Mit diesem einfachen Trick kann ich die politische Debatte reparieren!

Wetten, dass ich 74 Prozent aller gesellschaftlichen Probleme mit einem einfachen Trick lösen kann? Vielleicht sogar 76 Prozent, das hängt von der Windrichtung ab. In Hamburg ist es deutlich weniger, Sie werden noch sehen, warum. Ach ja, noch eine Einschränkung: Ich löse die Probleme nur theoretisch. Bei der praktischen Durchführung wird es eventuell an der ein oder anderen Stelle hapern – schauen wir!

Also, hier ist mein verrückt-einfacher Trick: Ich bringe alle Leute dazu, in der politischen Debatte dieselbe Logik und Umgangsformen anzuwenden, wie sie es im Supermarkt tun.

Kaufen, was man bezahlen kann

Nehmen wir an, Sie haben fünf Euro in der Tasche und möchten Schokolade kaufen. Eine Tafel Schokolade kostet einen Euro. Wie viele Tafeln können Sie kaufen? Richtig: Fünf Tafeln!

Wenn es aber nicht um Schokolade im Supermarkt geht, sondern um Politik, dann würde die Logik ungefähr so verlaufen:

  1. Ich habe fünf Euro.
  2. Eine Tafel Schokolade kostet einen Euro.
  3. Es ist moralisch geboten, dass jeder, der jetzt in der Nähe des Supermarkts ist, eine Tafel Schokolade bekommt! Also nehme ich hundert Tafeln Schokolade mit.
  4. Und wer bezahlt die Tafeln?
  5. Wir verteilen die Schokolade jetzt sofort an jeden im Umkreis des Supermarkts. Ab morgen aber gehen wir selbst nicht mehr in den Supermarkt, verpflichten aber alle anderen, die in den Supermarkt gehen, die Schulden abzubezahlen, die heute durchs Verteilen der hundert Tafeln Schokolade aufgelaufen sind.

Es wäre natürlich Irrsinn. Entweder man kann sich die Schokolade leisten oder nicht, egal wie großzügig man sein möchte. Die Schulden für den heutigen Einkauf auf unschuldige zukünftige Einkäufer umzuladen, das würde doch keiner mitmachen. – Wäre es nur so selbstverständlich, wenn es um Politik geht!

Jeder kauft, was er möchte

Es soll sie tatsächlich geben, diese Leute, die anderen Einkäufern in den Einkaufswagen schauen und Tipps geben: Muss es denn wirklich Fleisch sein? Diese armen Tierlein! Essen Sie doch veganes Fleisch, da werden die Tofubohnen noch ganz human geschlachtet!

Ich vertrete ja die These, dass „links“ sich heute mit „vom Gehorsam her denkend“ deckt, insofern wäre für Freunde des strikten Gehorsams der Einkaufswagen des Mitmenschen ein naheliegendes Betätigungsfeld.

Dennoch, außerhalb jener Stadtbezirke, in denen die Bewohner sich nicht mal mehr trauen, mit Kachelfugen in Kontakt zu treten, denn Fugen trennen und Trennen ist Rassismus, also in der normalen Welt, da wäre es höchst unpassend, dem Miteinkäufer ge- und verbieten zu wollen, was er einzukaufen hat. Selbst wenn der Herr im Hipsterlook vor uns nichts als Schnaps und Wurst einkauft, dann gehen wir der Höflichkeit halber davon aus, dass es Last-Minute-Einkäufe für eine großartige Party sind, auf der nichts fehlt außer nur noch diesem 4-Euro-Schnaps und der 79-Cent-Wurst.

„Jede Jeck es anders“, sagt man in Köln, und an Supermarktkassen europaweit gilt das als selbstverständlich. Sicher, Kindern darf man gelegentlich etwas verbieten, zu ihrem eigenen Schutz, aber Erwachsene dürfen doch kaufen, was sie wollen! Ach, wäre es schön, wenn man solches auch in der politischen Debatte gelten lassen könnte.

An der Tür rein, an der Kasse raus

Kennen Sie auch diese Supermärkte mit einer Schleuse aus zwei automatischen Türen im Ausgangsbereich? Versuchen Sie mal, in so einem Supermarkt einen Fünf-Euro-Schein in Münzen einzutauschen (um den angeketteten Einkaufswagen loszulösen) oder eine Ware an der Kasse zurückzugeben! Will man nicht durch den Verkaufsraum gehen und sich an der Schlange vorbeidrängeln, dann ist es gar nicht so einfach, zu den Kassen zu gelangen. Sie müssen vor dem Ausgang warten, bis jemand aus der zweiten Tür herauskommt. Sie schlüpfen da durch und warten in der Zwischenwelt zwischen den beiden Ausgangstüren, bis ein weiterer Kunde die erste Schleusentür öffnet, dann erst gelangen Sie zu den Kassen. Ja, das ist notwendig so, denn ohne Ordnung würde das ganze System Supermarkt kollabieren.

In Supermärkten gelten feste Verhaltensregeln. Diese Regeln sind uns so ins Blut übergegangen, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen, bis jemand dagegen verstößt. Man betatscht das Obst nicht, wenn man es nicht kaufen will. Man spuckt nicht auf den Boden. Man weicht dem anderen mit dem Einkaufswagen aus und fährt ihm nicht in die Hacken, denn es ist immer unschön, wenn der zufällig zur gleichen Zeit einkaufende Nachbar mit durchtrennten Achillessehnen zwischen Überraschungseiern und Raumbeduftern zusammenklappt. Man legt Produkte möglichst da zurück, wo man sie entnommen hat, falls man sie doch nicht kauft, und es gilt als besonders unhöflich, den gefrorenen Hummer aus der Weihnachts-Sonderaktion im Wühltisch mit den Socken-Multipacks zu deponieren, wo er dann langsam auftaut und Schnäppchenjägerinnen erschreckt. Man stellt sich an der Kasse an und drängelt sich nicht vor. Und, extra wichtig: Wenn die Kassiererin den Betrag nennt, ist man hellauf überrascht und beginnt erst in diesem Moment, sein Portemonnaie zu suchen, ganz unten in eben der Tasche, in welche man gerade die vierzehn Joghurts kurz vorm Ablauf der Mindesthaltbarkeit, den Monatsvorrat an Saftorangen und die Bohrmaschine aus dem Wochenangebot verstaut hat. Sollte man aber aus Versehen das Portemonnaie tatsächlich parat gehalten haben, dann kann man sich noch immer retten, indem man die EC-Karte zückt und zunächst alle drei Möglichkeiten des falschen Einsteckens ausprobiert; das zählt auch.

Aber im Ernst!

Während wir darauf hoffen, dass die Verstandesregeln und Umgangsformen des Supermarktes in die Politik durchdringen, erleben wir merkwürdigerweise den gegenläufigen Trend. Heutige Aktivisten und Künstler sind zu verwöhnt und zu faul, ihre totalitäre Gesinnung in der Karibik oder im Kongo durchzusetzen, wie ihr großes rassistisches, stinkendes, mörderisches, schwulenhassendes Vorbild. Die neuen Che Guevaras plündern und stehlen vorm Wetter geschützt im Supermarkt. Meine Idee, in der Politik die Einhaltung derselben Verhaltensweisen zu fordern, wie sie im Supermarkt üblich sind, könnte besonders bei Hamburger Leistungskritikern kontraproduktiv wirken.

Es ist ja heutzutage Usus, sich keineswegs durch kontrafaktische Einzelfälle von der subjektiven und zugleich allgemeingültigen Wahrheit abbringen zu lassen, und so halte ich an der Idee fest! Wäre es nicht großartig, wenn wir in der politischen Debatte dieselben Maßstäbe an uns legten wie im Supermarkt! Wenn im Supermarkt ein aufgebrachter Bürger andere Einkäufer mit dem Stinkefinger anpöbelt, können Sie davon ausgehen, dass er mit seelischen Problem ringt – in der Politik kann es der Vorsitzende der SPD, der Kanzlerkandidat der SPD oder die Vorsitzende der Grünen sein.

Wem vertrauen Sie mehr, den Versprechungen der Regierung oder dem Angebots-Prospekt des örtlichen Discounters? Ich ahne, was Sie antworten, und es ist Anlass zur Sorge. Der Supermarkt ist die letzte Bastion der Vernunft. Sie gehen ja auch nicht in den Supermarkt und brüllen „kommt alle herein! einmal alles für alle! bezahlt wird morgen von irgendwem!“ – wir sollten es auch nicht in der Politik so betreiben.

Verlangt von den Leuten so viel Verstand und Umgangsformen in der Politik, wie sie im Supermarkt an den Tag legen! Kaufe nur, was du bezahlen kannst – und niemand ist böse, nur weil er etwas anderes kauft als du. Es wäre schön, wenn die Politik mehr vom Supermarkt lernen würde als nur immer wieder Preissteigerungen. Von Zeit zu Zeit sollte es schon das Sonderangebot auf Schokolade sein. Schokolade, das weiß man, macht 78% der Leute glücklich, vielleicht sogar mehr – der Rest bekommt vegane Tiefkühlpizza, und wir gucken auch nicht in den Einkaufswagen.

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