Walden, steht deine Hütte noch?

In einer parallelen Welt sitzen Sie jetzt am Strand und trinken einen Cocktail. In einer anderen parallelen Welt hat Hillary Clinton die Wahl gewonnen und drei neue Kriege verursacht. Und in noch einer möglichen Welt sitze ich jetzt am Fuße eines alten Vulkans, in der Luft mischen sich der würzig-erdige Duft des aufgeheizten schwarzen Bodens und der fernweh-salzige Duft vom Meer her. Unterm blauen Himmel dieser möglichen Welt schreibe ich Ihnen das folgende Geschichtchen.

Apfel und Äpfel (ein Geschichtchen)

Der Meister hielt dem Schüler eine Schüssel hin. In der Schüssel waren Äpfel.
Der Schüler nahm einen Apfel.
Der Meister fragte: „Was hast du getan?“
„Einen Apfel genommen!“, sagte der Schüler, „ich habe mich für einen Apfel entschieden.“
Der Meister beharrte: „Du hast noch etwas getan!“ – Der Schüler grübelte. Ihm fiel nichts ein, was er gerade hätte getan haben sollen, außer sich für diesen einen Apfel entschieden zu haben.
Der Meister lächelte: „Du hast dich gegen alle anderen Äpfel entschieden. Wer sich für das eine entscheidet, der entscheidet sich darin auch gegen alles andere!“

Ein Rechnungchen

Es gab mal dieses Ultra-Billig-Geschäft, da hatte ich ein paar Mal tatsächlich Waren gekauft, zum Beispiel zehn Kugelschreiber (1 Euro), einmal eine Sandschaufel für Kinder (3 Euro), einmal einen Papier-Locher (4 Euro). Aus den Kugelschreibern trat bald die blaue Tinte aus, aber nicht da, wo sie sollte. Die Schaufel zerbrach innerhalb von Minuten und der Papier-Locher locht je nachdem, welche Seite man belastet, immer nur ein Loch, nie zwei Löcher.

Ich kaufe in dem Geschäft nicht mehr ein. Ich zahle lieber anderswo einen Euro mehr und bekomme dann ein Produkt dafür, das tatsächlich funktioniert.

Es gibt immer Enttäuschung im Leben. Einmal habe ich in einem feinen Supermarkt angeblich entsteinte Oliven gekauft, und in einer Olive war doch ein Stein drin – das hat ganz schön wehgetan! Zum Glück ist der Zahn heil geblieben. Ich kaufe dennoch in diesem Supermarkt weiterhin ein, denn es war eine Ausnahme. Zu leben bedeutet auch, mit Enttäuschung klarzukommen. Doch wenn die Enttäuschung zur Regel wird, sollte man sich fragen, ob man es nicht selbst ist, der sich (ent-)täuscht.

Von der Wiege

Viele von uns haben als Jugendliche oder junge Menschen Walden von Henry David Thoreau gelesen.

Warum sollten sie ihre Gräber zu graben beginnen, im Moment, wo sie geboren wurden? Sie haben ein Menschenleben zu leben, all diese Dinge vor sich herschiebend, und klarzukommen, so gut sie können. Wie viele arme unsterbliche Seelen habe ich gesehen, so gut wie zertrümmert und erstickt unter ihrer Last, die Straße des Lebens herunterkriechend, vor sich eine Scheune herschiebend, fünfundsiebzig mal vierzig Fuß weit, ihre Augiasställe nie gereinigt …
Thoreau: Walden

In dieser Passage spricht Thoreau von Menschen, die ein Stück Land geerbt haben, und nun davon verzehrt werden. Die erwähnten Ställe waren in besseren Zeiten eine rhetorische Figur, die sich auf die griechische Mythologie bezog und standen für einen dreckigen Raum und für Korruption.

Wenn Du dein ganzes Leben arbeitest, Deine Steuern zahlst, und dann?

Wenn ich das richtig verstehe, ist die Zeitung Die Welt zuerst dafür da, dass alle Menschen wissen, dass der Ulf Poschardt die AfD nicht mag. Wenn Die Welt das zu versichern erledigt hat, schreiben sie auch weitere interessante Dinge, etwa dies:

Mit Blick auf die deutsche Nationalität treibt es mehr Menschen in die Ferne als zurück in die Heimat.
welt.de, 13.3.2018

Anschließend wird im selben Artikel dargelegt, dass es eigentlich zurückgegangen ist und die Zahlen nur durch eine Umstellung in der Erhebungsmethode so aussehen. Okay, geschenkt.

Die wohl über manchen Verdacht jedweder Unparteilichkeit erhabene Bertelsmann-Stiftung hat festgestellt, heißt es dort, dass Deutschland eine halbe Million Zuwanderer pro Jahr benötigt, um Geburtenschwund auszugleichen. Insgesamt ist alles geregelt, immerhin hat dieselbe Welt schon 2015 festgestellt, dass „Syrische Flüchtlinge überdurchschnittlich gebildet“ sind. Die Wirtschaft wird brummen, oder was auch immer das Geräusch ist, das man macht, wenn die Luft rausgelassen wird.

Nicht die Zahlen allein scheinen mir das Problem.

Aus der Wirtschaft kennt man die innere Kündigung. Angestellte lassen sich zwar noch das Gehalt überweisen und erscheinen – wenn sie nicht gerade krank sind – zur Arbeit, doch innerlich haben sie bereits gekündigt und leisten gerade mal das Minimum, das es braucht, nicht auch äußerlich und formal entlassen zu werden. Für Unternehmen kann die innere Kündigung problematischer als die tatsächliche Kündigung sein.

Im Buch Walden beschreibt Thoreau, wie er sich über einen Zeitraum hinweg in eine selbstgebaute Waldhütte eine Meile fernab der Zivilisation zurückzieht, um dort auf sich selbstgestellt zu leben. Er listet dabei sowohl die praktischen Komponenten seines „Aussteigertums“ als auch die philosophischen Implikationen.

Walden liefert uns einige interessante Fragen, einige Denkansätze für eine Kopfreise aus dem tristen ungerechten Alltag heraus. Wovon sind wir abhängig? Wer ist von uns abhängig und wer braucht uns? Wem würden wir fehlen, wenn wir nicht da wären? Und lohnt sich die Gleichung für uns wirklich? Wo steht unsere Hütte, wo soll sie stehen?

Gegen welche Äpfel haben wir uns entschieden? Verbringen wir die kurze Zeit, die wir haben, tatsächlich so, dass wir im Nachhinein zufrieden gewesen sein werden? Und wenn nicht, warum nicht? Und, um es mit Pirkei Avot zu sagen (oder mit De Höhner): Wenn nicht jetzt, wann dann?

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