Unsere tödliche Toleranz

12. Dezember 2018, von Dushan Wegner; Bild von Ilja Tulit
Man lehrt uns, dass Toleranz (Duldsamkeit) moralisch gut sei, bis zum Selbstopfer. Den Mächtigen kommt es gelegen, wenn das Volk »duldet«, also lehrt man Duldsamkeit als Dogma. Das war schon im Mittelalter so. Was aber, wenn Toleranz tödlich ist?
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Sie sind Feen, zauberhafte Zauberkreaturen. Ein Windhauch nur, ein kleiner, unbeabsichtigter Hauch wie das allzu schnelle Zuschlagen der Zimmertür oder ein Gegenargument, und schon kann das Gespinst ihrer zarten Flügelein brechen. (Deshalb schließen sie sich ja auch in »safe spaces« ein, sichere Räume, wo kein Lüftchen und kein widersprechender Gedanke ihr fragiles Wesen gefährden kann.) – Sie sind Feen, feingeistige Fabelwesen, und sie streuen ihren Feenstaub in die Augen der Schlafenden und sie machten das Sandmännchen zur Kanzlerin, und wir wissen nicht, wann, wieso und wohin ihr Feenstaub fallen wird. Nein, wir wissen nicht, wie wir auch sonst so vieles über das Leben nicht wissen, und das ist doch der Zauber, dass wir nicht wissen, was diese flatternden Viecher sich dabei denken!

Der neue magische Zauberstaub heißt Toleranz, und kein Mensch kann erklären, wann, warum und wohin er gestreut wird.

Dulden und Ertragen

Niemand kennt die Regeln, nach denen die erlaubte Meinung ihre Toleranz wie Feenstaub übers Land streut, wen sie trifft und wem sie ihre Toleranz erspart. Rosa Spielzeug für Mädchen gilt als sexistisch, aber ein religiöses Kopftuch schon für kleine Mädchen, das zu akzeptieren ist angeblich tolerant. Biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau festzustellen – im Gehirn gar! – das ist angeblich sexistisch, aber ein mit Religion verwobenes Patriarchat, das ein Wertigkeits-Gefälle zwischen Mann und Frau religiös festschriebe, das wäre zu tolerieren. Gedanken wie diese, die Sie jetzt lesen, wo die linke Doktrin hinterfragt wird, die machen den Toleranten große Angst und sollten »de-plattformed« werden, aber die Angst vorm Weihnachtsmarktbesuch und das Mobbing der einheimischen Minderheit in Schulen, das nicht zu dulden, das erscheint denen als intolerant.

Toleranz heißt Duldsamkeit, Toleranz ist Ertragen. Toleranz ist nicht Offenheit, Toleranz ist nicht Prüfen, und Toleranz ist nicht Klugheit. Zu tolerieren bedeutet zu dulden und zu ertragen. Und, wenn Politiker und Journalisten es sagen, bedeutet Toleranz: das Volk soll dulden und das Volk soll ertragen.

Die misshandelte Frau, die ihren prügelnden Mann erträgt, weil blau geprügelt zu werden ihr noch immer weniger schmerzhaft erscheint als die Einsamkeit, die ist dem Wort nach tolerant. Der christliche Märtyrer, der im Kolosseum von wilden Löwen zerfleischt wurde, weil von Reißzähnen zerrissen zu werden ihm weniger schmerzhaft erschien als seinen Glauben zu verraten, der hat auch geduldet, der war auch den Römern gegenüber tolerant. Und ja, der Kontinent, der sich die Lehren aus der Geschichte, die Lust an der Gegenwart und die Hoffnung auf die Zukunft stehlen lässt, weil Tod und Angst zu ertragen ihm weniger schmerzhaft erscheint als »rechts« genannt zu werden, hat der ihn schon erklommen, den letzten Gipfel der Toleranz?

»Sei tolerant« ist neues Deutsch für »dulde, ohne zu klagen«.

Ich will nicht dulden, ich will nicht ertragen müssen, und ich will nicht ertragen wollen sollen.

Der Preis der Toleranz

Wir haben eben vom Attentat am Weihnachtsmarkt in Straßburg gehört. Nach aktuellem Informationsstand hat ein bekannter Verbrecher, der nebenberuflich als religiöser Extremist unterwegs war, drei Menschen getötet und weitere verletzt. Ich schrieb »religiöser Extremist«, welche Religion war es also, welche da missverstanden wurde? Hinduismus? Buddhismus? Rastafari? Schamanentum? Druidentum? – Nein, keine der genannten Religionen. (Die Auflösung erfahren Sie etwa bei faz.net, 12.12.2018.)

Der mutmaßliche Attentäter war in Frankreich geboren, war auch in Deutschland unterwegs, und er hatte nordafrikanische Wurzeln. Und wir wissen, in welcher Community er sich bewegte. Man könnte nun feststellen, dass es eben so ist, das neue tolerante Europa, und dass Terror eben der Preis der Toleranz ist. Je toleranter desto tot. Läge man falsch?

Nun, dieser Anschlag hat zwei Besonderheiten, welche aber dem Muster nicht widersprechen, sondern es vielmehr nachzeichnen!

Erstens: Beim Anschlag von Straßburg entblößten sich die Parlamentarier des benachbarten EU-Parlaments als Heuchler des Tages. Diese Großkopferten, die tagaus und tagein über Mauern und Rechtspopulisten schimpfen, die groß die Toleranz predigen, verbarrikadierten sich und wollten ihre Gebäude nicht verlassen, bis die Gefahr vorbei war. Wo waren denn die Toleranz und Offenherzigkeit der Schwätzer plötzlich hin? Ist es am Ende gar so, dass Mauern dafür da sind, Menschenleben zu schützen? – »Wasser predigen, aber Ischias haben«, oder so ähnlich.

Zweitens: Der mutmaßliche Attentäter von Straßburg war von Deutschland nach Frankreich abgeschoben worden. Mit anderen, eiskalten Worten: Deutschland war intolerant gewesen und das hat womöglich einen Anschlag in Deutschland verhindert. (siehe z.B. bild.de, 12.12.2018)

Es scheint, dass die unangenehmste Lehre aus der Ära gutmenschlichen Wahns ist: Toleranz tötet, Intoleranz kann Leben retten. (Siehe auch: Die Schuld der Gutmenschen)

Nicht zu dulden

Es ist wahrlich nicht neu, dass Politiker und andere Mächte dem Volk einreden, das Ertragen dessen, was die Politik ihnen einbrockt, sei ein moralischer Wert. Manche sagen, das ganze Geschäftsmodell der Kirchen sei darauf ausgerichtet (gewesen), dem Volk ertragen und dulden zu helfen, was Schicksal und Fürsten ihm antaten.

Früher sagte man: Ertrage was dir heute angetan wird, dann wirst du im Himmel belohnt werden – und nicht zu ertragen sei Sünde. Heute sagt man: Dulde was dir heute getan wird, und du wirst immerhin als toleranter Mensch gelobt werden – und nicht zu dulden sei Rechts.

Es ergibt ja aus deren Perspektive durchaus Sinn, dass Regierungen und Propagandisten so viele Millionen in Kampagnen fürs Ertragen investieren. Das war im Mittelalter so und das ist auch heute so, und auch heute sind es auffallend oft Kirchenmänner, die das Volk aufrufen, die Möglichkeit des Todes für die »gute Sache« zu ertragen. (Siehe auch: Gutmenschen riskieren das Leben anderer Leute.)

Ich will meinen Nachbarn nicht dulden und nicht ertragen, ich will eine klare Wand ziehen zwischen ihm und mir – und ich will ihm dort, und genau nur dort, begegnen, wo es ihm und mir, uns beiden also, angenehm ist. Meinem Nachbarn das generelle Recht zu geben, in meine Kreise einzudringen, würde ja auch bedeuten, dass ich mir das Recht nähme, in seine Kreise einzudringen! Ich will von meinem Nachbarn in Ruhe gelassen werden, und ich lasse ihn in Ruhe. Ich will von meinem Nachbarn lernen, wenn und insoweit es in meinen Plan passt, doch ich will nicht ertragen, seine Ideologie aufgezwungen zu bekommen – und ansonsten als »Ungläubiger« oder »Hund« bezeichnet zu werden.

Wer waren denn die Communities, innerhalb derer der Attentäter von Straßburg eine Heimat fand? Wo wurde ihm beigebracht, Ungläubige zu hassen? Was bedeutet es, dass Europa diese Communities duldet und erträgt?

Es bleibt ein Rätsel, warum die Feen der richtigen Meinung ihren Zauberstaub der Toleranz an die eine Stelle streuen und an die andere Stelle nicht. Lassen Sie uns die Feen dorthin verbannen, wohin sie gehören, nämlich ins Reich der Märchen.

Ein Leser schreibt mir, heute: »… fühlen Sie sich auch so, mit Verlaub, Scheiße, wenn der eigene Schwanengesang wie eine unendliche Litanei wirkt«?

Ich antworte: Wenn der moralische Kompass funktioniert, wird auch heute dort Norden sein, wo es gestern war. Ich habe Ihnen die Mechanik meines moralischen Kompasses in Relevante Strukturen vor- und offengelegt.

Meine Vorhersage bleibt die gleiche, und damit mein Ratschlag auch: Solange Menschen nicht ihre Kreise (ihre »relevanten Strukturen«) erkennen, ordnen und schützen, werden sie nicht glücklich sein. Eine Gesellschaft aber, die ihren Bürgern das Glück unmöglich macht, die Duldsamkeit lehrt wo Selbstschutz angebracht wäre, wie will sie die Prüfungen der Zukunft bestehen?

Besser als Toleranz

Viele der Zahlen und Fakten, sei es bei Kriminalität, bei sozialem Frieden oder bei Antisemitismus, widersprechen den Versprechungen der Toleranz-Lüge diametral. Es sind gerade »tolerante« Staaten, in denen Weihnachtsmärkte zu Gefahrenzonen wurden, wo die Gefängnisse immer voller werden, die Polizei überfordert ist und die Bürger aus Angst um die Zukunft ihrer Stadt und ihrer Kinder verzweifeln.

Es ist Zeit, allerhöchste Zeit, das Toleranz-Dogma zu prüfen: Wem nutzt es wirklich? Welche Gründe sprechen für blinde, suizidale Toleranz außer dem moralischen Druck der Meinungseliten?

Lasst uns den Politikern zurufen: Leitet die Menschen an, ihre Kreise zu ordnen! Erlaubt und helft den Menschen, sich zu schützen vor jenen, die ihre Kreise schwächen wollen! (Und wenn ihr es nicht tut, werden die Bürger nach anderen Politikern rufen – es ist dem Menschen angeboren, wie das Atmen und der Herzschlag, seine Kreise ordnen und schützen zu wollen. Würdet ihr versuchen, mit moralischen Argumenten dem Menschen das Atmen auszureden?)

An uns Bürger aber: Prüft eure Duldsamkeit! Überdenkt euer Ertragen! Ordnet eure Kreise und schützt, was euch wichtig ist. Duldet weniger, und duldet nicht jene, welche euch nicht dulden. Ertragt nicht, was euch gefährlich ist. Streckt die Hand zur Hilfe aus, doch zieht sie zurück, wenn man euch in die Hand zu beißen droht.

 

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