Wie das Wort interpretieren? Eigentlich darf ich nicht über Feminismus reden. Ich bin ein Mann. Ich halte Frauen die Tür auf, schenke schon mal Blumen, mache Komplimente, wenn mir ein Kleid gefällt – und bringe bei Gelegenheit sogar Schokolade mit! Ich bin offensichtlich kein Feminist.

Ich werde es dennoch wagen, über Feminismus zu reden. Ich möchte hier aber weder eine Geschichte der Frauenbewegung(en) geben, noch will ich versuchen, nachzuzeichnen, wie moderne Feministinnen sich selbst verstehen. Ich will mich vielmehr dem nähern, wie »die Gesellschaft« den Feminismus heute sieht. Eine Außenperspektive also. Ich lege Ihnen quasi eine These darüber vor, wie der Begriff »Feminismus« heute in der Breite verstanden wird. Und Sie können dann darüber befinden, wie genau ich das allgemeine Verständnis treffe.

Unterscheidung

Das Wort »Feminismus« bezieht sich heute auf zwei unterschiedliche und recht genau unterscheidbare Phänomene.

Ein Vergleich vorab: Wenn ich das Wort »Bank« höre, können (mindestens) zwei verschiedene Arten von Dingen gemeint sein: Die »Bank«, zu der man Geld bringt – und die »Bank« auf der man übernachtet, wenn man kein Geld mehr hat. Die Geldbank und die Straßenbank mögen denselben etymologischen Ursprung haben (italienisch: banca), sie bedeuten heute aber zwei verschiedene Dinge. (Und ein »Banker« ist nicht einer, der auf der Bank im Park schläft.)

Beim Wort »Feminismus« muss man – in meinem Verständnis des Worts – zwischen zwei Bedeutungen/Begriffen unterscheiden:

Feminismus I: Akademische und soziale Bewegung, die für Frauenrechte einsteht, Frauenwahlrecht errang und Emanzipation der Frau als gesellschaftliches Ziel setzte.

Feminismus II: Identitätspolitischer, emotionsbetonter Aktivismus (ab ca. 2010er Jahre), dessen Anliegen sich nach täglicher, via Internet hochkochender Empörungs-Moden immer neu findet.

Wenn also jemand vom »Feminismus« spricht, versuche ich erst einmal zu unterscheiden, welchen von beiden Feminismen er meint: Gleichberechtigung (Femi-nismus I) oder Aktivismus (Feminismus II)?

Feminismus I

Das, was ich »Feminismus I« nenne, hatte Vordenkerinnen wie Josephine Butler oder Simone de Beauvoir. Die Feministinnen des Feminismus I kämpften um Rechte, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Etwa: Das Recht der Frauen, die sie regierenden Politiker mit zu wählen. Das Recht, zu studieren und an der Universität zu lehren. Das Recht, frei einen Beruf zu ergreifen. (Eine lesenswerte Aufstellung der Geschichte der Gleichstellung findet sich etwa auf der Site der Uni Bielefeld.)

Im »Westen« sind diese Werte weitgehend verwirklicht. Und ich finde es großartig! Natürlich sollen Frauen studieren dürfen, auch meine Tochter soll studieren, wenn sie mag. Und meine Gattin hat mich an der Uni aufgegabelt. (1923 wurde Margarete von Wrangell erste ordentliche Professorin in Deutschland.) Natürlich sollen Frauen ihren Beruf selbst wählen dürfen, der Beruf ist ja für viele Menschen ein Teil des Selbstbildes, und ganz wesentlicher Faktor persönlicher Unabhängigkeit sowieso!

Frauenwahlrecht ist natürlich auch moralisch zwingend. Demokratie bedeutet, dass man mit bestimmen kann, von wem man regiert wird! (Übrigens: 52% jener Gruppe, welche Hillary Clinton soziologisch am ähnlichsten ist – also weiße Frauen – stimmten für Donald Trump. Freiheit bedeutet eben auch, sich nicht von anderen vorschreiben zu lassen, wen man »als Frau« zu wählen hat.)

Neben diesen »harten« Frauenrechten gibt es auch »weiche« Tendenzen, derer sich der »klassische« Feminismus annimmt – oder annehmen sollte. So ist es auch ein Problem individueller Freiheit, dass Frauen noch immer statistisch häufiger Uni-Fächer mit geringerer Verdienst-Möglichkeit studieren. Wir brauchen weniger Germanistinnen und Gender-Expertinnen, mehr Ingenieurinnen und Infor-matikerinnen. Weniger MIMIMI, mehr MINT.

Der Feminismus I ist noch nicht ganz am Ziel, nicht im Westen und schon gar nicht im Rest der Welt. In vielen Ländern sind die ersten, »harten« Ziele noch lange nicht erreicht. Im Westen dagegen arbeiten wir inzwischen meist an »weichen« Zielen. Heute sind oft nicht mehr »das Patriarchat« das wahre Problem, sondern eigene Denkgewohnheiten. Moderner Feminismus I muss auch in die Köpfe der Frauen selbst schauen. Mancher, der »Opfer« genannt werden könnte, ist in Wahrheit ein Opfer seiner selbst – womit wir beim »Feminismus II« wären.

Feminismus II

Der Feminismus II hat keine vergleichbaren Vordenkerinnen, eher Tonangeberinnen. (Zur Erinnerung: Ich spreche nicht von der Innen-Perspektive, sondern von der Außen-Perspektive. Also: Woran denken wir Nicht-Aktivisten, wenn wir heute »Feminismus« hören? Deshalb kann ich diverse angebliche »Wellen« des Feminismus hier zusammenfassen.)

Die prominentesten Vertreterinnen des Feminismus II bauen ihren Ruhm nicht auf akademischen Papers, sondern auf YouTube-Videos, Twitter-Hashtags und Talkshow-Auftritten.

Wir denken an Anita Sarkeesian (kritisierte Video-Spiele auf YouTube, fand dabei viel Sexismus), Lena Dunham (begann mit YouTube-Videos, zuletzt aktiv als prominente Hillary-Clinton-Wahlkämpferin) oder Emma Watson (spielte Hermine in den Harry-Potter-Filmen).

Feminismus II arbeitet nicht mehr mit komplexen Argumentationsketten oder Statistiken. (Wenn man einmal von umstrittenen Behauptungen über Einkommensverteilung absieht.) Statt Reflexion und Gesellschaftskritik wird z.B. mit »Hashtags« operiert. »Hashtags« sind Kategorien-Begriffe auf Twitter. Zu populären Hashtags posten dann hunderte oder tausende von Feministen jeweils emotionsförderliche Behauptungen. Die Echokammern der Schlagwort-Empörung erwecken bei Vertretern traditioneller Medien den Eindruck, wo viel Lärm sei, sei auch viel Anliegen. Wenn der Hashtag das Weltbild des Journalisten bestätigt, wird nicht gefragt, wie viel Substanz die Tagesempörung tatsächlich hat.

Das Hochamt des »Feminismus II«

Nach dem Amtsantritt von Donald J. Trump gingen weltweit insgesamt deutlich über eine Million Menschen, meist Frauen, auf die Straßen. Sie nannten es »Women’s March«. Man versuchte nicht einmal mehr, es spontan aussehen zu lassen. Die New York Times berichtete, dass über 50 »Partner« des Women’s March finanzielle Verbindungen zu demselben Geldgeber hatten – und dieser wiederum einer der größten Sponsoren der gescheiterten Hillary Clinton gewesen war.

Im Women’s March selbst wurden alle Widersprüchlichkeiten des Feminismus II gefeiert und demonstrativ vorgetragen. In den letzten Jahrzehnten wurde es ja Mode, Revolutionen eine Farbe zu geben. Der Women’s March bekam die Farbe Rosa.

(Während Feminismus I noch gegen Pink als »weibliche« Farbe kämpfte, da sie Stereotypen und Infantilisierung der Frau fördere, infantilisiert sich der Feminismus II selbst.) Als gemeinsames Symbol wurde eine rosafarbene gehäkelte Wollmütze getragen, die man »Pussyhat« nannte. Nicht wenige Frauen hatten sich, ich sage es einfach mal direkt, große »Vagina-Kostüme« gebastelt, inklusive Schambehaarung.

Eine der Organisatorinnen der US-Märsche ist muslimische Aktivistin, trägt Hijab und hat in der Vergangenheit ihre Stimme auch zur Verteidigung der Sharia erhoben. Als Teil des Women’s March wurden Plakate hochgehalten, die den Hijab als Kopfbedeckung feierten. Das Bekenntnis zur Selbstdarstellung der Frau nach streng islamischer Lesart fand als Ausdruck weiblicher Freiheit viel Applaus. Frauen und, ja, Männer, probierten »zum ersten Mal« aus, »wie es ist«, den Hijab zu tragen. (Gleichzeitig wurden Frauengruppen, die inhaltlich Trump nahe standen, aus dem »Women’s March« ausgeschlossen. Es war keine für alle Frauen offene Veranstaltung, nur für potentielle Hillary-Clinton-Wählerinnen, warum auch immer.)

Das öffentliche Zur-Schau-Tragen der Vagina und die Feier traditioneller Religion könnten kaum stärker im Widerspruch stehen – auf den ersten Blick. Doch auf den zweiten Blick, auf einer anderen Ebene gewissermaßen, entdeckt man eben doch eine gemeinsame Denkrichtung.

Der neue Feminismus ist Anti-Feminismus

Der Feminismus II ist »Anti-Feminismus«.

Feminismus I wollte Frauen stark machen. Feminismus II macht Frauen schwach.
Feminismus I kämpfte dagegen, dass Frauen auf ihre Geschlechtsteile und Reproduktionsorgane reduziert werden. Feminismus II verkleidet sich als Geschlechtsteil und findet Gemeinsamkeiten mit traditionellen religiösen Frauenrollen.

Feminismus I kämpfte darum, in der Akademia ernstgenommen zu werden, er forderte mit neuen Ideen heraus und ließ sich auf Debatten ein. Feminismus II möchte in der Akademia zwar Stellen und Fördergelder abgreifen, verweigert sich aber der Debatte, und geht aggressiv gegen Menschen mit abweichender Meinung vor. (Die Zeitschrift Emma (Feminismus I) verwendet in ähnlichem Kontext das markante Wort »Hetzfeministinnen«.)

Feminismus I machte Männer zu besseren Menschen. Feminismus II macht Frauen dumm – und die Männer um so mächtiger. Feminismus I hatte Argumente und Werte, Feminismus II hat rosa Herzchen und ganz viele Gefühle.

SJWs

Der Feminismus II ist Teil der Social-Justice-Warrior-Bewegung, kurz »SJWs«. Diese SJWs sehen sich selbst als »Kämpfer für soziale Gerechtigkeit«. Von außen erscheinen sie aber oft eher als intolerante Bullies, meist sich via Internet koordinierend. SJWs haben sich zu einer intoleranten Mentalität entwickelt, die abweichende Meinung verhindern will, via Shitstorms, sozialer Ausgrenzung oder sogar Gefährdung des Arbeitsplatzes und – via Antifa – der persönlichen Unversehrtheit.

SJWs, Aktivismus und Feminismus II sind nicht nur eine latent intolerante Mentalität, es ist auch knallhartes Business. Einzelne Aktivisten verdienen sechsstellige Jahresgehälter. Für 2017 etwa plant das Familienministerium eine mindestens 100 Millionen teure Kampagne (de facto) für politische Korrektheit (und damit gegen nicht politisch korrekte Parteien; Stichworte: »Demokratie leben!« etc.). »Echte« Feministinnen hätten spätestens dann hellhörig werden sollen, als sie vor den Karren gespannt wurden, um eine Aufsichtsrats-Frauenquote durchzusetzen, die keinem einzigen unterprivilegierten Mädchen irgendwie helfen wird, aber komfortable »Anschlussverwendung« für Politikerinnen eröffnet. Für die Profis ist Empörung ein gutes Geschäft.

SJWs und Feminismus II haben kein geschlossenes Weltbild und keinen einheitlichen Forderungskatalog. Die einen wollen das Konzept biologischen Geschlechts aufheben, die anderen verkleiden sich als Vaginas. SJWs fordern Toleranz und rufen »Loves Trump Hate« – gleichzeitig bejubeln sie Gewalt und Einschüchterung von Andersdenkenden.

Die einenden Merkmale aller SJWs, und damit auch des Feminismus II, sind a) Intoleranz und Debatten-Unfähigkeit, b) Forderung nach Unterwerfung bei Androhung von sozialer oder körperlicher Gewalt, und c) die Weigerung, Verantwortung fürs eigene Schicksal zu übernehmen (Schuld an allem Schlechten sind »Kapitalisten«, »Patriarchat«, »Nazis«, »Männer(rechtler)«, etc., niemals das eigene Verhalten). SJW-Aktivismus und Feminismus II sind eine gefährliche Infantilisierung – zum Schaden der Beteiligten, ihrer Opfer, und letztendlich der Gesellschaft insgesamt.

Wäre ich ein reicher Freund des Patriarchats, welcher die Frauen schwächen und die Gesellschaft verführbar halten will, würde ich SJWs und Feminismus II kräftig fördern. Niemand schadet der Sache der Frauen mehr, als jene, die den Mädchen (implizit) einreden, Herzchen-Kult und larmoyante Forderungen könnten Fleiß, Verstand und harte Arbeit ersetzen.

Und nun?

Spätestens mit den Vagina-Feministinnen des Women’s March ist das Wort »Femi-nismus« verbrannt. Dieser Feminismus II, diese Herzchen, Hashtags und Sympathien für archaischen Fundamentalismus, dieser ganze rosa Cocktail ist endgültig moralisch entkernt. Der moderne Pop-Feminismus ist eine Bewegung gegen die Frauenrechte und echte Gleichberechtigung.

Aber nur weil das Wort »Feminismus« verbrannt ist, sind die Probleme von einst nicht fort. In großen Teilen der Welt werden Frauen unterdrückt. Modernes Marketing nutzt angeborene Vorlieben von Mädchen aus und wendet diese gegen sie. Dies gilt gleichermaßen für Spielzeugmarketing und für manche politischen Talking Points.

Man möchte fast einen neuen Ausdruck erfinden, doch das ist unnötig, denn es gibt zwei sehr gute: »Aufklärung« und »Emanzipation«. Feminismus II ist Gegen-Aufklärung und Gegen-Emanzipation. Es wird Zeit, gegen das Gegen vorzugehen.

Aufklärung und Emanzipation

»Aufklärung« ist noch immer der »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«. Der Feminismus II predigt weibliche Unmündigkeit und Leugnung eigener Verantwortung fürs persönliche Wohl. Es ist Zeit, die Ideen der Aufklärung wieder stark zu machen.

»Emanzipation« wird heute im Amerikanischen als »Empowerment« verstanden. Ich verstehe es als Auftrag, jeden einzelnen Menschen stark zu machen. Da zu helfen, wo Hilfe benötigt wird. Emanzipation muss neu zum gesellschaftlichen Ziel werden.
Das Wort »Feminismus« ist tot, verbrannt in rosa Flammen, erstickt in Herzchen und erschlagen von Infantilisierung. Manche Probleme aber bleiben. Wir sollten Aufklärung und Emanzipation neu angehen.

Um im Geist der Zeit zu sprechen: Make Enlightenment Great Again!

(Das Bild zu diesem Beitrag ist ein Stillleben von Fede Galizia.)

Aktueller Text von Dushan Wegner

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4 Kommentare zu “Feminismus

  1. Die Genderideologie

    D.h. z.B.neutrale statt bisher männliche Begriffe verwenden wie „Studierende“ statt „Studenten“, „LeserInnen“- Texte, die sich dadurch schwerer lesen. Da gibt es aber eine Menge Bsp., z.B. wurde früher beim Wetterbericht für ein „Tief“ ein weiblicher Begriff verwendet, auf Einspruch der Frauen nun nicht mehr

  2. Demonstrationen im Westen für Frauenrechte

    mit Kopftuch (z.B. WomensMarch) welches für uns im Westen ohnehin ein Symbol der Unterdrückung ist, macht unglaubwürdig

  3. Kein Aufschrei der Frauen

    bei Gewalt/Mord durch ausländische Straftäter an Frauen
    = neue Art des Feminismus, bei nur „anzügl.“ Bemerkungen von Politikern an Frauen ist der Medienrummel sicher.

  4. helle faber

    katie hopkins gestern in der daily mail über HRC: candidate
    for every cause, but master of none.
    so erlebe ich viele westlich geprägte feministinnen

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