23.8.2019

Wahr und falsch sind keine Frage der Perspektive

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Alexander Andrews
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Afghanischer Mitmensch (Asylantrag 2018 abgelehnt, so Bericht) tritt müder Krankenschwester ins Gesicht. – Die simple Frage, die heute gefürchtet, verteufelt und bekämpft wird: Wäre es auch dann passiert, wenn er sich nicht in Deutschland befunden hätte?
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Eine für Ihre »Haltung« bekannte Dame vom Staatsfunk postete vor Jahren auf ihrem Twitter-Feed eine Kombination von Text und Cartoon, die sie nun schon lange Zeit oben auf diesem Feed »angeheftet« hat. Ich selbst hefte bei Twitter stets den jeweils aktuellen Essay oben an, denn das ist, was meine Sicht auf die Welt an dem Tag zusammenfasst. Man heftet bei Twitter oben an, wovon man möchte, dass Besucher es auf den ersten Blick sehen, eine Art Visitenkarte, ein erster Eindruck, und damit eine öffentliche Selbstdefinition.

Der angeheftete Tweet jener Dame vom Staatsfunk enthält als Bild einen Cartoon, worauf zwei Männchen sich gegenüberstehen. Beide Männchen zeigen auf ein Symbol am Boden, und der eine sagt, auf Englisch, »SIX« und der andere »NINE«. Tatsächlich ist das Symbol von der Art, dass es als Sechs oder als Neun interpretiert werden könnte. Als Text steht darunter (in meiner Übersetzung): Nur weil du richtig liegst, bedeutet nicht, dass ich falsch liege. Du hast nur nicht das Leben aus meiner Perspektive gesehen. (Sie finden den beschriebenen Tweet bei @dunjahayali, 23.11.2016, und hier archiviert, falls auch Sie von Frau H. auf Twitter geblockt wurden.)

Aktuell wurde jener Tweet über zweitausend Mal geteilt und über sechstausend Accounts favorisierten ihn (»like«). Die Kernaussage des Cartoons ist, dass es kein »richtig« und kein »falsch« gibt, also keine Wahrheit, sondern dass Wahrheit vielmehr gefühlt wird und aus einer Perspektive heraus gesehen werden muss. (In den Kommentaren wird Frau H. auf logische Probleme hingewiesen, und sie macht es nur noch schlimmer, aber wir kommen noch darauf zurück!)

Das Ohr derer da oben

Wenn Politiker und Journalisten sich volksnah geben wollen, reden sie von den Krankenschwestern, die doch viel mehr Dankbarkeit und Anerkennung verdienen. Es bleibt beim Reden. Krankenschwestern haben keine Lobby.

In der »guten alten« Zeit waren Schlagzeilen nicht so ein Klickdreck wie Online-Überschriften es heute oft sind. Früher, als »Journalist« noch kein Schimpfwort war, da fassten die Schlagzeilen den folgenden Text aussagekräftig zusammen. Doch, es gibt sie auch heute noch, den alten Journalistenmut, die alten Tugenden und damit auch die mutigen Schlagzeilen, so wie früher. – Wir lesen:

Brutale Attacke in München – Besoffener Afghane (20) tritt Krankenschwester ins Gesicht – Sein Asylantrag wurde 2018 abgelehnt (bild.de, 22.8.2019)

Der jungen Mann beschrieb seine Motivation so:

»Ich suche eine Frau zum F…en!« (bild.de, 22.8.2019)

Nein, Krankenschwestern, die müde von der Nachtschicht kommen, haben wohl wenig Lobby bei den großen Damen und Herren. Das Herz und das Ohr derer da oben, so könnte man fast fürchten, das haben ganz andere Leute – oder, wie Frau H. vom Staatsfunk sagt: Es kommt auf die Perspektive an!

Trotz der Schlangenlinien

Der Cartoon, den Frau H. teilte, drehte auch von ihr unabhängig die weltweite Runde in den üblichen linken Online-Zirkeln, dort also, wo Wahrheit »gefühlt« wird und Fakten »nur mit dem Herzen gut« gesehen werden. Der Cartoon wird nicht nur geteilt, er teilt auch, er spaltet – er spaltet die Leserschaft in jene, welchen es geradezu Euphorie bereitet, eine Rechtfertigung zu haben für einen vollständig beliebigen Wahrheitsbegriff – und jene, wie mich, die sich der Beliebigkeit und sogenannten »gefühlten Wahrheit« verweigern. Der Cartoon mag schon älter sein, doch seine spalterische Kraft wirkt noch immer. Aktuell findet man etwa auf 9gag.com, einer Website für Humor und visuelle Zitate (das ist, wie ich hier »Meme« übersetze/erkläre), eine widersprechende Variante jenes Cartoons.

In der aktuellen 9-Gag-Variante (siehe 9gag.com, 22.8.2019) des Cartoons sagt noch immer ein Männchen »SIX« und das andere »NINE«, doch das erste Männchen ergänzt anschließend: »Ich bin derjenige, der das geschrieben hat, guter Mann!« (Ich habe es hier ins Höfliche übertragen, es ist dort derber formuliert.)

Selbstverständlich ist es nicht sinnvoll möglich, dass »dieses Symbol bedeutet sechs« und »dieses Symbol bedeutet neun« gleichzeitig möglich sind, egal wie toll tausende Staatsfunk-Zuschauer diese Art von »Wahrheit« auch finden mögen.

2017, etwa ein halbes Jahr nach ihrem Posting, wird Frau H. gefragt: »Wenn’s nur so einfach wäre … (Soll das heißen, die Rechten haben deiner Meinung nach auch recht?)« (@BernardGollas, 23.3.2017, archivierter Thread)

Man meint beinahe, die Panik in der Antwort von Frau H. zu lesen: »nein. natürlich nicht. aber ihre perspektive, wie sie zu ihr gekommen sind, das interessiert mich!«

Moment, »die Rechten« haben »natürlich« nicht recht? Frau H. versucht hier Variationen des letzten großen rhetorischen Tricks, den Merkel, Haltungsjournalisten et cetera noch einigermaßen wirksam einsetzen können; sie reduziert die Position des Gegners auf psychologische Effekte. »sind sie (sic) verbittert?« wirft sie einem anderen Kritiker entgegen. Es ist das immer gleiche Spiel; dem Gegner negative psychologische Eigenschaften zuzuschreiben, und sei es angedeutet oder via Frage, ist natürlich einfacher als zu argumentieren – man muss es ja auch nicht, wenn man als prominenter Staatsfunker von einer Machtposition heraus argumentiert.

Alle argumentativen Schlangenlinien können nicht ein simples Faktum umschiffen: Ein Symbol stellt entweder sechs dar, oder neun (oder natürlich etwas ganz anderes, klar), und aus dem Kontext (etwa der Tatsache, wer es geschrieben hat), lässt sich praktisch immer ableiten, welches von beiden richtig ist, und das andere damit eindeutig falsch.

Die erste Antwort der Frau H. ist allerdings verräterisch: Kann ein Rechter richtig »auch recht« haben? – »natürlich nicht.« – Das stellt den ersten Tweet in einen ganz eigenen Kontext: Wenn Rechte »natürlich nicht« richtig liegen können, muss man dann eben nur  die Fakten auf den Kopf drehen, so lange, bis sie das ergeben, was man für wahr halten möchte?

Das 99-66-Spiel

Wenn ein junger Mann aus Übersee eine Krankenschwester ins Gesicht tritt, dann werden uns Haltungsjournalisten reflexartig erklären, dass auch Deutsche schon mal »eine Frau zum F…en« suchen und dann müden Krankenschwestern ins Gesicht treten könnten, dass der mutmaßliche Täter gewiss eine schwierige Jugend hatte – wir kennen es. Die Phantasie der Beschwichtiger ist so weit wie ihre argumentative Redlichkeit schmal ist.

Wir erleben derzeit etwas, das als »Krieg der Wahrheiten« nicht vollständig falsch beschrieben wäre. Ein aktuelles Beispiel sind die Geschehnisse im Düsseldorfer Rheinland. Auf der einen Seite stehen die Beschwichtigungen des Staatsfunks (siehe etwa tagesschau.de, 8.8.2019 bzw. wdr.de, 8.8.2019 – man deutet u.a. eine »Strohmann-Strategie« an, und man »widerlegt«, dass es zu »Terror« gekommen sei) – und dem gegenüber etwas die Schilderungen des Bademeisters vor Ort (bild.de, 23.8.2019: »Bademeister aus Düsseldorfer Rheinbad berichtet: ›Man droht mir: Ich töte dich!‹«).

Allen »Perspektivwechseln«, aller »gefühlten Wahrheit« und allem sonstigen Staatsfunk-Geschwurbel zum Trotz, der harte Fakt bleibt: Jedes Mal, wenn ein »junger Mann«, der eigentlich gar nicht hätte einreisen dürfen oder der schon längst hätte abgeschoben werden sollen, jedes Mal wenn so ein Mitmensch zutritt, zusticht oder zulangt, dann ist leider eben auch wahr, dass es in einem auch gegenüber Nichtbürgern voll funktionsfähigen Rechtsstaat nicht dazu gekommen wäre.

Mancher Deutsche, der heute von seiner Hungerrente knabbert, der Tag für Tag malochen geht und die Hälfte vom Lohn gleich wieder abgeben muss, mancher Unternehmer, der jahrelang 15 Stunden am Tag unter persönlichem Risiko arbeitet, nur um etwas aufzubauen, und dafür dann von der Politik als reicher Faulenzer beschimpft wird, und mancher, der von Behörden in absurde Papierschlachten verwickelt wird, während Drogendealer frei herumspazieren, ja, mancher davon fragt sich im zynischen Scherz, ob es nicht einfacher wäre, seinen Pass in den Müll zu werfen und sich zum minderjährigen Flüchtling zu erklären.

Nein, es ist definitiv und absolut und garantiert nicht möglich, dass ein Symbol gleichzeitig »sechs« und »neun« bedeutet, und wenn die Tausenden von Gutmenschen es wirklich ernst damit meinen, dann fordere ich sie hiermit auf, mir 99 Euro zu leihen, und ich drehe dann den Schuldschein um und gebe ihnen 66 Euro zurück, und das Spiel werden wir jeden Tag hundert mal spielen, und wenn die Gutmenschen nicht mitspielen wollen, dann kann das nur daran liegen, dass diese Gutmenschen in Wahrheit rechtsextreme Rassistennazipopulisten sind.

Wenn man Einreisende aus Nordafrika nicht fast wie Diplomaten ungeprüft ins Land zu lassen würde, so sie nur keinen Pass haben, und wenn man sie später ausweisen würde, wie eigentlich vorgesehen, dann würde es weniger Opfer geben – das ist eine simple Tatsache, die man nur durch rhetorische Taschenspielertricks aus der Debatte herausbekommt, oder ähnlich wie im von Frau H. verbreiteten Cartoon, durchs »Auf-den Kopf-Stellen« der Fakten.

Tief ins Fleisch

Glaubt nicht den Leuten, welche implizieren, es sei eine Frage der »Perspektive«, ob eine Zahl »neun« oder »sechs« bedeutet. Wenn man es nicht weiß, muss man den Kontext betrachten, und aus dem ergibt es sich eindeutig, oder man weiß es eben nicht. Glaubt nicht den Leuten, die euch ins Gesicht sagen, was ihr erlebtet, was eure Freunde erlebten, was in den Straßen und Bahnhöfen, in den Schulen und Schwimmbädern passiert, das alles sei unwahr. Und, auch weiterhin wichtig: Prüft sehr genau, ob ihr den Gesinnungsethikern und Manipulatoren darin folgen wollt, dass eine moralische Entscheidung schon dadurch gerechtfertigt sei, dass sie sich im Moment des Ausrufens gut anfühlt – damit haben sich schon andere Generationen ins Fleisch geschnitten, ganz tief ins Fleisch, und nicht nur ins eigene.

Es gilt, auch weiterhin: Wenn die Realität und deine Meinung über die Realität im Konflikt stehen, dann wird die Realität am Ende gewinnen.

Die Realität gewinnt immer, ohne Ausnahme und ohne Erbarmen. Freunde dich mit der Realität an, besser gestern als heute – besser heute als morgen.

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