Populist

Ja, es gab mal Zeiten, da haben Politiker sich selbst »Populisten« genannt. Heute aber ist »Populist« ein Kampfbegriff. »X ist ein Populist« soll X aus der Debatte ausgrenzen.

Wenn das Wort »Populist« überhaupt etwas bedeutet, dann ungefähr: Ein »Populist« ist jemand, der gesellschaftliche Probleme und ihre Lösungen allzu stark vereinfacht.

Politiker müssen Probleme vereinfachen. Jeder demokratische Politiker ist potentieller Populist. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zuerst: Politische Probleme sind oft ungeheuer komplex. Man muss sie vereinfachen, um überhaupt über sie kommunizieren zu können. Aber auch: Dem Wähler ist es viel angenehmer, wenn die Lösung auf ein Problem als »einfach« dargestellt wird. »Einfach« bedeutet »lösbar«.

»Politiker müssen Probleme vereinfachen. Jeder demokratische Politiker ist potentieller Populist.« Click to Tweet

Der als »Populist« geschmähte Politiker (und seine Wähler) merken ja durchaus, dass es eine Unterschied zwischen ihm und »traditionellen« Politikern gibt. Aus der Innenperspektive wird man es aber natürlich anders formulieren: Man greift »die Sorgen und Nöte« der Bevölkerung auf. Man »nimmt die Sorgen ernst«. Und hier ist der moralische Knackpunkt: Wenn man »Populismus« als irgendwie unmoralisch darstellt – wie sind jene aus demokratischer Sicht zu bewerten, bei denen der Bürger über lange Zeit hin das Gefühl hat, sie nähmen seine Sorgen und Nöte nicht ernst? Was nehmen jene »Nicht-Populisten« denn ernst? Ist es nicht schlimmer als aller Populismus, den Souverän bislang nicht ernst genommen zu haben?

Im Lauf der »Flüchtlingskrise« hat »Populist« einen ganz besonderen Beigeschmack bekommen, wenn nicht sogar eine Weiterentwicklung erlebt: »Populist« schien derjenige zu sein, der den Schutz des Landes und simple Logik vor diffuse höhere Moral stellte. Das rächte sich. So erscheint es, dass spätestens als Reaktion auf den Terroranschlag von Berlin 2016 nun die Regierung einiges von dem tut, was zuvor von »Populisten« als Prävention vorgeschlagen wurde.

Prognose: Im Bundestags-Wahlkampf 2017 werden Leitmedien all jenen »Populismus« vorwerfen, welche die Logik der Merkel-Linie in hinterfragen. Das wird von unabhängig von Linkspartei bis AfD reichen. Populismus wird immer mehr das Gegenstück zu Haltung.

Aktueller Text von Dushan Wegner

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9 Kommentare zu “Populist

  1. wasauchimmer

    Normal ist „Populist“ eher ein Lob weil sich der Politiker für das Volk interessiert und Politik macht wie das Volk es will. In der heutigen Zeit ist es aber negativ besetzt und wird als diffamierung benutzt und heißt so viel wie „Maulheld“.

  2. Ein populist versteht es, sorgen und bedenken des Bürgers aufzugreifen.

  3. Populismus hieß früher, dem Volk zu Munde reden. Heute wird es gebraucht, um das Argument politischer Gegner genau dahingehend abzuschwächen, die falsche Meinung des Volkes zu vertreten, um Wählerstimmen zu ergattern.
    Im Grunde steckt in dem Wort die Abwertung des Volkes, was als ahnungslos und deshalb unmündig betrachtet wird.
    Bestätigt wird die Abwertung des Volkes, durch das Bestehen der repräsentativen (stellvertretenden) Demokratie, die sich im Gegensatz zur direkten Demokratie gerade durch die Unterstellung der Unmündigkeit und Unwissenheit des Volkes rechtfertigt.

  4. TheAngryGerman

    Populismus in Reinkultur ist Merkels Politik, die sich ausschließlich nach den Vorhersagen ihrer Demoskopen orientiert und nur versucht, immer mit der Mehrheit zu schwimmen. Sie hat keinerlei langfristigen Ziele und wenn man überlegt, das man sich an nichts Positives erinnert, wenn man die Amtszeit von Merkel Revue passieren lässt, kann man es kaum glauben.

  5. helle faber

    PP – Partido Popular/ dt: VOLKSPARTEI. die spanische schwester der CDU.

  6. Nasenbär

    Ich finde es interessant, dass der Begriff „Populist“ schön langsam mit Stolz verwendet wird. Der Begriff macht meiner Meinung nach gerade dieselbe Entwicklung durch wie „made in germany“, das ursprünglich von den Briten kreiert wurde, um die Menschen davon abzuhalten, deutsche Produkte zu kaufen. Da man aber feststellen musste, dass die Qualität sehr hoch war, wurde es bald zum Gütesiegel. Dieselbe Entwicklung erleben wir gerade beim „(Rechts-)Populisten“.

    Aber zurück zum eigentlichen Thema: Meiner Erfahrung nach ist ein Populist ein Konservativer, der die Wahrheit sagt, bzw. ein Konservativer, der nachweislich Recht hat.

  7. ErlingPlaethe

    Zu dem was schon gesagt wurde ein paar Anmerkungen zum „Wesensmerkmal“ des Populisten: der Vereinfachung.

    Es ist die hohe Kunst der Philosophie auf schwierige komplexe Fragen einfache und verständlich formulierte Antworten zu finden, auch wenn sie im Detail alles andere als einfach sind.

    So ist es auch in den Naturwissenschaften. Bedeutende Wissenschaftler wie z.B Steven Hawking (Eine kurze Geschichte der Zeit) haben immer wieder erfolgreich bewiesen, dass ihr Forschungsgebiet (Astrophysik) und die ihr zugrundeliegenden aktuellen Theorien (Allgemeine Relativitätstheorie) durchaus verständlich, und damit einfach, erklärt werden können. Ohne die mathematische Herleitung darzulegen zu müssen.

    Für die Politik folgt daraus, dass die Vereinfachung und die Information darüber, womit sich Politiker befassen, so populistisch ist wie populärwissenschaftliche Veröffentlichungen von Wissenschaftlern.
    Steven Hawking, nur ein Populist?

    Der Vorwurf des Populismus auch auf die Abschottung exklusiven Wissens vor populärer Kenntnisnahme.

    Andererseits bezeugt die Titulierung „Populist“ nicht nur den Neid vor der Kunst der Deduktion.
    Es gibt die Tendenz für komplexe Problemstellungen einfache Lösungen zu postulieren, die suggerieren, der Politiker hätte alles im Griff.
    Wird er dabei erwischt nicht alles im Griff zu haben und ist ehrlich, sagt er, er wollte nicht zur Verunsicherung beitragen. Ist er es nicht, redet er das Problem klein.

    Das ist eine Art von Populismus die Vorsicht oder Machterhaltung oder sagar politische Rat- und Tatenlosigkeit hinter einer Fassade von Schönfärberei, Moralismus und Weltrettungsideen verbirgt.

    Es gibt also mindestens zwei sehr unterschiedliche Interpretationen des Begriffs.
    Die eine zielt auf die vereinfachte Darstellung dessen, was als Realität gesehen wird.
    Die andere zielt auf die vereinfachte Darstellung dessen, was zur Lösung von Problemen in einer dargestellten Realität als notwendig angesehen wird.

    Und dann gibt es noch die Interpretation in der dem Populisten die Erfassung der Komplexität sowohl der dargestellten Realität wie auch der Problemlösung abgesprochen wird. Er also nachweislich weder das eine noch das andere zu erfassen imstande ist. Aber das genaue Gegenteil vorgibt.

    Diese dritte Interpretation ist die eines Hochstaplers.

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