Unvoreingenommen und unaufgeregt

In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs machte ein junger Soldat sich Gedanken über das Verhältnis von Sprache und Welt. Er notierte diese Gedanken und nach dem Krieg ordnete er seine Notizen.  Den Soldaten kennen wir heute als den Philosophen Ludwig Wittgenstein. Die Notizen kennen wir als den Tractatus Logico-Philosophicus. Eines der bekanntesten Zitate daraus:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Tractatus Logico-Philosophicus, 5.6

Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, so der Philosoph. Wenn ein Sachverhalt »der Fall ist«, dann kann über ihn auch ein wahrer Satz gesagt werden. Selbst wenn es etwas darüber hinaus geben sollte, so ließe sich über jenes nicht sprechen, und damit wäre es außerhalb unserer »Welt«. Der Philosoph schließt seinen Tractatus: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.«

Was Wittgenstein nicht sagt

Selbst wenn ich nicht darüber sprechen kann, so kann ich doch darüber sprechen, dass ich nicht darüber sprechen kann – wie Wittgenstein es ja selbst vorführt.

Ad-hoc-Metapher: Wenn ich einen Eimer habe, und nicht weiß, was das für eine Flüssigkeit in dem Eimer ist, muss ich nicht darüber schweigen – ich kann noch immer sagen, dass ich es nicht weiß. Wenn reden nicht möglich ist, versuchen wir es mit meta-reden. Oder meta-nicht-reden.

»Eimer mit rätselhafter Flüssigkeit« scheint mir auch das richtige Bild für folgendes Vorkommnis.

Außerirdische Argumentation

Am 26. Oktober 2017 schreibt Chefredakteur Dr. Kai Gniffke im Blog der Tagesschau diesen Satz.

Die AfD ist in unserer Berichterstattung eine Partei wie jede andere auch. Wir berichten unvoreingenommen und unaufgeregt über alle politischen Strömungen, auch über Populismus.
blog.tagesschau.de

Dieser Satz befindet sich außerhalb meiner »Welt« im Wittgensteinschen Sinn. »Eimer mit unklarer Flüssigkeit« passt aber auch. Lassen Sie mich Ihnen erklären, wieso.

Was, wenn ein Lehrer so etwas sagte?

Formulieren wir den Satz einmal für ein anderes Szenario um. Etwa, ein Lehrer, der über eine Schülerin spricht.

Julia ist in meinem Unterricht eine Schülerin wie jede andere auch. Ich unterrichte unvoreingenommen und unaufgeregt alle Arten von Schülern, auch fiese Zicken.

Der Lehrer hätte behauptet, »unvoreingenommen« zu sein – und anschließend hätte er sich selbst auf geradezu lächerliche Weise widersprochen, indem er die Schülerin diskriminierte.

»Populist« ist in deutscher Politik-Debatte ohne Zweifel ein klebriger, unsachlicher und diffamierender Vorwurf. Wer heute »Populist« sagt, der will den Gegner außerhalb der Debatte stellen, will sich gegen seine Argumente immunisieren. »Populismus« ist ein Angriff, das Gegenteil von »unvoreingenommen und unaufgeregt«.

Was wäre, wenn ein Lehrer einen solchen Satz sagte? Er würde in ein Disziplinarverfahren geraten. Vielleicht würde er sogar gekündigt. Die Proteste gegen seine Kündigung würde bescheiden ausfallen, und niemand von uns würde sich sehr wundern.

Wenn der Chefredakteur so etwas sagt, bekommt er wahrscheinlich von seinen Kollegen auf die Schulter geklopft und von der Politik eine Gebührenerhöhung genehmigt, und auch da wundert sich niemand. Ärgern ja – wundern nein.

Ex falso quodlibet

Herr Dr. Gniffke hat den Diskursstil eines Gurus, eines Kleinkindes oder eines Regierungssprechers erreicht – suchen Sie es sich aus. Man muss ihm nicht mehr widersprechen, er tut es bereits selbst. Wenn aber ein Mensch sich selbst widerspricht, wie kann man da mit ihm diskutieren?

In der Logik gilt bekanntlich: Ex falso quodlibet – aus Falschem folgt Beliebiges. Seine Logik und sein manifester Selbstwiderspruch finden außerhalb jener Menge an Sachverhalten statt, über die ich sinnvoll sprechen kann. Seine Denkwelt ist ein anderer Planet, als der, auf dem Sie und ich leben – oder leben wollen.

Weiter, mit Lachen und Deckel

Worüber wir nicht sprechen können, das können wir aber noch immer entlarven.

Wir können uns aber auch einfach darüber lustig machen.

Dr. Gniffke ist ein Journalist wie jeder andere auch. Ich beschäftige mich unvoreingenommen und unaufgeregt mit allen Arten von Medien, auch mit geradezu peinlichen Hurrajournalisten.

Was der junge Herr für »Argumentation« hält, ist noch immer außerhalb meiner »Welt«. Seine »Argumentation« ist ein Eimer mit unklarer Flüssigkeit. Aber immerhin habe ich nun, in Form dieses Textes, einen Deckel draufgemacht. Unvoreingenommen und unaufgeregt.

Guter Text?

Ich schlage täglich eine Kerbe in den Meinungs-Mainstream und ich tue es gern! Wenn Sie das gut finden, können Sie mit einer Spende ganz praktisch »Danke« sagen.

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