Werdet erwachsen!

Ich kannte es ja bislang nur aus Filmen und Cartoons, dass einem Kind die Eiskugel von der Waffel und auf den Boden fällt. Ich erinnere mich also gut über meine halb-amüsierte Überraschung, als letzten Sommer meinem kleinen Sohn genau das passiert ist. (Ich erinnere mich auch, wie ich einst vor der Mensa der Kölner Uni wild mit den Armen wedelnd auf einer Bananenschale ausrutschte, das erste und einzige Mal in meinem Leben, doch jetzt reden wir von der Klischee-Kugel, die meinem Sohn aus der Waffel fiel.)

Der werte Herr Sohn hatte natürlich gezappelt. Er war mit seiner Eiswaffel auf den Bordstein und zurück gehüpft, und was Kinder so machen. Dann, ohne Vorwarnung und mit unwiderrufbarem Platsch, fiel ihm die Kugel Eis auf den gekachelten Weg.

Das große Malheur war eindeutig die Schuld meines Sohnes gewesen. Sicher, ein gewiefter Anwalt hätte vielleicht den Waffelbäcker oder den Bordstein-Erbauer verklagen können, doch in Wahrheit war das Unglück die direkte Folge seines Handelns.

Der Sohn kam jäh vom Hüpfen zum Stehen. Er blickte mit Schrecken in seine leere Waffel, er blickte mit Erschütterung auf den Boden, wo die Eiskugel (Geschmacksrichtung Minze, Farbe Türkis) sogleich zu zerfließen begann, dann schaute er hoch zu uns Erwachsenen, der letzten Station seines wandernden Blicks. Elli und ich konnten in Echtzeit erleben – auch das ganz wie im Film – wie die Tränen von unten nach oben seine Augen füllten. Sein Mündchen zitterte, er rang mit sich, doch schließlich brach sich ein Weinen seine Bahn, in dessen Schluchzen sich der Widerhall all der Ungerechtigkeit dieser und anderer Welten wiederfand.

Neben ihm stand aber seine Schwester mit ihrer gänzlich intakten Eiswaffel, unsere Tochter, und als das Weinen einsetzte, wurde auch ihr Herz ergriffen (oder sie wollte einfach Ruhe haben), und sie sagte: „Hier, nimm mein Eis. Ich mag eh die Waffel lieber.“

Der Sohn nahm wie selbstverständlich das Eis seiner Schwester und zog weiter, wieder hüpfend. Die Tränen brauchten noch etwas Trocknung, aber die Situation war doch repariert. Und ja, unsere Tochter erhielt das verdiente Lob.

Wer ersetzt mein Eis?

Wenn Kinder etwas kaputtmachen, seien es Hosen, Fahrräder oder sogar das eigene Eis, gehen sie wie selbstverständlich davon aus, dass ein anderer – ein Erwachsener oder die große Schwester – es in Ordnung bringt.

Mehr noch: Kinder (so sie denn Eltern haben) testen ihre Grenzen aus, verlassen sich aber mindestens implizit darauf, dass ein Erwachsener da sein wird, der sie auffängt und die Dinge in Ordnung bringt, sobald es schief geht – und der sie davon abhält, sich irreversibel in Gefahr zu bringen!

Die Grenzen elterlicher Möglichkeit sind erreicht, wenn Kinder mit Dingen experimentieren, die nicht mehr rückabzuwickeln sind, ob nun Drogen oder allzu gefährliche Stunts. Abhängig ist abhängig und tot ist tot. Nicht alles lässt sich ersetzen wie eine Kugel Eis.

Kauf dein Eis doch selbst!

Das deutsche Recht kennt die Strafmündigkeit. Wenn der Mensch ein bestimmtes Alter erreicht, wird ihm zugetraut, die Folgen seiner Handlungen zu überblicken und für diese verantwortlich zu sein.

Es ist zuerst eine philosophische und emotionale Frage, was „Erwachsensein“ für den Einzelnen bedeutet (Spezialisten diverser Fachgebiete vergessen manchmal, dass sie viele ihrer Worte nur von der Alltagssprache geliehen haben), doch könnten wir uns fürs „Erwachsensein“ durchaus von den Juristen inspirieren lassen. Wichtigstes Wesensmerkmal des Erwachsenseins ist die Fähigkeit und damit auch die Pflicht, die Verantwortung fürs eigene Handeln zu übernehmen.

Gefährliche Gefügigkeit

Es gibt verschiedene Arten, sich ein Volk gefügig zu machen, ihm seine demokratischen und bürgerlichen Rechte zu nehmen. Die Geschichte hat Umstürze und Militär-Coups erlebt, Diktaturen und Wahlen, die das Papier der Wahlzettel nicht wert waren.

Eine neue Form der Demokratie-Aushebelung ist die Infantilisierung der Debatte – und damit der Gesellschaft. Ein Volk verschreckter Kinder ist gefügig. Ein Volk verschreckter Kinder wird heute diese Verschwörungstheorie glauben und morgen jene. Ein Volk verschreckter Kinder wird sich jeden Tag eine neue Moral überstülpen lassen. Ein Volk verschreckter Kinder wird seine eigene Zukunft aufs Spiel setzen im Austausch gegen eine billige Währung: die Zusicherung, nicht die Folgen der eigenen Handlung tragen zu müssen.

Mein Text „Die Schuld der Gutmenschen“ sorgt noch immer für Wut unter Merkel-Fans. Die Kernaussage des Textes ist: Wer willentlich wegschaut ob der Folgen seines Handelns, der trägt dennoch die Schuld für die Konsequenzen.

Es hat seinen guten Grund, warum das Wahlrecht in der Regel nur volljährigen Bürgern des Landes zugestanden wird. Sie sind es, die die Konsequenzen der Wahl finanzieren werden – und sie sind es eigentlich, die die Folgen ihrer Wahlhandlung überblicken (sollten).

Die Merkelisierung der deutschen Gesellschaft bedeutet auch, dass es als Zeichen von Dummheit gilt, Verantwortung für die Folgen seines Handelns zu übernehmen – wer „klug“ ist, übernimmt keine Verantwortung. Die „mächtigste Frau der Welt“ tut es ja auch nicht: symptomatisch für die neue nationale Verantwortungslosigkeit steht etwa Merkels Spruch „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin. Nun sind sie halt da” (welt.de).

Selbst Briefe öffnen

Erwachsensein bedeutet, auch die unangenehmen Briefe mit den Rechnungen zu öffnen. Erwachsensein bedeutet auch, sich auch solchen Fakten zu stellen, die einem gerade keinen Spaß machen. Erwachsensein sollte auch etwas Weisheit und etwas Wissen um die Zusammenhänge der Welt mit sich bringen. Und, ja, Erwachsensein bedeutet auch, Durststrecken zu überstehen und auch mal Dinge zu tun, zu denen man keine „Lust“ hat.

Der Trend zur Infantilisierung scheint mir zum Problem mangelnder Integration neu ankommender Bürger beizutragen. Der durch BILD bekanntgewordene Feras Rachid etwa stellt fest: „Ja, es stimmt, dass es Flüchtlinge gibt, die sich hier schlecht verhalten, die kein Deutsch lernen, die nicht arbeiten.“ (bild.de) Einmal von der Selbstverständlichkeit abgesehen, mit der „Flüchtlinge“ wie reguläre Einwanderer behandelt werden, scheint mir, dass die Infantilität der „Guten“ geradezu dazu einlädt, sich bedienen zu lassen und die eigene Leistung zu minimieren. Zum Erwachsensein gehört für Einwanderer (wie wir es einst in Deutschland waren) eben auch, zuerst selbst für die eigene Integration verantwortlich zu sein.

Spätes Erwachsenwerden

Um den Optimismus aufrecht zu erhalten, ist man ja heute gezwungen, von der Zeit nach Merkel zu reden. Wir hatten einst bessere Zeiten. Dann kam Merkel. Es bleibt die Hoffnung, dass nach Merkel wieder bessere Zeiten kommen.

Damit das mit den besseren Zeiten auch klappt, werden die Deutschen (als Gemeinschaft) an Regierungs-PR und GEZ-Indoktrinierung vorbei neu lernen müssen, wie Erwachsene zu denken und zu handeln.

Erwachsensein bedeutet ganz wesentlich, die Folgen seines Handelns zu bedenken. Niemand wird Deutschland die Eiskugel vom Boden aufheben, niemand wird ihm ein neues Eis schenken. Deutschland hat keine „große Schwester“ und die USA wirken auch immer unmotivierter. Deutschland wird lernen müssen, selbst auf sein Eis aufzupassen. – Werdet erwachsen!

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