Der Pharao ist fröhlich

Was haben Sie, ich und jeder einzelne der Pharaonen gemeinsam? Wir werden vergehen. Selbst wenn es außerordentlich gut läuft, sind in spätestens hundert Jahren weder Sie noch ich hier, und die wichtige Arbeit, die politische Tageslage schnippisch zu kommentieren, müssen andere erledigen.

Reden wir von einem, der zweifellos groß war, berichtet von einem anderen, der mindestens reich, aber auch sehr gut verheiratet und äußerst worttalentiert war.

Ich würde gern gemeinsam mit Ihnen »Ozymandias« von Percy Bysshe Shelley lesen, in der deutschsprachigen Übertragung von Adolf Strodtmann (1866). Dies ist meine Interpretation, für wissenschaftliche(re) Deutungen empfehlen sich englischsprachige Ausführungen wie die von Sparknotes (ja, die sind gut) oder der BBC.

Zur Einstimmung, das englische Original, gelesen von Brian Cranston (Breaking Bad):

Und nun, auf, zum Text!

Ein Wandrer kam aus einem alten Land,

Die Figur des »Wanderers« ist wahrscheinlich inspiriert vom Banker Horace Smith, einem Freund des Dichters. Der reale »Wanderer« hat die Statue, von der er berichtet, nie gesehen. Percy Bysshe Shelley war reich und wortbegabt. Am Ende bleiben eben nur die Worte, und selbst davon nur die besten.

In Folge der Feldzüge Napoleons hatte eine »Ägypten-Euphorie« die Europäer, die sich eine solche leisten konnten, ergriffen. Das Ägypten der Antike stand für die Sehnsucht nach Ferne und Größe, die uns Arbeiterkindern im Kleinklein unseres Alltags abgeht.

Schon in der ersten Zeile – zusammen mit dem Titel – hat Shelley ein weites Segel aufgespannt. Der Pharao Ramses II – welcher vielleicht jener war, der die Israeliten nicht ziehen lassen wollte – und ein geheimnisvoller Wanderer aus einem Land, das wohl weit fort liegt (sonst müsste man von daher nicht wandern), und alt ist es noch dazu.

Was für ein Kontrast zu den Dimensionen der Dinge, die uns sonst so beschäftigen!

Und sprach: »Ein riesig Trümmerbild von Stein

Die Trümmer mögen das Ende des Ozymandias kennzeichnen, im Gedicht, das wie ein Bericht daherkommt, stehen sie am Anfang. Wir betrachten die Angelegenheit von ihren Trümmern her. Im Heute kommt das Vergangene nur als Trümmer vor, sonst wäre es nicht vergangen, sondern gegenwärtig.

Vom Titel klingt noch der Name des Pharao nach. Ein Name mit Resonanz. Einst hatte er Kredit. Ein guter Name muss immer auch Kredit haben. Es ist ein ferner Klang. Der Mensch sieht, was vor Augen ist und vor den Augen liegt das Trümmerbild. Friedrich II ließ sich sogar künstliche Trümmer errichten, als romantisches Memento Mori.

Ich denke an Spaziergänge über berühmte Friedhöfe. Père Lachaise in Paris, der jüdische Friedhof in Prag, aber auch die kleinen Friedhöfe in Irland, zwischen Hügeln und Wäldern, mit verwitterten Grabsteinen und Keltenkreuzen. (Anekdote: Vor Jahren soll im Kölner WDR-Radio ein Zuhörer angerufen haben und er durfte sich live in der Sendung ein Lied wünschen: »Ich grüße meine Oma, die in einem schwarzen Auto auf dem Weg ist von Sülz nach Melaten, mit dem Lied: »Living in a box«)

Steht in der Wüste, rumpflos Bein an Bein,
Das Haupt daneben, halb verdeckt vom Sand.

Da steht kein Pharao, kein Ramses, kein Ozymandias. Da stehen nur die steinernen Unterschenkel. Der Gottkönig, zertrennt und gefällt wie Statisten in den Kampfszenen eines Tarantino-Movies.

Der Züge Trotz belehrt uns: wohl verstand
Der Bildner, jenes eitlen Hohnes Schein
Zu lesen, der in todten Stoff hinein
Geprägt den Stempel seiner ehrnen Hand.

Wie viele Demütigungen soll der Pharao noch ertragen? Er ist verstorben und wir können nur hoffen, dass er es in die ihm zustehende Himmelswelt geschafft hat. Sein großes Standbild liegt als Trümmerhaufen im Sand. Wir hören von ihm durch einen Dichter, der einen Wanderer zitiert, der uns vom Handwerker berichtet, der den Ruhm des Pharao doch erst für uns festgehalten hat, als er den toten Stein bearbeitete. In Wahrheit gibt der »Wanderer« nur wieder, was er selbst bei Diodor las.

Unser Dichter nun sagt, dieser Wanderer habe gesagt, der Handwerker hätte den »eitlen Hohn« des Pharao »verstanden«. Wie viel von den Motiven und Gründen des Herrschers wurde hier wirklich und wahrhaftig durch die Schichten aus Bericht und Deutung getragen – wie viel ist nur Deutung, und nur wieder ein Spiegel, in dem der Autor und seine Leser sich selbst betrachten? Es gab einen Ramses den Zweiten, dessen gräzisierter Name »Ozymandias« lautet, das ist richtig. Alles darüber hinaus ist doch nur das, was wir hineinlegen. Woher wissen wir denn, dass die Statuen, die er von sich meißeln ließ, nicht als demütiger Dienst an seinem Volk gedacht waren, wie eine Wegmarke, so wie heute die Bilder des Papstes oder des Dalai Lama nicht als eitle Erhöhung des alten Gesichtes gedacht sind, sondern als Mahnung und doch auch als Versicherung der dauernden Gegenwart.

Und auf dem Sockel steht die Schrift: ›Mein Name
Ist Osymandias, aller Kön’ge König: –
Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!‹ [wörtlich: »despair«, also auch möglich: »und verzweifelt!«]

Welche Werke? Der Wanderer, und damit der Dichter und wir, schaut sich in den folgenden Sätzen dann um, und sieht von den Werken nichts. Nur Sand.

Bevor wir die Werke sehen, verehrter Pharao, müssen wir sie erst einmal finden. Wir müssen deine Werke aus dem Sand buddeln, Pharao, wie ich die Förmchen meines Sohnes im Sand suchen muss, wenn die Zeit zum Spielen vorbei ist und es ansteht, gewaschen zu werden und schlafen zu gehen.

Einige deiner Werke haben wir schon gefunden und verteilt. Etwa deinen Kopf. Im Gedicht liegt der Kopf neben deinen Füßen, Pharao! – Was für ein gruseliges Bild, selbst wenn es sich »nur« um Stein handelt! Es ist fast, als wäre der Autor von seiner Gattin inspiriert, Mary Shelley, die den Frankenstein schrieb. In der Realität, auch des Dichters, ist zumindest ein Kopf wohl verwahrt in London. Sogar der ganze Körper des Ozymandias ist bewahrt, als Mumie. Normalerweise vergeht der Mensch und die Werke bleiben. Bei Ozymandias ist es anders herum.

Ist dieses Gedicht »banal«? Nein, dafür hat es zu viel Humor. Ich will aber jene, die das fragen, nicht allzu harsch verurteilen.

Doch, das Bild mit dem prahlerischen Sockel ist recht explizit, und Genauigkeit könnte man schon mal mit Banalität verwechseln. Es ist arg typisch für die Dummschwätzer und Gutmenschen unserer Zeit, dass sie ihren eigenen Sockel bauen (lassen) und die erhabendsten Worte draufschreiben (lassen) – am Ende aber bleibt oft nur der Sockel, und manchmal gerade der nicht. Ihr Ruhm vergeht (manchmal schon zu Lebzeiten, wenn ihre wahren Machenschaften ans Licht kommen), und sie werden vergessen werden, ebenso wie die Schwielen an den Händen der Knechte, die ihre Sockel und Statuen gebaut haben.

Nichts weiter blieb. Ein Bild von düstrem Grame,
Dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig
Die Wüste sich, die den Koloß begräbt.«

Es ist alles Metapher, alles Bildnis, die Wüste aber ist das Bild, das uns, dem Leser, am ehesten drohend erscheint. Zu vergehen ist unausweichlich, doch einsam zu werden und vergessen zu sein, das macht das Schreckliche noch schrecklicher.

Der Kopf des Pharao liegt im Wüstensand. Liegt er auf der Seite und starrt in die Ferne? Starrt er nach oben, in die Sonne Afrikas? Oder liegt er mit dem Gesicht nach unten – das wäre mal ein Elend! Ach, Pharao. Der Wanderer kann den »Gram« erkennen, also sieht er wohl sein Gesicht. Dieses Gedicht greift uns an gleich mehreren verwundbaren Stellen an!

Zuerst, die Sehnsucht nach fernen Ländern und Zeiten, wo die längst verstorbenen Herrscher noch Unsterbliche waren. Früher war nicht alles besser, aber vieles war schöner! Sie bauten Pyramiden und Kathedralen – in Berlin bauen sie einen Flughafen mit defekter Entrauchungsanlage.

Dann, diese Mischung aus Trauer und Freude, dass der Große gefallen ist. »Der König ist tot, lang lebe der König!«, rufen wir. Es ist fürs Überleben des Stammes notwendig, also ist es auch angeboren, dass an der Spitze des Stammes der Stärkste und Klügste steht. Wie aber wollen wir prüfen, ob er der Stärkste ist? Erst tragen wir ihn auf unseren Schultern nach oben, und dann, ist er erst oben, ziehen wir gleich wieder mit Mistgabeln gegen ihn los. Das ist gut und natürlich, deshalb haben wir es mit der Demokratie zur Institution gemacht.

Schließlich, seien wir ehrlich! Der Wahn des Ozymandias ist ein klein wenig auch unserer! Wer hat nicht in einem stillen Moment gedacht, alle Übrigen seien doch Trottel? Das Kind baut seinen Klötzchenturm und ruft: »Mama, Papa, seht meine Werke und erbebt!« Der Internet-Kommentierer, der das Zwischenzeugnis seines Wissensstandes in die Datenbanken amerikanischer Konzerne meißelt, ruft: »Mächt’ge, lest meine Meinung und erbebt!« Manche denken ja durchgehend, die Welt müsse vor ihnen erbeben. Die werden dann eingeliefert – oder zum Fernsehen berufen.

Es ist ja nicht so, dass Ozymandias sich nie an seinem Denkmal erfreut hätte! Er freute sich sehr wohl! Er freute sich gewiss, als er es plante. Er freute sich, als es gebaut wurde. Als es stand, freute er sich ein wenig, doch dann schon wird er geahnt haben, dass das Denkmal, solange er lebte, eigentlich nur darauf wartete, dass er stirbt.

Wir dürfen hinterfragen, ob Ramses wirklich so voller »Hohn« war, wie der Dichter und sein Wanderer es behaupten. Warum sollte er?

Bild: Nina Aldin Thune

Glücklich ist der Mensch, dessen Kreise geordnet sind. Wir wissen nicht, ob Ozymandias glücklich war. Wir wollen aber vermuten, dass er Freude empfand, als er die Statue bauen ließ. Die Freude, am Erschaffen. Die Freude, zumindest zu versuchen, etwas zu hinterlassen, was die eigene, begrenzte Zeit überdauert. Zumindest eine Zeit lang.

Verdient Ozymandias unser Bedauern oder verdient er unseren Spott? Weder noch! Ozymandias ist zu beneiden, selbst seine Statue im Museum von London hat ein entferntes Lächeln auf den Lippen! Seine Statue bauen zu lassen machte ihn gewiss fröhlich, und ein wirklich fröhlicher Mensch ist ohne Zweifel zu beneiden.

Der Gegenentwurf zum Schmerz an der eigenen Vergänglichkeit ist die Freude am Schaffensakt im Jetzt. Um es mit einem Satz zu sagen, der dem heutigen Geburtstagskind, Martin Luther (geb. 10. November 1483), zugeschrieben wird: »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.«

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