»Kinderehe«, oder: Die Unweisheit der Mächtigen

15. Dezember 2018, von Dushan Wegner; Bild von Victor Benard
Es gibt weit über tausend Fälle von »Kinderehe« in Deutschland, und das Verbot könnte gekippt werden. – Die erste EIGENTLICHE Frage ist: Wie konnte es dazu kommen? Und die zweite: Was wird aus denselben Gründen NOCH kommen?
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Die Mächtigen von Berlin und Brüssel, in ihren Behörden und ihren Ämtern, in ihren Gängen und Fluren mit ihrem Geruch billigen Kaffees aus teuren Kaffeemaschinen, durchweht von Zynismus und dem kalten Rauch heimlich am Fenster geschmauchter Zigaretten, all diese politisch Mächtigen möchten auf Augenhöhe stehen mit den Adlern der Wirtschaft, doch, um in der Metapher des Augenlichts zu bleiben, im Vergleich zu diesen ähnelt ihr Sehvermögen zu oft zu sehr dem eines Maulwurfs. Es hat seine Gründe, warum Politiker in der Phase ihrer Anschlussverwendung eher in Aufsichtsräten oder als prominenter Grüßaugust mit Wiedererkennungswert ihr Aus- und Unterkommen finden – und warum es im Desaster enden kann, wenn ein Politiker ein Unternehmen überzeugt, ihn das operative Geschäft übernehmen zu lassen.

Die Asymmetrie

Es ist nicht nur das Fachwissen, das den Politiker vom Unternehmer und Wirtschaftslenker unterscheidet – wenn auch die typische Berliner Melange aus Juristen und Studienabbrechern in der Wirtschaft nur bedingt als Produktausdenker und Markteroberer nützlich wäre. (Beispiel: Der neue Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, schloss das Jurastudium nicht ab und symbolisiert damit das ideelle Verschmelzen von CDU und Grünen; er ist Irgendwie-auch-Jurist und Studienabbrecher zugleich – perfekt für die zukünftige schwarzgrüne Karriere. Übrigens: der polnische Begriff »Ziemniak«, also mit extra N, bedeutet übrigens Kartoffel … fangen Sie mit der Information an, was Sie möchten.) – Und doch, so groß das Kompetenzgefälle zwischen Politik und Wirtschaft auch ist, es scheint mir nicht der eklatanteste Unterschied zu sein, es gibt da noch einen.

Eine These: Der größte (und damit gefährlichste) Unterschied zwischen Politik und Wirtschaftslenkern ist die Asymmetrie an Weisheit; Politiker halten sich für weise, sind aber besonders heute oft gefährlich kurzsichtig – Unternehmer dagegen wollen Gewinn machen, und merken gelegentlich selbst nicht, wie viel echte Weisheit sie (zumindest als abrufbare Fähigkeit) angesammelt haben.

Von Weisheit reden

Es soll Politiker, Journalisten und Propagandisten geben, die verwenden große Worte und Begriffe, ohne genau zu definieren, was sie jeweils damit meinen. Ihre Worte sollen eine emotionale Reaktion auslösen, und wenn man sie dann darauf festnageln will, was das verwendete Wort eigentlich präzise bedeuten soll, dann weichen sie aus oder beschimpfen den Fragenden. Beispiel für solche Propaganda-Worte sind derzeit etwa »Hass«, »Haltung« und »Hetze«.

Wir wollen weder solche Politiker, Propagandisten noch Journalisten sein, also lassen Sie uns – so genau wie es uns möglich ist – definieren, was wir meinen, wenn wir von Weisheit reden.

Als Weisheit verstehe ich – kurz gesagt – die Fähigkeit und Gewohnheit, die großen Zusammenhänge (wie es kommt, was daraus folgen wird) einer Handlung oder eines Ereignisses zu kennen, zu bedenken und zuverlässig richtig vorhersagend einzuordnen.

Weise Menschen bedenken auch Zusammenhänge, die von weniger weisen Menschen ignoriert oder geradezu gefürchtet werden, etwa Einblicke in die menschliche Seele, kulturelle Eigenschaften und die tierische Herkunft des Menschen, während sie zugleich die Geschichte, die Wirtschaft und zu alldem ihre eigene Beschränktheit im Bewusstsein halten.

(Tipp: Der Anschein von Weisheit kann nützlich sein als Teil des Image-Konzeptes eines öffentlichen Redners, ob dieser Anschein begründet ist oder nicht. Im Talking-Points-Buch erkläre ich, warum etwa Helmut Schmidt vielen Bürgern – einschließlich mir – bis heute als weise erscheint.)

Unternehmer und Weisheit

Weisheit ist nicht eine Magie, die besonders charismatischen Menschen im Alter zufliegt – zugleich ist zu vermuten, dass manche Menschen durchaus veranlagt sind, offen für große Zusammenhänge zu sein, oder dass sie vom Leben gezwungen wurden, in Zusammenhängen zu denken, und andere eben weniger.

Ein Prinzip der Evolution lautet, in meinen Worten: Die verschiedenen Eigenschaften verschiedener Ökosysteme bewirken, dass Bewohner mit jeweils bestimmten eigenen Eigenschaften sich häufiger vermehren als Bewohner mit anderen Eigenschaften. (Sie haben bestimmt gemerkt, dass ich versuchte, Vokabeln zu vermeiden, die nach Absicht klingen, sonst hätte ich gesagt, dass Ökosysteme diese oder jene Eigenschaft fördern.)

In jedem Ökosystem werden sich jene Bewohner besonders erfolgreich vermehren (und es unter Umständen irgendwann übernehmen), deren Eigenschaften sie zur erfolgreichen Vermehrung innerhalb dieses Systems begünstigen. Auf den ersten Blick klingt das wie eine Banalität, wenn nicht sogar eine Tautologie, doch in dieser einfachen Wahrheit steckt die Erklärung einiger unserer größten gesellschaftlichen Probleme!

Das politische Ökosystem befördert Individuen, welche das Maximum an für die erfolgreiche Vermehrung innerhalb des politischen Ökosystems notwendigen Eigenschaften mitbringen – und die Wirtschaft tut es ebenso.

Politik: Es wäre zweifellos wünschenswert, wenn das politische System in Berlin und Brüssel weise Individuen befördern würde, doch dass wir es uns wünschen, bedeutet nicht, dass es auch so ist (solche Denkart wäre die von Kleinkindern und Gutmenschen). Wird ein weiser Mensch jahrelang seine Abende in Parteisitzungen verbringen statt mit der Familie, wird er immer wieder neue Intrigen spinnen und seine (politischen) Botschaften täglich neu so anpassen, dass er damit Wähler gewinnen kann, selbst und gerade im Zeitalter von YouTube, Social Justice Warriors und linksgrünem Staatsfunk? – Antworten wir höflich: Nicht zwingend, nicht häufig.

Unternehmertum: Zweifellos ist das erste Ziel eines Unternehmens, seine eigene Zahlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, und das funktioniert am sichersten mit viel Gewinn (aber nicht nur, man kann auch von Fördergeldern oder anderen Subventionen zu leben versuchen). Die ehrlichste und reinste (und einige sagen: die einzig ehrliche) Art, als Unternehmen zu überleben, ist doch: Biete etwas an, wofür jemand dir mehr zahlt als es dich in der Herstellung kostet. Um alle Erfolgsfaktoren des Unternehmertums in Einklang zu bringen, braucht es Wissen um deren Wirkzusammenhänge, sprich: eine Art von Weisheit. Ein Unternehmer, der global erfolgreich sein und über den Tag hinaus bestehen möchte, wird nicht umhin kommen, über die ganz großen Zusammenhänge zu lernen – sprich: weise zu werden.

Im politisch-medialen System mindestens des linksgrünen Berlin ist Weisheit fürs Fortkommen eher hinderlich – im Unternehmertum der globalisierten Märkte ist Weisheit ein ebenso wichtiges Fundament etwa wie Marke, Kundenstamm und Liquidität (vielleicht sogar noch wichtiger: eine Marke kann gekauft werden oder via Agentur ausgelagert, Geld lässt sich leihen und Kunden lassen sich akquirieren – Weisheit kann man weder kaufen, noch auslagern, noch leihen, noch akquirieren).

Das Gegenteil von Weisheit

Sicher, der Unternehmer kann wählen, gegen sein eigenes Wissen zu handeln, Probleme zu verschieben und sie später auf andere Personen oder Institutionen abladen zu wollen, doch wehe, wenn er die potentiellen Probleme gar nicht erst sieht.

Der Unternehmer, der die Bedingungen und Konsequenzen seines Handelns nicht versteht, wird bald aufgefressen werden, von Unternehmern, welche die Zusammenhänge verstehen. Mit anderen Worten: Unternehmer müssen zumindest in der Theorie weise sein – je weiter der Umfang der unternehmerischen Ambitionen reicht, umso mehr Weisheit braucht der Unternehmer. Ein Politiker jedoch kann es erstaunlich weit bringen und erstaunlich lange dort bleiben, während er im Hinblick auf die Gesellschaft geradezu anti-weise denkt und handelt.

Ein Unternehmer, der das Unternehmen riskiert und die Substanz der Firma für seinen Machtgewinn drangibt, so ein Unternehmer hätte kaum die Aussicht, über Jahrzehnte im Amt zu bleiben und dafür auch noch gefeiert zu werden. Es braucht das Wissen um die großen Zusammenhänge, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen, und das gilt für Weltkonzerne wie auch heute für die via Internet global agierende Micromarken.

Ein Politiker aber kann das Leben seiner eigenen Bürger riskieren, er kann die Zukunft eines ganzen Kontinents aufs Spiel setzen, er kann alle Lehren der Geschichte mit »mir egal« abtun, er kann Zusammenhänge ignorieren und er kann das Lebensgefühl eines starken Landes von Hoffnung und Zuversicht zu Ängstlichkeit und Zukunftsverdrossenheit verkommen lassen, doch solange er tut, was es braucht, nicht aus den Fluren der Macht fortgeschickt zu werden, solange wird er an der Macht bleiben. Es scheint, dass mindestens der speziell deutsche politisch-mediale Komplex »unweise« Politiker fördert.

Das Indiskutable wird diskutiert

In Deutschland wird in der Adventszeit 2018 allen Ernstes diskutiert, ob das Verbot der Kinderehe wieder gekippt werden könnte (siehe z.B. bild.de, 14.12.2018). Das Verfassungsgericht soll darüber entscheiden (und dessen Ansehen ist ein anderes Thema, über das gesprochen werden könnte).

Zuerst: Der Ausdruck »Kinderehe« ist ein zynischer Euphemismus! Handelt es sich nicht einfach um den eheartigen Missbrauch Minderjähriger? Wenn wir ernsthaft »Kinderehe« sagen, sollten wir nicht auch »erweitertes Ärgernis« sagen statt »Mord«, oder statt »Vergewaltigung« euphemistisch neudeutsch »Liebe mit Hindernissen«?

Wenn das Verfassungsgericht das Verbot des als »Kinderehe« schöngeredeten Kindesmissbrauchs kippt – wie auch immer es das begründet – dann ließe es sich als eine der Begleiterscheinungen der Islamisierung deuten, dass ein linksgrünes, moralisch irrlichterndes Land die Wertesysteme archaischer Kulturen akzeptiert. Sicher, sie haben letztens noch offiziell die »Kinderehe« verboten, doch es ist wie mit dem berühmten Kühlschrank, der nicht auf einmal umgekippt wird, sondern ein paarmal geschubst werden muss, bis er wackelt, und dann fällt er schließlich ganz um.

Wenn das Verfassungsgericht das Verbot des eheartigen Kindesmissbrauchs kippt, dann folgt es im Zeitgeist damit etwa den Grünen, welche diesen Schutz minderjähriger Mädchen noch 2017 als die »populistischen Forderungen einer bayrischen Regionalpartei« verhöhnten (gruene-bundestag.de).

Eine Berliner Linke, welche keine Werte über den Tag hinaus hat, die ihre Moral minütlich neu anhand von Bauchgefühl, Tagesempörung und vielleicht auch den Anliegen fragwürdiger NGOs neu aufstellt, die hat eben wenig, was sie den teilweise voraufklärerischen Riten einwandernder Kulturen entgegensetzen kann. Die eigentliche Frage hinter der Nicht-Illegalität eheartigen Kindesmissbrauchs ist doch, warum sich Deutschland überhaupt damit beschäftigen muss?

Wie ist es dazu gekommen, dass Deutschland überhaupt über »Kinderehe« nachdenken muss, und warum ist das nicht anderswo der Fall? – Aha, jetzt werden wir weise, denn wir sehen, was wozu führt.

Es wäre Weisheit, die Zusammenhänge zu betrachten statt sie politisch korrekt zu leugnen, und über logische Konsequenzen zumindest zu reden: Das, was dazu führte, dass über Kinderehe diskutiert wird, wozu wird es noch führen? Bestrafung nach Scharia? Und dann: welche Formen der Bestrafung – und der Nicht-Bestrafung? Und so wie es tausende »Kinderehen« bereits jetzt in Deutschland gibt, welche der anderen möglichen Konsequenzen gibt es ebenfalls bereits jetzt, nur dass eben noch nicht darüber diskutiert wird?

Eine der Ursachen (es gibt weitere) für das gefährliche Driften der linksgrünen Denkart ist die Unweisheit der politisch-medialen Klasse – ja, linksgrüne Politiker wie Merkel sind explizit stolz auf ihre Unkenntnis! Was sind denn die typischen Merkelzitate? – »Ist mir egal, ob ich schuld daran bin«, oder »Wir schaffen das«. Was ist denn die typische Denkweise des Grünen? Strom kommt aus der Steckdose und Steuergeld wird niemandem weggenommen.

Weisheit besteht darin, die Zusammenhänge von Ereignissen über verschiedene Ebenen der Realität (z.B. historisch, psychologisch, ökonomisch, religiös) zu kennen und zu verstehen, und die Berliner politisch-mediale Elite ist in diesem Sinne auf geradezu spektakuläre Art unweise – um nicht zu sagen: dumm.

Ein Land, in dem es Kinderehen bereits tausendfach gibt, das sogar erwägt, das Verbot wieder zu kippen, in dem Land wurden schwerwiegend unweise Entscheidungen getroffen – für manche Unweisheit, die ein Politiker trifft, stünde ein Unternehmer vor Gericht, und die Leute würden »Richtig so!« rufen.

Heute weiser geworden?

Wäre es aussichtsreich, von unseren politisch-medialen Eliten zu verlangen, sie mögen weise werden? Sagen wir es so: Es sind Personen, die sich über Jahre bewährt haben in einem System, das Unweisheit fördert und Weisheit unterdrückt. Ich habe erlebt, wie Menschen voller Hoffnung und guter Absicht im Berliner System begannen, doch heute, Jahre später, ihre Bitterkeit über sich selbst hinter öffentlichen Belanglosigkeiten und privatem Zynismus verstecken. Ich halte es für aussichtsreicher, dass wir einfachen Bürger unser Bestes geben, weise zu werden, und dann Politiker fordern und wählen, welche ein Minimum an Weisheit an den Tag legen, und zwar durchgehend, nicht nur in den Wochen und Monaten des Wahlkampfs. Doch, damit wir Weisheit einfordern können von denen-da-oben, sollten erst wir selbst eine Vorstellung davon haben, was wir ganz persönlich und ganz konkret unter Weisheit verstehen.

Ich verstehe – kurz gesagt – unter Weisheit das Denken und Handeln in Zusammenhängen, und zwar denen, die wirklich wirken. Man kann nicht Weisheit suchen, wenn man sich wichtigen Zusammenhängen verschließt (deshalb sind politische Korrektheit, Social Justice Warriors und linksgrüne Empörungskultur de facto Anti-Weisheits-Bewegungen).

Wird es genügen, der Unweisheit von Berlin und Brüssel unsere eigenen Versuche von Weisheit entgegenzuhalten? Können viele kleine Weisheiten die gewaltig großen Unweisheiten der Mächtigen aufwiegen? – Fragen wir so: Wollen wir Kleinen wirklich im Kleinen unweise denken und handeln, nur weil die Großen sowieso im Großen unweise denken und handeln? – Lasst uns von Unternehmern lernen, lasst uns nicht selbst werden wie die Journalisten und Politiker, die sich doch schon längst verloren haben in all ihren Gängen und Fluren.

Unser Leben und unsere Zukunft hängt von der Weisheit unserer Mächtigen ab, insofern hat Europa echten Grund zur Sorge. Ich wünsche mir eine Politik, die einen Bruchteil der Weisheit eines landläufigen Unternehmers aufbringt. Würden Sie die Aktien eines von dieser Politik geführten Unternehmens kaufen? Würden sie einem Unternehmen, dessen Produkte so wenig durchdacht sind wie Berliner Politik, ein Auto abkaufen, oder auch nur einen Staubsauger? – Eben. Keine Weisheit, keine Zukunft.

Was bleibt uns denn? Vielleicht dies: Frage zuerst, ob du selbst heute weiser geworden bist als du es gestern warst; und dann wähle und suche dir Mächtige, die weise denken und weise handeln.

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