Die Leute würden sogar Tote wählen

5. September 2018, von Dushan Wegner; Bild von Heather Emond
Es haben schon Politiker, die mausetot waren, Wahlen gewonnen – und da sollen einzelne dubiose Formulierungen aus dem AfD-Umfeld die Wähler verschrecken? Ich habe Zweifel.
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Politiker im Wahlkampf sollten nicht im Kleinflugzeug durch die Gegend fliegen. Vor allem dann nicht, wenn sie für den amerikanischen Kongress kandidieren.

Der Grund dafür ist natürlich, dass kleine Flugzeuge weniger stabil sind als die großen Maschinen, also können sie abstürzen. Wenn ein Kleinflugzeug abstürzt, dann ist das oft der Vitalität der Besatzung wie auch jener der Passagiere abträglich – konkret: sie sind dann tot.

Ein anderer Faktor, der vom Flugzeugabsturz samt Tod aller Passagiere nicht unbedingt beeinträchtigt wird, sind überraschenderweise die Wahlchancen der Kandidaten!

Clement Woodnutt Miller wurde am 28.10.1916 in Wilmington (Delaware, USA) geboren. Zwischen 1940 und 1945 war er als Hauptmann einer Infanterieeinheit in Europa stationiert. Er wurde Politiker und vertrat ab 1958 in Washington den ersten Wahlbezirk Kaliforniens. 1962 kandidierte er für seine Wiederwahl in den US-Kongress, und in dem Jahr geschah zweierlei, etwas Tragisches und etwas Bemerkenswertes. Am 7. Oktober 1962 starb Miller bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Eureka, Kalifornien – bei den folgenden Wahlen am 6. November 1962 allerdings gewann der tote Demokrat in seinem Wahlbezirk mit 100.962 Stimmen gegen seinen Herausforderer, den lebendigen Republikaner Don H. Clausen, der nur 97.949 Stimmen einsammeln konnte (Link: Wahlergebnisse 1962 bei history.house.gov als PDF-Download). (Clausen wurde später dann doch noch gewählt und diente als Vertreter seines Wahlbezirks bis 1983; er starb 2015 im gesegneten Alter von 91 Jahren.)

Miller ist nicht der einzige Politiker, dessen Wahlkampf trotz Flugzeugabsturz erfolgreich war! Das Flugzeug von Nick Begich (Alaska) ging am 16. Oktober 1972 beim Flug von Anchorage nach Juneau verloren – bis heute fehlt jede Spur. Mit an Bord war Hale Boggs, der ihn im Wahlkampf unterstützte. Dezember 1972 erklärte man Begich schließlich für tot, doch dass er bis dahin spurlos verschwunden war hinderte ihn nicht, die Wahl im November mit 56,2% zu gewinnen. – 2000 reiste der demokratische Senatskandidat Mel Carnahan kreuz und quer durch Missouri, um dem Amtsinhaber John Ashcroft das Amt streitig zu machen. Carnahan starb ebenfalls am 16. Oktober 2000, als die Maschine bei Regen und Nebel mit seinem Sohn als Pilot auf einen waldigen Berghang stürzte – er gewann die Wahl am 7.11.2000 (als Toter!) mit 1.191.812 zu 1.142.852 Stimmen.

Es gibt tatsächlich noch eine ganze Reihe weiterer Politiker, die eine Wahl gewannen, obwohl sie tot waren. Wen oder was haben die Wähler eigentlich wirklich gewählt, als sie wählten?

Politisch-literarische Metapher

Es war einmal ein Handelsblatt-Herausgeber, Gabor Steingart. Also den Steingart, den gibt es immer noch, nur ist er nicht mehr Herausgeber des Handelsblatts. Es war nicht etwa sein Versuch, die Merkelin zu umarmen (im Online-Video etwa bei 1:27:35), eine Aktion, die Amerikaner mit »awkward« beschreiben würden, der Steingart schließlich das »Ex« vorm Herausgeber-Titel einbrachte. Es war eher seine morgendliche Rundmail (»Morning Briefing«) vom 7.2.2018 (bei handelsblatt.com aktuell noch immer online), in welcher er in einer politisch-literarischen Metapher vom »perfekten Mord« innerhalb der SPD sprach. Mit Literarischem hat man es nicht so in der Empörungsgesellschaft und mit Uneigentlichem schon gar nicht. Steingart wurde von Holtzbrinck beruflich gekillt – stopp, keine Sprachbilder bitte! – die korrekte Formulierung ist natürlich: man »hat sich mit dem 56-Jährigen darauf verständigt, die „berufliche Partnerschaft“ zu beenden« (taz.de, 9.2.2018). Er selbst twitterte: »Bin gefeuert aber nicht tot …«, und so lesen wir noch heute Steingarts Gedanken, etwa in seinem nun privaten Morning Briefing.

In einem Gastbeitrag bei focus.de hat Gabor Steingart heute eine interessante Kalkulation vorgeführt. Im Titel heißt es: »2021 ist AfD stärkste Partei, gefolgt von Union, dem großen Nichts und dann der SPD« (focus.de, 5.9.2018).

In der politischen Debatte sind wir es gewohnt, von Tagesaufregung zu Tagesaufregung zu hüpfen, und so ist es bereits ein Zeichen gewisser Weisheit, sich einmal zurückzulehnen und die großen Linien zu betrachten. Genau das tut Steingart in dem Text. Steingart betrachtet die Entwicklung von Wählerzahlen (und Parteimitgliedern) über die letzten Jahre. Er stellt nüchtern fest:

Wenn man die Wahlergebnisse der letzten 5 Jahre geradlinig fortschreibt, erkennt man die grausame Dynamik der Prozesse. Bereits im Jahr 2021 wäre die AfD die stärkste Partei im Lande, gefolgt von Union, dem großen Nichts und dann erst der SPD. Das vorsätzliche Nichtverstehen der eigenen Klientel – der SPD-Stammwähler sagt dauernd Flüchtling, die SPD versteht unentwegt Rente – zahlt sich für die Partei nicht aus. (Gabor Steingart, focus.de, 5.9.2018)

Die Wahlergebnisse bzw. Umfrageergebnisse z.B. laut INSA, so der Steingart-Text, weisen einen eindeutigen Trend auf. CDU und SPD gehen beide stetig nach unten seit 2013, die der AfD nach oben. Es sind nicht viele Datenpunkte, die Steingart heranzieht, doch wer wollte gegen den aufgezeigten Trend wetten? Der Zeitpunkt, an dem sich die Trends der SPD und AfD kreuzen, ist heute. (Es ist auch nun wirklich kein Thema am Horizont, das der SPD noch Auftrieb unter die gerupften Flügel bringen wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bürger sich plötzlich in großer Zahl für Sprachpolizei, Gendersternchen und Kreißsaal-Hörsaal-Plenarsaal-Politik begeistern, ist gering.) Und, das ist der Knackpunkt, schreibt man wie Steingart die Entwicklung fort, kreuzen sich die Trendlinien der CDU und der AfD im Jahr 2021 – zweieinhalb Jahre können sehr schnell vergehen, und man kann verstehen, das bei CDU, ARD und ZDF etwas Panik aufkommt.

Aber können es nicht ändern

Vergessen wir nicht: bei der Bundestags-Wahl 2017 haben nur 25,1% der Wahlberechtigten tatsächlich »CDU« gewählt (siehe »ehrliches Wahlergebnis« in welt.de, 24.9.2017). Nach der Wahl wurde eine »87%«-Bewegung populär, mit der man ausdrücken wollte, dass man zur Gruppe gehört, die nicht die AfD wählte. Bezieht man die Nicht-Wähler mit ein, so existiert auch eine »74,9%-Gruppe«: die Anzahl der Wähler, die nicht für die Merkel-Partei gestimmt haben.

Die Regierungen unter Merkel, jeweils mit einem zu verfrühstückenden Mini-Partner, mal FDP und mal SPD, bislang immer auch CSU, demnächst vielleicht die Grünen, die Merkel-Regierungen haben vor allem eines bewiesen: die Fähigkeit an die Macht zu gelangen muss nicht zwingend mit anderen Fähigkeiten einhergehen – und sei es auch nur der, den Wähler zu verstehen. Die Wahlen werden tendenziell immer weniger auf Wahlkampfbühnen gewonnen, vielmehr im TV und Internet. Merkel wurde im letzten Wahlkampf quer durchs Land ausgebuht, und wenn Merkel etwas öffentliche Liebe bekommen möchte, muss sie schon länger vor handverlesenem Publikum im Staatsfernsehen auftreten, oder gleich eine ihrer Solo-Audienzen bei Anne Will geben.

SPD- und CDU-Wahlstrategen verstehen nicht (oder sie verstehen es, aber können es nicht ändern), dass Menschen, die die AfD wählen, auf Meta-Ebene einen ähnlichen Grund haben wie jene, die Merkel wählen – und dieser ist nicht vollständig rational.

Keine Heiligen und keine Asketen

Im Text »Populismus angeblicher Komplexität« schreibe ich:

Der Populismus der angeblichen Komplexität ist eben das, ein Populismus, nur eben in Verkleidung. Manche Dinge sind viel einfacher, als Politiker und Machtjournalisten uns glauben machen wollen.

Manchmal verirren sich Politiker (und Journalisten) im selbstgebauten Labyrinth aus den Haupt- und Nebenwegen ihrer Argumente. Es kann sein, dass die offensichtliche, einfache Wahrheit ihnen unangenehm ist. Es kann sein, dass die einfache Wahrheit ihnen (besonders wenn sie Journalisten sind), als zu einfach, als »simplizistisch« erscheint. Es kann aber auch sein, dass sie »typisch deutsch« und damit autoritätsgläubig sind – was so ein gereifter deutscher Haltungsjournalist ist, der geht sogar vor der Pseudoautorität der Schwurbeligkeit seiner eigenen Argumente in stramme Habachtstellung.

Die Wähler wählen keine Heiligen und keine Asketen, und sie wählen nicht unbedingt jemanden, der ihnen selbst ähnlich ist (siehe auch: »Für die Mächtigen gilt eine andere Moral«).

Die einfache Wahrheit ist: Menschen wählen jemanden, dem sie zutrauen, das zu vertreten, was ihnen selbst am wichtigsten ist – alles andere ist ihnen zumindest im Wahllokal weitgehend egal. Es gibt keine halben Kreuzchen.

In Wahlkämpfen lässt sich durch Beobachtung regelmäßig vorhersagen, wer (im Vergleich zur vorherigen Wahl) gewinnen und verlieren wird. Man kann Wahlkämpfer in zwei Gruppen teilen: Diejenigen, die sich der einfachen Wahrheit beugen, und diejenigen, die mit Tricks versuchen, sie auszuheben – anders gesagt: Gewinner und Verlierer.

Die CDU versuchte lange erfolgreich, Merkel selbst als für den Wähler relevante Struktur zu etablieren. Es hatte etwas von Zen-Minimalismus: Wählt Merkel zur Kanzlerin, damit Merkel auch Kanzlerin bleibt. (Sie denken, ich übertreibe? Zitat Laschet 2017: »Wer Merkel will, muss Merkel wählen.« – Das sind doch mal Argumente!, oder Schluss-Statement von Merkel bei TV-Duell 2017: »Sie kennen mich.«)

Wenn ein Politiker für das steht, was dem Wähler wichtig ist, dann sind die sonstigen Eigenschaften und Gewohnheiten des Kandidaten überraschend egal. Wenn der Politiker das vertritt, was dem Wähler wichtig ist, dann kann er persönlich ein wildes Sexleben führen, ein paar mauschelige Geschäfte betreiben oder sich auch mal fragwürdig zu diesem oder jenen äußern.

In Deutschland stehen derzeit zwei Perspektiven auf die Politik zur Wahl: Die einen wollen, dass Politik sich täglich neu nach dem ethischen Tagesgefühl der linken Elite ausrichtet – die anderen wollen, dass Politik das Wohl des Landes mehrt und Schaden vom Volk abwendet. Der Markt für letztere Gruppe ist noch immer offen, SPD und Grüne haben sich weitgehend zurückgezogen, FDP und CDU schwanken noch, doch die AfD hat sich dort als starker Player etabliert.

Vor und nach Gaulands Spruch

Journalisten und Politiker versuchen, die AfD in Verbindung zu bringen mit Rechtsextremismus und anderen Unappetitlichkeiten – einige der aktiveren unter denen sind selbst AfD-ler. Es scheint, dass es immer mehr Wählern egal ist.

Am 3.6.2018 schrieb ich, nach einem weiteren Spruch des AfD-Chefs Gauland:

Gaulands Spruch wird bewirken, dass einige Menschen, die AfD wählen wollten und dabei Bauchweh hatten, AfD wählen werden und dabei noch mehr Bauchweh haben werden. Das ist alles.

(Nach Gaulands Spruch ist vor Gaulands Spruch. – Die Erkennis lag damals wohl in der Luft. Am 5.6.2018 schrieb Ulf Poschardt auf welt.de: »Wer die AfD wählt, wird sich auch von Gaulands Entgleisung nicht umstimmen lassen. Er wird diese rechtsextreme Partei mit noch mehr Selbstekel und Bauchschmerzen wählen, solange die etablierten Parteien nicht signalisieren, dass sie verstanden haben.«)

Wenn der Politiker glaubhaft für das steht, was dem Wähler wirklich wichtig ist, dann sind sogar Sex-Eskapaden, schwarze Koffer und höchst fragwürdige politische Formulierungen kein Hindernis. Wenn der Wähler sich so richtig verstanden fühlt, dann stört es ihn nicht einmal, wenn der Politiker mausetot ist – und da soll es die AfD stoppen, wenn einigen ihrer Vertretern zweifellos problematische Formulierungen nachgewiesen werden?

Alle Zeichen deuten darauf hin

Die Geschichte der politischen Parteien ist noch nicht fertiggeschrieben. Das System Merkel wird kollabieren, da es auf Lügen basiert, vor allem den Lügen, welche sich ihre Apologeten selbst erzählen. Die linke Elite begeht den schlimmsten intellektuellen Fehler, den ein Mensch begehen kann: Nicht nur lügt sie, sie glaubt ihre eigenen Lügen auch noch.

Es sind nicht die Flüchtlingskrise, die Eurokrise oder irgendeine kommende XYZ-Krise allein, welche die AfD stark machten und machen werden, sondern die Lügen, welche die linke Elite sich und der Nation erzählt.

Einige meiner Leser sind der AfD nahe, viele andere ganz und gar nicht. Den AfD-Anhängern unter meinen Lesern kann ich nur raten: Sagt einfach die Wahrheit, die andere sich nicht auszusprechen trauen (oder gar nicht mehr dazu in der Lage sind), und Steingarts Prophezeiung wird wahr werden.

Den AfD-Gegnern unter meinen Lesern rate ich wiederum: Habt Mut, zu sagen, was wahr ist, selbst und besonders dann, wenn die Wahrheit euch wehtut und wenn es eurem Wunschbild von der Welt zuwiderläuft. Ordnet eure relevanten Strukturen und denkt neu darüber nach, was wirklich wichtig ist – euch selbst und euren Wählern.

So oder so: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass wieder mehr Wahrheit gesprochen werden wird. Mir persönlich wäre es weit lieber, wenn diejenigen, welche die Wahrheit sprechen, nicht in fragwürdigen Kreisen zu finden wären et cetera, doch man kann es sich nicht immer aussuchen, und was in den Köpfen etwa der SPD-Oberen vorgeht, das ist nicht nur mir ein Rätsel. Die Menschen werden wählen, was ihnen wirklich wichtig ist – ob der Politiker nun unter der Erde liegt oder einen fragwürdigen Sound pflegt. Früher oder später setzen sich Realitätssinn und Ordnung gegen linken Wahn durch, doch besser wäre es, wenn es eher früher als später wäre.

Die Wahrheit wird hervorbrechen; ich kann jedem nur raten, einer von denen zu sein, die ihr dabei halfen.

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