27.6.2019

Völkerball und Schneeflöckchen

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von JR Korpa
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Völkerball gehört verboten, sagen linke Forscher, alle anderen Spiele übrigens auch, weil zu verlieren wie »Unterdrückung« sei. Junge Menschen, die in Watte gebettet aufwachsen, tun mir leid – sie werden zur gehorsamen Lebensunfähigkeit (Haltung) erzogen.
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»Unsere Stadt betreibt kein öffentliches Training, das ist aber noch kein Grund, es im Privaten zu vernachlässigen, sondern vielmehr ein Grund, es selbst mit umso größerer Sorgfalt zu betreiben.« – So sprach der antike griechische Philosoph Xenophon zu Epigenes, einem offenbar etwas dicklichen Schüler des Sokrates.

Die Gymnastik war ebenso selbstverständlicher Teil der Ausbildung wie Literatur und Musik. Selbst heute, zweitausend Jahre und die große politisch-korrekte Gehirnwäsche später, ist etwa bei den olympischen Spielen die militärisch-kämpferische Herkunft der Gymnastik und des sportlichen Wettbewerbes kaum zu leugnen: Speerwurf, Laufen, Ringen – und aus militärischer Sicht die Königsdisziplin: der Mehrkampf, sei es als moderner Dekathlon (Zehnkampf) oder als antiker Pentathlon (Fünfkampf).

Um Spiele herum

Vor eineinhalb Jahrzehnten, in der grandiosen TV-Serie »Two and a Half Men«, in der Folge »Der Mittwochs-Mann« (englisch: »The Last Thing You Want Is to Wind Up With a Hump«, Staffel 1, Folge 5), ist es ein Handlungsstrang, dass bei den Fußballspielen von Jugendlichen nicht die Punkte gezählt werden. Es funktioniert natürlich nicht, schließlich bricht es aus Alan Harper heraus:

Jake: Wir werden gerade zerstört da draußen.

Charlie: Komm schon, wir sind hier um Spaß zu haben. Niemand gewinnt oder verliert.

Alan (emotional und mit bandagierter Nase): Ach, komm schon. Irgendwer verliert immer. Wen nehmen wir auf den Arm? Es steht Acht zu Eins da draußen und alle hier wissen es. Und wisst ihr was, ich sage euch noch etwas: Wir haben die ganze Saison kein Spiel gewonnen!
(Two and a Half Men, Staffel 1, Folge 5, ca 17:35; meine Übertragung aus dem Englischen)

Die Berufsbezeichnung »Forscher«, wie die Berufsbezeichnungen »Journalist«, »Aktivist« oder »Influencer«, ist nicht klar definiert. Ich könnte zum Konditor gehen, zehn verschiedene Kuchenstücken bestellen, und mich »Kuchen-Forscher« nennen – wer wollte es mir verbieten?

Die Zeitung »Washington Post« (die übrigens dem reichsten Mann der Welt gehört) titelt Anfang diesen Monats:

Völkerball ist ein Werkzeug der ›Unterdrückung‹, das benutzt wird, um andere zu ›entmenschlichen‹, argumentieren Forscher. (washingtonpost.com, 7.6.2019)

Die Meldung wurde in den deutschen Sprachraum (meines Wissens) von welt.de, 27.6.2019 hineingebracht, doch im englischen Artikel finden wir besonders deutlich einige jener Gedankengänge, bei denen sich kaum noch sagen lässt, ob sie satirisch gemeint sind oder ernst – und wenn ernst, dann wie man in aller Humoristen Namen das noch persiflieren soll.

Forscher interviewten Schüler der Klassen 5 bis 9 über weitere Fragen im Sportunterricht, doch sie hörten immer wieder von bestimmten Schülern: Sie hassten Völkerball.

Akademische Theologen, linke Sozialwissenschaftler und, so mein Verdacht, einige Ökonomen teilen die für Außenstehende amüsante Eigenschaft, ihre Ad-Hoc-Ideen und moralischen Gefühle jenseits aller Weisheit und Weltkenntnis für »Fakten« zu halten.

Wer nur einen Hammer hat, für den ist alles ein Nagel, so ein Sprichwort. Professionelle Empörte, die sich »Wissenschaftler« und »Forscher« nennen, weil sie an der gleichen Uni ihr Geld bekommen wie Physiker und Biologen, haben nur einen Hammer, und der ist Unterdrückung. Wenig überraschend ist, dass auch Völkerball als Unterdrückung (englisch: oppression) interpretiert wird. Erst folgt die Kausalkette – es kann unangenehm sein, also muss es Unterdrückung sein – und dann folgt die formale Begründung.

Betrachten wir allein das erste zitierte Beispiel, um die Absurdität jener Denkweise zu sehen: Im Text wird eine Schülerin zitiert, die im Völkerball immer nach hinten läuft, um nicht getroffen zu werden. Die Forscherin fragt, was sie denn bitte lernt? Vermeidung?

Was bitte ist denn schlecht daran, zu lernen, das man an der richtigen Stelle im Leben umsichtig sein muss, ausweichen und aus dem Weg gehen? (Ganz abgesehen davon, dass gerade nicht nur junge Mädchen in Folge linken Wahns in manchen Städten und Stadtteilen ununterbrochen ausweichen müssen vor jungen Männern, die nicht nur Sportbälle werfen. Ganz abgesehen davon, dass jeder, der in Deutschland sein Geld verdienen muss und die linke Einheitsmeinung kritisch sieht, schnell lernt, auszuweichen.)

Und so weiter, und so fort: Es wird kritisiert, dass Stundenten sich zu Teams zusammentun und die Stärkeren sich gern mit den Stärkeren zusammentun.

Im Sport lernen Menschen, seit jeher, praktisch und spürbar wichtige Fähigkeiten – körperlich wie seelisch – und praktisch alles, was im Sport wichtige Fähigkeiten sind, finden die Forscherinnen »menschenverachtend«.

Die Forscherin stellt schließlich fest:

Sportunterricht ist um Spiele herum aufgebaut, was toll sein kann, aber es kann auch Schüler mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausschließen.

Die Lehrerinnen schlagen statt Spielen lieber Outdoor-Aktivitäten, Fitness, Gymnastik und Wassersport vor – denken die wirklich, dass dort der menschliche Drang, sich im Wettbewerb zu messen, nicht durchbrechen wird – denken die überhaupt irgendwas? (In den USA gibt es schon länger Fitnessstudios, wo man rausgeschmissen wird, wenn man sich sicht- und hörbar anstrengt – dieselben Fitnessstudios verteilen gelegentlich auch Gratis-Pizza und Bagels; siehe etwa businessinsider.com, 17.2.2014)

Nie einen Widerstand gespürt

Zu den für ein erfolgreiches Leben notwendigen Einsichten zählt diese: Die Evolution hat den Menschen nicht zum Glücklichsein geschaffen, sondern zum Streben nach Glück – zum tatsächlichen Glücklichsein muss der Mensch, ähnlich wie für die Kunst oder für die Wissenschaft, über seine tierische Natur hinaus wachsen. Das Glück erfordert es, sein Äußeres und sein Inneres schaffend zu ordnen.

Jeder von uns, ausnahmslos, empfindet es von Zeit zu Zeit als wohltuend, einfach mal nichts zu tun. Es ist uns angeboren, uns nach dem lustvollen Nichtstun zu sehnen – nüchterner gesagt: Wir wollen Energie sparen. (Überhaupt, die Energie: Ein guter Teil unseres Energieverbrauchs, ob Öl oder Strom, dient dem Zweck, als Mensch selbst keine körperliche Energie aufwenden zu müssen.)

Während wir Menschen uns danach sehnen, nichts zu tun und Anstrengung zu vermeiden, sind wir zugleich dafür geschaffen, Hürden zu überwinden, Gegner zu besiegen und, ja, aus Niederlagen zu lernen, wo unsere persönlichen Grenzen verlaufen.

Studien der letzten Jahre zeigen, dass die dauerempörte, politisch-korrekte Studenten-Generation unglücklicher ist denn je, und zumindest auf den ersten Blick wirkt es, als ob die Studenten gerade dort am unglücklichsten sind, wo sie die Verantwortung für ihr seelisches Wohlergehen am deutlichsten und erfolgreichsten auf Fremde und Erwachsene übertragen haben (siehe etwa nbcnews.com, 28.6.2017: »Mental Health Problems Rising Among College Students«, theguardian.com, 5.3.2019: »Levels of distress and illness among students in UK ›alarmingly high‹«).

Wer das Verlieren nicht kennt, wird den Sieg nicht einmal halb auskosten können. Wer aus Angst vor seinen Grenzen diese niemals auslotet, wird sie nicht überschreiten können – bis er eines Tages sein Leben riskiert, im Irrglauben, er hätte keine.

Muskeln brauchen Widerstand, die Seele auch. Die Seele wie auch der Muskelapparat brauchen Ruhephasen – doch zuvor brauchen sie die Belastung, sonst atrophieren beide!

Stellen Sie sich einen Menschen vor, dessen Muskeln nie einen Widerstand gespürt haben, nie die Grenzen ihrer Kraft austesten mussten, um daran zu wachsen – so sind die Seelchen der armen Schüler und Studenten, die von allem Seelenärger verschont, in weiche Watte gebettet aufwachsen, um dann in der echten Welt am ersten Lüftchen, das ihnen entgegenweht, zu kollabieren.

Schneeflöckchen-Gesellschaft

Ich weiß es zwar und es ist mir schmerzlich bewusst, und doch erschreckt es mich täglich neu: Wir leben in einer Zeit orwellscher Begriffsumkehr. Nicht nur sind es die Demokratiekaputtmacher in den hohen Ämtern, die den Abweichlern vorwerfen, undemokratisch zu sein – es sind gerade die pseudolinken Ultrapopulisten, die ihre Gegner des Populismus zeihen.

Es ist denkbar einfach, sich bei der »Generation Smartphone« beliebt zu machen: Gib ihnen eine Entschuldigung für ihre geistige Faulheit; gibt ihnen eine ferne Angst (Weltuntergang), gib ihnen einen einfachen Feind (Abweichler), gib ihnen einen Grund, nicht zu lernen, und sei er doch so hanebüchen (etwa: Schulstreik für CO2-Steuer), gib ihnen eine moralische Einstellung vor (»Haltung«), gib ihnen Führungspersönlichkeiten (hier keine Namen, aber Sie werden es selbst ausfüllen können), und, vor allem, gib ihnen eine moralisch begründete Entschuldigung, an Körper und Geist faul zu sein (Anti-Fatshaming, Politische Korrektheit).

Die Schneeflöckchen-Gesellschaft ist Opfer einer riesigen Lüge geworden. Den Menschen anzulügen, er müsse sich nicht anstrengen, nur »Haltung« zeigen und gehorchen, ist ein riesiger Markt – und es ist eine der Lügen, die den Westen unnötig, nachhaltig und vielleicht irreparabel schwächen.

Sucht euch Gipfel

»Du musst dich nicht anstrengen«, so die verführerische Lüge der Empörten, »du musst dich nur empören und wie ein Baby laut genug plärren, dann kümmern sich Erwachsene darum, dass es dir wieder gut geht.«

Ein Messerstecher, und einer, der dir sagt, du müsstest nicht lernen, mit schmerzhaften Niederlagen klarzukommen, sie können beide dein Leben ruinieren, aber der Messerstecher ist zumindest ehrlich dabei.

Nein, es gibt kein Leben ohne Niederlagen. Nein, Gehorsam und Haltung ersetzen nicht eigenes kritisches Denken. Nein, in der Abwesenheit aller Ärgernisse ist kein Glück zu finden.

Weil der antike griechische Staat kein öffentliches Training betreibt, so der Philosoph Xenophon, müsse der Privatmann umso nachdrücklicher darauf achten, selbst sein Training zu organisieren.

Weil globalistische Propaganda (heute »links« genannt) die Menschen nicht zur mündigen Freiheit erzieht, sondern zum blinden Gehorsam bis in den Tod für die Ideologie (heute »Haltung« genannt), ist es am Einzelnen und an der Familie, sich und die eigenen Kinder zu erziehen, über sich selbst hinaus zu wachsen.

Seid nicht wie die Linken mir ihrer Haltung, die nachplappern, was die Mächtigen hören wollen. Seid nicht wie die Gutmenschen, die für Moral halten, was Masse und Macht ihnen als Moral zu empfinden vorgeben.

Sucht euch Hindernisse, die euch Angst machen, die euch auch dann überwindenswert erscheinen, wenn ihr allein seid.

Sucht den Widerstand, den zu überwinden ihr geboren seid. Findet Wahrheiten, die euch auch dann als wahr erscheinen, wenn alle Kanäle der Propaganda und alle Menschen um euch herum das Gegenteil brüllen.

Sucht euch Gipfel, die größer und höher sind, als ihr selbst es seid – und dann, geht Völkerball spielen!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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