2.12.2019

Morden oder über Mord reden – was ist schlimmer?

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Dewang Gupta
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Frau Güler (CDU-Vorstand) ist sich nicht sicher, ob Menschen zu ermorden oder über Mörder zu reden schlimmer sei. Hälfte der afghanischen Jugendlichen in Österreich wünscht sich einen Gottesstaat. – Europa taumelt in die Zukunft wie ein Betrunkener.
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Einmal, als der Meister und ein Schüler in der Stadt unterwegs waren, begegnete ihnen ein Blinder, der sich durch die Straßen der Stadt bewegte. Der Blinde nutzte dazu seinen Stock, sein Gehör, sein Gedächtnis und die gelegentliche Hilfe freundlicher Sehender, um sicher durch die Straßen der Stadt und an sein Ziel zu gelangen. Der Blinde bewegte sich fast so sicher zwischen den Häusern und Menschen wie ein Sehender, und kein einziges Mal stieß er gegen eine Mauer oder fiel in einen Graben.

Der Blinde war weitergegangen, da torkelte ihnen vom Markt her ein Betrunkener über den Weg. Der Betrunkene stützte sich mit beiden Händen an Bäumen und Wänden ab, und sogar an Passanten, die ihm nicht schnell genug aus dem Weg wichen, er stolperte über Stöcke, Steine und über einige Hindernisse, die gar nicht da waren.

 Der Meister sagte: »Einer hat gesunde Augen, und doch ist er blind. Ein anderer ist wirklich blind, doch er weiß, dass er blind ist, also tastet er sich vorsichtig voran. Immerzu prüfen, wohin man geht, das ist das Augenlicht des Blinden.«

Der Schüler nickte bedächtig.

Der Meister erklärte: »Manche Menschen sind von sich selbst berauscht, und sie torkeln durchs Leben wie Betrunkene. Andere Menschen verstehen, dass sie immer nur einen kleinen Teil der Welt sehen, also tasten sie sich vorsichtig voran.«

Wieder nickte der Schüler bedächtig, und der Meister hoffte, dass er verstanden hatte.

Wer das doof findet, der ist doppeldoof

Wenn Sie die Nachrichten im Staatsfunk betrachten, erfahren Sie, was die Regierung so tut und warum die Opposition doof ist. Übers Ausland erfahren Sie, dass Trump doof ist. Und vom Wetter erfahren Sie, dass es doof ist, und dass der »Klimawandel« schuld dran sein soll, und dass wir deshalb CO₂-Ablass zahlen sollen, und dass wer das doof findet, doppeldoof ist. Andere Nachrichten erfährt man anderswo, besonders im Internet, wenn man sucht (also der Großteil des Volkes erfährt es nicht, das ist ja der Sinn eines Staatsfunks), und dazu gehören gewisse Bilder aus gewissen Staaten.

Der verifizierte Twitter-Account »Imam of Peace« (@imamofpeace) postet aktuell die Video-Aufnahme eines Mädchens, das heftig weinend auf der Schwelle einer Tür zusammenbricht (viele weitere Accounts posteten das Video ebenfalls).

Im Tweet wird das Video so erklärt:

»Iran: 13-yr-old cries outside prison where her dad is sentenced to death for converting to Christianity.
“God help me! I haven’t seen my dad in 4 years. Oh god, Let me see him. Can’t live without him. Don’t kill my dad! Kill me instead…”« (@imamofpeace, 29.11.2019)

Auf Deutsch etwa so:

»Iran: 13-Jährige weint vor einem Gefängnis, wo ihr Vater zum Tod verurteilt wurde für den Übertritt zum Christentum.
“Gott, hilf mir! Ich habe meinen Vater seit vier Jahren nicht gesehen. Oh Gott! Lass(t) mich ihn sehen. Ich kann nicht ohne ihn leben. Tötet nicht meinen Vater. Tötet mich an seiner Stelle…” (@imamofpeace, 29.11.2019, meine Übertragung aus dem Englischen)

Während ich selbst die Authentizität des Videos nicht prüfen kann, habe ich keine ernsthaften Bedenken daran gefunden. Iran ist nicht nur ein Handschlag-Foto-Partner der Merkel-Maas-Regierung (siehe etwa tehrantimes.com, 16.6.2019), sondern auch ein Land, in dem die Todesstrafe gilt, und zwar unter anderem für solche »Verbrechen« wie Homosexualität, Blasphemie und Apostasie, also eben den Austritt aus dem Islam (für die vollständige Liste siehe englischsprachige Wikipedia: »Capital Punishment in Iran«, für viele einzelne Berichte einfach nach apostasy und iran googeln).

Es ist die eine Sache, von den Zahlen und den eiskalten Fakten zu lesen, und wenn man dazu sieht, wie Deutschlands Peinlichminister die Hand Irans schüttelt, dann könnte man gewisse Gefühle entwickeln, die nahtlos zu den übrigen Gefühlen für Merkel und ihre Schemelhalter passen. Schließlich aber zu sehen, wie ein Mädchen heftig weinend zusammenbricht und um das Leben ihres Vaters fleht, selbst bereit, ihr eigenes dafür zu geben – das ist eben doch eine andere Stufe.

Jedoch, eine »Haltung«, die Ideologie über Menschenleben stellt, die ist nicht exklusiv im Iran vertreten. Es gab sie auch schon in Europa, es gibt sie auch heute, noch und wieder.

Vor einigen Tagen hat ein junger Mann namens Usman Khan zwei Menschen in London erstochen. Die Behörden werten es als Terroranschlag (siehe etwa guardian.com, 1.12.2019: »Usman Khan was freed. Then he went on a killing spree.«). 

Frau Serap Güler, Vorstandsmitglied der Merkel-Partei und Staatssekretärin für Integration der CDU-FDP-Regierung in NRW, kommentierte es so:

»Weiß wieder mal nicht, was Schlimmer ist: Die schrecklichen Messerattacken in #London & #DenHaag mit Toten & Verletzten od das, was hier abgeht: Nicht der Fokus auf die Opfer, sondern die Frage nach Täterherkunft, verbunden mit der Hoffnung, eigenes Weltbild bestätigen zu können?« (@SerapGueler, 29.11.2019 in dieser Rechtschreibung/archiviert)

Im Anschluss schob sie noch lustlos hinterher: »In Gedanken bei den Opfern & ihren Hinterbliebenen. Bete für die Verletzten.« – Ich bin ganz sicher, dass sie wirklich betet und das nicht bloß als Floskel daher sagt. 

Die Staatssekretärin für Integration der CDU-FDP-Regierung in NRW weiß nicht, was schlimmer ist: Die Ermordung unschuldiger Menschen im Namen einer Ideologie – oder die Debatte über den Mörder und seine Ideologie.

 Der inhaltliche Kern der Äußerung von Frau Güler steht international nicht allein da. In einer Reihe von Ländern weltweit ist ein Menschenleben weniger wert als die Ideologie.

Was würde Frau Güler dem Mädchen sagen, das im Iran um das Leben ihres Vaters fleht? Würde sie ihr zum Vorwurf machen, dass ihr Weinen dazu beiträgt, Iran und Islam schlecht dastehen zu lassen?

Die Werte, welche Frau Güler aus dem CDU-Vorstand als schnelle und ehrliche Reaktion offenbart, sind diametral entgegengesetzt zu meinen Werten, die sich aus der Aufklärung, der Bibel (in moderner Interpretation, kein Zweifel) und einem Hauch asiatischer Weisheit speisen. Ich bekenne mich: »Nichts ist wichtiger als das Leben«. Gutmenschen (»Gutmenschen riskieren das Leben anderer Leute«), Ideologen und wohl auch gewisse Politiker sehen das augenscheinlich anders.

Was für eine Zukunft hat dieser Kontinent? Oder, um es mit der Meistergeschichte aus »Grenzen? Pfft… Drehtüren!« zu sagen: Wohin wird der Apfel rollen? – Eine neue Umfrage aus Österreich zeigt, dass die Hälfte der dortigen afghanischen Jugendlichen sich einen »religiösen Führer« wünschen (kleinezeitung.at, 2.12.2019) und de facto einen Gottesstaat, da sie die Regeln des Islam über die der Demokratie stellen (heute.at, 30.11.2019), dass sie »Gewalt als legitimes Mittel zur Herstellung von Ehre und Respekt« betrachtet. Etwa drei Viertel finden, »dass der Mann für alle größeren Entscheidungen zuständig sein sollte« und etwa zwei Drittel, so die Berichte über diese Umfrage, sehen »Juden als Feinde aller Muslime« (krone.at, 30.11.2019).

Man könnte vermuten, dass Frau Güler vom CDU-Vorstand die Berichte und die Sorge über solche Studien womöglich schlimmer findet als die Inhalte selbst.

Leid vermeidend und Gutes mehrend

Gutmenschen sind Leute, die sich mit Moral den Verstand und das Gewissen wegsaufen. Der Unterschied zwischen Gutmenschen und tatsächlich Betrunkenen ist, dass der Betrunkene oft weiß, dass er betrunken ist, und er ist durchaus dankbar, wenn ein Nüchterner ihn nach Hause fährt. Der Gutmensch ist wie ein Betrunkener, der leugnet, besoffen zu sein, und die Nüchternen fürs Nüchternsein hasst.

In unserer heutigen Geschichte treffen der Meister und der Schüler erst auf einen Blinden, der sich seines Blindseins bewusst ist, und dann auf einen Betrunkenen. – Was die Zukunft angeht, sind wir Menschen und Völker alle blind (wir kennen ja die so lustige wie wahre Redensweise: »Vorhersagen sind bekanntlich schwer, besonders wenn sie die Zukunft betreffen«), doch es gibt einen großen Unterschied zwischen den Vernünftigen und den Gutmenschen!

Der Vernünftige nutzt die Lehren der Geschichte, er weiß, wie wenig er weiß, also versucht er zumindest das wenige, das er wissen kann, bestmöglich abzusichern und die Zusammenhänge zu verstehen, und dann tastet er sich vorsichtig vorwärts, Leid vermeidend und Gutes mehrend.

Der Ideologe, der Gutmensch und die übrigen Fanatiker, sie sind jeder besoffen von ihrem jeweils eigenen Rauschgift, und sie torkeln in die Zukunft, weit blinder als ein Blindgeborener, und wenn sie in den Graben fallen, dann schimpfen sie, dass es die Schuld der Nüchternen sei, den Graben dorthin gebaut zu haben.

Ach, wenn die Gutmenschen und Ideologen immer nur selbst in den Graben fielen, doch sie ziehen auch immer wieder Unschuldige hinein, sie verführen die Wankelmütigen, sich am selben Gift zu berauschen. Sie haben Milliarden von Euro und Körbe voller süßer Lügen, die sie Abend für Abend in die Haushalte der Republik ausschütten.

Vorsichtige Blinde sein

»Immerzu prüfen, wohin man geht, das ist das Augenlicht des Blinden«, so sagt der Meister in der Geschichte. Wir können ergänzen: »Zur Vorsicht gehört heute auch, den Betrunkenen auszuweichen.«

Europa wankt in die Zukunft, betrunken von Ideologie, gelähmt von selbstgewählter Dummheit. Lasst uns vorsichtig sein.

Vorsicht ist das Augenlicht des Blinden, und wenn sich die Vorsicht mit Erfahrung und feinem Gehör paart, wird es der Blinde weiter schaffen als der Betrunkene.

Wir sind Blinde, das ist wahr, doch lasst uns vorsichtige Blinde sein. Durch Vorsicht wird der Blinde weniger blind. Ja, das erscheint mir heute als ein erstrebenswertes Ziel: Lasst uns etwas weniger blind sein!

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