5.7.2019

Der propagandistische Zirkelschluss

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Michael Coury
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71 Prozent der Bürger haben Angst vor rechtsextremer Gewalt, laut Umfrage. Medien impfen Angst ein, dann berichten sie, dass Bürger nun Angst haben, woraufhin Bürger mehr Angst haben, und so weiter. Ich nenne es den »propagandistischen Zirkelschluss«.
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Woher wissen wir, dass die Bibel die Wahrheit sagt? Es steht in der Bibel. – Dies ist der wahrscheinlich bekannteste aller Zirkelschlüsse. Es ist wenig stabil, die Wahrheit einer Aussage durch die Behauptungen eben dieser Aussage begründen zu wollen. (Randnotiz: Ich denke nicht, dass Menschen das wirklich so glauben – wenn jemand an Gott glaubt, dann sind seine Gründe dafür nicht zwingend aus anderen Gründen herleitbar, sonst würde er ja an jene glauben – doch wenn jemand dies als Argument angeben würde, und nicht nur aus argumentativer Notwehr, dann wäre es tatsächlich ein frappanter Zirkelschluss.)

Es wird keiner logischen Prüfung standhalten, eine Begründung durch sich selbst zu stützen, doch es kann die Prüfung durchs Bauchgefühl bestehen, gerade wenn man es mit einer emotionalen Masse zu tun hat, mit den Bewegten und Betroffenen, welche mit den Windungen des Colons denken statt denen des Zerebrums, wo moralische Peristaltik die fal­si­fi­zier­bare Logik vor sich her treibt.

71 Prozent

Laut einer aktuellen Umfrage haben 71 Prozent der Deutschen »große« bis »sehr große« Angst vor rechtsextremen Übergriffen und Anschlägen (welt.de, 5.7.2019).

Ich erspare mir an dieser Stelle die offensichtliche Frage, wie viele der Befragten schlicht antworteten, wovon sie wussten, dass es als Antwort politisch korrekt ist. Es gibt politisch korrekte Ängste, die man zu pflegen und zu äußern hat, das war im kalten Krieg etwa »der Russe«, heute immer noch ein wenig »der Russe«, vor allem aber hat man heute Klimaveränderungen zu fürchten und natürlich »Rechts«.

Aber gut, nehmen wir an, die Zahlen stimmen so, und 71 Prozent fürchten Rechtsextreme sehr, 60 Prozent die Islamisten, und eine Minderheit von 41 Prozent die Linksextremen. – Woher kommt diese besondere Gewichtung? Wir ahnen es – die Zahlen begründen sie nicht.

Vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht wird derzeit der Fall der mutmaßlichen Bombenbauerin Yasmin H. aus Köln verhandelt. – »Wenn du mal groß bist, dann wirst du auch ein Attentäter und kannst dich in die Luft sprengen«, soll sie zu ihrem Sohn gesagt haben (bild.de, 3.7.2019). Zusammen mit ihrem Mann Sief Allah H. soll sie Anschlagspläne ausgeheckt und Bio-Gift besorgt haben, das rechnerisch für über dreizehntausend Tote gereicht hätte (wenn beim Einsatz in der Praxis »nur« etwa 100 Leute gestorben wären, siehe bild.de, 28.6.2019 – was für schreckliche Themen sind das, mit denen man sich heute beschäftigen muss). – Immerhin wurde das Thema zum Beispiel am 7.6.2019 in der Tagesschau erwähnt, zwischen Eskalationen im Sudan und dem Wetterbericht, sowie etwa am selben Tag bei WDR aktuell, doch Talkshow-Wochen gab es dazu nicht, Konzerte gegen potentielle Rizin-Bomber oder Islamisten allgemein wird es auch nicht geben.

Man könnte nun die vielen weiteren Beinahe-Anschläge und Terror-Aufrufe durchbuchstabieren, sei es Salzgitter, Florstadt, Berlin, Chemnitz, und so weiter. Man könnte auch die Gewaltfälle und Messerattacken durchgehen, die offiziell nicht »islamistisch« sind, sondern auf gewisse kulturelle Missverständnisse zurückzuführen sind – aktuell in den Nachrichten etwa Neuruppin, Heidelberg, Bonn, Berlin 1, Berlin 2, und so weiter.

Ja, es hat zuletzt Fälle rechtsextremer Gewalt gegeben, vermutlich bis hin zu einem Mord – der Fall Lübcke. (Wir sind keine Regierungsminister und keine Journalisten, wir wollen seriös bleiben: Noch wurde kein Urteil gesprochen und der Verdächtigte hat aktuell sein Geständnis widerrufen, deshalb: vermutlich.) – Zugleich ist es nicht zu leugnen, dass Gewaltfälle, die in das Narrativ von der großen »rechten« Bedrohung passen, auf Dauerschleife und über alle technisch möglichen Kanäle verstärkt kommuniziert werden, während die Fälle, die nicht ins Wir-schaffen-das-Narrativ passen, wenn sie überhaupt berichtet werden, dann so nüchtern wie irgend möglich  – bis zur mutwilligen Verzerrung der Ereignisse aus dem »falschen« Narrativ ins »richtige« (vergleiche die der Gruppenvergewaltigung beschuldigten Deutschtürken in Mallorca, die von deutschen Medien in sehr großen Buchstaben und betont als »Deutsche« bezeichnet werden, siehe zusammenfassend jungefreiheit.de, 5.7.2019).

Angst-Stimmung im Abendprogramm

Ein Zirkelschluss ist ein Schluss, der etwa durch ungenaue Formulierung oder Wortwechsel verschleiert, dass er seine Behauptung durch eine andere Variante eben dieser Behauptung zu begründen versucht.

Damit ein Zirkelschluss praktisch funktioniert, muss er das Fehlen externer Prämissen mit rhetorischen und psychologischen Tricks verstecken, und nicht anders ist es mit dem, was ich den »propagandistischen Zirkelschluss« nenne:

  1. Medien sagen dem Bürger: »Habt Angst vor X!« – Was nicht mit konkreten Nachrichten unterfüttert werden kann, das wird etwa durch dauernde Wiederholung und erfundene Spielfilme im Abendprogramm als Angst-Stimmung erzeugt.
  2. Man appelliert an den Bürger, sein spontanes Bauchgefühl als Begründer von Wahrheit und Moral zu betrachten, nicht seinen Verstand, während man eben dieses Bauchgefühl manipuliert.
  3. Durch Umfragen stellt man fest, dass die Bürger genau das Gefühl haben, das Medien ihnen zuvor einimpften. Diese Umfragen werden als Fakten präsentiert, implizierend, dass wo eine Angst ist, die Angst auch einen guten Grund haben muss, und diese Angst wird wieder in den Kreislauf eingespeist: »Habt Angst vor X!«

Erst forderten Medien die Bürger auf, eine bestimmte politisch korrekte Angst zu empfinden, und wenn sie diese Angst auch empfanden, berichten die Medien darüber, dass sie eben Angst haben (während in der Debatte die Ursache der Angst explizit der Opposition angelastet wird), und dieser Angst-Zirkelschluss könnte so lange durchlaufen werden, bis der Bürger, im Extremfall, in einem Zustand moralischer Panik das Verbot der Opposition als moralische Konsequenz akzeptiert.

Immer wieder die gleichen Leute

Der propagandistische Zirkelschluss wird heute in diversen linksgrünen »großen« Themen betrieben, sei es die Klimahysterie oder der Hype um die Grünen: Man bewirbt so lange Grünen-Vertreter im Staatsfunk, bis sie populär werden, und dann bewirbt man sie, weil sie populär sind – wir laden sie ein, weil sie populär sind, weil wir sie einladen, weil sie populär sind, weil wir sie einladen, weil sie populär sind, und so fort.

Man kann Journalisten inzwischen nicht einmal böse sein – nehmen Sie nur die Journalistenpreise! Immer wieder die gleichen Leute treffen sich, um einander Preise dafür zu verleihen, wie wichtig und gut sie sind, und es ist eine Ehre, denn die Leute, die einem den Preis verleihen, sind ebenfalls wichtig, denn sie haben Preise bekommen, und so weiter.

Der propagandistische Zirkelschluss funktioniert heute aus einem ganz besondern Grund so gut wie selten. Ich nehme Studien aus dem Hause Bertelsmann eher mit Vorsicht, doch wenn eine neue Studie stimmt, dann haben 97 Prozent der Jugendlichen bereits ein eigenes Smartphone. Jedes Medium, das wir verwenden, verkabelt unser Gehirn auf seine eigene Weise, ob Bücher oder Smartphones. Die Gehirne von Jugendlichen werden auf schnelle Belohnung und Bestätigung programmiert – das perfekte Kanonenfutter für propagandistische Zirkelschlüsse.

Gesinnungsethiker (heutige »Gutmenschen«) nehmen ihr Bauchgefühl für Fakten und Moralbegründung. Ein Propagandist kann formulieren: »Die Bürger haben Angst. Sie fühlen doch auch, dass man Angst haben sollte. Also gibt es Grund zur Angst. Also haben die Bürger Angst. Sie fühlen doch auch, dass man…« – und so fort.

Smartphone-Zombies und Gutmenschen halten für wahr und wichtig, was ihre Seele erregt, was zu sagen belohnt wird, was einfach zu verstehen ist. Der propagandistische Zirkelschluss und die dauernde Erregungsmoral sind füreinander geschaffen wie Pech und Schwefel.

Auch weiterhin

Freiheit ist keinesfalls immer angenehmer und entspannter als die selbstverschuldete Sklaverei. Freiheit kann ebenfalls anstrengend und selbst wiederum beängstigend sein.

Woher wissen wir, dass die Medien die Wahrheit sagen? Aus den Medien. Wer sagt uns, welchen Grund es zur Angst gibt? Die Medien. Wer berichtet von der Angst? Die Medien. Woher wissen wir, dass die Medien nicht nur propagandistische Angstmacher sind? Aus den Medien!

Es sind schwierige Zeiten in Deutschland. Es stehen wichtige Wahlen an und wir können uns auf  Propaganda vorbereiten, wie die Bundesrepublik sie noch nicht kannte. Einiges, was passiert, ist tatsächlich furchteinflößend, und wenn es ins Narrativ gewisser Akteure passt, wird es überbetont werden – und wenn nicht, dann nicht.

Nur weil etwas in großen Lettern geschrieben ist, muss es nicht wirklich das Wichtigste vom Tage sein. Nur weil etwas ignoriert wird, ist es damit nicht automatisch unwichtig. Dass die Medien sagen, dass sie die Wahrheit sagen, bedeutet noch längst nicht, dass sie die Wahrheit sagen.

Es gilt, auch weiterhin: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

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