9.5.2019

Es fühlt sich an wie ein Bumerang

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Bjørn Tore Økland
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Die Tagesschau veröffentlicht eine merkwürdige Studie (gesponsert von Soros-Stiftung) über freie Medien. Ach Leute… alle Jahre wieder, wenn Wahlkampf ist, flattert die Polit-PR heran, wie ein Bumerang, der uns am Kopf trifft und Beulen schlägt.
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»Se non è vero, e molto ben trovato«, so schreibt Giordano Bruno: Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden. – Ach, wäre es zumindest gut erfunden, so möchte man heute manches Mal ausrufen.

Eine gut erfundene Geschichte, die trotz (oder: gerade in) ihrer Erfundenheit eine Wahrheit transportiert, ist die Geschichte vom Bumerangwerfer.

Die Zeitung »Weekly World News« titelte 1996: »Man knocks himself out with Boomerang – then sues himself for $300.000«; in etwa: »Man knockt sich selbst mit Bumerang aus – dann verklagt er sich auf 300.000 US-Dollar«. (Ja, laut Duden ist »ausknocken« ein akzeptables Wort.)

Die Geschichte ist frei erfunden und stammt aus einem Magazin, das öfter mal erfundene Geschichten präsentiert. (Zur konkreten Geschichte kann man bei snopes.com, 8.7.2015 nachlesen, das Magazin selbst wird von deren Kollegen bei spiegel.de, 13.7.2011 präsentiert.)

Die Geschichte ist gelogen, doch anders als manche andere erfundene Geschichte enthält sie einen wahrer Kern. Ein Mann, der sich selbst ausknockt und daraufhin sich selbst verklagt? Ja, das klingt nach »conditio humana moderna«.

Na, kommen Sie darauf?

Es ist Wahlkampfjahr. Zuverlässig wie der rotierende Bumerang kehrt auch etwas zurück, das sich durchaus als »Propaganda« bezeichnen ließe.

Die selbsternannten Nachrichten des ZDF verkünden:

Tiere, die aussterben. Ein Klima, das sich aufheizt. Eine Regierung, die keine Lösungen findet. Die Probleme sind riesig. Nur Ministerin @SvenjaSchulze68 lächelt: „Ich bin zuversichtlich.“ (@ZDFHeute, 8.5.2019 / archiviert)

Das ZDF-Morgenmagazin veröffentlicht noch mehr Superpositives über die Dame. Sie wird zitiert: »Ich möchte, dass wir in den nächsten Generationen hier noch leben können.« (@morgenmagazin, 9.5.2019) – ohne den Öko-Sozialismus geht die Welt unter! – Frau Schulze ist Bundesumweltministerin und von der SPD. Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrates ist Malu Dreyer, nebenbei auch Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und SPD-Vize – auf der entsprechenden Seite des ZDF (zdf.de/ archiviert) selbst wird als Bildquelle ihres Fotos »Staatskanzlei Rheinland-Pfalz« angebeben – man könnte es absurd nennen, oder schamlos.

Bei den selbsternannten Nachrichten der ARD wird derweil eine sogenannte Studie vorgestellt über die bösen »rechten Portale« im Netz. »Rechte Nutzer dominieren Diskurs« wird empört festgestellt:

Dabei fanden die Analysten heraus, dass gut 47 Prozent der politischen Diskussionen eine thematische Verbindung zur AfD und zu rechten Themen hatten, obwohl die Gruppe der rechten Unterstützer nur rund zehn Prozent der Nutzer ausmacht. In den Beiträgen, die explizit die deutschen Parteien thematisieren, wurde die AfD in rund einem Drittel der Fälle genannt. Diese Zahl beinhaltet sowohl positive als auch kritische Auseinandersetzungen mit der Partei. (tagesschau.de, 8.5.2019)

Der Artikel beginnt mit den Worten »Den demokratischen Parteien«, und meint: »Alle außer AfD«. Man kann den Tagesschau-Autoren hier denkbar sein, denn sie haben, so könnte man bei neutraler Betrachtung sagen, ein für allemal die Frage geklärt, ob der Staatsfunk etwas treibt, das man »Framing« und damit »Propaganda« nennen könnte. Es wird so perfide wie trickreich »rechts« gegen »demokratisch« gestellt. Es fehlt nur noch, dass der politische Gegner im Staatsfunk mit Ratten verglichen wird – ach nein: es fehlt nicht, es ist passiert.

In einem Einspieler kommt eine Expertin zu Wort, und ein erfolgloser SPD-Politiker (gibt es auch andere?), der über seine Gegner sagen und implizieren darf, dass sie nur »hetzen« und keine »Demokraten« seien (siehe Einbettung bei tagesschau.de, 8.5.2019). Nicht einmal die Propaganda in der DDR oder der ČSSR war so plump – der Staatsfunk erledigt, was den Parteien selbst zu peinlich wäre.

Ein Medienwissenschaftler erklärt den Erfolg angeblich »rechter« Portale damit (sie meinen: freie Medien), dass angeblich provoziert werde, woraufhin andere darauf reagieren, mit »Empörung über Empörung« »in der hochgereizten Gesellschaft der Gegenwart« (etwa bei 2:40 im Video). Früher, als »Journalist« noch etwas (Gutes) bedeutete, hätte man nachgefragt, was das heißen soll, und warum diese angebliche Empörung nicht mit beliebigen Themen funktioniert, so sie denn wirklich so funktioniert – es wird nicht gefragt. Derselbe Herr wird zitiert mit aktuellen gruseligen Formulierungen von »publizistischer Vermüllung« (@heutejournal, 7.5.2019) – man muss nicht »entartet« sagen, um latent faschistisch zu klingen.

Wenn man wirklich verstehen wollte, warum freie Medien relativ erfolgreich sind, könnte man leicht sehen, dass »wir hier unten« über Fragen und Themen sprechen, die Millionen von Lesern bewegen (weil die Menschen sie täglich am eigenen Leib erleben!), die aber aus diversen Gründen »denen da oben« nicht ins politisch optimierte Weltbild passen und diese Themen somit auch verhältnismäßig selten den Weg in die großen Medien finden (Stichwort: »nur regionale Bedeutung«) oder als »populistisch« diffamiert werden.

Der in seiner Übervereinfachung vulgäre Panik-Beitrag der Tagesschau bezieht sich – und hier wird es extra interessant – auf das Projekt eines Unternehmens namens »Alto Data Analytics«. Dieses Projekt, so sagt tagesschau.de selbst, entstand in Zusammenarbeit unter anderem mit der Stiftung eines gewissen Herrn, den wir von seinem Einsatz gegen den Brexit und für den UN-Migrationspakt kennen – na, kommen Sie drauf, wie er heißt? Richtig.

Einmal nachgeschaut

Ich habe bei tagesschau.de den entsprechenden Link nicht gefunden (warum wohl?), doch nach einigem Suchen entdeckte ich die entsprechende Ausarbeitung bei alto-analytics.com: »German Public Digital Sphere Conversation On EU Elections: Analysis From December 2018 To March 2019«. Wenn man sich auf der Seite durchscrollt, findet man eine Liste der einflussreichsten Domains in der konservativen Szene – von Twitter aus gesehen. Platz 1 besetzt logischerweise die Domain twitter.com, welt.de (Platz 2) liegt interessanterweise vor facebook.com (Platz 3). Meinen Glückwunsch an journalistenwatch.com (Platz 8, und damit vor faz.net und zeit.de), oder auch an tichyseinblick.de (Platz 13), die vor tagesschau.de (Platz 15) liegen, oder philosophia-perennis.com (Platz 17), der damit unter anderem etwa vor Handelsblatt.com (Platz 19) liegt.

Ich selbst liege in jener Liste auf Platz 63, und damit immerhin vor der Deutschen Welle (dw.com, Platz 89) oder vice.com (Platz 93), wobei natürlich beobachtet werden sollte, wie sich deren Zahlen entwickeln, nachdem ein gewisser Herr Milliardär – ich komme nicht auf den Namen – zweihundert Millionen Dollar in den Laden pumpt (siehe vice.com, 4.5.2019hier übrigens einige vollständig neutrale vice.com-Texte zu dem Herrn). Einige meiner Essays werden zusätzlich bei tichyseinblick.de und achgut.com veröffentlicht, wo sie weitere Leser erreichen – ohne Milliardäre oder Zwangsgebühr als Rückgrat. Was auch immer jene Datenanalyse wert sein mag, wir dürfen zufrieden sein – und wir sollten daran arbeiten, dass wir weiter mehr werden – noch mehr und noch lauter!

Werft doch!

Man liest heute jeden Tag dieselben Meldungen, nur die Namen der Opfer werden neu eingesetzt. Die Dreistigkeit der Dreisten wird dreister, doch die Meldungen selbst sind im Inhalt so sicher vorhersagbar wie der Täter in manchem Staatsfunk-Krimi. Im Film »Täglich grüßt das Murmeltier« ist es ein verschlafenes Erdhörnchen, das die ewige Wiederkehr des Immergleichen symbolisiert, doch das erschiene mir hier zu kuschelig, zu harmlos. Die präzisere Metapher für diese Zeit ist der Bumerang, der zurückkehrt und uns den Schädel massiert, und dann, von den vielen Bumerangschlägen etwas verblödet, werfen »wir« den Bumerang gleich nochmal – bis irgendwer uns Deutsche eine Zeit lang vom Bumerangwerfen abhält.

Ich weiß nicht, ob uns auch diesmal wieder jemand den Bumerang aus den Hand nimmt? Was, wenn China und USA sich einig sind, und sagen: Dann werft doch, ihr Trottel! – Was dann?

Der Bumerang rotiert

Wir erleben heute einen Medien-Wettstreit, der zunehmend zu einem asymmetrischen Krieg wird. Auf der einen Seite stehen breit und fett die Goliathe wie Staatsfunk, Relotiuspresse et cetera, mit ihren superreichen, ähem, »Unterstützern« – auf der anderen Seite die kleinen Davids, mit Blogs, Social-Media-Accounts und der Kraft des Wortes – pünktlich zum Wahlkampf verbreiten die Großen komische Studien, Technologien-Giganten wie Twitter und Facebook räumen parallel recht rabiat auf; in den USA ist eine Zahl konservativer Accounts »verschwunden«.

Die Goliathe haben Milliarden von Dollars und Euro zur Verfügung. Wir haben unsere Blogs und die Chuzpe, zu sagen, was die da oben lieber verschweigen würden – und wir haben die besten Leser!

Ich bin einiges gewohnt, und ich bin in dieser Sache ja gewissermaßen »Profi«, doch es schockt mich dennoch, wie heftig die Großen im Wahlkampf 2019 die Kleinen angreifen. Wenn sie angeblich »die Wahrheit« und die »Faktenchecker« haben, warum vertrauen sie denn nicht darauf? – Ich kann mich an keinen Wahlkampf der letzten Jahrzehnte erinnern, zumindest nicht in der Bundesrepublik, in welchem so vollständig auch nur grundlegender intellektueller Anstand gefehlt hätte. Die CDU wirbt heute mit Sicherheit, ausgerechnet die SPD wirft ihren Gegner ernsthaft Populismus vor, und der Staatsfunk behauptet, freie Medien würden »tendenziöse« Überschriften wählen – eine orwellsche Gegenteilwelt.

Wenn Wahlkampf ist, und das ist eigentlich normal, flattert der Polit-PR-Bumerang wieder heran, diesmal rotiert der Propaganda-Bumerang extra aggressiv, und wenn wir nicht aufpassen, trifft er uns noch am Kopf. Der Bumerang ist wieder da, Deutschland hat einen Bumerang geworfen, und er rotiert und er richtet großen Schaden an, und er ist noch lange nicht fertig.

Der »emotionale« Geist der 68-er, welcher Weisheitsferne mit Machtbesessenheit paart, er wird heute kombiniert mit modernen Psycho-Technologien wie Smartphones, und so wird die »Kraft des besseren Arguments« schwächer, nicht stärker. Vertun wir uns nicht: Es wird nicht einfacher werden für »die Kleinen«, und ohne ein Wunder schrammt Deutschland weiter an den Klippen eigener Dummheit entlang, bis der Rumpf ganz und endgültig zerfetzt ist.

Wie ich im Text »Das Konservative und seine Lücken« beschrieb, können »die« ein Vollprogramm anbieten, während wir kritische Fußnoten setzen und Appelle an das vernünftige Gewissen schreiben.

Wenn ein Bumerang herabfliegt, muss man sich entscheiden, ob man ihm frontal entgegentreten will oder ob man ihm lieber ausweicht. Diesen Bumerang hat das Land geworfen, nicht der Einzelne, und doch wird er die Einzelnen treffen.

Wer wie ich gern Leonard Cohen hört, der hat ganz persönliche Cohen-Lieblings-Lieder, die ihn sein Leben lang begleiten. Ein Lied von Leonard Cohen zitiere ich etwa zu Beginn von »Warteraum 254«; es heißt »Waiting for the Miracle«, und ein Gedanke daraus lautet: »Wenn sie Informationen aus dir herausquetschen, stell dich einfach doof, und sag ihnen, dass du auf das Wunder wartest, das kommen soll.«

In einem ähnlichen Geist sage ich mir und uns heute: Wenn sie dich fragen, warum du denn nicht alles glaubst, was die Medien erzählen, dann stelle dich unschuldig, und sage ihnen, dass du den Kopf vor dem Bumerang einziehst, vor diesem Bumerang, den Deutschland geworfen hat und der gerade wieder über Deutschland rotiert, die Propaganda, die Übermacht, die Lust an der Dummheit. Das wird die Leute verwirren, und dir wird es etwas Zeit verschaffen, dich zu ducken – vielleicht geschieht in dieser Zeit ja ein Wunder!

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