Ja, man kann zum eigenen Vorteil handeln und dennoch Prinzipien hochhalten

Herr Repinski (ca. 40) trägt auf seinen Profilfotos einen grauen Anzug aus gutem Stoff, halblange Haare und einen Zwei-Wochen-Bart. Das zeigt, dass er gleichzeitig junggeblieben und seriös ist. Herr Repinski ist Journalist. Er hat für Der Spiegel und Die TAZ geschrieben. Herr Repinski ist Journalist! Er hat Preise gewonnen, zum Beispiel etwas von einer IG-Metall-nahen Stiftung. Er arbeitet für das RedaktionsNetzwerk Deutschland, in welchem der gelegentlich auch in der Politik dilettierende SPD-Konzern mit drinhängt. Herr Repinski ist Journalist!!! Wer heute einen Text zum Thema deutscher Schablonen-Journalist 2018 schreiben wollte, der wäre gut beraten, den seriös-jugendlichen Herrn Repinski zur Prototypen-Illustration einzusetzen.

Am 4.6.2018 twitterte Repinski einen jener Sätze, die allein und für sich das ganze Problem der tapfer andauernden Journalismuskrise be- und ausleuchten. Ich will ausführlich zitieren!

Der Tweet selbst:

Die ganze Widersprüchlichkeit des Rechtspopulismus in wenigen Sätzen. #Strache #Seehofer
– @GordonRepinski, 4.6.2018

Im Tweet ist ein Bild eingebunden. Es ist der Screenshot des Auszugs aus einem Artikel:

Der österreichische Vizekanzler Strache hat Deutschland vor der Zurückweisung von Flüchtlingen gewarnt. Man werde keine Lösung akzeptieren, die zu Lasten Österreichs gehen, sagte der FPÖ-Politiker der „BILD“-Zeitung. Man wolle nicht für die Fehler der deutschen Politik bestraft werden. Zugleich lobte er die Haltung der CSU, die sich in der Flüchtlingspolitik der Position der FPÖ angenähert habe. Strache
– Der Auszug bricht nach »Strache« ab. @GordonRepinski, 4.6.2018

Wo sieht Herr Repinski da einen Widerspruch? Das ist nicht nur eine rhetorische Frage! Ich will versuchen, den Widerspruch zu verstehen.

Strache sagte, erstens, dass man keine deutsche Grenzlösung zu Lasten Österreich akzeptieren werde.

Strache sagte, zweitens, dass die CSU sich der FPÖ in Sachen Flüchtlingspolitik angenähert habe und lobte die Haltung der CSU.

Und das, sagt der Journalist, soll ein Widerspruch sein! Wenn ich ihn richtig verstehe, steht es im Widerspruch, Prinzipien zu haben und andere für dieselben Prinzipien zu loben, selbst wenn die Anwendung mir kurzfristig zum Nachteil geraten könnte.

Es kann helfen, drei Beispiele aus anderen Gebieten zu betrachten:

  1. Ein Arzt versucht, der beste Arzt zu sein, zumindest der beste in seinem Einzugsgebiet. Der Arzt verlangt von sich, der bestmögliche Arzt zu sein – doch er verlangt dasselbe auch von allen seinen Kollegen! Jede Praxis ist auch ein Wirtschaftsbetrieb. Damit steht jeder Arzt in Konkurrenz zu allen anderen Ärzten! Ärzte haben Mitbewerber, doch sie haben auch Prinzipien, auf denen sie bestehen, selbst wenn sie ihnen zum Nachteil sind.
  2. Ein Unternehmer steht in Konkurrenz zu allen seinen Konkurrenten (oder, wie man heute sagt: zu seinen Mitbewerbern). Ein seriöser, nachhaltig denkender Unternehmer versucht, das beste Produkt im Markt zu einem profitablen Preis anzubieten – doch er respektiert nur jene Mitbewerber, die genau dasselbe versuchen wie er!
  3. In eigener Sache: Ich versuche, das Zeitgeschehen präziser und lesenswerter zu beschreiben als irgendein anderer Autor. Es gibt Autoren, die exakt dasselbe versuchen, auf ihre Weise. Je öfter es ihnen gelingt, präziser und besser geschrieben zu haben als ich, um so mehr schätze ich sie. (Einige der Co-Autoren finden Sie samt ihrer neuesten Texte auf /freie-denker/!)

Als die US-Kette Starbucks komplett veränderte, was Menschen weltweit als akzeptablen Preis für Kaffee betrachten würden, fürchteten manche, Starbucks würde dabei den Markt für städtische Cafés komplett an sich reißen und damit strangulieren. Zur positiven Überraschung vieler Kaffeekenner passierte das Gegenteil. Starbucks hatte nicht nur den akzeptierten Preis für Kaffee vervielfacht, sie hatten auch den Anspruch des Publikums gehoben. In Großstädten rund um die Welt finden Sie heute »hippe« Cafés, die hochwertigen Kaffee in wertiger und zugleich modischer Umgebung servieren. Implizit und unausgesprochen tragen viele von ihnen den heimlichen Slogan »besser als Starbucks zum vergleichbaren Preis« – doch dafür musste es erst einmal Starbucks geben!

Ja, die alte Weisheit ist richtig: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ein Fußball-Turnier funktioniert nicht, wenn nicht jede einzelne Mannschaft versucht, das bestmögliche Spiel zu spielen – ja, jeweils zum Nachteil aller anderen Mannschaften! Nachbarschaft kann durchaus davon profitieren, wenn jeder Nachbar versucht, seinen Vorgarten so gepflegt und blumenreich zu halten wie er kann. Eine Partnerschaft von Staaten funktioniert nur, wenn jeder Staat die Verantwortung für seine Grenzen, aber auch die Verantwortung für seine Handlungen übernimmt – also in zwei Fällen das Gegenteil der Handlungen der Merkelregierung.

Die Trump-USA sind derzeit gar nicht glücklich damit, dass die Ausstattung der deutschen Armee zunehmend mehr Schrott-in-Tarnfarbe als abschreckende Waffensysteme darstellt. Die USA sind es satt, dass Deutschland sich von den USA mit beschützen lässt. Partnerschaft funktioniert nur, wenn jeder Akteur die Verantwortung für seinen Verantwortungsbereich übernimmt.

Ein kluger Staatsmann, ein kluger Unternehmer, ja selbst ein kluger Familienvater beim Fußballspiel seiner Kinder – diese Verantwortungsträger verstehen, dass es kein Widerspruch ist, den eigenen Erfolg voranzutreiben und es zugleich zu schätzen, wenn alle anderen es auf gleiche Weise tun.

Herr Repinski tweetet, als wäre er das Kind eines Schulsystems, das Preise auch für Verlierer verleiht, das Raufen verbietet und statt Noten lieber Smilies und Heulis verteilt. Sein populistischer Tweet hat natürlich viele Retweets. (Populismus ist unangemessene Vereinfachung eines Sachverhalts.)

Das, worin jener Journalist einen »Widerspruch« sieht, sehe ich als die Essenz des westlichen Fortschritts, wirtschaftlich wie politisch: Kluge Prinzipien und Wettbewerb – Wettbewerb nach klugen Prinzipien.

Jener Journalist versteht nicht, dass Menschen in mehr als eine Struktur eingebunden sind. Es braucht gewisse Reife, im Bewusstsein zu halten, dass relevante Strukturen auf verschiedenen Ebenen stattfinden können – z.B. eigener Vorteil vs. grundsätzliche Prinzipien. Immer weniger Journalisten sind in der Lage, solche Details zu erkennen und sauber zu trennen. Es ist unsere Aufgabe, als freie Bürger und auch als freie Autoren, die relevanten Strukturen zu erkennen und zu benennen.

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