Schmetterlingsethik

Bei »Bento« sind derzeit folgende zwei Überschriften auf der Startseite zu lesen:

»Wir sollten alle aufhören, Kinder zu bekommen. Denn das ist egoistisch!«
bento.de, 4.11.2017

»Warum es eine Unverschämtheit ist, zu behaupten, der Familiennachzug sei schlecht für die Integration«
bento.de, 27.10.2017

(Zur Erklärung: »Bento« ist so etwas wie Der Spiegel, in »einfacher Sprache« und aus selbem Hause. Das Online-Magazin wendet sich in der Tendenz vor allem an Kinder und »visuelle Menschen«. Ich muss nicht wirklich ausbuchstabieren, wofür der Euphemismus »visueller Mensch« hier steht, oder?)

Man muss das aus diesen beiden Überschriften gemischte Gebräu erst abkühlen lassen, dann drüber pusten, mit spitzen Fingern den Anstand zuhalten, um sich schließlich die Aussagen in Kombination auf der Zunge zergehen zu lassen.

Die eine Journalistin verlangt Kinderlosigkeit – die andere macht sich dafür stark, Familien aus der Fremde nach Deutschland zu bringen. Das nenne ich mal »Teamwork«.

Was ist deren Ziel? Haben die überhaupt eins?

Das böse Wort

Eines der neuen Bücher von Akif Pirinçci trägt einen bösen Titel: »Umvolkung. Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden« (Antaios) – Einige werden an dieser Stelle natürlich (mindestens innerlich) schreien: »Nein, das darf man nicht sagen, das ist Verschwörungstheorie!«

Vielleicht haben sie sogar Recht! (Also die, die rufen, es sei nur Verschwörungstheorie. Oder die anderen. Wir müssen tiefer gehen.)

Man sollte schon mehr als nur Geschrei abliefern, wenn man die These angehen will, dass diese Publikation eine »Umvolkung« zum Fluchtpunkt hat. Zugleich gilt: Wir müssten schon sehr wohldressiert sein, um nicht zu sehen, dass solches Geschreibsel des Berliner Medien-Prekariats im Effekt auf den Ersatz eines Volkes durch ein anderes zielt – selbstverständlich ohne dass ein einzelner der Journalisten das so zur Absicht hätte.

Hanlons Rasiermesser

Was also will man uns sagen, wenn die eine dagegen wettert, dass »wir« (sprich: die Deutschen) Kinder bekommen, und gleichzeitig die andere für den Zuzug ganzer Familien aus den Krisenregionen der Welt wirbt? Wollen sie gar doch die »Umvolkung«?

Eine hilfreiche Regel mahnt:

»Schreibe nicht der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.«
Hanlon’s Razor

Ich glaube nicht, dass die Bento-Journalistinnen tatsächlich »Absichten« haben, sei es von konstruktiver oder destruktiver Art. Sie reichen in der Redaktion etwas ein, wofür sie ein paar Groschen bekommen. In Berlin kostet der Cappuccino durchschnittlich 3,06 Euro!

Schmetterlingsethik

Es ist wenig wahrscheinlich, dass die jungen Bento-Journalistinnen die »Umvolkung« Deutschlands oder Europas anstreben.

Die Ursache für das selbstzerstörerische Gesamtwerk ist schlicht und einfach ethische Verwirrung. Diese Leute wissen nicht, was ihnen wichtig ist. Sie haben »ethische Schmetterlinge im Bauch«. Wir kennen das »Goldfischgedächtnis«. Nennen wir das hier doch »Schmetterlingsethik«.

Die Schmetterlingsethik setzt sich mal hierhin und mal dorthin. Was zur Zeit in der Redaktion angesagt ist, was gestern im ZDF lief, und immer wieder eine Haltung, die einen nicht daran hindert, seine Dienste zu verkaufen. Sie wollen nicht die »Umvolkung« – sie wissen überhaupt nicht, was sie wollen.

Bitte nur Oberfläche

Aus dem Bento-Anti-Kinder-Text:

»Eltern lassen ihren Kinderwunsch größer werden als ihr Mitgefühl für die Welt und ihre Bewohner – und auch größer als ihre Sorgen um die Zukunft. Und genau das ist für mich Egoismus.«
bento.de, 4.11.2017

Das ethische System der Autorin bricht beim »das ist für mich« schon wieder ab. Eine junge Meinungsmacherin im Land der Dichter und Denker. Seien wir ehrlich: Der Text schreit danach, auf Tiefenströmungen hin untersucht zu werden. Welchen Schmerz spüren wir hinter den Zeilen dieser kindischen »Ethik«? Etwas erinnert mich an »Undertow« von Leonard Cohen: »I’d be caught in the grip of an undertow, ditched on a beach, where the sea hates to go« – egal. Den Schmerz der Schreiberin aus der Ferne zu analysieren ist nicht meine Aufgabe.

Widerspruch in der Sache

Ein Argument muss an der Oberfläche ansetzen, auch wenn einem ob der durchscheinenden Innereien akut Fragen kommen. Es ist ja ein Schulbuch-Fehlschluss, von vermeintlichen Eigenschaften des Vortragenden auf die Validität des Gesagten zu schließen.

Deshalb will ich weder von Absichten (»Umvolkung«), noch von tieferen Gründen reden.

Ich widerspreche in der Sache! Nein, liebe Kinderredaktion des Spiegel: Eine Ethik, die dauerhaft das Wohl der Fremden vor das eigene Wohl setzt, ist zum Scheitern verurteilt. Selbst Mutter Teresa hat ihr eigenes Gesicht gewaschen und ihr eigenes Kleid geordnet, bevor sie daran ging, die Wunden der Leidenden zu versorgen.

Wie dich selbst

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«, sagt Jesus in Mk 12:31. Das ist keine Aufforderung zum Suizid. Es heißt: »wie dich selbst«.

Berliner Journalisten (und manche Politiker) rufen danach, man möge die Fremden »lieben« bis zur Selbstaufgabe. Sie fühlen sich »edel«, wenn sie aus ihren Schreibstuben heraus Kinderlosigkeit und Opferbereitschaft fordern, um ihre ideologischen Bauchgefühle zu befriedigen.

Ich widerspreche. Eine Welt, in der das Fremde einem wichtiger ist als das Nahe, kann nicht funktionieren. (Genauso wenig übrigens wie eine Welt, in der das Fremde einem automatisch verhasst ist, etwa weil es eine andere Hautfarbe hat oder nicht zum selben Gott betet.)

Mit ganzer Kraft und ganzem Herzen

Meine Aufgabe ist es, mich um das zu sorgen, was mir nahe ist, mit ganzer Kraft und ganzem Herzen. Der Nächste kann und soll meine Hilfe bekommen, selbstverständlich! Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht unseren Nachbarn etwa beim Aufpassen auf deren Kinder aushelfen – oder sie uns. Bei Gelegenheit helfen wir auch Menschen, die etwas weiter entfernt wohnen – oder sie uns.

Der Mensch findet ohne Zweifel letzte Erfüllung darin, für die ganze Menschheit da zu sein. Doch die innere Kraft zu dieser großen Aufgabe, die muss er zuhause tanken, mit Familie und Freunden. Und dafür muss der Mensch erst einmal eine Familie und Freunde besitzen. Die inneren Kreise müssen die äußeren Kreise stützen, alles andere ist Chaos.

Ich gehe jetzt nach meinen Kindern schauen. Sie sollten Klavier üben, morgen haben sie Unterricht. Den Berliner Journalisten aber möchte ich wieder zurufen: Ordnet eure Kreise!


Wie ich denke

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