Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: Weder der Duden, noch irgendwelche Professoren oder ein Wahrheitsministerium »definieren« wirklich, was ein Wort »bedeutet«. Selbst der frühere Gebrauch eines Wortes legt nicht fest, was es heute besagt. Was ein Wort heute »bedeutet«, das ergibt sich aus unser aller heutigem Gebrauch.

Die Bedeutung von Worten kann sich über die Zeit ändern. »Geile Triebe« etwa war einst ein Begriff in der Botanik. Ich meine, mich zu erinnern, sogar via Kirchenlied von »geilen Trieben« mitgesungen zu haben.

Kein Wort ist endgültig definiert. (Außer in Fachsprachen. Dort ist es eine verhandelbare Vereinbarung unter Fachleuten.)

Auch das Wort »Lügenpresse« ist nicht definiert. Diese Nichtdefinition bewirkt ein wenig geiles, pardon: fruchtbares Hin- und Her.

Was bedeutet das Wort »Lügenpresse«?

Ich möchte postulieren, dass man grob zwei Bedeutungsarten festmachen kann:

  1. »Lügenpresse« bedeutet, dass Leitmedien gelegentlich in politisch wichtigen Themen die Berichterstattung mindestens so »framen«, dass beim Hörer ein zugunsten der Regierungsabsicht verzerrtes Bild der Wahrheit entsteht.
  2. »Lügenpresse« bedeutet, dass alle deutschen Journalisten zu jeder Zeit das Gegenteil der Wahrheit sagen, wie jene paradoxen Kreter.

In Debatten zwischen unzufriedenen Machtsubjekten und mächtigen Journalisten erleben wir immer wieder, dass der kleine Bürger die erste Definition zu meinen scheint, während der Journalist die zweite als Strohmann verwendet.

Die erste Definition, wonach staatsnahe Journalisten gelegentlich die Fakten zu ihren politischen Zwecken »framen«, nichtberichten oder mindestens wahrheitsschludrig vorgehen, ist spätestens seit Köln Hauptbahnhof offenbar. (Es ist eine »Lüge«, Fakten wegzulassen oder emotional so aufzuladen, dass sie nicht sinnvoll zu diskutieren sind.)

Die zweite Definition, wonach alle Journalisten allezeit lügen, ist eine Strohmann-Behauptung, die Verteidiger staatsnaher Medien ihren Kritikern unterstellen. Es ist lächerlich. Niemand behauptet das. Aber Journalisten halten sich für schlau, wenn sie diesen Strohmann argumentativ niedermetzeln.

Also, liebe Journalisten, wenn Sie über die Begriffe »Lüge« und »Lügenpresse« reden, lügen Sie nicht! (Oder versuchen Sie wenigstens, die Absicht Ihres Gegners, des Lesers, einigermaßen ehrlich abzubilden.)

Widerspruch? Gern! Zum Beispiel auf Twitter oder Facebook!