Scrollende Wracks sind keine Leser

Eine Gruppe von Menschen liest Zeitung. Nicht alle gemeinsam, sondern jeder für sich. Das Foto ist in Schwarzweiß. Mal sitzen die Zeitungsleser in einem Zug, mal stehen sie an einer Haltestelle. – Wer dem Social-Media-Stream von »Medienexperten« folgt, wird früher oder später auf das Bild der »einsamen Zeitungsleser« stoßen. Die damit meist verknüpfte Botschaft ist falsch!

Unter dem Bild (oder auf dem Bild, dann ist es ein »Meme«) ist ein Spruch geschrieben, der dumm-ironisch die angebliche Isolation der Zeitungsleser von damals mit der Isolation der Smartphone-Benutzer von heute vergleicht. Der Spruch kann etwa lauten: »Schlimm, diese Einsamkeit durch neue Medien!« – Gemeint ist: »Smartphone-Konsum ist mit Zeitungslesen zu vergleichen und nur Ewiggestrige können es schlechter finden.« – Es ist Unsinn. Es findet Applaus von Süchtigen, weil es die Sucht verharmlost.

Das arbeitende Gehirn

Lesen und mit dem Daumen am Smartphone zu scrollen sind zunächst beides Tätigkeiten, die nicht nur das Gehirn benutzen, sondern sich auch praktisch nur an das Gehirn wenden. (Bei Social Media stören der Körper und seine Bedürfnisse eher – was eine gewisse Absurdität enthält, sind einige der erfolgreichen Instagram-Accounts eine einzige große Fleischbeschau.)

Andere unserer täglichen Tätigkeiten wenden sich an andere Körperteile. Wenn wir etwa im Fitnessstudio etwas Sport machen, wenden wir uns an den Körper. Wenn wir selbst aktiv Fußball spielen, wendet sich das Spiel an Körper und Gehirn gleichzeitig. Man muss laufen (Körper) und im Team spielen (Gehirn). Am Smartphone zu scrollen und die Zeitung zu lesen wendet sich beides vor allem ans Gehirn. Das bedeutet aber nicht, dass sie dasselbe im Hirn bewirken! (Das ist es ja, was jene ironischen Postings implizieren: »Heute ist es doch wie früher…« – Nein, ist es nicht.)

Das lesende Gehirn

Wer längere Texte liest, verkabelt sein Gehirn neu. Das ist keine abstrakte Weisheit, das ist wissenschaftlich belegt. So haben etwa Timothy Keller and Marcel Just von der Carnegie Mellon University in 2009 herausgefunden, dass intensiver Leseunterricht bei Kindern das Gehirn anregt, neue Weiße Substanz aufzubauen. Schäden an der Weißen Substanz sind übrigens eine der Ursachen für »kognitive Beeinträchtung« im Alter. Forscher der Emory University fanden heraus, dass am Tag nach der Lektüre (hier: eines Romans) noch immer Veränderungen im Gehirn nachweisbar sind, in Regionen, die mit Sprachverständnis und Motorik zusammenhängen. (Ähnlich wie bei Sportlern, die als Teil des Trainings mental Bewegungsabläufe »visualisieren«.)

Wissenschaftler bestätigen in Studien, was jeder Leser weiß: Lesen macht klug.

Es ist banal, aber man scheint es zu vergessen: Wer mehr (Bücher) liest, der weiß mehr. (Gute) Bücher erklären die Details der Welt und zeigen zugleich ihre Bruchstellen auf. So bildet der Leser ein eigenes Verständnis. Was wir verstehen, speichern wir viel besser ab. Wer die Geschichte kennt und versteht, der kann neue Informationen selbst einordnen. Leser sind weniger manipulierbar. (Deshalb agieren auch die Schläger der Antifa und die Empörungs-Profis der Amadeu-Antonio-Stiftung so wütend gegen unbequeme Verlage. Lesende Selbstdenker bedrohen deren ideologische Deutungshoheit.)

Der Leser trainiert beim Lesen auch die eigene Welt aus der Sichtweise anderer Menschen zu sehen. So findet er neue Wege, mit seinen Problemen klarzukommen. Lesen macht glücklich (oder zumindest weniger unglücklich).

Das scrollende Gehirn

Auch das Smartphone verändert unser Gehirn. Es sind aber deutlich andere Änderungen als beim Lesen.

Gedächtnis & Manipulierbarkeit

Einige Effekte des Smartphones ähneln der Altersdemenz. Weil wir uns darauf verlassen, dass alle Informationen jederzeit »googlebar« sind, merken wir uns weniger (Studie: Harvard).

Dies mag man schulterzuckend abtun, doch aus philosophischer Perspektive ergibt sich daraus ein ethisches Problem. Moderne, erfolgreiche Nachrichten-Websites wenden sich gezielt an die Generation Smartphone. Sie richten sich an ein Publikum mit einem täglich schlechter werdenden Gedächtnis. Ein lesender Mensch, der eine dieser »Millenial«-Sites besucht, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen ob der so unverhohlenen wie geschichtsblinden Manipulation. Wer Nachrichten via Smartphone (und Clickbait-Sites) konsumiert, baut keine Manipulations-Immunität auf.

Der vom Smartphone abgestumpfte Leser merkt nicht, dass er manipuliert wird. Wie auch? Um neue Informationen mit alten Informationen abzugleichen, müsste ich erst wissen, dass es diese alten Informationen überhaupt gibt. Smartphones machen manipulierbar.

Mit reduzierter Kraft

Adrian Ward von der University of Texas zeigte in einem Experiment mit 800 Smartphone-Benutzern, dass Ihre kognitiven Fähigkeiten (sprich: wie schlau Sie sind) deutlich verringert werden, wenn sich Ihr Smartphone auch nur in Ihrer Nähe befindet.

»Niemand kann zwei Herren dienen«, sagt Jesus (Mt 6:24a). Es zeigt sich: Auch unser Gehirn kann es nicht (wirklich). Man würde meinen, nur die diversen piependen Benachrichtigungen beinträchtigen unser Denken, indem sie es unterbrechen. Doch das ist unvollständig. Unser Gehirn ist bekanntlich eine »Vorhersagemaschine«. Wenn das Gehirn erwartet, dass eine Benachrichtigung eintreffen wird, dann hält es einen Teil der »Rechenleistung« dafür im Bereitschafts-Modus. Für die »eigentliche« Aufgabe steht entsprechend weniger Rechenleistung zur Verfügung. Mit anderen Worten: Smartphones machen dumm. (Nein, es ist nicht optional. Die Mechanismen sind stärker als Ihre Willenskraft.)

Der Dopamin-Dealer

Smartphone-Benutzer könnten zu Beginn ihrer Nutzung meinen, das Telefon mache sie »glücklich«. Sie verwechseln aber »Glück« mit »Erregung«.

Jedes Like, jeder Retweet, jedes Katzenbildchen und jede belanglose WhatsApp-Message triggern einen Schub des Hormons Dopamin. Das ist das Anti-Langeweile-Hormon. Das ist das erregte-Erwartung-Hormon.

Das Problem ist: Erregung ist nicht Glück. (Dopamin wird gelegentlich als »Glückshormon« bezeichnet. Das ist nicht wirklich richtig.) Laut einer Untersuchung der Berliner Charité etwa sind Menschen mit hohem Dopamin-Level ängstlicher.

Man kann glücklich sein, ohne erhöhte Dopamin-Ausschüttung. (Einige sagen: nur so.) Fragen Sie etwas eine Mutter, die nach einem harten Tag ihre Kinder glücklich und wohlbehalten einschlafen sieht. Stellen Sie sich einen Wanderer vor, der auf dem Gipfel ankommt und seinen Blick über die Bergkette schweifen lässt. Dopamin ist nicht Glück. Abhängigkeit vom Dopamin ist aber oft Unglück. Mit anderen Worten: Smartphones machen unglücklich.

Fazit

Es ist nicht das Gleiche, ob Menschen in der Straßenbahn lesen oder am Smartphone scrollen. Lesen und Scrollen zu vergleichen, weil beide mit Buchstaben und Hirn zu tun haben, ist wie den spritzenden Junkie mit einem Arzt zu vergleichen, der eine Impfung oder Vitamine injiziert. Beide haben mit Spritzen zu tun. Das eine macht dich abhängig und ruiniert dein Leben – das andere macht dich stark.

Wenn ein Mensch ein gutes Buch liest und aus seiner Lektüre zu Ihnen hochschaut, hat er oft einen wunderbaren Blick von Präsenz und Ruhe. Sicher kennen Sie aber auch dies: Sie verabreden sich mit einem Menschen und beim Treffen mit ihm werden Sie das Gefühl nicht los, dass Sie ihn eigentlich nur beim Scrollen auf seinem Smartphone stören. Vielleicht schielt er immer wieder auf sein Handy, während er mit Ihnen »spricht«. Er ist ein Abhängiger, der seine Lebenszeit wegwirft. Sie müssen selbst entscheiden, ob Sie ihn auch Ihre Lebenszeit verschwenden lassen.

Lesen und Scrollen sind nicht dasselbe. Die Vergleiche, die mit jenen Schwarzweiß-Photos gemacht werden, könnten nicht falscher sein. Social Media macht unsozial. Scrollen macht dumm und unglücklich. Echtes Lesen macht klug und glücklich.

Nachtrag: Für uns daheim – und unsere Gäste – gilt die Regel: No Smoking. No Scrolling. Wegen der Kinder. Beides.

Guter Text?

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