Herr Wegner, wie geht es weiter?

25. November 2018, von Dushan Wegner; Bild von Masaaki Komori
Leser fragen mich: Herr Wegner, wie geht es weiter? – In diesen Tagen antworte ich mit einem Rat: Habt den Mut, die Linien zu Ende zu ziehen! Es zeichnet sich ja ab, was sein wird, doch wir trauen uns oft nicht, auszusprechen, was offensichtlich ist.
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In meinem Postfach warten zu viele Mails, die sinngemäß fragen: »Herr Wegner, wie geht es weiter?« – Hunderte Mails habe ich beantwortet, beschämend viele Antworten stehen noch aus.

Meine Antworten auf diese eine Frage entwickeln sich natürlich über die Zeit. Mal gestehe ich mein eigenes Nichtwissen, mal versuche ich, einigermaßen sichere Linien aufzuzeichnen.

In diesen Tagen antworte ich meist mit einem Rat, in dessen Empfängerkreis ich mich selbst uneingeschränkt einschließe: Habt den Mut, die Linien zu Ende zu ziehen!

Eine volle Kaffeetasse

Erlauben Sie mir bitte ein einfaches Gedankenexperiment: Eine volle Kaffeetasse am Rande des Tisches aus Versehen angestoßen; sie fällt von der Tischkante nach unten. Was erwarten Sie, dass geschehen wird?

Für gewöhnlich werden wir, wenn jemand direkt vor uns eine Kaffeetasse vom Tisch schubst, das auch wahrnehmen; ist die Tasse einmal über den Tischrand gelangt, zeichnen wir im Kopf die Linie ihres Fallens fort; wir erwarten, dass sie am Boden aufkommt, dass sie zerschellt und den heißen Kaffee verschüttet.

Abstrakt ausgedrückt: ein Ereignis ereignet sich, und wir zeichnen in unserem Kopf den laut unserer Erfahrung zu erwartenden Pfad virtuell fort; sobald der erste Teil eines Ablaufs geschehen ist (also wenn die Tasse über die Kante gelangte) zeichnen wir die Linie im Kopf fort (das Fallen) und richten uns auf das Ende ein (das Zerschellen).

Manchmal gelingt es uns, in die berechnete Linie einzugreifen, etwa wenn es ein Ball ist, der uns entgegenfliegt, oder wenn es ein fallendes Kind ist, das beim Spiel seine eigenen Linien nicht wirklich gut berechnete.

Manchmal berechnen wir die Linie, und wir können (oder wollen) aus praktischen Gründen nicht in ihren Verlauf eingreifen; dann schließen wir die Augen, um lieber nicht zu sehen, was wir nicht ändern können.

Manchmal, leider, schalten wir einfach nicht schnell genug, und wir sagen danach: »Wir haben es nicht kommen sehen!«

Und dann gibt es noch die ganz anderen Fälle …

Fünf Schritte

Im Beispiel von der fallenden Kaffeetasse brauchte es fünf Schritte, damit der Beobachter das Zerschellen verhindern kann:

  1. Er muss sehen und registrieren, was passiert.
  2. Er muss die Flugbahn realistisch berechnen.
  3. Er muss die letzte Konsequenz voraussagen.
  4. Er muss versuchen, einzugreifen.
  5. Er muss im Eingreifen rechtzeitig sein und tun, was für den Erfolg notwendig ist.

Es wird den Geschichtspsychologen der Zukunft überlassen sein, Theorien darüber aufzustellen, warum die Meinungsmacher (und damit weite Teile des Volkes) sich in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur einen, sondern alle fünf Schritte abtrainierten:

  1. Man schaut nicht hin.
  2. Man verpönt die Voraussage von Entwicklungen, wenn und weil das Ergebnis nicht zur politisch korrekten Dogmatik passt.
  3. Man weigert sich, sich die wahrscheinlichste Konsequenz zuzugestehen.
  4. Man weigert sich, in gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen rechtzeitig und wirksam einzugreifen.
  5. Wenn man dann doch einsieht, dass man »etwas hätte tun sollen«, dann ist es längst zu spät.

Ich bin nicht sicher, warum es so ist, dass der Westen sich abtrainiert hat, beim Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen auch nur die einfachsten Denkregeln anzuwenden, ich weiß nur, dass finanzstarke Akteure viel Geld in die Propagierung dieser destruktiven Denkweise investieren. Zu sehen, was vor den eigenen Augen passiert, wird öffentlich als »Hass« oder »Verschwörungstheorie« gebrandmarkt, zu Ende zu denken gilt heute als »Hetze«, verhindern zu wollen, dass die Kaffeetasse zerschellt, wird von Staats wegen als »Populismus« bekämpft.

Krisenthemen

Wann auch immer Sie diesen Text lesen, ich wage die Voraussage, dass ein Großteil der Krisenthemen dadurch erst zur Krise wurde, dass die Eliten zuerst verboten, das Problem zu sehen, dass die politische Korrektheit verbot, aus nicht mehr zu leugnenden Krisen die wahrscheinliche Entwicklung vorauszusagen, dass die letzte Konsequenz selbst dann geleugnet wird, wenn sie bereits begonnen hat (alles »Einzelfälle«!), dass aus Angst vorm Du-bist-Rechts-Vorwurf nicht eingegriffen wurde, und als dann schließlich eingegriffen wurde, war es zu spät und das Problem würde bald woanders auftauchen.

Wenn heute gesellschaftliche Debatten geführt werden, dann geht es oft nur nebenbei, wenn überhaupt, um das Problem selbst. Heutige Debatten – in Deutschland wie auch in von linken Anti-Aufklärern dominierten US-Medien – drehen sich oft eher um ein Tauziehen über jeden einzelnen Schritt: die suizidale Linke will verhindern, dass man das Problem sieht, dass man die weitere Entwicklung realistisch vorhersagt, und so weiter.

99,99%

Bekanntlich lässt sich jeder Effekt in der Welt leicht erklären, beginnend mit der Entstehung des Universums, wenn man ein einziges Wunder in die Erklärung einbauen darf.

Wenn man sich mit Jugendlichen unterhält, die im Leben mehr Fernsehen als Erziehung genossen, könnte man darüber erschrecken, wie viele von ihnen tatsächlich in ihre Lebensplanung einbeziehen, bei einer Sing-Show »entdeckt« zu werden oder gleich im Lotto zu gewinnen – sprich: 99,99% von ihnen werden scheitern, weil das »Wunder«, auf das sie hoffen, in 99,99% der Fälle nicht eintreten wird, sonst wäre es ja kein »Wunder«.

Wenn man mit heutigen Linken diskutiert, stößt man sehr bald auf einen irrationalen Glauben an eine magisch-moralische Eigenschaft des Schicksals, das in etwa so geht: wenn unser moralisches Bauchgefühl es verlangt, dann wird ein Wunder passieren, und das ganze Projekt wird funktionieren – und wer ablehnt, serienweise hoch unwahrscheinlich positive Ereignisse fest in seine Planung einzubauen, dem wird »Schlechtmacherei«, »Angstmacherei« oder gleich »Rassismus« vorgeworfen.

Saarbrücken

Aus Saarbrücken wird aktuell von etwa 100 Vermummten berichtet, von Kämpfen mit Schlagstöcken und Messerm, von einer »massiven Zusammenrottung«, von Szenen, »wie man sie sonst nur aus den ­Pariser Vorstädten kennt« durch junge Männer »aus dem arabischen und/oder türkisch/kurdischen Kulturkreis« (bild.de, 24.11.2018).

Es war nicht das erste Mal, dass es im Kontext von Shishabars zu Gewalt kam, und es scheint auch nicht milder zu werden (siehe z.B. Es sind nicht Einzelfälle, es ist strukturelle Gewalt). Gegeben die sozialen Entwicklungen, wie Regierung und NGOs sie befördern, wie sieht die Linie aus, die wir fortzeichnen? Was ist die Konsequenz?

Oder, wenn man linken Wunderglauben einmal ernst nimmt, wie sollte das Wunder aussehen, das diese Linie in Richtung Wir-haben-uns-alle-lieb-und-trinken-Soyamilch dreht?

Paris

Letztes Jahr konnte z.B. Stern titeln: »Angela Merkel wünscht Macron den Sieg« (stern.de, 2.5.2017). Letzte Woche wurde getitelt, der Banker Emmanuell Macron und die Kaputtmacherin Angela Merkel wollten »Europa zusammen voranbringen« (faz.net, 18.11.2018). Sie ist nicht ohne eigene Interessen, diese gegenseitige (politische) Liebe, aber mindestens ein heftiger Vernunftsflirt auf Merkels alte politische Tage ist es doch.

Wie das praktisch aussieht, wenn Merkel und Macron »Europa zusammen voranbringen«, das konnte und kann man derzeit in den Nachrichten aus Paris und Berlin studieren. Merkel wetterte bald darauf im Bundestag gegen nationale Souveränität (siehe Merkels Politik ist das stärkste Argument für souveräne Nationalstaaten) – und alles, was man über die ethische Qualität der Berliner Elite wissen muss, ist, dass die Parteisoldaten im Bundestag brav ihrer eigenen schleichenden Entmachtung – und damit der Schwächung der Demokratie – applaudierten.

Während Veranstaltungen wie die Feiern zum Erdogan-Besuch offen und teilweise sogar gegen Verbote stattfinden (siehe Erdoğan tritt wie ein Eroberer auf – und Gutmenschen stehen wie nützliche Idioten da), werden Weihnachtsmärkte zu Hochsicherheitszonen wie gesicherte Areale im Kriegsgebiet ausgebaut (siehe z.B. bild.dem 24.11.2018).

Und wie sieht es aus bei Merkels Europa-Partner, Macron? Nicht nur sind immer wieder aufflammende Unruhen in Pariser Vorstädten inzwischen ein geläufiger Prototyp für bürgerkriegsartige Zustände in Europa, jetzt protestieren auch Franzosen »die schon länger da sind« gegen Macrons Steuerpolitik – die »Gelbwesten« haben den symbolträchtigen Champs-Elysées erreicht (siehe z.B. welt.de, 25.11.2018), es kommt zum Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern.

Nichts gibt Anlass zur Hoffnung, dass die deutsche oder die französische Regierung ihre aktuelle Linie ändern wollten. Mit der anstehenden Unterwerfung unter Merkels UN-Migrationspakt, und mit den möglichen nächsten deutschen Kanzlern, sei es »Merkel 2.0« oder »Mr. Globalismus«, ist es erschreckend wahrscheinlich, dass die aktuellen Linien weiter gezogen werden, eher noch gerader, eher noch tiefer, eher noch schmerzhafter.

Einige deutsche Bürger hoffen, dass sowohl AKK als auch Merz derzeit nur so tun, als wären sie auf Merkelkurs, damit die große Kaputtmacherin sie nicht vorher absägt, und dass sie danach ihren Gorbatschow-Moment bekommen und eine neue deutsche Glasnost einleiten, eine Renaissance der Vernunft – nun, per Definition sind Wunder sehr unwahrscheinlich und es ist nicht ungefährlich, seine Zukunft darauf zu verwetten – wohin also geht die Linie, was ist ihre letzte Konsequenz?

Berlin

Es scheint, dass Merkel immer häufiger gar nicht mehr versucht, ihre Aussagen an die Wahrheit anzupassen. Wir hatten den Fall Maaßen, wo der Chef des Verfassungsschutzes wohl gehen musste, weil er sich weigerte, die von Regierung und Staatsfunk verbreitete Unwahrheit zu bestätigen (siehe auch Berliner Inquisition, Maaßen und die Scheiterhaufen des Wahrheitssystems, aber auch tichyseinblick.de, 16.11.2018).

Zum UN-Migrationspakt sagte Merkel: »Dieser Pakt lässt uns alle Souveränität und gleichzeitig verpflichtet er andere sich besser gegenüber Menschen zu verhalten.« (siehe z.B. @Arnd_Diringer) – nun kommt ein internes Papier der Bundesregierung heraus, das feststellt, der Pakt sei »politisch verpflichtend konzipiert« (welt.de, 25.11.2018). Ein weiteres Mal hat die Regierung etwas gesagt, dass sich als Unwahrheit und als Handeln zum Nachteil und Schaden des deutschen Volkes deuten lässt.

Simple Frage: Wenn man die Linie an bisherigen Unwahrheiten und Handlungen gegen die Interessen Deutschlands weiterzieht, an welchen Punkt gelangt man? Und: Was sollte das Wunder sein, auf dass die Linke hofft? Wie viel Leid will man zulassen, wie viele Tote, Vergewaltigte und schlicht ihrer Lebensfreude beraubte unschuldige Bürger will man in Kauf nehmen, bis man die Hoffnung aufs Wunder aufgibt?

Mit jedem Bürger weltweit

Man könnte viele Seiten lang die Beispiele aufführen für offensichtliche Entwicklungen, die aus politisch korrekten Gründen geleugnet werden, von der Bedeutung von Bevölkerungszahlen in Afrika bis zur schlichten Tatsache, was mit verschiedenen Ländern passiert, wenn diese oder jene Religion – beziehungsweise die praktische Abwesenheit von Religion – die Mehrheit in jenen Ländern erreicht. Wir ahnen die Antworten, doch Dogmen, Denk- und Sprechverbote machen uns Angst, zu Ende zu denken.

Mit jedem Bürger weltweit, der den Mut und die Arbeit auf sich nimmt, die Linien zu Ende zu ziehen und sich der kommenden Realität zu stellen, wächst die Hoffnung, dass das scheinbar Unabwendbare sich doch noch verhindern ließe. Mit Mut und Ehrlichkeit, nicht mit naiver Hoffnung auf Wunder.

Und, besonders heute, wo Demokratie, Aufklärung und Wahrhaftigkeit täglich von Journalisten und Politikern angegriffen und beschädigt werden, ist es wichtig, den Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch zu trinken. (Übrigens: Mein Talking-Points-Buch, in dem ich die Tricks politischer Sprache erkläre, ist in einer neu durchgesehenen Fassung wieder erhältlich!)

Wenn Leser mich also fragen, was sein wird und was man tun soll, antworte ich: Habt den Mut, die Linien zu Ende zu ziehen! Und dann, wenn ihr euch dann innerlich den Konsequenzen eures Denkens gestellt habt, geht den zweiten mutigen Schritt, erwägt was eure persönlichen relevanten Strukturen sind, etwa: eure Familie, eure Freunde, eure Firma, eure Kunden, eure Stadt und euer Land.

Keine der Nachrichten, die uns in letzter Zeit »schocken«, kamen wirklich überraschend – außer man glaubte dem Staatsfunk – alles ist die Fortsetzung von Linien, die sich früher abzeichneten.

Heute fragen sich viele Bürger: Können wir die fallende Kaffeetasse noch aufhalten? Können wir Haus, Hof und Heimat noch in Sicherheit bringen?

Ich sage: Fangt damit an, die Linien, die sich seit einigen Jahren andeuten, ehrlich zu Ende zu zeichnen – einige Fragen werden sich dann von selbst beantworten.

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