The Left Can’t Meme – Warum Linke keinen Humor können

Die »White House Correspondents’ Association« ist eine amerikanische Vereinigung von (großteils) Mainstream-Journalisten, die über das Weiße Haus und den US-Präsidenten berichten. Sie veranstalten jährlich das White House Correspondents’ Dinner im Washington Hilton, jeweils am letzten Samstag des April. Es ist eine Benefiz-Veranstaltung zugunsten von aussichtsreichen Nachwuchs-Journalisten, zugleich ist es zur Tradition geworden, dass der US-Präsident an diesem Dinner teilnimmt und in seiner Gegenwart über ihn Witze gemacht werden. Unvergessen bis heute ist etwa der Auftritt von Stephen Colbert im April 2006. (Seitdem ist Colbert zum unflätigen, einfallslosen und schon mal homophoben Trump-Hasser mutiert; eine traurige Angelegenheit, doch sein Auftritt von 2006 bleibt genial.)

Trump ist dieses und letztes Jahr dem Dinner ferngeblieben. 2018 nahm an Stelle des US-Präsidenten seine Pressesprecherin Sarah Sanders teil. Michelle Wolf war eingeladen, als Comedian. Sie ist wie Amy Schumer oder Sarah Silverman eine jener linken Spaßmacherinnen, die immer wieder etwas Vulgäres über Geschlechtsteile sagen (ja, beim White House Correspondents‘ Dinner ebenfalls) und dann den Zuschauer davon überzeugen, dass sein verklemmtes Verlegenheitslachen ein vollwertiges Lachen ist, und dass das Gesagte folglich witzig gewesen sein muss.

Der Auftritt von Michelle Wolf am 28. April 2018 wurde ob der enthaltenen Vulgarität und des krassen Sexismus kritisiert. Ich habe Ihnen einige Passagen ausgesucht. Es sind nicht die extra kontroversen Stellen, sondern eine Auswahl von »Pointen«, die meinem Ermessen nach stellvertretend für den Geist der Veranstaltung stehen.

»Mitch McConnell ist heute Abend nicht hier. Er hatte eine vorherige Verpflichtung. Er lässt sich endlich den Hals beschneiden. Paul Ryan hat es auch nicht geschafft. Er wurde natürlich schon beschnitten. Leider, als sie dort unten waren, haben sie auch seine Eier abgenommen.« – »Dann ist da Kellyanne Conway. Sie hat den perfekten Namen für das, was sie tut. Es ist als ob mein Name wäre: Michelle Witze Lockenhaare Kleine Titten. Ihr müsst aufhören, Kellyanne in eure Shows einzuladen. Alles, was sie tut, ist zu lügen. Wenn ihr ihr keine Plattform gebt, hat sie nirgends, wo sie lügen kann. Es ist wie die alte Redensart: Wenn der Baum im Wald umfällt, wie bekommen wir Kellyanne unter den Baum? – Ich schlage nicht vor, dass sie verletzt wird; sie soll nur feststecken.« – »Und dann ist da natürlich Ivanka. Sie sollte eine Fürsprecherin der Frauen sein. Aber, es stellt sich heraus, dass sie für Frauen so nützlich ist wie eine leere Tampon-Schachtel. Sie hat nichts getan, um Frauen zufriedenzustellen. (wörtlich: »satisfy«) Also, ich schätze mal: Vater wie Tochter. – Ach, ihr glaubt doch nicht, dass er gut im Bett ist? Aber sie sieht gut aus, sie sieht gut aus. Sie ist das Windel-Genie der Regierung. Außen sieht es gut aus, aber innen ist es voller Scheiße.«
– kompletter Auftritt: youtube.com/watch?v=L8IYPnnsYJw

Im weiteren Verlauf reißt die 32-jährige Ex-Bankerin Wolf noch sexistische Witzchen über das Aussehen der anwesenden Trump-Pressesprecherin und dreifachen Mutter Sarah Huckabee Sanders. Selbst die für die New York Times arbeitende Anti-Trump-Aktivistin Maggie Haberman empörte sich ob der Witze über das Aussehen der Pressesprecherin.

Margaret Talev, die Präsidentin der gastgebenden Vereinigung, distanzierte sich später vom Auftritt; er sei nicht im »vereinigenden Sinne« gewesen.

Ich stelle mir eine andere Frage: Warum sind Linke heute so dermaßen unwitzig, dass sie sich nicht mal selbst witzig finden?

The left can’t meme

Im amerikanischen Teil des Internets gibt es eine Redensart, welche die neue Humorlosigkeit der Linken auf den Punkt bringt: »The left can’t meme«. – Es gilt ebenso für Deutschland.

Das englische Wort »meme« (ausgesprochen: »mihm«, plural »mihms«) bezeichnet übers Internet verbreitete Bildchen, mit Schrift über einem bekannten Foto oder Filmausschnitt, die als Gesamtkunstwerkchen einen Schmerz oder einen witzigen Angriff auf den Punkt bringen. Diese Bildchen verbreiten sich tausend- und millionenfach. Sie bringen textliche Inhalte auch in bildlastige Internet-Communities. Das Auflisten und analysieren von Memes hat sich zu einer eigenständigen Quasi-Wissenschaft entwickelt. (nützliche Website: knowyourmeme.com)

Memes rotieren häufig um ein Bild und einen Witz-Aufbau. Das Meme »Successful Black Man« etwa zeigt einen jungen schwarzen Mann in Anzug und Krawatte. Der Aufbau des Witzes arbeitet häufig mit der Doppeldeutigkeit eines Wortes, wovon eine Interpretation ein Stereotyp über Schwarze evozieren könnte. Beispiel Teil 1/Aufbau: »My wife is pregnant so I left her«, und dann Teil 2/Pointe: »some ice cream in the freezer«. Der erste Teil ließe sich deuten als Hinweis auf die hohe Zahl alleinerziehender schwarzer Mütter. Der zweite Teil aber macht deutlich, dass das Wort »left her« nicht gemeint war als »verließ sie« sondern als »ließ ihr (etwas Eiscreme da)«.

Dieses konkrete Meme thematisiert gleich mehrere schmerzhafte Bruchstellen. Es triggert, widerlegt und hinterfragt so die Stereotypen in den Köpfen der Leser.

Memes haben einen Einfluss auf die öffentliche Debatte. Die Pepe-Memes in den zwischenzeitlich Trump-nahen Teilen des Internets etwa trieben Clinton-Fans in den Wahnsinn. Linke betrachten sich selbst als die »Witzigen« und kommen bis heute nicht damit klar, dass sich Nicht-Linke selbst als Frösche bezeichnen, mit so vielen Meta- und Ironie-Leveln, dass die Linke es bald als »Nazi« und »Rääächts« labeln musste.

Es ist ja nicht so, dass die Linke sich nicht an Memes versuchen würde. Es gibt sogar von Ministerien gesponserte Projekte, die das Internet mit »Memes« gegen die Opposition zu fluten versuchen (»NoHateSpeech«, »Doppeleinhorn«) – es ist zum Fremdschämen und nur unfreiwillig witzig. Comedians, die im Auftrag des ZDF gegen Regierungskritiker agitieren, oder die sich für solche lukrativen Stellen erst bewerben, versuchen sich daran, via Hashtag und Memes die Debatte über von der Regierung verursachte Probleme zu kapern – und ihre Versuche werden selbst wieder von denen gekapert, welche von regierungsnaher Seite aus niedergebrüllt werden sollten.

Wie Humor funktioniert

Jeder von uns hat im Leben ein oder zwei Dinge getan, auf die er im Nachhinein eher wenig stolz ist. Ich habe mal die Aufzeichnung der HeuteShow besucht – sogar Eintritt gezahlt! Bei der HeuteShow wird vor der Sendung ein Zusammenschnitt von Pannen-Videos gezeigt und die Kameras zeichnen das Lachen des Publikums zu diesem Zusammenschnitt auf und schneiden es nachher hinter die »Witze«, auf dass sie erfolgreich wirken. (Es mag heute Allgemeinwissen sein, doch ich war unangenehm überrascht.) Das Lachen, das Herrn Welke entgegenschallt, ist zu einem Teil Fake. Erst die FakeNews, dann der FakeHumor – ein Abend mit dem Staatsfunk. (Hach, wie ich Thomas Gottschalk und Wetten Dass?! vermisse.)

In den USA wie in Deutschland stellt sich die Frage: Warum ist die Linke so unwitzig? Besonders im Umkreis der Öffentlich Rechtlichen finden sich immer wieder »Comedians«, deren Humor vor allem aus Unflätigkeiten über die Opposition bestehen, besonders gern über physiognomische Eigenheiten oder manchmal auch über eventuelle Behinderungen. Was sie »Humor« nennen, ist einfach nur Hass und Schmähung. Eine Oppositionspolitikerin als »Nazischlampe« zu titulieren (NDR) ist »Satire« – wäre es das auch, wenn sie dasselbe über die Kanzlerin sagten, nur eben mit DDR? Wohl nein, dann wäre es das Ende der Karriere als staatlich bestellter Comedian.

Humor ist eine Art, schmerzhafte Punkte der Realität mit Witzen zu behandeln, vergleichbar einer Wurzelbehandlung. Wenn man aber kontinuierlich damit beschäftigt ist, die Realität zu negieren, kann man diese Schmerzpunkte nicht treffen.

Humor beginnt damit, anzuerkennen, dass es schmerzhafte Unterschiede gibt. Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Reichen und Armen, zwischen Nationen und Völkern. Linke können keinen Humor, denn Humor braucht Wahrheit, tiefe menschliche Wahrheit, und vor Wenigem hat die Linke heute mehr Angst als vor schmerzhafter Wahrheit.

Der größtmögliche Hass

Das, was die Kulturlinke »Humor« nennt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen allzu oft als schlichter Hass auf alles, was konstruktiv, schön oder bloß anders ist. Ich erlebe es ja selbst gelegentlich, wenn einer der ZDF-nahen Comedians mich im Internet erwähnt, und anschließend seine Follower mich mit kruden und rassistischen Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen überziehen.

Linker Humor in Deutschland wie in den USA hat sich deutlich gewandelt in den letzten Jahrzehnten. Ich erinnere mich an Größen wie George Carlin oder Robin Williams. Hinter jedem Witz, jeder Kritik am Establishment und am Kapitalismus, steckte die tiefe Liebe zur Menschheit und der Wunsch, wider alle Wahrscheinlichkeit doch noch einen Sinn in dem ganzen Menschheitstheater auszumachen.

Es hat seinen Grund, dass Götter des Witzigen wie John Cleese oder Rowan Atkinson von politischer Korrektheit angewidert sind und in den deutlichsten Worten dagegen argumentieren. Humor legt Wahrheit frei, politische Korrektheit macht die Lüge zur Sprachregel. Humor und Lüge sind ein logischer Widerspruch.

Die Linken in ihrem politischen Korrektheitswahn haben dem Sagbaren so viele Grenzen gesetzt, dass ihnen konsequenterweise ein Großteil an Witzigkeiten buchstäblich »unsagbar« geworden ist. (siehe dazu mein Text »Dušan Grzeszczyk gegen die Witzpolizei«)

Was sich heute als linker Humor ausgibt, ist immer mehr nur Hass auf alle, die unangenehme Fakten nennen und Fragen stellen, auf alle Abweichler und Andersdenkenden, auf die Komischen, sei es die Komischen in der Idee oder die »Komischen« am Körper.

Der ultimative Hass aber, der größtmögliche Hass, den ein Mensch logisch produzieren kann, ist der Hass auf die eigenen Kinder.

Ich erlaube mir, ein weiteres Mal die Dinner-Rede der von der White House Correspondents’ Association eingeladenen Michelle Wolf zu zitieren:

»(Michael Pence) denkt, Abtreibung sei Mord. Zuerst einmal: Haut da nicht drauf, bevor ihr es nicht versucht habt. Aber wenn ihr es versucht, haut es so richtig, ihr müsst das Baby da heraus bekommen.« (wörtlich: »Don’t knock it, until you try it, but if you try it, really knock it, you gotta get that baby out of there.«) – Es offenbart sich dann doch ein unterschiedliches Weltbild der 32-jährigen Linken und der neben ihr sitzenden dreifachen Mutter, ein deutlich unterschiedliches Weltbild zwischen linkem Hass aufs Leben (der als Humor verkauft wird) und dem konservativen Wunsch, ein Land zu sichern, in dem jede Familie ihre Kinder sicher großziehen kann.

Humor ist anderswo

Ich denke nicht, dass es auf absehbare Zeit besser wird. Die Kulturlinke erzieht ihr Publikum dahin, Hass aufs Leben für Humor zu halten. (Deutsche Geschichte wiederholt sich eben manchmal doch, auch wenn sie in der Rhetorik gegenteilig tut, siehe: Dürfte Satire einen Menschen töten?) Der Humor im eigentlichen Sinne, sprich: die Aufarbeitung der schmerzhaften Widersprüche zwischen unseren Begriffen und der Realität, dieser »echte« Humor findet zunehmend anderswo statt, sei es bei 4Chan, 9Gag, Reddit oder in weit dunkleren Ecken, fernab der Safe-Spaces und Echo-Chambers, die wir hier nicht listen wollen.

Dieselben linken Selbsthasser, die unser westliches Fundament bedrohen, wollen uns zugleich verbieten, darüber zu lachen – und wollen menschlichen Humor durch linken Hass ersetzen. Sie wollen Zensur, wo früher Lachen war, sie wollen, dass wir keine Unterschiede mehr wahrnehmen, und sie sind so furchtbar unwitzig dabei, oder, um es kürzer zu sagen: The left can’t meme.

Ach ja

Es ist der Abend des 30. April. In Berlin werden linke Aktivisten ihre Form des praktischen Humors handfest erlebbar machen. Erste Betonfachmärkte bieten Pflastersteine palettenweise zum Sonderpreis an. Es haben sich Gewerkschafter, Sozialdemokraten, eine »Spaßguerilla«, die Antifa und »Israelkritiker« angekündigt – zu einem ganzen Bukett an Demonstrationen, der neuen Form des Berliner Volksfests. Wir können erwarten, dass es wieder zu Ausschreitungen, Gewalt und antisemitischen Parolen kommt. Doch, die Berliner ertragen es scheinbar mit Humor; nein, einige ertragen es nicht nur, sie wählen sogar immer wieder die Parteien, die solchen Wahnsinn möglich machen. – Ich muss nicht alle Witze verstehen.

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Den Essay »The Left Can’t Meme – Warum Linke keinen Humor können« (und viele weitere Texte) von Dushan Wegner finden Sie gratis online: https://dushanwegner.com/the-left-cant-meme/

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