Rassismus und politische Korrektheit haben dieselbe Motivation

Es geht um Macht. Dem Rassisten geht es um Macht, dem politisch Korrekten geht es um Macht. Dem Verballhorner fremdländischer Namen geht es um Macht. Dem Sexisten, der das Gegenüber auf seine Genitalia reduziert, geht es um Macht.

Macht ist ja prinzipiell nichts Schlechtes, im Gegenteil! Mit Macht kann eine Gesellschaft dazu geführt werden, ihr eigenes Wohl zu mehren und fair im Spiel der Nationen mitzuspielen.

Macht ist die Möglichkeit, einen anderen Menschen zu bewegen, meine Idee auszuführen. Diese Idee kann sein, wie bei Trump, Wohl und Sicherheit des Landes zu mehren. Diese Idee kann sein, wie bei Merkel, Wohlstand und Leben der eigenen Bürger für eine wirre Weltrettungsphantasie zu riskieren.

Macht hält Menschen davon ab, einander die Kehle aufzureißen – in Zeiten des »Islamischen Staates« ist das konkret wichtig. Mit Macht baut man Hospitäler und Schulen, Parks, Straßen und Sportstadien.

Macht ist wie ein Brotmesser. Mit dem Messer lässt sich Brot schneiden – oder es lässt sich »Cthulhu ist groß!« brüllend den Gastgeber ermorden. Nicht das Messer ist böse, sondern die Art, in der es eingesetzt wird. (Wir hatten als Pfadfinder allesamt lange Messer, und nie wurde ein Mitmensch auch nur angekratzt. Das Ankratzen wurde nicht einmal angedeutet! Es streifte nicht einmal unsere Gedanken, als blanke Möglichkeit, unser Fahrtenmesser auch nur symbolisch gegen einen Menschen zu erheben.)

Macht ist ein Werkzeug. Die einen nutzen Macht, um das Wohl zu mehren und Frieden zu sichern. Die anderen nutzen es für andere Zwecke. Rassisten und politisch Korrekte nutzen die Macht, die sie mit ihren Methoden erringen, als Selbstzweck.

Rassismus und politische Korrektheit sind zwei Methoden für dieselbe Absicht. Der Rassist und der politisch Korrekte wollen beide (mindestens: emotionale) Macht über das Gegenüber erringen, mit denkbar niedrigen Mitteln. Beide, Rassist wie politisch Korrekter, reduzieren die Minderheit auf ein Mittel, ein Mittel zum selben Zweck: der Rassist wie der politisch Korrekte wollen sich selbst erhöhen. Der Rassist erhöht sich »nur« über den Fremden, der politisch Korrekte ist insofern übler, als er sich über den Fremden und über sein Gegenüber erhöht. (Es spielt absurderweise bei Gelegenheit keine Rolle, dass Rassisten selbst der benutzten Minderheit angehören – der Antisemit Karl Marx etwa stammte aus jüdischer Familie. Ebenso kann der politisch Korrekte die Minderheit, der er selbst angehört, für seine Selbsterhöhung missbrauchen.)

Der amerikanische Musiker Kendrick Lamar hat gestern ein Beispiel aggressiver politischer Korrektheit vorgeführt, das in seiner blanken Gemeinheit für eine Weile wohl einmalig bleiben wird. (Aber nur für eine Weile, nicht für immer. Politische Korrektheit ist Macht, und Macht ist bekanntlich eine Droge; als solche fordert sie eine immer stärkere Dosis. Deshalb gibt es in den USA ja auch eine Begrenzung der Anzahl von Amtszeiten des Präsidenten auf zwei.)

Der Musiker Kendrick Lamar hat ohne Zweifel großes musikalisches Talent. Die Alben »To Pimp a Butterfly« und »DAMN« liefen bei mir jeweils tagelang auf Dauerschleife. Brillant und neu, bis heute. (YouTube-Tipps: King Kunta, Alright, Humble, DNA) Ich weiß nicht, an welche Rezeptoren in meiner Seele seine Musik andockt, aber wenn ich sie auf die Lautsprecher lege, steigt mein Endorphin-Level und ich bin glücklich, dass ich mit solchem Genius den Planeten teilen darf – es geht Millionen von Hörern weltweit so wie mir.

Gleichzeitig ist Lamar eine sich gesellschaftspolitisch äußernde Person, in einer Zeit universeller Politisierung. Kunst ist wie Krieg, in mehreren Hinsichten, und eine davon ist diese: mit den richtigen »Talking Points« sind Waffen wie auch Melodien effektiver. Wir denken an die Propaganda-Zettel, die in Kriegen bis heute abgeworfen werden. Wir denken an Michael Jacksons Auftritte in General-Manier, sein »Black or White« oder »They don’t care about us«.

Auch Kendrick Lamar nutzt politische Statements zur Vergrößerung seiner Reichweite. Das ist, wo es traurig wird. Lamar hat offensichtlich nicht die weisesten Berater. Er bedient Vorurteile und Stereotype, und er profitiert davon. Bei den Black-Entertainment-Awards 2015 schien er zur Gewalt gegen die Polizei aufrufen. Eine kalkulierte Provokation, die ihm zwar Geld und PR brachte, doch eben auch dazu beitrug, die Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft zu vergrößern. (Er sampelte die Reaktionen auf seinen Skandal-Auftritt und baute sie im Album »DAMN« ein. Er ist stolz darauf, Spannungen zu vergrößern. Er verdient Geld damit. Vielleicht ist es auch nur eine Reaktion auf Kritiker, die ihm zeitweilig Wohlfühlmusik vorwarfen, stellvertretend etwa der deutsche Soziologe Nicklas Baschek auf zeit.de, 27.1.2016. Später wurde Lamar von Obama ins Weiße Haus eingeladen.)

Was Lamar heute betreibt, könnte man »Race Baiting« nennen. Er schürt die Wut von Schwarzen auf Weiße, bedient aber gleichzeitig schwarze Stereotypen nach »außen« (also in den Augen von Weißen) und nach »innen« (also in der Selbstwahrnehmung von Schwarzen).

Lamars Race Baiting ist nicht nebenbei oder zufällig. Er zeichnet immer wieder ein Bild der unauflöslichen Gegnerschaft zwischen Weiß und Schwarz. Die Hollywood-Linke und andere Profiteure gesellschaftlicher Konflikte mögen es begrüßen, doch profitable Spaltung ist noch immer Spaltung. Einem Saal, der ihn bewundert und feiert, zahlt und fördert, ins Gesicht zu brüllen, wie sehr sie ihn doch hassen und welche üblen Pläne sie doch allesamt gegen ihn hegen, ergibt nur begrenzt Sinn, ob weiße linke Selbsthasser dazu applaudieren oder nicht.

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Politischen Korrektheit hat Lamar gestern erreicht. Bei einem Auftritt in Alabama lud er einen weiblichen Fan mit auf die Bühne ein. Die junge Dame, sie hieß »Delaney«, sollte mit ihm das Lied »m.A.A.d city« singen. (Sie können ein Video dieses Ereignisses auf YouTube sehen. Überhaupt bleibt heute wenig undokumentiert.)

Es war eine Falle. Ein unerfahrener, privater Fan, der eben auch weiß war, wurde auf die Bühne geladen und dort bloßgestellt.

Das Lied enthält allein im Refrain vier Mal jenes berühmte »N-Wort«, das Weiße nicht verwenden sollten. Sie können die Lyrics auf genius.com nachlesen – man findet das Wort per Suchfunktion 21 mal.

Delaney tappte in die Falle, die Lamar ihr gestellt hatte. Sie tat, wozu sie auf die Bühne geholt worden war: sie rappte das betreffende Lied mit. Sie rappte allerdings auch die N-Wörter mit.

Das Publikum wurde wütend und beschimpfte die Weiße mit Wörtern, die nicht wirklich weniger menschenverachtend sind als jenes N-Wort, aber eben erlaubt, da gegen Weiße gerichtet. Die Beschimpfung der jungen Dame ging auf Social Media weiter. Die Falle war zugeschnappt. Anwesende Lamar-Fans berichten, dass der Künstler sich amüsierte und vor Lachen umfiel, während Delaney gedemütigt wurde:

»Es hat sich noch nie so gut angefühlt, jemanden auszubuhen, wie kollektiv Delaney von der Bühne zu buhen. Verdammt, unser Land war seit Jahren nicht so vereinigt wie beim Hass auf dieses Mädchen, und Kendrick lacht sich die ganze Zeit den Hintern ab, so sehr, dass er auf den Boden fiel (» … and kendrick is laughing his ASS off the whole time, so hard that he straight up fell on the ground«)

Andere Anwesende freuen sich, dass Delaney für immer mit diesem Makel gekennzeichnet ist und phantasieren von ihrem (sozialen?) Tod (»Lol, this girl will never be able to live that down #RIPDelaney«).

Lamar brach ab und forderte sie auf, nochmal anzusetzen, aber das N-Wort in den von ihm selbst geschriebenen Lyrics live und in Echtzeit zu zensieren (zu »bleepen«). Sie verhaspelte sich. Lamar brach noch einmal ab. Die doppelt gedemütigte Delaney wurde endgültig von der Bühne gebuht.

Der politisch korrekte Mob ist getrieben von denselben niederen Motiven wie ein rassistischer Mob. Man will demütigen statt zu versöhnen. Man reißt Gräben auf statt Brücken zu bauen. Man stellt gemeine Fallen, statt die Hand zu reichen. Manche sind soziale Versager die sich erheben möchten, andere (wie Lamar) verdienen gut daran, andere (wie manche »Aktivisten« in via Steuer finanzierten Vereinen) müssten sonst hungern.

Betrachten wir die deutsche Publizisten-Szene! In der konservativ-liberalen Ecke sehe ich eine Reihe von Menschen, die privates Geld investiert haben, die lukrative Karrieren riskierten oder aufgaben, die sich täglicher Gefahr und Beschimpfung aussetzen, weil sie an Freiheit und Demokratie glauben. Ich sehe Ärzte, Professoren, Ingenieure und Unternehmer, die sich für diese Werte einsetzen. Und dann schaue ich auf die andere Seite, auf die politisch Korrekten, die staatsnahen Zensoren und sonstigen Meinungswächter. Es sind auffallend viele Gescheiterte drunter. Leute, die nichts können, nichts leisten, nichts anzubieten haben, außer einer flexiblen »Haltung« auf Regierungslinie.

Es ist nichts Verwerfliches daran, auch mal hinzufallen. Es liegt aber wenig Würde darin, nach dem Hinfallen liegen zu bleiben und durch den Berliner Staub in irgendeinen Zensur-Verhau zu kriechen. Politische Korrektheit ist die letzte Zuflucht für den Lump von heute.

Doch, ich kann ein Stück weit selbst die Gescheiterten verstehen, die sich als Zensoren und Politische-Korrektheit-Aktivisten verdingen. Die Schulhofpetzen, wenn sie groß werden und nichts können außer zu petzen, was sollen sie denn sonst tun? Die Petze, die früher in der Schule völlig zu recht verachtet wurde, die wird eben »Anti-HateSpeech-Aktivist« oder »Comedian«, und schon fließt das Geld aus linken Ministerien, linken Stiftungen oder linkem Staatsfunk. Auch Petzen müssen essen.

Überhaupt kein Verständnis habe ich für die Profiteure, die bereits reich sind, doch via Rassismus, Racebaiting und/oder politischer Korrektheit die Gesellschaft gezielt weiter spalten, nur um ihr Konto noch mehr zu füllen.

Rassisten und politisch Korrekte sehen sich beide im Besitz einer höheren Wertigkeit oder einer höheren »Moral«. (Bei beiden bleibt es diffus, worauf diese baut. Es wird viel auf angebliche Selbstverständlichkeit referiert. »Ist doch klar!«) Rassisten und politisch Korrekte sehen sich im Recht, den anderen zu demütigen, und beide machen das Fremde zum Mittel ihres üblen Ziels.

Kann man Rassismus und politische Korrektheit besiegen? Es scheint aussichtslos, doch den Kampf aufzugeben wäre noch entmutigender!

Ich schlage zur Überwindung von Rassismus und politischer Korrektheit dieselben Wege und Regeln vor: Kein Mensch darf als Mittel für ideologische Ziele missbraucht werden. Kein Mensch darf auf seine äußeren Eigenschaften, seinen Glauben oder sein Geschlecht reduziert werden, wie es Rassisten und politisch Korrekte regelmäßig tun.

Wer den Menschen und seine Eigenschaften, Handlungen und Geistesinhalte getrennt betrachtet, der kann die Würde des Menschen achten und dennoch etwa seine Ideologie kritisieren, selbst in schärfsten Tönen. (Gegen-Beispiel: Rassisten und politisch Korrekte sind sich spektakulär einig darin, einen Menschen und seine Religion als untrennbare Einheit zu betrachten.)

Wir werden weder Rassismus noch politische Korrektheit ganz aus der Welt entfernen. Beiden geht es um Macht, und das aus praktisch denselben Motiven. Manche von uns haben kein Bedürfnis nach Macht oder Ruhm. (Wenn gewisse Bekanntheit nicht notwendig wäre, um als Autor seine Texte gelesen zu bekommen, würden Sie nicht einmal meinen Namen kennen.) Andere haben ein Bedürfnis nach Ruhm und Macht, und können dafür auch der Gesellschaft etwas Nützliches bieten, etwa Donald Trump. Andere, wie Rassisten, politisch Korrekte und einige Politiker bieten nichts und leisten nichts, also müssen sie sich mit Tricks verschiedener moralischer Schattierung über andere erheben.

Rassismus und politische Korrektheit können und sollten mit denselben Mitteln bekämpft werden: Gleichwertigkeit aller Menschen anerkennen. Verstand und Vernunft über Affekt, Empörung und Bauchgefühl stellen. Sich jedem Mob verweigern, ob es Springerstiefel-Träger, Bundestagsabgeordnete oder Promis vom Staatsfunk sind, wenn sie dazu aufrufen, das Recht in die eigene Hand zu nehmen und den Andersartigen zu bedrängen.

Politisch Korrekte und Rassisten maßen sich Macht an, die ihnen nicht zusteht; es liegt an uns, ihnen diese Macht zu verweigern.

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