Wer Schuld ernst nimmt, ringt mit ihr

Nehmen wir an, Sie sprechen mit zwei Müttern. Die eine sagt Ihnen, Mutter zu werden sei wunderbar und Mutter zu sein bedeute tägliche Zufriedenheit. Die andere sagt Ihnen, zu gebären sei Schmerz und Angst, und Mutter zu sein bedeute eben auch tägliche Sorge und dabei häufig hirnzersetzende Monotonie.

Testfrage: Welche von beiden Frauen ist wahrscheinlich tatsächlich eine Mutter, und welche wiederholt nur rosafarbene Klischees, weiß aber nicht, wovon sie spricht?

Ja, es ist normal, als Mutter zeitweilig mit seiner Mutterschaft zu ringen. In den letzten Jahren machte sich dieses Ringen provokativ Luft. (Das Schlagwort ist: »regretting motherhood«.)

Sollte man Mütter, die mit ihrer Rolle als Mutter ringen, verurteilen? Selbstverständlich nicht! Aus vielen Gründen nicht.

Mein erster Grund, diese Mütter nicht zu verurteilen, ist noch nicht einmal die blanke Unanständigkeit einer solchen Verurteilung, zumal als Mann. Mein erster Grund ist vielmehr: Ganz Mutter zu sein bedeutet eben auch, mit seinem Muttersein zu ringen.

Mutter zu sein, ganz Mutter zu sein, bedeutet nicht nur, einen Teil seiner Gesundheit und seiner körperlichen Unversehrtheit für das neue Leben zu opfern. Mutter zu sein bedeutet auch, innerhalb von neun Monaten ein anderer Mensch zu werden. Die Bindung des Vaters ist emotional. Die Mutter aber hat einen Teil ihrer Gesundheit und einen Teil ihres Lebens dahingegeben. Es ist wahrlich verständlich, wenn sie damit ringt.

Nicht nur verstehe und akzeptiere ich, dass Mütter mit ihrer Rolle als Mutter ringen. Ich gehe sogar noch weiter: Wenn eine moderne Mutter nicht mit ihrer Rolle als Mutter ringen sollte (ich habe noch keine solche getroffen), hätte ich Zweifel, ob sie das Muttersein bereits begriffen hat.

Der leichtfüßige Zitierer

Stellen Sie sich bitte wiederum zwei Menschen vor. Der eine zitiert locker und oft die Bibel. (Vor allem dann, wenn es seiner politischen oder wirtschaftlichen Agenda passt.) Der andere ringt mit seinem Glauben. Er grübelt, ob es einen Gott überhaupt geben kann, warum guten Menschen böse Dinge zustoßen, und ob sein Glaube nicht wirklich ein Irrtum ist. (Allen Atheisten sei versichert: Dieses Beispiel betrachtet von außen und setzt keinen eigenen Glauben voraus.)

Wir kennen ja alle diese Politiker, die sich auf Jesus und die Bibel berufen, aber offensichtlich ist ihr Wissen um die Materie kleiner als ein Senfkorn. Die lautstark Unwissenden erklären uns, was Jesus angeblich heute getan hätte (immer das, was die Partei fordert) – und sie zucken nur mit den Schultern darüber, dass aus den Evangelien in Wahrheit das Gegenteil abzuleiten ist.

Das sind die einen Gläubigen; es gibt auch andere.

Zu den Sieben Letzten Worten Jesu während seiner Kreuzigung zählt ein Auszug aus Psalm 22, hier aus dem Psalm selbst zitiert: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.«

Ich kenne Menschen, die auf ähnliche Weise mit ihrem Glauben ringen. Es sind nicht selten genau die Gläubigen, die am seltensten mit ihrem Glauben hausieren gehen (nicht wie ein Politiker oder die Funktionäre kirchlicher Wohlfahrtskonzerne), doch im Privaten tun sie viel uneigennützig Gutes, mit eigenen Händen, eigener Zeit und eigenem Geld – während sie mit ihrem Glauben ringen.

Ich frage Sie: Ob Sie selbst gläubig sind oder nicht, wem von beiden nehmen sie seinen Glauben eher ab? Wem gestehen Sie nach aller Lebenserfahrung mehr »Glaubenstiefe« zu? Dem leichtfüßigen Zitierer, dessen Praxis vom vorgeblichen Glauben unberührt bleibt? Oder: Dem mit seinem Glauben ringenden Bescheidenen, dessen heimliche Praxis von tiefer Menschenliebe zeugt?

Liebe, Ethik und Schönheit

Eine weitere Entität (oder ein Zustand, wenn Sie so mögen), mit welcher Menschen im Allgemeinen und im Speziellen ringen, ist die Schuld.

Juristen, Philosophen und Religionen arbeiten sich am Begriff der Schuld ab. Was bedeutet es also, dass Sie/ich/wir »Schuld tragen«?

Wir benutzen Worte, weil sie uns helfen, etwas aus der Welt heraus zu greifen, und es von anderen Objekten zu unterscheiden. Die Art der Phänomene, die ein Wort herausgreift, ist der Begriff. Der Begriff ist, was ein Wort bedeutet. Wenn ein Begriff nur genau ein einziges, bestimmtes Phänomen herausgreift und gar kein anderes ähnliches Objekt herausgreifen kann, dann handelt es sich um einen Namen. Der Begriff ist – für unsere Zwecke – die Bedeutung des Wortes.

Die unmittelbarste Deutung von Schuld wäre: Sachverhalt, dass ein Mensch etwas Böses verursacht hat. »Ich bin nicht Schuld!«, ruft das erwischte Kind. »Ich bin nicht Schuld, er hat mich beleidigend angeguckt!«, ruft der Messerstecher, der sich vom angeblich schälen Blick provozieren ließ.

Wer von Schuld spricht, der spricht von mehr als Kausalität. Schuld ist mehr als der Ausgangspunkt einer bedingenden Abfolge von Ereignissen. Selbst in der Rechtsprechung enthält Schuld immer zusätzliche Eigenschaften, wie etwa die Absicht. Einem Menschen absichtlich einen Schaden zuzufügen bringt eine schwerere Strafe ein, als dasselbe ohne Absicht zu tun. (Hypothetisches Rätsel: Wenn einer vorhat, einen Menschen zu töten und auf ihn schießt, ihn aber verfehlt und er am Herzinfarkt stirbt, hat derjenige ihn getötet? Ist die Schuld gleich schwer, wie wenn er getroffen hätte?)

Beim Gang durch die Denkgeschichte stellen wir fest, dass die Erklärungen so zahlreich wie suchend sind. (Und mit suchend meine ich hilflos.)

Die Philosophie des freien Willens fragt, ob der Mensch überhaupt eine Schuld tragen kann, wenn in einer kausal geschlossenen Welt seine Handlungen vorherbestimmt sind. Die Religion kennt den Begriff der Sünde, welche ein Schuldigsein durch das Verstoßen gegen »göttliche« Gebote sein soll, was auch durch eine Nicht-Handlung konstituiert sein kann. Juristen sind in ihren helleren Momenten die präziseren Philosophen, und sie dröseln die Schuld heute meist auf in die »persönliche Vorwerfbarkeit«: Ein Mensch trägt Schuld, wenn ihm die Handlung und deren Folge vorgeworfen werden kann; was aber »vorwerfbar« ist, das wird wiederum ganz common-sense untersucht, etwa darauf hin, ob der Beschuldigte es wollte, ob er fahrlässig handelte, et cetera.

Schuld ist eines jener Konzepte, die vielen Menschen offensichtlich erscheinen, doch bei näherem Hinsehen fast unmöglich definitorisch zu greifen sind. Andere Konzepte mit dieser Eigenschaft sind Liebe, Ästhetik und Ethik.

Es hat sich in anderen Fällen bewährt, anzunehmen, dass Konzepte, die auf den ersten Blick selbstverständlich und eindeutig erscheinen, auf den zweiten Blick dann definitorisch fast unmöglich zu greifen sind, und die zugleich unseren Lebensalltag bestimmen, in so hohem Maß für das Überleben der Art wichtig sind, dass die Evolution sie uns als Neigung oder Drang »eingepflanzt« hat. Eine Gesellschaft ohne Ethik wird nicht überleben, eine Gesellschaft ohne Liebe auch nicht. Schönheit bezieht sich eigentlich auf gesunde Natur. Ich vermute, dass Schuld in diesem Sinne ein Drang ist, den die Evolution uns  einpflanzt. Schuld gehört zum Menschsein, wie Liebe, Ethik und Schönheit. Der ganze Mensch muss nicht nur Liebe und Schönheit kennen und üben, er muss auch Schuld annehmen, um ganz Mensch zu sein.

Mensch als Schuldwesen

Wenn wir den Menschen als »Schuldwesen« akzeptieren, stellt sich die Frage: Was ist es, diese Schuld?

Ich würde einen ähnlichen Ansatz wagen, wie wir es landläufig mit der Liebe pflegen (»Man nennt es Liebe, wenn …«), und ähnlich wie ich es in Relevante Strukturen mit der Ethik mache (»eine Handlung wird als gut bzw. böse eingeschätzt, wenn …«).

(Man könnte mir »Psychologismus« vorwerfen (erklärerische Reduktion auf psychologische Phänomene), doch ich reduziere nicht, ich lasse bloß den zur zuverlässigen Bestimmung nicht notwendigen Teil weg, so wie der Auto-Begriff der meisten Leute die Details des Motors weglässt, und doch keiner sagt, dass es nicht einen Antrieb braucht, um Auto zu sein.)

Schuld ist häufig mit Schuldgefühl verbunden, also dem Gefühl eines individuellen Mangels, der zu beheben einem obliegt. Religionen gelingt es unter Umständen, dieses Mangelgefühl unabhängig von Handlungen zu wecken. (Die katholische Kirche kennt die Erbsünde.) Es soll einzelne Menschen geben, die ohne die Fähigkeit zum Schuldgefühl geboren sind, und mit solchen Menschen haben wir als Gesellschaft ganz eigene Herausforderungen. Der Regelfall ist, dass ein Mensch eben Schuld empfinden kann.

Schuld ist der Zustand, der in uns üblicherweise den Zustand Schuldgefühl auslöst; die direkte Frage ist also: wann haben wir üblicherweise ein Schuldgefühl? (Das Schlüsselwort im letzten Satz ist »üblicherweise«.)

Wenn wir uns moralisch verpflichtet fühlen, einen Mangel zu beheben – und wenn dies nicht möglich ist, dann fühlen wir uns verpflichtet, ihn symbolisch zu beheben.

Ein Schuldgefühl entsteht meist, wenn unser Handeln zu einem Schaden geführt hat. Wir fühlen uns schuldig, und dieses Schuldgefühl motiviert uns, den Schaden auszugleichen.

Gesellschaften, die Schuldgefühle kennen, sind – in Prinzip – stärker und dadurch überlebensfähiger, denn Menschen versuchen, entstandenen Schaden wiedergutzumachen – und neuen Schaden zu verhindern.

(Der Schlüsselsatz zur ganzen Merkel-Katastrophe ist nicht »Wir schaffen das!«, sondern »Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da.«, siehe auch mein Text »Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?«. Ihr Medienapparat ging in den ganz großen Empörungsmodus, als man ihr die Verantwortung für den Breitscheidplatz-Anschlag gab – erst 1 Jahr später besuchte sie den Ort, um feixend und grinsend Selfies zu schießen. Merkel ist der moderne Prototyp des Politikers ohne Schuldbewusstsein. Es hat immer dieselben Folgen.)

Gibt es eine deutsche Schuld?

So um 2013 herum war »gemeinsam« ein besonders beliebtes Wahlkampfwort. (»Wahlkampfwort« wiederum ist ein unschönes Wort. Ein Wort will ja eine Unterscheidung in der Welt treffen, wie wir sagten: was unterscheidet Wahlkampfwörter von allen anderen Wörtern? Positiv gedeutet: dass sie ein Lebensgefühl auf den Punkt bringen. Hässlich gedeutet: sie sind eine Lüge ganz ohne Satzstruktur.) »Gemeinsam erfolgreich« war der CDU-Slogan in der Bundestagswahl. »Gemeinsam erfolgreich in Europa« war dann der Slogan der CDU im EU-Wahlkampf 2014 (wo die CDU in (versehentlicher?) Ehrlichkeit unehrlich die Merkel plakatierte).

Es ist Merkels Verdienst, nicht nur das »Gemeinsam« zu Tode geritten zu haben, sondern in Folge von 2015 auch das »Wir« (das Das-Wir-enscheidet der SPD in 2013 war nur Vorgeplänkel auf den großen Wir-Angriff) – doch wir werden das Wir zum Glück nicht so schnell los wie das Gemeinsam.

Wir. Wir. Überall wir.

Und, selbstredend: Wir sind schuld. Wir tragen Schuld. Wir.

Schuld geht genauso gut mit dem Singular wie mit dem Plural.

Wir. Wir Deutschen. Die Schuld der Deutschen.

Sind wir gemeinsam schuldig? Kann es eine Schuld der Deutschen geben? Es wird gelegentlich bestritten. Der heute Geborene könne doch keine Schuld für Taten von damals tragen! Welchen Pfad wir auch immer unserem Schicksal geben, ob Deutschland der Motor Europas bleibt oder die Grünen, Merkel & Co. ihren Willen haben und Deutschland reduziert wird auf »die, die eben da sind«, das deutsche Schicksal wird immer enthalten, als Nation diese Taten begangen zu haben. Solange aber das Wort »gemeinsam« trotz allen Missbrauchs eine Referenz hat, aufs Neue die Frage: Sind wir gemeinsam schuldig? Tragen wir Deutsche gemeinsam eine Schuld?

Nehmen wir für einen Augenblick die Negation an: Nehmen wir an, ich würde eine aus NS-Regime und Holocaust erwachsene »Schuld der Deutschen« bestreiten – was würde ich eigentlich bestreiten?

Die Möglichkeiten sind:

  1. Dass es Die Deutschen gibt.
  2. Dass es Schuld gibt, die durch zerstörerische Taten angehäuft wird.
  3. Dass ein Volk als Kollektiv auch Taten begehen kann.
  4. Dass ein Volk die Schuld für seine Taten annehmen kann.
  5. Dass es den Holocaust gab.

Und, jetzt neu:

  1. Dass die NS-Zeit im Vergleich zu 1.000 Jahren erfolgreicher Geschichte kein »Vogelschiss« war. (Wobei man sich natürlich zu dem Vogelschiss bekennt!)

Es wurden praktisch alle Punkte dieser Liste ausprobiert! Dass es »die Deutschen« überhaupt nicht gibt ist anti-deutsche Folklore – sogar Merkels Formulierung »die, die schon länger da sind« zielt ja in die Richtung.

Philosophen könnten bezweifeln, dass es überhaupt Schuld gibt – ist ein Mensch denn nicht stets Opfer seiner Umstände? Es war lange Zeit ein Running Gag, ein Täter könne nicht verurteilt werden, »wegen seiner schweren Kindheit«. (Wo ist eigentlich der Mensch, der eine »einfache Kindheit« hatte? Davon abgesehen: Sind die behütetsten und beschirmtesten Kinder, also die mit der theoretisch »einfachen« Kindheit, nicht die mit der geringsten emotionalen Resilienz, also die, die es später am allerschwersten haben und als Social Justice Warriors durch die gepolsterten Flure ihrer Safe Spaces spuken?)

Verschiedene Vordenker (wie etwa Karl Jaspers) wollten die Kollektivschuld reduzieren auf eine kollektive Verantwortung, mit verschiedener Motivation und noch anderer Begründung. Verantwortung als »Schuld light«.

Zu der Frage nach dem handelnden Kollektiv und der kollektiven Schuld erlaube ich mir zwei Gegenfragen: Gibt es denn auch keine kollektiven Leistungen? Ist das Hervorbringen von Kunst, Kultur, Rechtsstaat, Wohlstand und öffentlicher Ordnung nicht ein kollektiver Verdienst? Das ließe sich debattieren, und einige Sozialdemokraten vertraten lautstark die Meinung, solches gäbe es allesamt nicht. Wer die Verdienste der Deutschen logisch bestreitet, der bestreitet logisch auch die Schuld.

Über Punkt 5 müssen wir nicht reden und Punkt 6 wird gerade ad nauseam debattiert, auch weil es von Merkels heutiger Schuld ablenkt.

Wenn einer sagt, die heutigen Deutschen trügen keine Schuld, soll er bitte angeben, welchen Punkt ich übersehen habe – oder welchen er bestreitet.

Bitte achten Sie bei Ihrer Entgegnung darauf, nicht (eventuell unbewusst) mit »es gefällt mir nicht« zu argumentieren – das überlassen wir den Kindern und Linken, das führt nirgends hin.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass jene, welche die kollektive Schuld der Deutschen bestreiten, gleichzeitig nachdrücklich die kollektiven Verdienste betonen und das deutsche Volk als Handelnde sehen.

Wer die Schuld auf Verantwortung herunterhandeln will, der möge mir bitte beantworten: Warum sollte ich für etwas Verantwortung tragen, an dem ich keine Schuld habe? Rechtlich, vielleicht. Politisch, früher mal. Aber persönlich, als Bürger? Nein. Verantwortung braucht Schuldfähigkeit; Schuldfähigkeit plus Verbrechen ergibt Schuld.

Ich will den Stolz nicht aufgeben

Hat man einmal unterschrieben, dass ein Volk sowohl Verdienste als auch Schuld sammeln kann, dann stellt sich die nächste Frage: Trifft diese Schuld auch den Einzelnen?

Ergibt es Sinn, für den Fan, bei einem Fußballspiel der Nationalmannschaft zu sagen »Wir haben gewonnen«, und sich selbst einzuschließen? Ist es okay für einen Deutschen, auch ganz persönlich stolz auf deutsche Kultur zu sein, auf deutsche Musik, auf deutsche Literatur und Malerei? Wer, wie ich, meint, dass ein einzelner Mensch den Stolz auf die Verdienste eines Volkes teilen kann, der muss, um konsistent zu sein, auch die Schuld akzeptieren. Ich will den Stolz nicht aufgeben. Ich erlaube mir nicht, die Schuld zu verneinen.

Jene, welche den (heutigen) Deutschen die Identität als Deutsche ausreden wollen, sind Brüder im Geister jener, welche die Schuld der Deutschen, kollektiv, auch heute, am Holocaust bestreiten.

Wir kommen als Deutsche nicht an der kollektiven und damit in gewisser Weise auch individuellen Schuld der Deutschen vorbei.

Wer diese Schuld ernst nimmt, wer die Worte versteht, wer auch nur eine Ahnung vom Ausmaß dieser Schuld hat, der wird sie nicht einfach so abnicken. Wer die Schuld der Deutschen als solche für sich annimmt und dabei auch nur halb versteht, was er sagt, der muss mit dieser Schuld ringen.

Doch, nicht jeder Deutsche »ringt« auf gleiche Weise mit der Schuld.

Kampf gegen den Schrecken

Die eine Person – wir kennen sie alle – spricht immer wieder von der deutschen Schuld. Sie stammt aus der Enkelgeneration. Wenn in der Schule das Dritte Reich behandelt wurde, dann ging irgendwann nur noch ein »nicht schon wieder!« durch die Klasse, so häufig hat sie vom Holocaust gehört – und doch sind die Worte für sie nur Worte. Das »6 Millionen Tote« rollt ihr so leicht wie bedeutungslos von der Zunge. Ihr Kampf gegen den Schrecken ist ein theoretischer und stets rückwärts gerichtet. Der Widerstand gegen Hitler wird bekanntlich umso größer, je länger er tot ist.

Dass Juden heute wieder neu in Gefahr sind, bedingt durch Merkels Welteinladung, das sieht diese Person nicht. Wie soll sie auch? Die CDU-Generalsekretärin hat doch gesagt, dass Merkelkritiker am Antisemitismus Schuld sind, und die CDU wird doch nicht lügen.

Diese Person ringt nicht mit der deutschen Schuld. Den inneren Schmerz, den Schuld üblicherweise mit sich bringt, hat sie abgebüßt durch »Zeichen setzen«. Wer ein »Zeichen setzt«, der fühlt sich von der Schuld befreit, so wie der Sünder sich einst durch den Ablass von seiner Schuld befreit fühlte. Ist der Ablass bezahlt, treibt die anschließende »Schuldfreiheit« absurde Blüten. Es führt zu wirren Gedanken wie »gerade wir als Deutsche« müssten Israel ermahnen, et cetera. Das Verheerende: wer sich durch »Zeichen setzen« freigekauft zu haben meint, der wird auch keine praktischen Konsequenzen ziehen. Der Gutmensch hat »Zeichen gesetzt«, also kann er jetzt teils rasende Antisemiten ohne Kontrolle ins Land lassen, er kann Verständnis zeigen für Iran und er kann sogar zustimmend nicken, wenn die NATO aus heiterem Himmel versichert, dass sie Israel nicht beistehen würde. (jpost.com 2.6.2018)

Für den sensiblen Menschen

Die andere Person ringt mit der Schuld der Deutschen.

Wenn meine Kinder beim Spielen etwas umwerfen, streiten sie darum, wer daran »schuld war«. Schuld zu tragen ist ein Schlimmes, Großes, Schmerzhaftes. Selbst für eine Banalität wie das Zerbrechen einer schwedischen Billigschüssel will man nicht Schuld tragen. Für den sensiblen Menschen, ob Kind oder Erwachsener, ist Schuld zu tragen eine ernsthafte, belastende Angelegenheit.

Kindern wird in deutschen Schulen nonchalant von den unglaublichen Verbrechen in Konzentrationslagern erzählt, von der Verfolgung, vom Terror und vom Sterben. Und dann wird dem Kind gesagt: »Du bist Deutscher, also trägst du mit Schuld.«

Für Erwachsene wie für Kinder gibt es im Grund nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Wort »Schuld« bedeutet einem nichts oder fast nichts mehr – oder man muss  mit dieser Schuldzuweisung ringen, und zwar lang und tief ringen.

Wer es einfach so »wegsteckt«, die Schuld an 6 Millionen Toten zu tragen, für den bedeutet das Wort »Schuld« nicht viel – oder er ist ein übler Psychopath. Schuld zu tragen ist groß.

Ich kann verstehen, wenn ein Mensch damit ringt, was es bedeutet, solche Schuld auf sich zu nehmen.

Die »Zeichensetzer«, die sich via »Zeichen setzen« zumindest vom emotional beschwerenden Teil der Schuld befreit zu haben scheinen, sie ringen nicht mit sich. Wer noch damit beschäftigt ist, via »Zeichen setzen« den letzten Holocaust nachträglich zu verhindern, wie Henryk Broder so treffend formuliert, der ringt selbst dann nicht mit sich, wenn es wieder gefährlich ist, Jude in Deutschland zu sein.

Ich schaue die Realität an, jenseits der gesetzten Zeichen und politisch korrekten Hülsen, und stelle fest: Jene, welche mit sich ringen um die Bedeutung von Schuld, sind heute de facto auch die, welche sich neuen Gefahren offen in den Weg stellen.

Arbeit ist nicht »Zeichen setzen«

In der politischen Debatte über die Schuld der Deutschen sind an den lauten Rändern heute zwei Lager auszumachen.

Die einen reden von »Schuldkult«, die anderen instrumentalisieren den Holocaust und seine Toten, um dem politischen Gegner eine reinzuwürgen. Als »Die Linke« noch »SED« hieß, ließ sie Menschen für deren politische Ansichten foltern – sie sollte eher still sein in Sachen Schuld. Die Grünen sind die Partei, die auch mittels ihrer Parteifreunde in den Medien, den neuen Antisemitismus in Deutschland möglich machte; bis heute wird jeder diffamiert, der das »Nie wieder« als mehr denn nur »Zeichen setzen« versteht und konkret aufs Heute anwenden will.

Die Positionen und Menschen, welche sich der Schrecklichkeit des Geschehens wirklich bewusst sind, denen verbietet es sich, zu kreischen – das eine oder das andere. Sie sind sich der Schwere der Schuld ihrer Nation bewusst, und sie arbeiten in kleinen Schritten daran, dass sich solches nicht wiederholen möge. Diese Arbeit ist nicht »Zeichen setzen«, sondern etwas, das Konsequenzen hat über die Selbstversicherung hinaus.

Wer Schuld ernst nimmt

Wenn wir heute, im Juni 2018, über die Schuld der Deutschen reden, dann natürlich auch im Kontext des Gaulandschen »Vogelschiss«-Zitates. Der Vorsitzende jener Partei, die einerseits als einzige konsequent und nicht bestreitbar verklausuliert die Regierung für ihre Fehler kritisiert, der aber andererseits von der Regierung und regierungsnahen Medien nicht immer nur zu Unrecht vorgeworfen wird, mit Deutschlands üblen Geistern zu flirten, hat gesagt: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren deutscher Geschichte«. Für den Autor Moritz von Uslar etwa ist es »der furchtbarste Satz, den ein Politiker in der Bundesrepublik, deren Kind ich bin, gesprochen hat«. (@MoritzvonUslar, 2.6.2018)

Die Verurteilung jenes Satzes ist universell – es wird Gaulands Partei dennoch nicht langfristig schaden, da die brennenden Probleme, welche die AfD stark machen, eher größer als kleiner werden. (siehe mein Text: Wer die AfD schwächen will, muss Merkel abwählen)

Ich halte also von beiden Extremen wenig. Auf der einen Seite stehen die Höckes und Gaulands, welche von »Schuldkult« und »Vogelschiss« reden. Auf der anderen Seite stehen Merkel, die Grünen und alle die Hurra-Journalisten, welche tatsächlich dafür gesorgt haben und weiter sorgen, dass Juden in Deutschland wieder um ihr Leben fürchten.

Manche reden, als ob Deutschland keine Schuld trägt – Merkel handelt, als ob Deutschland keine Schuld trägt. Gaulands Satz ist emotional widerlich, Merkels Handeln ist ganz faktisch gefährlich.

All die politisch Korrekten und Empörten, die sich über Worte aufregen aber Taten verharmlosen, sie sind keinen Deut besser, auf welcher Wolke des Himmels ihrer eigenen Moral sie sich auch wähnen mögen.

Politisch Korrekte und religiöse Fanatiker stellen gleichermaßen ihre eigene emotionale Verfassung über den Wert des Lebens. Ein Islamist ist bereit, Sie zu töten, wenn Sie seine emotionale Verfasstheit verletzten. Der politisch Korrekte ist bereit, Menschenleben zu opfern, wenn die notwendigen Gegenmaßnahmen seine »Gefühle« verletzen würden. Menschen sterben, durch den Islamisten wie durch den politisch Korrekten, immer öfter de facto in praktischer Kooperation, und beide halten es für von höherer Moral so vorgegeben – anders als der politisch Korrekte ist der Islamist zumindest ehrlich in seiner Absicht.

Ich bin weder Islamist noch politisch Korrekter, offensichtlich. Was mich von beiden unterscheidet: Wenn Gefühl vs. Leben steht, wenn irgendwas vs. Leben steht, wähle ich immer das Leben. (Siehe auch mein Text: Nichts ist wichtiger als das Leben.)

Wer Schuld ernst nimmt, der ringt mit ihr. Wer, wie aktivistische Journalisten und schambefreite Politiker die Schuld instrumentalisiert als Wegwerf-Talking-Point, um schnell ein Pünktchen gegen die Opposition zu machen, der ist keinen Deut besser als die, die vom »Schuldkult« faseln.

Was diese Worte bedeuten

Wer ist uns lieber? Die pöbelnden, selbstgerechten »Zeichensetzer«, deren Empörung keine oder sogar gegensätzliche Konsequenzen hat – oder die ehrlichen, ernsthaften Menschen, die mit dem Begriff der Schuld ringen wie eine Mutter mit dem Muttersein, die aber schon jetzt und zugleich tatsächlich dafür kämpfen, dass sich solches nie wiederholen möge?

Wer Schuld ernst nimmt, der ringt mit ihr. Wer Schuld leichtfertig auf sich nimmt, der hat vielleicht gar nicht begriffen, was das Wort »Schuld« bedeutet.

Meine tägliche Arbeit am Schreibtisch ist auch und ganz wesentlich vom »Nie wieder!« motiviert.  Dazu gehört, dass wir verstehen, wirklich verstehen, was nie wieder passieren soll.  Die Leichtfertigen schreien »Ja, ich bin schuldig!«, wie man, »Ja, ich will Schnaps!« brüllt; vor lauter Selbstbesoffenheit könnten sie zulassen, dass es nach Kostümwechsel gleich nochmal ganz ähnlich passiert.

Es gibt die theoretische Holocaustleugnung – und die praktische. Die eine ist strafbar, die andere ist »Realpolitik«. Die eine ist widerlich und verletzend, die andere ist gefährlich und zukunftsblind.

Der Mensch, der Schuld versteht und nicht nur von ihr plappert, wird immer bestrebt sein, sicherzustellen, als Einzelner und als Land nicht neue, ähnliche Schuld auf sich zu laden.

Der ernsthafte Mensch sieht seine Schuld und ringt mit ihr; indem er mit ihr ringt hat er mehr von ihr akzeptiert, als der Schnellplapperer, der nicht weiß und nicht fühlt, wovon er redet.

Der Ernsthafte hasst die Sonntagsreden der Plapperer. Der Ernsthafte denkt und handelt. Der Ernsthafte gibt seine ganze Kraft, um zu verhindern, dass sich auch nur Ähnliches wiederholt.

Ich will stets auf der Seite der Ernsthaften sein.

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