Die Schildbürger, die CDU und der Islam

8. September 2018, von Dushan Wegner; Bild von John Westrock
Für die CDU-GS zählen »Werte«, sagt sie; die Religion der Leute sei ihr egal. – Genauso könnte sie sagen: »Für mich zählt das Steak, Kühe haben damit nichts zu tun.« – Mich beschleicht der Verdacht: Die Schildbürger waren CDU-Politiker.
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In Wahrheit war es nicht wegen der weichen Erde und auch nicht wegen des mit drei Metern viel zu dünnen Fundaments. In Wahrheit war es Absicht gewesen, und zwar nicht von italienischen Architekten, ob diese nun Bonanno Pisano oder Diotisalvi hießen. In Wahrheit war es der Schweinehirt von Schilda gewesen!

Eine neue Legende aus alten Zeiten erzählt, dass der Schweinehirt von Schilda sich den schiefen Turm von Pisa ausgedacht hatte, um die Stadt für Besucher interessant zu machen. Es war ein großer Erfolg, bis heute kommen die Leute nach Pisa um den schiefen Turm zu bewundern, und also beschlossen die Schildbürger, dass ihr eigener Schweinehirt auch der eigenen Stadt eine Attraktion bescheren sollte.

Wenn ein schiefer Turm schon so berühmt ist, überlegte der Schweinehirt, wie erfolgreich muss dann erst ein Rathaus sein, das nur drei statt vier Seiten hat!

Ausgedacht und durchgeführt! Man schaffte Steine heran und schichtete sie Lage um Lage, und bald schon war das dreieckige Rathaus von Schilda geschaffen. Die hohen Herren zogen in ihr neues Domizil, um ihre erste Ratssitzung zu halten – doch, oh weh! Es war dunkel und man sah die Hand vor den eigenen Augen nicht, selbst wenn man diese extra weit offen hielt.

Doch, die Schildbürger, pfiffig wie sie waren, ließen sich nicht unterkriegen. Sie überlegten: Im Rathaus fehlt Licht. Draußen in der Natur ist Licht. Wenn im Haus etwas fehlt, sei es Wasser oder Holz, dann bringt man es eben hinein; warum sollte das nicht auch für das Licht gelten.

»Wir schaffen das!«, sangen die Schildbürger, als sie mit Eimern und Sackkarren das Licht ins fensterlose Rathaus trugen.

Eindeutig inkohärent

Die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer wird mit einem Satz zitiert, der in seiner inneren Absurdität die Schildbürger geradezu als Realisten dastehen lässt:

Für mich ist die entscheidende Frage: Zu welchen Werten stehst du? Da spielen für mich Herkunft, Geschlecht, Religion, sexuelle Identität oder was auch immer keine Rolle. (Kramp-Karrenbauer in welt.de, 7.9.2018)

Kramp-Karrenbauer reagiert mit ihrer Weisheit auf Statements der CDU-Bundestagsabgeordneten Veronika Bellmann gegenüber dem evangelischen Magazin IDEA (hinter Paywall: idea.de, 4.9.2018) und der Jungen Freiheit (jungefreiheit.de, 5.9.2018). Auslöser dieser aktuellen Kontroverse ist die mögliche Spitzenkandidatur von Aygül Özkan in Hamburg, welche 2020 für die CDU in Hamburger Bürgerschaft einziehen soll. (Weitere Hintergrundinfos: Sie war die erste muslimische Ministerin in Deutschland, 2010 – 2013 in Niedersachsen. Jetzt wurde bekannt, dass sie schwer erkrankt ist. Es sind also viele Faktoren im Spiel. Siehe z.B. spiegel.de, 20.8.2018.)

In ihrem Interview sagte Bellmann einige jener Dinge, die in rationaleren Zeiten ernsthaft diskutiert worden wären, doch heute als Skandal gelten würden und als Ketzerei, etwa dies:

Wie geht es zusammen, gläubiger Muslim und Mitglied einer Partei zu sein, deren Grundlage das christliche Menschenbild ist? Gilt nicht für Muslime der Islam als einzig wahre Religion? Ist nicht jeder Muslim zum Heiligen Krieg verpflichtet, bis die ganze Welt zum ‘Haus des Islam’ geworden ist? Richtet sich dieser Glaubenskrieg nicht gegen Ungläubige, Christen und Juden, weil der strafende Allah jeden Nichtmuslim verdammt? (Bellmann in Idea, zitiert nach jungefreiheit.de, 5.9.2018)

Solche Sätze verhalten sich natürlich zum linken Pflichtweltbild wie das Wasser zur Zuckerwatte, die der übertölpelte Waschbär in den Fluss hält. Linke wollen das nicht stehen lassen, doch was sollen sie entgegnen? An welchem Punkt wollen sie angreifen? Bestreiten, dass Muslime glauben, der Islam sei die einzig wahre Religion? Behaupten, dass es für den Gott der Muslime völlig okay sei, wenn Menschen ihn nicht anbeten?

Die Replik des Merkelklons Kramp-Karrenbauer ist rhetorisch angelehnt an Merkels »reductio ad emotum« (siehe auch: »Mit Gefühlsmenschen logisch reden«). Wenn und weil das Argument in der Sache nur schwer anzugreifen ist (oder weil man schlicht weiß, dass man Unsinn redet), spricht man lieber vom Gefühlten und Wahrgenommenen.

Kramp-Karrenbauer sagt nicht, dass die Zusammenhänge falsch sind, die Bellmann erwähnt, sondern dass diese für sie »keine Rolle« spielen. Die Aussage von Kramp-Karrenbauer zur Rolle des Islam in der Politik ist eindeutig inkohärent, und Deutungsspielraum entsteht nur in ihrer möglichen Motivation: ist sie so dumm oder hält sie ihre Hörer für so dumm? – Betrachten wir es einmal näher!

Kramp-Karrenbauer sagt, dass für sie …

  1. die Werte eines Menschen entscheidend seien,
  2. nicht aber die Religion.

Die schildbürgerische Absurdität der Aussage ist, dass jede Religion dem Wesen nach auch ein Set an Werten darstellt. Sogar Religionen wie etwa der Buddhismus, welcher sich mehr als ein Werkzeugkasten zur Selbstbefreiung versteht und keinen befehlenden Erlösergott wie die abrahamitischen Religionen kennt, enthält ein Set kaum verhandelbarer Werte mit Liebe und Mitgefühl. Sogar Merkel selbst spricht von »christlichen Werten«, die angeblich Einfluss auf Regierungshandeln haben sollen, siehe z.B. evangelisch.de, Nov. 2010.) Kramp-Karrenbauer ignoriert das alles und tut einfach so, als wäre irgendeine Religion frei von Werten zu denken.

Bunte Meinungsvielfalt

Zu sagen, wie Kramp-Karrenbauer es tut, ihr sei die Religion egal, denn sie interessieren nur Werte, das ist wie wenn ich sagte, dass mich das Steak interessiert, das aber nichts mit der Kuh zu tun hat. Kramp-Karrenbauer führt fort, was Grüne salonfähig gemacht haben: eine politische Dummkultur, in der Worte nichts mehr bedeuten und die Forderung nach inhaltlicher wie logischer Kohärenz unterm Generalverdacht des »Rechtspopulismus« steht. Für politische Dummrhetorik kommt der Strom aus der Steckdose, die Steuergelder werden niemandem weggenommen – und die Werte eines Menschen haben angeblich nichts mit seiner Religion zu tun (siehe auch: »Es gibt kein Recht auf Dummheit«).

Viele tausend Jahre teils blutiger Geschichte, tägliche Nachrichtenmeldungen aus aller Welt und die einfache Anschauung, all das ficht den professionellen Gutmenschen nicht an; wenn es der politischen Taktik dient, werden Wahrheiten und Zusammenhänge ignoriert – wahr ist, was der Macht dient. (Man vergleiche auch den aktuellen Glaubenskrieg um die Ereignisse von Chemnitz – welche Wahrheit akzeptiert man? Die, welche belegt werden kann, oder das Narrativ, das Kanzlerin und ihr nahestehende Journalisten für »wahr« erklärt haben?)

Sogar »AKK« selbst spricht, wenn es opportun erscheint, von »christlicher Tradition«, die nicht aufgegeben werden solle, siehe katholisch.de, 21.1.2017. Man muss Annegret Kramp-Karrenbauer nicht widersprechen – man warte (oder suche) nur ein wenig, dann widerspricht sie sich schon selbst.

Bei allem Anlass zur Sorge um den Zustand der deutschen Demokratie bietet sich uns doch ein fast schon amüsantes Spektakel: Wenn der Wind sich dreht, dann widersprechen die Leute, die ihr Mäntelchen stets nach diesem Wind hängen, regelmäßig sich selbst. Das Schöne an den Opportunisten ist doch: Wenn der Wind sich häufig genug dreht, erleben wir über die Zeit eine bunte Meinungsvielfalt von ein und derselben Person.

Kategorienfehler à la AKK

Inwiefern sieht die Analogie das Problem voraus? (Die große Ordnung: Alles schon mal dagewesen.)

Heutige Linksgrüne halten ihre Argumente für eben solche, weil sie immer und immer wieder denselben Fehler begehen: sie verwechseln Kategorien (siehe auch: »Mit dieser 1 Zeile zeigt Bento (aus Versehen!), was in der Politik-Debatte schiefläuft«, und: »Das sind zwei verschiedene Kategorien!«)

Die Schildbürger hatten richtig gesehen, dass sowohl Wasser als auch Licht eine Art von »Grundelement« darstellen, und dass beide von der Natur bereitgestellt werden. Man kann tatsächlich Wasser mit Eimern in ein Haus tragen, und daraus schlossen sie, dass man doch auch Licht mit Eimern und anderen Gefäßen ins fensterlose Rathaus bringen können sollte.

Kramp-Karrenbauer versteht die Kategorie »Religion« nicht (oder sie tut nur so). Wenn etwas der Kategorie »Religion« angehört, dann enthält es automatisch Werte – sonst ist es keine Religion!

Doch, ein Kategorienfehler kommt selten allein. Kramp-Karrenbauer reiht Religion neben Geschlecht und Herkunft. Geschlecht und Herkunft können zwar in einem mindestens statistischen Zusammenhang mit Werten stehen (Sie wissen schon: Frauen schätzen angeblich das Zuhören, Amerikaner den Unternehmergeist, etc.), doch erstens ist es nicht zwingend und jederzeit so und zweitens ist es nicht freiwillig. Entgegen anderslautender Gerüchte kann ich weder zu einem Geschlecht noch zu einer Herkunft konvertieren, zu den meisten Religionen aber sehr wohl – ja, manche Religionen sehen sogar die massenhafte Konversion der »Heiden« und »Ungläubigen« als erstes und letztes Ziel an. Weder Herkunft noch Geschlecht sind ein Werteset, eine Religion aber sehr wohl.

Kramp-Karrenbauers Aussage ließe sich so übersetzen, dass ihr die Werte des Menschen wichtig sind, aber nicht seine Werte. Es ist Unsinn, ich weiß, und genau das ist das Problem.

Man trägt Licht in Eimern

Zwei Notizen am Rande helfen uns, zu verstehen, was Kramp-Karrenbauer tut, und wovon sie getrieben wird.

Erste Notiz: Der schiefe Turm zu Pisa ist heute eine kuriose und auf eigene Weise wunderschöne Touristenattraktion. Man vergisst, dass er eigentlich auch als Schutz gedacht war. Bei Angriffen sollten sich Mitglieder des Klerus in die Gänge und inneren Räume des Turms zurückziehen können.

Zweite Notiz: Die historische Vorlage für die Geschichte der Schildbürger ist das Lalebuch aus dem 16. Jahrhundert. Der Name »Lalebuch« (oder: »Lalen-Buch«) geht auf das griechische »λαλέω (laléō)« zurück, was plaudern oder schwatzen bedeutet – vergleiche auch das deutsche Lallen.

Die erste Notiz und die zweite Notiz zusammen erklären uns, warum Kramp-Karrenbauer, ihre Chefin und die ihnen verbundenen Journalisten tun, was sie tun: Die Elite hat sich einen schiefen Turm gebaut auf dem wenig tragfähigen Fundament linksgrüner Illusion, mit reichlich Plaudern und Schwatzen als Ziegelsteinen. Die Hoffnung des linksgrünen Klerus war, sich in die Gänge ihres Elfenbeinturms zurückziehen zu können, doch das Illusionsfundament gibt nach und der Turm droht umzustürzen. Was tun? Den Turm verlassen und einen anderen suchen? Nein. Mit Lallen und Schwätzen versucht man zu stabilisieren, was nicht zu stabilisieren ist. Man trägt Licht in Eimern ins Rathaus, und wehe ein Bürger ist nicht begeistert davon, wie hell es angeblich nun ist!

Riss in der Mauer

In der Geschichte von den Schildbürgern kam irgendwann ein Landstreicher vorbei, und klärte die Schildbürger auf: »Wenn ihr Licht haben wollt, müsst ihr nur das Dach abdecken!«

Der Vorschlag wurde prompt umgesetzt, und es ging auch eine Zeit lang gut, solange es Sommer war und die Sonne schien. Dann aber zogen die Stürme und der Herbstregen übers Land, und die hohen Herren im Rathaus wurden ganz durchnässt! Man deckte das Dach schnell wieder zu – und dann war es wieder dunkel.

Jedoch, die Schildbürger waren nicht dumm und sie wussten sich zu helfen. Als es an die Sitzung ging, zündete man jeweils ein Stück Holz an, das steckte man sich an den Hut und so trug ein jeder ein wenig Licht mit sich. Das funktionierte auch, doch wieder nur eine Zeit lang, weit weniger als eine Stunde, denn bald kokelten auch die Hüte an und der Gestank verbrannten Filzes in der Dunkelheit ist kein angenehmes Erlebnis.

Doch, dann, als sie gar nicht mehr weiterwussten, brach plötzlich ganz von allein das Licht ins Rathaus hinein. Die Mauer hatte einen Riss bekommen, Licht gelangte ins Rathaus und da fiel den Schildbürgern ein, was sie vergessen hatten: Fenster! – Voller Freude über ihre Entdeckung holten sie schnell Spitzhacken und schlugen Fenster ins Mauerwerk, wo sie nur konnten. (Solche Gegenbewegungen, solches Pendeln zwischen Extremen, das bringt wieder ganz eigene Probleme mit sich, siehe auch mein Text »Eine Abrissbirne schwingt umher in Europa«.)

Die Geschichte von den Schildbürgern, die das Licht mit Eimern ins Rathaus tragen wollten, birgt mancherlei Lehre. Die erste Lektion ist natürlich, dass man auch im staatlichen Handeln stets die Kategorien der Gegenstände und die Konsequenzen seines Tuns bedenken muss. Doch gerade das Ende der Geschichte birgt auch einen Auftrag an uns: Licht kommt erst dann ins Rathaus, als das Mauerwerk reißt.

Im Text »Risse in der Mauer des Bullshits« zitiere ich eine von vielen Liedzeilen Leonard Cohens, die ich mir selbst zum Auftrag genommen habe – und damit, das ist der Luxus des Essayisten, auch Ihnen zum Auftrag gebe:

There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.
Leonard Cohen, Anthem (Album: The Future)

(Übersetzung, sinngemäß: In allem ist ein Riss; so gelangt das Licht hinein.)

Das Weltbild der Freunde linksgrüner Dummrhetorik gleicht dem dreieckigen Rathaus der Bürger von Schilda.

Unser Auftrag ist es, immer neue Risse in die Mauern der staatlich geförderten Dummheit zu schlagen. In den Mauern der Linken und Guten fehlen die Fenster, und das Licht macht ihnen Angst, also erklären sie die Dunkelheit für moralisch. Lasst uns mit Worten täglich neue Kerben schlagen in die Mauern von jener braven Dummheit, die sie heute »Haltung« nennen.

Vertun wir uns nicht: Die sich für »gut« halten, kitten die Risse schnell, wo auch nur ein zartes Lüftchen ihren Mief bedroht. Die Risse müssen mehr werden und die Fenster größer. Auf, lasst uns Händler von Spitzhacken sein!

Guter Text?

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