Wi(e)der die Folgsamkeit

Es geschieht häufiger in den letzten Tagen, dass ich mich an den Schreibtisch setze, mit der festen Absicht, etwas „Neues“ zu schreiben, dann aber die Notwendigkeit verspüre, etwas gewissermaßen „zukünftig Altes“ zu schreiben – will sagen: rohen Stoff und möglichst ungelogene Quelle für nachgeborene Geschichtsschreiber, die erklären wollen werden, wie es „dazu kommen konnte“. (Ich möchte ja gern glauben, dies sei bloße Koketterie auf meiner Seite und selbstverständlich schriebe ich Mahnung und Appell, um etwas im Jetzt zu bewegen – doch die Kraft solchen Glaubens schwindet.)

Ein Satz, den zukünftige Geschichtsschreiber zitieren werden, zitieren werden müssen, ist sicherlich dieser von Henryk Broder:

„Die Deutschen sind dermaßen damit beschäftigt, den letzten Holocaust nachträglich zu verhindern, dass sie den nächsten billigend in Kauf nehmen.“

Der Satz stammt aus Broders Buch Vergesst Auschwitz. Broder spricht von Israel und von deutscher „Israelkritik“. (Habe ich die Anführungszeichen im letzten Wort des letzten Satzes laut genug gesetzt?)

Was wirkt

Ich will, nur wenige Zeilen lang, aber die dann doch, den logischen Aufbau dieses würdig-frechen Satzes betrachten! Broders Satz wirkt ja im Leser und Hörer, oder, wie die Redensart es formuliert, er „schlägt eine Saite an“. Ein Satz, der so „wirkt“, muss wohl eine Wahrheit aussprechen, die auszusprechen es anderen Sätzen nicht – oder nicht so präzise – gelingt.

Zuerst

Was sind die Prämissen des Broderschen Satzes? Welche Fakten der Welt setzt er voraus, was muss der Fall sein, damit der Satz wirkt – und was ist damit logischerweise der Fall, wenn und weil der Satz wirkt?

Nun, die substantivischen Elemente des Satzes wären wohl diese:

  1. die Deutschen
  2. Holocaust-1
  3. Holocaust-2

Bereits die Aufzählung der „Dinge“ dieses Satzes lässt uns erahnen, woraus er seine Wirkung entfaltet: Er sagt „die Deutschen“, nicht „einige“ Deutsche. Und er betrachtet „Holocaust“ nicht als (wörtlich) einmaliges Ereignis, sondern als einen Typus von potentiell vielen Ereignissen. Es gab bislang einen Holocaust – und es könnte (oder wird?) einen zweiten geben. Es schwingt im Satz entfernt mit: Holocaust ist etwas, was die Deutschen nolens volens „machen“ – und eventuell nicht nur einmal.

Im Buch schränkt Broder das „Die Deutschen“ ein. Nein, „die Deutschen“ seien nicht alles Antisemiten. Vielleicht nicht einmal die Hälfte. Vielleicht nur ein Drittel – so wie nur ein Drittel die NSDAP wählte. Einiges in dieser Kiste ist Ironie und Übertreibung, einiges nicht – aber was? Wir werden es erst wissen, wenn wir die Kiste öffnen.

Es geht (hier) nicht wirklich um Bruchrechnung, ob es nun ein Ganzes, eine Hälfte oder ein Promille ist. (Apropos Promille, haben Sie das Video von Juncker auf dem roten Teppich gesehen?)

Ich weiß nicht, ob Broder heute noch diese Einschränkung, die ja ohnehin halbironisch daherkommt, so vornehmen würde. Der Außenminister unter Angela Merkel ist nun einmal und noch immer ein Herr Sigmar „Pack“ Gabriel, der sich in Israel mit Israelhassern trifft, der Geschäfte mit dem Iran begleitet und seine Diplomaten in der UN an der Seite von Diktatoren und Antisemiten gegen Israel abstimmen lässt.

Doch, so peinlich und haarsträubend solche Aktionen sind – nein, die Merkel und die SPD sind keine aktiven Antisemiten, schon deshalb weil ihnen einfach außer der eigenen Macht (und wohl dem die Macht stets begleitenden Einkommen) alles egal ist, wirklich alles. Sie machen dieses Deutschland zum Spielplatz und Sprachrohr mancher alter und neuer Antisemiten. (Auch wenn es schmerzt: Die Regierung spricht für „die Deutschen“. Wenn es ein „die Deutschen“ gäbe jenseits der Regierung, wer spräche für sie? Die vor Gefügigkeit zitternden Hauptstadtjournalisten? Pegida, die „wir sind das Volk“ rufen?)

Solche Bruchrechnungen und Zahlenspiele scheinen mir fruchtlos. Der Preis des Autos mag sich ändern, wenn der Experte am Tacho dreht, das Auto gewinnt keine Stunde an Lebenszeit hinzu. „Die Deutschen“ (im Sinne von „die mit Macht ausgestattete offizielle Vertretung der Deutschen“) fördert/n „nolens volens“ den Antisemitismus – gern genauer: nimmt seine Förderung zynisch in Kauf.

Typus und Instanzen

Die stille, unheimliche Sprengkraft des Broderschen Satzes liegt ja darin, dass er den Holocaust zum Typus erhebt, zum Stempel, den das Volk der Stempler und Formularausfüller bereits einmal niedersausen lies – und nochmal niedersausen lassen könnte. Damals hat man es nicht gewusst, heute hat man es nicht gewollt. Erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg – erster Holocaust, zweiter Holocaust?

Broder bezieht in „Vergesst Auschwitz“ den implizierten „Holocaust 2“ auf die von deutschen „Antizionisten“ im Gesprächskreis indirekt-theoretisch und in der Hitze mancher Innenstadt-Demonstration auch direkt und praktisch geforderte Auslöschung Israels. Broder hat hierin ganz Recht.

Dass Broder so einen Satz sagen kann und sich dann von flaumbärtigen Germanistlein im Feuilleton kommentieren lassen muss – statt dass das Land kurz zum Stillstand kommt, dann zur Klarheit, und dann seinen Kurs ändert – dass es so ist, dass es nicht passiert, im Gegenteil, das erinnert dann doch an Ahrendts „Banalität des Bösen“.

Broder hat aufgezeigt, wie jenes, was wir™ offiziell das maximal Böse nennen, sich wiederholen könnte, und für die deutschen Intellektuellen ist es eher nur ein Schmunzelanlass. Ich bewundere Broder, dass er dennoch und danach weiterschreibt, angegriffen von „Israelkritikern“ wie dem unsäglich auftretenden Gerald „inseriert nicht beim Broder“ Hensel und anderen neuguten Deutschen.

Durch die Tiefe zu neuen Höhen

Ich möchte versuchen, die Wirkung des Broderschen Satzes besser zu verstehen, indem ich ihn um eine weitere Stufe abstrahiere:

x bekämpft y1 und ignoriert die Möglichkeit von y2.

Man könnte Analogien formulieren:

  • Fred wurde von einem roten Auto angefahren und verletzt. Jetzt hütet er sich vor roten Autos – und ignoriert blaue, schwarze und silberne Autos, sowie LKW und Motorräder.
  • Maria hat aus Nachlässigkeit eine schwangere Mutter namens Julia totgefahren – jetzt achtet sie darauf, keine schwangeren Mütter namens Julia mehr totzufahren.
  • Oder aber ganz praktisch (und mehr als nur ein wenig zynisch): Die Deutschen haben versucht, das Volk der Bibel auszulöschen, im Zeichen des Hakenkreuzes. – Jetzt achten sie penibel darauf, Hakenkreuze höchstens nur noch „kritisch“ zu verwenden.

Man fragt

Was tun?

Die Antwort muss auch hier lauten: Ehrlich sein, klug sein, konsequent sein. Ein Dreischritt, nur bitte nicht stechend, wegen der Symbolik. Es ist in Deutschland verboten, die Symbole des Dritten Reichs zu verwenden. (Eine buchstäbliche Symbolpolitik – die Symbole wieder!) Es ist mindestens verpönt und für Nicht-Linke meist karriere-gefährdend, sich der „Nazi-Sprache“ zu bedienen. (SPD-Politiker können weiterhin KZ-Inschriften zitieren, linke Comedians sich der „Lingua Tertii Imperii“ bedienen und vom Babymord an ihren politischen Gegnern fiebern.)

Das Nie-Wieder-Autonarkotikum

Wir brauchen Erklärungen, die tiefer und damit auch vielleicht nachhaltiger sind als Symbolverbote und substanzlose Nie-Wieder-Mantras. Das Nie-Wieder ist in seiner heute praktizierten Form ein Autonarkotikum. Solange die Zeitmaschine nicht erfunden ist, wird sich natürlich nicht wiederholen, was in der Vergangenheit liegt.

„Nie wieder!“ zu rufen ist – so banal wörtlich wie es heute in der Praxis verstanden wird, so sinnvoll, wie „Wasser macht die Hand nass!“ zu rufen. Es ist näher betrachtet eine Tautologie: Es ist immer wahr, immer richtig, und immer zahnlos, selbst als Imperativ.

Was die „Erfinder“ von „Nie wieder!“ wohl wirklich zu meinen meinten: Es soll sich nie wieder Ähnliches wiederholen, nie wieder Vergleichbares, nie wieder ähnlich Schreckliches. (Zur Ähnlichkeits-Relation habe ich Erklärendes in Relevante Strukturen geschrieben.)

Nie wieder sollen Juden in Deutschland und Europa um ihr Leben fürchten. Nie wieder soll von Deutschland und den Deutschen ein Krieg ausgehen. Nie wieder soll der Hass aufs vermeintlich Fremde ein Blutbad im europäischen Haus anrichten dürfen. Das ist eigentlich richtig – nichts kann richtiger sein.

Doch, das Nie-Wieder wurde zu eine Art „Anti-Cargo-Kult“. Beim „Cargo-Kult“ der Südsee werden Holz-Flugzeuge gebaut und verehrt, weil einst Flugzeuge wertvolle Hilfsgüter über der Insel abwarfen. Das heutige Nie-Wieder scheint zu meinen, wenn man nur die äußere Form meidet, wird der Dämon schon nicht wieder aufleben.

Haben Sie?

„Haben Sie Hitler gesehen?“ fragte Walter Kempowski, und: „Haben Sie davon gewusst?“

Die Leute antworten, immer wieder, so etwas wie: „Nein, ich nicht!“, „Ja, er war überraschend ungepflegt“, und zugleich: „Meine Tante/Schwester/etc. fand ihn schön.“

Was lernen wir? Was wissen wir? Kann es wirklich nur die Lehre sein, nie wieder einem zu folgen, der abgehackt spricht? Nie wieder sich dieses missbrauchte asiatische Symbol anzuheften? Nie wieder jenes Lied zu singen? Oder, gar, ganz verquer: Nie wieder das eigene Land zu lieben?

Wir lesen bei Kempowski und anderswo immer wieder im Kern: „Wir hatten gedacht, so schlimm wird es schon nicht sein!“, und: „Wir dachten, es sei alles Feindpropaganda!“

Es war nicht nur Feindpropaganda. „Es“ kam bekanntlich viel schlimmer. Was ist nun die Lehre? Was soll sie sein? Was kann sie sein? (Nicht: „Was darf sie sein?“)

Deutsche, seid antiautoritär!

Ich lege Ihnen folgenden Vorschlag vor: Deutsche, folgt nie wieder jemandem, nur weil er mit Autorität spricht! Wenn das, was „die da oben“ sagen, eurem Verstand widerspricht, dann widersprecht ihr selbst und widersprecht umso lauter!

Niemand verdient mehr und lauteren Widerspruch als jener, der keinen Widerspruch duldet!

Wenn Menschen für eine Ideologie sterben (sollen), kann sie nicht richtig sein. Wenn eine Ideologie ihre Töchter unterjocht, wenn man gegen das Volk der Bibel und seinen Staat flucht, wenn eure Politiker um blinden Glauben werben: Widersprecht! Ihr könnt zivilen Ungehorsam probieren, nur legalen natürlich, zuerst aber: widersprecht!

Der Deutschen liebster Kompliziertformulierer

Wenn du Orangensaft mit Arsen trinkst, ist nicht der Orangensaft das Problem. Wenn ein Solinger Messer dich ersticht, hätte es wenig geholfen, wenn der Klingenstahl japanisch statt deutsch gewesen wäre. Wenn die Faschisten dir an den Hals gehen, ist es dir egal, welches Emblem ihre Uniformen gerade ziert.

„Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!“, ruft den Deutschen ihr liebster Kompliziertformulierer zu. Man möchte wieder und wieder diesen Mut wecken – auch und zuerst in sich selbst, selbstverständlich.

Nie wieder blind vertrauen

Wi(e)der die Folgsamkeit
Dieser Text entstand übrigens „von Hand“ und trug ursprünglich den Titel „Der Fluch der Spätgeborenen“.
Es geschieht häufiger in den letzten Tagen, dass ich mich an den Schreibtisch setze, mit der festen Absicht, etwas Leichtes zu verfassen, dann aber die Notwendigkeit spüre (oder sie mir einbilde – wer weiß das schon so genau), den Deutschen etwas ins Stammbuch zu schreiben.

Fast, fast, möchte ich mit dem aufs Allerschmerzlichste unterpriesenen Broder ausrufen: „Vergesst Auschwitz!“ – Das Risiko, dass Deutschland in den nächsten Monaten oder Jahren in Polen einmarschiert, ist gering (zumindest militärisch – politisch dagegen wird ja von Brüssel durchaus gewisser Druck ausgeübt, was Wohnraum und Versorgung für Nicht-Polen auf polnischem Staatsgebiet angeht). Die Wahrscheinlichkeit, dass die Deutschen demnächst in Oświecim ein zweites Lager errichten, scheint ebenfalls, wie die Amerikaner sagen, „manageable“.

Die eigentlichen Fragen sind wohl: Wie schützen sich die Deutschen davor, wieder einer Regierung und ihrem Propaganda-Apparat blind zu folgen?

Wie hüten sich die Deutschen davor, erneut ihren Verstand auszuschalten und diffusen Autoritäten entgegen ihrer Vernunft zu vertrauen? Und, weiterhin: Wie verhindern die Deutschen, irgendwelche eigenen Psychosen auf das Volk der Bibel zu projizieren, und dann in Form von offenem oder „israelkritischem“ Antisemitismus seine Existenz anzugreifen – oder angreifen zu lassen?

In den Weg stellen

Auch der höchste Anspruch braucht griffige Kürze, damit er eine entfernte Chance hat, mehr als ein sinniges Kopfnicken zu bewirken.

Versuchen wir also dies: Nie wieder Nicht-Denken! Nie wieder blindes Folgen! Nie wieder zulassen, dass von deutschem Boden ein alter oder „neuer“ Hass auf das jüdische Volk ausgeht.

Ich sehe immer mehr Menschen, die sich dem Nicht-Denken, der blinden Folgsamkeit und dem „neuen“ Antisemitismus in den Weg stellen – und zwar nicht erst, seit in den Straßen von Berlin wieder die Davidsterne brennen. Die Zahl der Deutschen, die selbst denken, die dem eigenen Gewissen mehr als den TV-Autoritäten vertrauen, die vorm Antisemitismus warnen und sich mit Israel solidarisieren, sie wächst täglich. Das gibt mir Hoffnung, dafür kämpfe ich.

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Den Essay »Wi(e)der die Folgsamkeit« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/wider-die-folgsamkeit/

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