»Sittliche Reife« und »Haltung« sind eben auch Vokabeln der Gleichschaltung

In seiner Rede vor der deutschen Presse anlässlich der Verkündung des Schriftleitergesetzes benutzt Joseph Goebbels am 4.10.1933 fünf mal den Kampfbegriff »sittlich«. Eine dieser Stellen (Hervorhebungen von mir):

Nicht jeder hat das Recht zu schreiben! Das Recht zu schreiben muß durch sittliche und nationale Reife erworben werden. Dieses Erwerben des Rechts zu schreiben ist verbunden mit Verpflichtungen dem Staate gegenüber.
– Goebbels (dpmu.de)

Zuvor, kurz nachdem die NSDAP an die Macht gelangt war, hatte Goebbels gesagt:

Der Beruf des Pressemannes ist von einer hohen staatspolitischen Verantwortung umgeben; und nur Menschen, die dieser Verantwortung würdig sind, die die sittliche Reife mitbringen, um sie zu tragen, haben das Recht, an der Presse mitzuwirken und mitzuschaffen.
– Die Weißen Blätter«, S. 26

In seiner Sportpalastrede vom 18.2.1933 – und zu weiteren Gelegenheiten – war ihm ein weiterer, parelleler Begriff wichtig, nämlich die »Haltung«:

Überhaupt müssen alle, die im Dienste des Volkes tätig sind, dem Volke in der Arbeit sowohl wie in der äußeren und inneren Haltung stets ein leuchtendes Beispiel geben.
– Goebbels (1000dokumente.de)

(Historische Anmerkung: In seiner Rede vom 4.10.1933 forderte er von den Journalisten, dass sie mit einer »aufrichtigen und charaktervollen Haltung« schreiben, die zwar dem Staat und seinen Zielen dient, aber sich nicht in »öden Lobeshymnen« verliert. Mit anderen Worten: Journalistische »Haltung« nach Goebbels ist Propaganda, die nicht offensichtlich nach Propaganda klingt. »Haltung« bedeutete, dass man den Zielen des Regimes diente und dennoch die »Nuancen« des Volkes einzeln bediente. Mir laufen kalte Schauer über den Rücken ob solcher Perfidität.)

Ich habe Probleme mit den linken Kampfbegriffen »Haltung« und »sittliche Reife«, und, ja, dass Goebbels sie zentral führte, ist eines dieser Probleme.

Was darf man vergleichen?

Ich unterstelle niemandem, der Autobahnen baut, dass er darin und dadurch ein Nazi ist. Selbst wenn er, wie die Nazis, die Autobahnen auch deshalb baut, um damit die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen (es gab noch weitere Absichten, wie etwa den Truppentransport), wenn also seine Absicht teilweise mit der Absicht der Nazis identisch ist, mache ich allein daraus keinen Skandal. Ich mache es ja auch keinem Vegetarier zum Vorwurf, dass Hitler ebenso ein Vegetarier war.

Ebenso sage ich nicht, dass einer, der heute – wie Goebbels, von »Haltung« und »sittlicher Reife« spricht, ein Nazi ist. Nein, meine Kritik – besseres Wort: meine Warnung – ist präziser.

Nach mancher Meinung ist jeder von Linken formulierte Nazi-Vergleich immer gerechtfertigt (staatsnahe »Satire« besteht ja praktisch aus nichts anderem als immer neue Titulierung aller Regierungskritiker als »Nazis«, siehe auch mein Text »Was ist ein Nazi?«) – wenn aber Oppositionelle und Andersdenkende einen Vergleich anstellen, dann wird schnell vorgeworfen, man »verharmlose« die Verbrechen des Dritten Reichs. Es hat keine inhaltliche Qualität, es soll nur dazu dienen, Kritiker mundtot zu machen.

Mein Vergleich soll dagegen präzise sein, nicht emotional, aber auch nicht schüchtern. Wir wollen nicht sein wie jene, gegen die wir argumentieren. Schaum vor dem Mund ist mehr ein Hinweis auf Tollwut als auf die überzeugende Qualität des Arguments.

A führt zu B

Die These: Im Dritten Reich wurden bestimmte Denkweisen gefördert, durch welche die schlimmen Verbrechen möglich wurden. Heute werden ähnliche Denkweisen unter ähnlichen Vokabeln gefördert, welche wieder zu schlimmen (teilweise ähnlichen, teilweise anderen) Folgen führen werden. Die Folgen sind heute ähnlich wie damals, selbst wenn diese anders und hoffentlich in deutlich kleinerer Dimension stattfinden.

Stolz auf Haltung

Journalisten sind heute geradezu stolz darauf, »Haltung« zu zeigen. Die gefühlt wöchentlich mit staatlichen Orden und Journalismuspreisen ausgezeichnete Dunja Hayali wurde vom ZDF mit einer bundesweiten Plakat-Kampagne mit dem Slogan »Herz. Haltung. Hayali« geehrt (siehe z.B. wuv.de, 18.7.2016). Man beachte, dass »Herz« und »Haltung« beide kein Akt des Nachdenkens oder gar der Verantwortung sind. Propagandisten appellieren ans »Herz«. Über rohe Emotion lässt sich der Mensch leicht steuern. Propagandisten appellieren an »Haltung«, und allzu oft meinen sie damit schlichten Gehorsam (siehe auch: »Mensch vs. Gehorsam«).

Es gab ja auch Zeiten, da schwang in »Haltung« mit, dass man sich mutig gegen die Regierungs- und Parteilinie stellt. Wir erleben heute, nicht nur bei der Haltung, eine Umdeutung von Begriffen, die an Orwells 1984 erinnert. »Zivilcourage« heißt heute, Kritik an der Kanzlerin zu unterbinden, gern auch mal mit anti-demokratischen Mitteln. Neuer »Feminismus« unterstützt die patriarchal-religiöse Unterdrückung der Frau. Und »Haltung« bedeutet heute eben die rückgratlose Unterwerfung unter die herrschende Einheitsmeinung – also, ja, tendenziell im »alten« Geist.

Wenn Haltung bedeutet, Propagandisten zu folgen bis in den Tod, dann bin ich sehr gern ein Mensch ohne Haltung. – Gebücktsein ist auch eine Haltung, doch keine, die mir zusagt. Mit Haltung lässt sich auch ganz vorzüglich aufs eigene Schafott steigen. Hast du Haltung oder denkst du schon selbst?

Sittliche Reife

Dem deutschen Innenminister Horst Seehofer wurde von einem bekannten deutschen Krawallblatt an den müden Kopf geworfen, ihm fehle die »sittliche Reife für sein Amt« (spiegel.de, 13.7.2018).

»Sittliche Reife« allein ist nicht in allen Fällen eine schlimme Sache, auch wenn Goebbels selbst das Wort verwendete. Das deutsche Abitur ist ja auch ein »Reifezeugnis«, und sollte diese Reife nicht auch eine sittliche Reife sein? Kinder und Jugendliche werden weniger – wenn überhaupt – bestraft nach dem Strafrecht, mit der Begründung, dass ihnen die »sittliche Reife« fehlt.

Doch, betrachten wir Praxis und Begriffsalltag. »Sittliche Reife« (genauer: der Vorwurf ihres Mangels) war einst ein moralisches Instrument der Stockkonservativen – und der Nazis selbst. Der Vorwurf mangelnder »sittlicher Reife« soll den Abweichler und den Anderen ausschließen. Da ist einer, der denkt und lebt nicht so, wie die Mächtigen es sich wünschen.

Es wird immer deutlicher, dass die »empörten Linken« längst zu denen geworden sind, die sie einst zu bekämpfen vorgaben. Sie haben ihre eigene Orthodoxie. Sie ignorieren Fakten und Zusammenhänge, wenn diese ihrem Narrativ widersprechen. Sie sind bereit, die eigenen Nachbarn zu opfern, wenn es ihrer Ideologie dient.

Es ist nicht eine Tat (es war, wie gesagt, eine SPD-geführte Behörde, die den Täter abschob), sondern ein Nebensatz, für welchen dem Minister die »sittliche Reife« abgesprochen wird.

Im Text »Schlepper, NGOs und Abschiebegegner betreiben emotionale Erpressung« habe ich beschrieben, was vorausgegangen war. Die SPD-geführte Ausländerbehörde des rot-grünen Hamburg hatte ausgerechnet am 69. Geburtstag Seehofers 69 abgelehnte Asylbewerber abgeschoben – was Seehofer zu einem halb-zynischen Kommentar am Rand der Vorstellung seines »Masterplans« bewegte. Wenig später nahm sich einer der von der SPD abgeschobenen Menschen, ein mehrfach verurteilter, gewalttätiger Krimineller, in Kabul das Leben.

Linke instrumentalisierten diesen Tod und taten, als trage Seehofer die Schuld an ihm. Empörungsaktivismus nimmt Realität und tatsächliche Kausalität nur noch als Stichwortquelle. Weil eine SPD-geführte Ausländerbehörde im rot-grünen Hamburg einen Kriminellen abschob und der sich daraufhin das Leben nahm, protestierten Aktivisten mit einem Sarg vor einem CSU-Ministerium – es ergab keinen Sinn, und es sollte wohl auch keinen Sinn ergeben. Die Redaktion der Tagesschau verbreitete die Bilder (siehe @tagesschau, 13.7.2018). (April 2018 hatte übrigens der grüne Hamburger Justizsenator, Till Steffen, beschlossen, keine Presseinformationen mehr zu Suiziden in Gefängnissen herauszugeben; 2017 hatte man die höchste Zahl seit 2009, siehe welt.de, 25.4.2018 – ob da auch Aktivisten einen Sarg in die Kameras halten – oder geht es bloß um Parteipolitik und die Hoffnung, doch noch in die Merkelregierung zu kmmen?)

Das Problem mit dem heutigen Begriff »sittlicher Reife« wird deutlich in einer Aussage der SPD-Politikerin Sawsan Chebli: »Selten zuvor war ich so stolz, ein Gutmensch zu sein. Bin lieber naiv als im Herzen tot.« (@SawsanChebli, 13.7.2018) – Ein Gutmensch ist einer, der andere sterben lässt durch seine Naivität, während er sich selbst »im Herzen« schummrig warm fühlt (siehe auch: »Die Schuld der Gutmenschen«).

Die sogenannte »sittliche Reife« war ganz wörtlich auch ein Begriff der Gleichschaltung. Der Begriff hat auch positive Deutungen, doch er ist zumindest gefährlich. Wenn »sittliche Reife« bedeutet, dass man sich »naiv« stellt und den Rechtsstaat aushebelt (wie es von Seehofer verlangt wird), dann sehe ich es als meine Pflicht an, »sittlich unreif« zu sein.

Wider die Spontanmoral

»Haltung« bedeutete im Dritten Reich, blind dem Führer zu folgen, bis in den Tod – und dabei viele weitere Menschen zu töten. »Sittliche Reife« bedeutete, die Ideologie der Nazis anzunehmen.

Nein, ich sage nicht, dass »Haltung« und »sittliche Reife« heute zu denselben Folgen führen werden, ich sage nicht einmal, dass sie in allen Fällen falsch und böse sind – ich sage jedoch, und das hoffentlich unmissverständlich, dass Moralisierung und politisch korrekte Verblendung bereits jetzt zu anderen schrecklichen Folgen geführt haben, und noch viel mehr und schrecklicheren Folgen führen werden. Anderen. Die Zahl der Menschen, die durch den heutigen Wahnsinn sterben, ist viel, viel geringer, das stimmt, aber erklären Sie das den Eltern, wenn sie die Blumen auf den Gräbern ihrer Kinder gießen.

»Haltung« bedeutet heute, eine Politik zu unterstützen, die der Industrie billige Arbeitsplätze beschert und den Wohlfahrtskonzernen guten Umsatz, die aber die Schulen, Städte und das Miteinander kaputtmacht. »Sittliche Reife« bedeutet heute, eine kluge Ethik der Verantwortung und des Zu-Ende-Denkens zu verunglimpfen, und das spontane ethische Gefühl zum Leuchtfeuer aller Handlung zu erklären.

»Haltung« und »sittliche Reife« mögen zeitweise eine »gute« Bedeutung gehabt haben, doch sie sind eben auch Vokabeln der Gleichschaltung. Sind wir uns sicher, dass die heutige Verwendung der Worte nicht jener ähnelt? Ich würde es nicht beschwören wollen.

Es war schon immer verdächtig, wenn die staatsnahen Journalisten und Propagandisten dich loben, heute aber ist Lob das wohl lauteste der Alarmsignale.

Vergesst Haltung! Vergesst Gesinnung! Lacht, wenn sie eure sittliche Reife zu be- und verurteilen suchen. Forscht, was eure Relevanten Strukturen sind. Schützt die, die euch am Herzen liegen. Handelt niemals »naiv«, sondern bedenkt stets, was die Folgen eurer Taten sind.

Niemand als du selbst wird für deine Handlungen am Ende die Schuld und die Verantwortung tragen, und deshalb: Ordne deine Kreise!

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