistischen Manifest“, ohne zu erläutern, welche der zitierten wissenschaftlichen Studien denn nun „sexistisch“ gewesen sein sollte. Bei der Süddeutschen sprechen einige Vorschau-Titel vom „sexistischen Manifest“, der Artikel-Titel selbst aber sagt „antifeministisches Manifest“; man hat wohl eingesehen, dass da wenig „sexistisches“ dran war, doch wenn man mit „Feminismus“ die wissenschaftsfeindliche Wut-auf-Alles moderner Netzfeministinnen meint, dann ist es tatsächlich „anti-feministisch“.

Die Welt-Journalistin war mit ihrer ideologisch gefärbten Deutung also nicht allein, doch sie hatte immerhin eine gewisse Alleinstellung erreicht, indem sie von der ideologischen, missgünstigen Interpretation der Fakten den entscheidenen Schritt hinüber zur Gegenwahrheit unternommen hatte.

Neben den Falschbehauptungen aus jener Ecke, der ich heute zunehmend nur noch mit einem Schulterzucken begegne, gab es noch eine weitere, gruselig-interessante Reaktion.

Kühlere Köpfe und tatsächliche Wissenschaftler stellten recht bald fest, dass Damore einfach nur ziemlich korrekt den Stand der Wissenschaft zitiert hatte.

Ideologie gegen Wissenschaft, Strategie 2: Wissenschaft ablehnen

Kamen also die Kritiker zur Einsicht? Hahaha – nein. Das amerikanische Internet-Magazin Slate etwa titelte tatsächlich:

Stop Equating “Science” With Truth (Hört auf, „Wissenschaft“ mit Wahrheit gleichzusetzen)
slate.com, 9.8.2017

Die Autorin des wissenschaftsfeindlichen Artikels ist, so erfahren wir, Physikerin und Philosophin an der Uni in Washington. Im Artikel selbst argumentiert sie unter anderem, das Google-Memo berücksichtige nicht die „Erfindung des Weißseins“ („invention of whiteness“). Zu wenige Lehrpläne berücksichtigen außerdem, sagt sie, dass einige europäische „Entdeckungen“ (sie setzt discoveries in Anführungszeichen) in Wahrheit nur Bündelungen eingeborenen („indigenous“) Wissens gewesen seien. („Very few curricula acknowledge that some European scientific “discoveries” were in fact collations of borrowed indigenous knowledge.“ slate.com, 9.8.2017) – Ja, der Artikel bezieht sich auf das Google-Memo von James Damore, den die Autorin despektierlich „Google bro“ nennt. Sie können ja selbst versuchen, einen Sinn, Sachbezug oder durchgehenden Faden darin zu finden. Es ist wirr, es ist anti-wissenschaftlich, und es fand und findet Anklang in denselben Kreisen, die gender-neutrale Klos fordern und Menschen ins Gefängnis lassen wollen, wenn sie „falsche“ Pronomina benutzen.

Wir könnten so viel klüger sein

Es ergibt sich, dass wenige Tage bevor James Damore für das Zitieren von Wissenschaft gefeuert wurde, im Journal of Alzheimer’s Disease die Ergebnisse der größten Gehirn-Scan-Studie aller Zeiten erschienen. Wissenschaftler der Amen Clinics hatten 46.034 SPECT-Scans von 119 Gesunden und 26.683 Patienten ausgewertet und nach Unterschieden zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen gesucht. Die auf Gehirnscans basierenden Therapien der Amen-Gruppe mögen nicht unkontrovers sein, die Ergebnisse scheinen dennoch zu zeigen, grob zusammengefasst, dass weibliche Gehirne in einer Reihe von Arealen durchschnittlich aktiver sind als männliche, unter anderem – ganz wie man dem Klischee nach erwarten würde – im limbischen System, welches Emotionen verarbeitet. Es ist ja nicht die erste Studie dieser Art (z.B. 1, 2, 3…) – wieder und wieder werden Korrelationen zwischen „typischem“ Verhalten und Gehirnvorgängen festgestellt.

Was ist denn die „politisch korrekte“ Art und Weise, auf solche Ergebnisse zu reagieren? Was für eine Debatte würden wir an einer öffentlichen Uni-Veranstaltung oder in einer Talkshow mit Beteiligung von Grünen und/oder Netzfeministinnen erleben?

Niederbrüllen, leugnen, lächerlich machen, und jeden, der solche Wissenschaft zitiert, zum Reaktionär erklären. Wir werden als Gesellschaft dümmer und wissenschaftsfeindlicher – und das Elend wird von Polit-PR und Talkshows täglich befördert. Wäre man Verschwörungstheoretiker, könnte man postulieren: „Kein Wunder, dumme Leute sind leichter regierbar!“

Sicher, ich bin wütend und rolle mit den Augen ob dieser wissenschaftsfeindlichen Neu-Ideologen. Doch in letzter Zeit befällt mich angesichts solcher Erkenntnisse – und der Erkenntnisabwehr aus Empörungskreisen – immer wieder auch noch ein weiterer Gedanke: Wie schön wäre die Welt doch, wenn wir von solchen Erkenntnissen dazulernten, statt Wissenschaft, die nicht zur herrschenden Ideologie passt, zu ignorieren, und wenn das nicht geht, zu verteufeln?

Buchstabieren wir logisch aus, was da passiert: Glücklichsein ist eine Funktion des ganzen Menschen. Wir können nicht an unserer Biologie vorbei oder gar gegen unsere Biologie glücklich sein. Statt am Abend in Talkshows dauerempörte „Feministinnen“ mit abgebrochenem Was-mit-Medien-Studium ihre Hashtag-Phrasen absondern zu lassen, wäre es nicht so viel hilfreicher für ein harmonisches, produktives Miteinander, wenn wir in Ruhe diskutierten, was die Wissenschaft herausgefunden hat, und was wir daraus als Frauen und Männer, als Väter und Mütter, als Töchter und Söhne dazulernen könnten?

Was für eine wunderbare Welt könnte es sein, wenn wir dazulernten, über uns selbst und unsere Partner, statt Wissenschaft zu verteufeln und in jedem Selbstdenkenden den zu bekämpfenden Feind zu sehen!

Ich habe einen Traum und bin doch kein Träumer. Ich glaube nicht, dass die Berliner Verdummungsmaschinerie so in Richtung von Vernunft und Wissenschaft umlenkt – warum sollte sie? Merkels Macht und viele Arbeitsplätze hängen dran.

Das realistische Best-Case-Scenario: Es wird auch langfristig jene Mehrheit geben, die von Empörung zu Empörung fällt, immer unglücklicher und dabei immer routinierter empört. Es wird aber auch eine zweite Gruppe geben, die Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Bedrohung sondern als Chance wahrnimmt.

Ich kann wunderbar damit leben, dass mein Gehirn anders verschaltet ist als Ellis Gehirn. Ich sehe jeden Tag, dass mein Sohn anders verkabelt ist als meine Tochter, obwohl sie mehr oder weniger gleich erzogen werden. Ich will dazulernen, über mich und über mein Gegenüber.

Es tut mir weh, wenn Meinungsmacher gegen Wissenschaft zu Felde ziehen, weil sie nicht in ihre Ideologie passt. So viel verschwendete Energie, so viele nichtgenutzte Chancen!

Vordenker, die noch denken, statt in Wissenschaftspanik und Hysterie zu verfallen – das wäre doch etwas! Medien mit Bildungs- statt Empörungsauftrag – hach, ein Traum, nah an der Illusion! Ein Traum, ich weiß, aber man darf doch noch träumen!

Wir können diesen Traum vom Dazulernen immerhin „im Kleinen“ wahrmachen, im eigenen Umkreis, in der eigenen Familie und im eigenen Leben. Es gibt, entgegen mancher irrtümlichen Annahme, keine Pflicht zur Dummheit.

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Den Essay »Wir könnten so viel klüger sein!« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/wir-konnten-so-viel-klueger-sein/

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