Warum ich kein Linker sein kann – eine »spirituelle« Begründung

Ich kann kein Grüner sein. Ich kann kein »Linker« sein im heutigen Sinne. Der Grund: Ich halte die Würde des Menschen für das höchste politische Gut. Keine Ideologie und kein politisches Ziel rechtfertigen es, einen Menschen zum bloßen Mittel eines vermeintlich höheren Ziels zu machen.

Ich sehe, wie Grüne und gewisse Linke ihre Gegner angreifen, unter Missachtung allen Anstandes als Demokraten oder auch nur als Menschen, und mir wird klar: Das bin nicht ich, das kann und will ich nicht sein. Ich will über einen aktuellen Fall in Frankfurt sprechen, doch zunächst zwei Exkurse.

Exkurs 1 von 2: Gretchenfrage

Gelegentlich werde ich gefragt, wie ich es denn mit der Religion halte. Christen meinen, ich sei Christ, und sind dann irritiert, wenn ich die Fahne des Säkularismus hochhalte (und bei Gelegenheit, aber weniger, die des Atheismus). Atheisten begrüßen mich als Mit-Atheisten, und sind dann irritiert, wenn ich heilige Schriften und Worte dieser oder jener Religion zitiere, um einen Punkt zu erläutern.

In Goethes Faust stellt Gretchen die nach ihr benannte Gretchenfrage: »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.« – Ich will mein Bestes geben, redlich und eindeutig zu antworten.

Der Mensch hat die Möglichkeit, sich seines Verhältnisses zum »Großen Ganzen« bewusst zu werden, also zu allem Existierenden und dessen Strukturen insgesamt; manche nennen dieses Bewusstwerden »Spiritualität«. Nein, ich glaube nicht, dass Götter, ob Menschen sie Zeus, Osiris, Shiva oder sonstwie nennen, echt sind in dem Sinne, wie die Hand vor meinen Augen echt ist. Zugleich sind religiöse Narrative, die eben diese Götter und Geisteswesen einsetzen, das bislang in der Breite wirksamste Werkzeug für den Einzelnen, sich seines Verhältnisses zum »Großen Ganzen« bewusst zu werden.

Während Ethik ohne Religion durchaus möglich ist – ja, sogar besser möglich ist (meinen eigenen Ansatz finden Sie in Relevante Strukturen), scheinen mir die Erzählungen der Religionen doch für besser geeignet, sich fühlbar in Verbindung mit den großen Zusammenhängen zu stellen.

Wenn ich nun etwa Jesus zitiere, dann nicht weil Christen ihn als Gott ansehen. Ich zitiere ihn, und andere von seinem Kaliber, weil diese Aussagen sich bewährt haben, wenn Menschen sich selbst in Verhältnis und Harmonie zu größeren Zusammenhängen stellen wollten.

Exkurs 2 von 2: Liebe deinen Nächsten

Jesus sagt (in Markus 12:31): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« (Er selbst zitiert damit die jüdischen Schriften. Wir finden es in 3, Mose 19:18 wieder. Er zählt es als eins von zwei »wichtigsten« Geboten auf. Das andere fordert, Gott mit allem was man hat zu lieben.)

Eine interessante Rückfrage wäre: Warum? Warum soll ich meinen Mitmenschen lieben?

Erlauben Sie mir, im Geist und in Fortführung obiger Erklärung zur Gretchenfrage, eine esoterisch angehauchte Antwort: Weil er du ist.

Was den Menschen, der mir begegnet, zum Menschen macht, ist dieselbe Qualität, die mich zum Menschen macht. Er ist Mensch, nicht (nur) weil er eine ähnliche Biologie hat wie ich (das haben Affen und sogar Schweine zum Teil ebenso), sondern weil er ein ähnliches Bewusstsein und ein ähnliches Seelenleben erlebt wie, weil er schlicht genauso wie ich »Teil der Menschheit« ist, sprich: weil er von Menschen geboren wurde und weil er zumindest potentiell selbst beitragen kann, unser gemeinsames Projekt »Menschheit« voranzubringen.

Jeder Mensch, dem ich begegne, ist ein Spiegel meiner selbst. Sicher, für den freundlichen Nachbarn lässt sich das leicht sagen, doch können wir ertragen, dies auch über den von der NPD aufgehetzten Neonazi oder den vom ZDF aufgehetzten Linksfaschisten zu sagen? Es ist schwer, ich weiß.

Ich selbst versuche (ich bin da allerdings nicht unfehlbar), stets die Handlung und Denkweise, aber nicht den Menschen anzugreifen.

Wenn ich den Menschen beschimpfe, beschimpfe ich mich selbst.

Wenn ich den Menschen verachte, verachte ich die Menschheit selbst.

Wenn ich die Dummheit, das Nichtdenken und die freiwillige Blindheit angreife, greife ich auch meine eigene Dummheit an.

Wenn ich allerdings die Würde des Mitmenschen angreife, ist es stets auch meine eigene Würde, die Schaden nimmt. (Insofern dient Art. 1 GG auch dem Selbstschutz – auch.)

Das Ereignis

Die politische Stimmung in Deutschland heizt sich unter Merkel wöchentlich stärker auf. Man will ja Gemeinsames sehen und Brücken bauen, doch der Graben wird nicht wirklich kleiner. Die Wegschauer stehen vs. die Hinschauer, die Traumtänzer vs. die Realisten, die Selbsthasser vs. die Bewahrer, suizidale Ideologen vs. die Einfach-nur-leben-Woller.

Für die Seite, die sich traditionell »links« nennt, zählt die Würde des Einzelnen in letzter Zeit wieder erschreckend wenig. Einzelne Verirrte gibt es überall, die Verirrten auf linker Seite allerdings finden erschreckend viel Unterstützung »von oben«.

Jüngstes Beispiel ist der Fall der Frankfurter Grünen Kreisgeschäftsführerin (also mehr als nur »einfaches Mitglied«) Daniela Cappelluti.

Vergangenes Wochenende gewann der Fußball-Verein Eintracht Frankfurt den DFB-Pokal. In der Frankfurter Altstadt tummelten sich Frankfurter im Siegesrausch. Die Grüne Cappelluti war mit im Sieg-Rausch. Doch etwas verdarb ihre Sieg-Stimmung.

Sie traf den AfD-Vorsitzenden Gauland. Sie sah ihn, wie er eine Treppe hinaufging. Der ältere Herr Gauland hatte eine weibliche Begleitung dabei, welche an Stöcken ging. Die Grüne griff zu ihrem Handy und begann zu filmen, doch sie filmte nicht nur, sie zeterte auch los. Auf dem Video sehen wir, wie Gauland und Begleitung kurz zu Feiernden über einen Zaun schauen, und sich dann aufmachen, die Treppe hoch zu steigen. Mit gemächlichem Tempo, wie ältere Leute es tun. Die Grüne filmte und man hört ihre Stimme: »Ich würde Sie bittes, die Altstadt Frankfurt zu verlassen.«, »Wir haben den besten Präsidenten …«. Die Begleitung ermahnt sie: »Schreien Sie mal nicht rum…« – Die Herrschaften gehen weiter, die Grüne scheint empört darüber, weitgehend ignoriert zu werden, und ihre Stimme überschlägt sich. Andere Stimmen ein: »Werft ihn raus, werft ihn raus.« (Das Video ist leicht googlebar.) Sie stellt ihr Filmchen in die Sozialen Medien, mit dem Kommentar, sie habe Gauland erfolgreich aus der Altstadt vertrieben. Später soll sie behauptet haben: »Dieser Arsch darf heute nicht dabei sein.«

Die Grünen-Funktionärin erhielt reichlich Social-Media-Applaus für die öffentliche Demütigung eines älteren Politikers und seiner Begleitung. Ihre Partei aber sagt, solches Verhalten entspreche nicht grüner »Streitkultur« (faz.net, 22.5.2018), doch so richtig distanzieren will man sich auch nicht. Die Grünen-Funktionärin habe als »Privatperson« und im »Überschwang der Gefühle gehandelt«. (Wir alle wissen, wie wenig Verständnis man für »Überschwang der Gefühle« hätte, wenn ein Merkelkritiker gegen einen Merkelfan gepöbelt hätte.) Es erinnert an die wenig glaubwürdigen Äußerungen des ZDF zu den Nazi-Methoden ihres Star-Moderators, die angeblich »privat« sind, aber im TV beworben werden. Es erinnert an die »Künstler«, welche das Wohnhaus eines Oppositions-Politikers belagern und dessen Familie einschüchtern. Es erinnert an »Aktivisten«, die das private Haus eines Polizisten belagern, in dem sich nur seine Frau und Kinder befinden.

Als »links« noch »auf der Seite der Schwächeren« bedeutete, wäre ich links gewesen. Heute bedeute »links« das Gegenteil: Sogenannte »Linke« dienen sich Milliardären als Propagandisten an. Linke bedrohen Andersdenkende und ihre Familien. Linke prügeln auf Demonstranten ein, die es wagen, ihr demokratisches Grundrecht auszuüben und gegen diese Regierung zu sein.

Ich könnte heute nicht links sein. Grüner könnte ich schon gar nicht sein, denn die politische Richtung der Grünen ist heute schlicht der totalitäre Infantilismus. Für heutige Linke sind Grundgesetz und Würde nur der Zug, auf den sie aufspringen, bis sie am Ziel sind: die Unterwerfung aller Andersdenkenden, der totale Gehorsam.

Ich mag Gehorsam als erste Motivation wirklich, wirklich nicht. Gehorsam ist eine Eigenschaft, die selbst ein Stein kopieren kann, wenn er ins Tal rollt, zerstörend und zermalmend, und doch dabei den Naturgesetzen »gehorsam«.

Wenn ich den anderen in seinem Verhalten kritisiere, kritisiere ich auch mich. Indem ich die Würde des anderen Menschen aufrecht erhalte, hoffe ich, auch meine eigene Würde intakt zu lassen.

Ich glaube daran, dass jeder Mensch, dem ich begegne, auf eine (von mir aus: »spirituelle«) Art auch ich selbst ist.

Ich ringe, Text um Text, mit der Frage, wie wir als Gesellschaft zusammenkommen. Die Fragen der Zukunft sind zu brennend, als dass wir uns mit läppischen grünen Hass-Videos aufhalten sollten.

Heute ist mein Vorschlag dieser: Greift das Verhalten und die Ideologie des Anderen an – am Tag, in der Nacht und durch die Dämmerung hindurch! Doch – und da sind wir wieder bei Jesus – behandelt ihn nie, wie ihr nicht selbst behandelt werden wollt.

Das ist also, warum ich kein Grüner und kein Linker sein kann: Ich gebe mein Bestes, meinen Nächsten zu lieben, auch aus dem Verdacht heraus, dass er auf eine esoterische Art ich ist.

Oder, kürzer: Liebe deinen Nächsten, denn er ist du.

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