7.5.2019

Ich war immer für Organspende – ich beginne zu zweifeln

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Bild von Faye Cornish
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Ich war bislang ein überzeugter potentieller Organspender. Ich beginne zu zweifeln. Es ist eine ethische Frage, doch prominente »Autoritäten« in dieser Frage sind Leute, denen ich ethisch null vertraue. – Was ist mit Ihnen? Vertrauen Sie »dem System«?
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Wir alle wollen uralt werden, und eines fernen Tages – wenn es schon sein muss – dann bitte friedlich entschlafen, geliebt und zufrieden. Nicht allen von uns wird es gelingen. Für den Fall, dass wir vorzeitig gehen müssen, stellt sich die Frage, ob wir vorab die Erlaubnis geben, dass danach unsere Organe in anderen Menschen wiederverwendet werden dürfen.

Ich hatte in den letzten Jahren eine eigene Lösung zur Organspende gefunden. Ich hatte keine Karte; ich hatte vielmehr meine Familienmitglieder klar dazu angewiesen, dass ich im Fall der Fälle selbstverständlich spenden würde, so maximal und vollständig wie möglich. Nichts ist wertvoller als das Leben! Ich finde es eigentlich schön, dass mein Körper und seine Bestandteile dem Leben eines anderen Menschen dienen können, wenn sie mir selbst nicht mehr dienen.

Ich bin mir heute nicht mehr so sicher, und ich fühle mich in meiner Unsicherheit alles andere als wohl – ich wäre gern sicherer.

Die Einwilligung zur Organspende setzt voraus, dass man »dem System« vertraut; dieses »System« reicht von den Politikern, welche die entsprechenden Gesetze entwickeln, bis hin zu den Ärzten, welche den Hirntod feststellen und den noch lebendigen Körper aufschneiden, ausnehmen und weitervertreiben.

Vertrauen Sie dem System? Vertraue ich dem System?

Dimensionen ethischer Debatte

Ob ein Mensch seine Organe zum Recycling freigibt, ist eine emotional-ethische Frage. Es gibt zwei Arten, zu klären, was einem als ethisch richtig und was als ethisch falsch erscheint: Man schaut, wie es sich im Moment des Aussprechens anfühlt (»Gesinnungsethik«), oder man prüft, wie es sich auswirken wird und ob man diese Konsequenzen gutheißt (»Verantwortungsethik«).

Wenn Sie mein Buch »Relevante Strukturen« gelesen haben, wissen Sie, wie ich das Entstehen ethischer Urteile erkläre. – Ethische Debatten haben immer zwei Dimensionen:

  1. Welche Strukturen sind von einer Veränderung betroffen?
  2. Welche davon fühlen sich relevant an?

Es ist uns angeboren, solche Strukturen als besonders relevant zu empfinden, die für unser Überleben wichtig sind (oder: einst waren); eine Stärkung dieser Strukturen wird als »gut« empfunden, und eine Schwächung dieser Strukturen wird als »böse« empfunden (Beispiel-Strukturen: Babys und Kinder, der eigene Stamm, der eigene Körper).

Die Debatte um die Organspende ist aus mehreren Gründen besonders schwierig. Einer der Gründe: Die Veränderungen, um die es geht, treten erst nach unserem Tod ein, und sie betreffen Strukturen, die wir uns nicht wirklich realistisch vorstellen können. Der Lebende hat keine Begriffe, mit denen er überzeugend über sich selbst in totem Zustand reden könnte – der Ausdruck »meine Organe« etwa ergibt nur beschränkt Sinn, wenn man über einen zukünftigen Zustand redet, in dem es kein volles »Ich« mehr gibt.

Für die Organspende spricht zuerst, dass sie das Leben anderer Menschen retten oder erheblich lebenswerter machen kann. Gegen die Organspende spricht (neben emotionalen und möglichen religiösen Aspekten) eine mögliche Unsicherheit angesichts der Frage, ob der sogenannte »Hirntod« wirklich mit dem Tod gleichgesetzt werden kann.

Bei schwierigen ethischen Entscheidungen ist es aus eigentlich gutem Grund üblich, sich an Menschen mit ethischer Autorität zu wenden – und das ist der Punkt, wo ich ratlos dastehe.

Nun ist sie doch aufgewacht.

Organspende gehört zu den ethischen Themen, die umso komplizierter werden, je länger man über sie nachdenkt.

Zum einen sind da die leider sehr realen Skandale rund um die Organspende. Man erinnert sich etwa an den Fall um den Göttinger Arzt Aiman O., dem vorgeworfen wurde, medizinische Daten manipuliert zu haben, um seinen Patienten bevorzugt Organe zukommen zu lassen, wodurch wohl logischerweise andere schwerer kranke Patienten in der Warteliste nach unten rutschten – der Arzt wurde übrigens freigesprochen (spiegel.de, 28.6.2017). »Möchte ich wirklich«, so fragt sich mancher, »ausgeweidet werden, damit etwa (gegen die Regeln) ein »nasser« Alkoholiker eine neue Leber bekommt, diese aber einem anderen mit mehr Chancen verweigert wird, nur weil der Arzt jenen konkreten Patienten besonders mag? Möchte ich dereinst Teil solcher Deals sein.« – Aiman O. ist nicht der einzige Fall, es gab weitere.

Wir leben in Zeiten, in denen es neue Normalität wird, Abweichler und Andersdenkende als Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Wer vom Hurra-Kurs abweicht, gilt schnell als »Ratte« und manchmal sogar als »Mensch« nur in Anführungsstrichen. Fragen Sie doch einen überzeugten Gutmenschen, ob er seine Organe spenden würde, wenn er wüsste, dass sie an einen AfD-Politiker gehen! Manche der Antworten könnten Sie verunsichern.

Doch, nehmen wir auch weiterhin an, dass es gelingt, alles »sauber« laufen zu lassen. Gehen wir auch weiterhin davon aus, dass niemand früher ausgenommen wird oder bei der Verteilung später drankommt, weil er nicht zu den bevorzugten Patienten des Arztes gehört. Seien wir uns auch weiterhin sicher, dass niemandem die Maschinen früher abgestellt werden, weil er als »Ratte« aus dem »braunen Sumpf« gilt. Selbst wenn alles korrekt abläuft, und wir uns sicher sind, dass Organe nach Dringlichkeit und nicht nach »Haltung« verteilt werden – selbst und gerade dann bleiben offene Fragen.

Erst vor ein paar Tagen ist in Bad Aibling eine Frau nach 27 Jahren aus dem Koma aufgewacht. Es war eine Patientin aus Abu Dhabi, in einer auf Neurologie spezialisierten Klinik.

Die Frau war damals das Opfer eines Autounfalls geworden. – Wir lesen:

Das Gehirn der damals 32-Jährigen war so stark geschädigt, dass die Ärzte davon ausgingen, dass sie nie mehr aufwachen wird. (spiegel.de, 24.4.2019)

Nun ist sie doch aufgewacht.

Naive Frage: Wenn die Mutter eine deutsche Kassenpatientin gewesen wäre und einen Organspende-Ausweis ausgefüllt hätte, was wäre ihr Schicksal gewesen? Nach einem Autounfall wohlgemerkt und relativ jung, also nicht alt oder nach einer Erkrankung. Wie wäre verfahren worden, wenn die Ärzte keine Chance mehr für das Gehirn gesehen haben?

Suche nach Autorität

Ich habe keine definitive Antwort auf die vielen ethischen Fragen und Implikationen – ich fühle mich unsicher. Es ist eine Situation, in der ich den ethischen Autoritäten in dieser Frage vertrauen will.

Derzeit wird in Deutschland etwa diskutiert, ob eine Widerspruchslösung der aktiven Einwilligung vorzuziehen sei. Ist es besser, darauf zu hoffen, dass die Leute »nicht Nein sagen«, als darauf hinzuarbeiten, dass möglichst viele Leute »Ja sagen«? Was sind jeweils die ethischen Implikationen? – Es ist wie so oft: Je unbeleckter die Politiker und Meinungsmacher in ethischen Angelegenheiten und aller tieferen Reflexion sind, um so meinungsstärker treten sie auf.

Niemand kann Spezialist für alles sein – das ist eine Erkenntnis, die manchem Bürger in Zeiten von »gefühlter Wahrheit« abhanden kommt. Ich bin kein Spezialist für alles, und ganz gewiss nicht für Organspende. Ich suche nach Autoritäten, die das Thema Organspende tiefer durchdacht haben als ich – und da beginnt das Problem.

Damit eine Person ethische Autorität entwickelt, muss sie glaubhaft machen, dass sie alle wichtigen Implikationen des Themas bedacht hat, und dass sie weiß, was mir bei entsprechendem Nachdenken wichtig wäre.

In der Debatte um die Organspende gibt es zwei Gruppen, die sich als ethische Autoritäten anbieten: Theologen/Ethiker auf der einen Seite, und Politiker/Mediziner auf der anderen. Erlauben Sie mir bitte, kurz über zwei prominente Vertreter dieser Gruppen zu reden.

Autorität Nummer 1

Im Text »Gutmenschen riskieren das Leben anderer Leute« beschreibe ich einen jener Vorfälle, von denen ich zu sagen pflege: Es ist ein Skandal, dass es kein Skandal ist.

Eine Tramperin war von einem marokkanischen LKW-Fahrer getötet worden. Heinrich Bedford-Strohm (Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland) sagte im Rahmen der Trauerfeier zu ihrer Beerdigung:

Vielleicht wäre sie noch am Leben, wenn sie aus dem Misstrauen heraus gelebt hätte. Aber wäre das das bessere Leben gewesen? (Bedford-Strohm, von ihm selbst auf Facebook veröffentlicht)

Nein, es ist nicht aus dem Kontext gerissen, meine ich – prüfen Sie es selbst! Im Fortlauf der Rede zitiert er noch die Bibel »Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.« – In den entsprechenden Bibelstellen (z.B. Matthäus 16:25) geht es um die Ausrichtung des gesamten Lebens; doch so wie der Theologe mit den spitzen Gedanken und der kleinen Brille es formuliert, klingt es für mich nah an der Aufforderung, zum Märtyrer für deutsche Regierungspolitik zu werden.

Der Geistliche wurde nach dieser skandalösen Äußerung nicht zum Rücktritt aufgefordert, im Gegenteil! Bald darauf wurde er etwa im Staatsfunk zitiert mit seiner theologischen Meinung zur Opposition (tagesschau.de, 22.12.2018 – bevor Sie hier vor Spannung platzen: er sieht sie kritisch).

Auch Herr Bedford-Strohm wird wohl eine Meinung zur Organspende, und sie ist gewiss wie meist bei ihm »mehrheitstauglich« (wenn ich es richtig verstehe, ist die evangelische Kirche samt seiner gegen die Widerspruchslösung, siehe sein Beitrag mein Facebook); doch es ist mir egal, was der Geistliche oder seine Kirchen meinen, und dass es mir egal ist, das ist das Problem: Ich betrachte ihn und Leute wie ihn genau gar nicht als Autorität. Woher sollten deren Worte denn irgendein Gewicht beziehen? Dass sie in einer Hierarchie aufzusteigen wissen, soll sie zu Autoritäten machen?

Die ethische Debattenlage in Deutschland wird von Leuten wie Bedford-Strohm bestimmt – mein Vertrauen in deren ethische Autorität ist aber exakt null. Wo aber sind die Autoritäten, denen ich vertrauen kann? Herrschaften wie dieser Herr Geistliche sind es gewiss nicht.

Ich bin unsicher, und ich bleibe es vorerst.

Autorität Nummer 2

Auf der politisch-medizinischen Seite ist da etwa ein Karl Lauterbach (welt.de, 1.4.2019). Zusammen mit Gesundheitsminister Spahn fordert Lauterbach aktuell eine »Widerspruchslösung«, wonach jeder Bürger automatisch zum Organspender wird, der nicht zu Lebzeiten dagegen widersprochen hat (siehe etwa welt.de, 1.4.2019).

Herr Lauterbach bringt vieles von dem mit, was es braucht, ein pöbelnder Wüterich ohne erkennbares ethisches Standing genannt zu werden. Lauterbach legt wenig Hemmung an den Tag, mit dreckigen, demokratisch fragwürdigen Methoden gegen seine politischen Gegner vorzugehen. – Für eine allgemeine Einschätzung des Kontextes kann man ja etwa »SPD-Politiker Lauterbach im Fall Rhön-Kliniken „Karlchen Überall“ und die Putzkräfte« (sueddeutsche.de, 18.12.2013) lesen, oder »Karl Lauterbach und das Versteckspiel mit dem Nebenverdienst (Update)« (abgeordenetenwatch.de, 23.1.2011) – seinen »Rosenkrieg« lassen wir mal außen vor.

Lauterbach, Vizechef des SPD-Bundestagsfraktion, hat sich in der Vergangenheit immer wieder auf fragwürdige Weise geäußert, zumindest aus demokratischer Sicht.

Am 20. Januar 2017 etwa verkündete Lauterbach dies:

Trump Rede kann ich nur als Arzt kommentieren. Öffentliches Fallbeispiel von manipulativen Narzissmus u Soziopathie, teuflische Triade. (@karllauterbach, 20.1.2017, archiviert)

Die Stellung als Mediziner zu missbrauchen, um dem politischen Gegner eine psychische Krankheit zu unterstellen, ist eine Technik der Faschisten und Undemokraten.

Karl Lauterbach erscheint mir wie ein Politiker mit wenig moralischem Standing und miesen demokratischen Sitten. Er setzt rhetorische Methoden ein, die wir von Faschisten, Kommunisten und anderen Demokratiefeinden kennen. Er will jeden Bundesbürger zum potentiellen Organspender machen, solange dieser nicht widerspricht. Egal welche Position ein Herr Lauterbach vertritt, ich neige naturgemäß dazu, das Gegenteil anzunehmen – und das könnte dann Menschenleben kosten, wenn dieselbe Position, von einem anderen Menschen ausgesprochen, mich und andere durchaus überzeugt hätte.

Ich bin unsicher, und ich bleibe es vorerst.

De Hominem

In der Rhetorik kennen wir das »Argumentum ad hominem«, also das Angreifen des Menschen statt der Sache selbst. Ethische Autorität ist immer eine gespiegelte, positive Variante davon, quasi ein »Argumentum de homine«. Derjenige, der eine ethische These mit Autorität verkündet, wirft sich und seinen Ruf als Person in die Waagschale. Ethische Autorität verspricht, aufgrund reiferer Persönlichkeit zu durchblicken, was wir »einfachen« Menschen nicht durchblicken. Ethisch Autorität suggeriert zumindest, bedacht zu haben, was zu bedenken wir nicht die Muße und Erfahrung hatten. Die Prüfung eines Arguments, das auf ethische Autorität baut, sollte logischerweise mit der Prüfung des Argumentierenden selbst beginnen.

Eine Organspende ist genau betrachtet nicht die Entnahme von Organen nach dem vollständigen Tod eines Menschen, sondern die Entnahme von Organen aus dem noch lebendigen Körper, der nach »Hirntod« offiziell für tot erklärt wurde. In die Organspende einzuwilligen setzt großes Vertrauen in alle Beteiligten voraus – und nicht unwesentlich in die Debatte, welche dem Einsetzen der Organspende-Verfahren vorausging.

Kein Mensch kann allein die ethischen Implikationen von Organspenden überblicken, er muss der Debatte unter den Autoritäten vertrauen, und ich frage Sie: Vertrauen Sie den Autoritäten in der ethischen Debatte, wie sie in Deutschland stattfindet, bei der Organspende und bei anderen Themen?

In Deutschland wird es täglich akzeptabler – solange es die »Guten« tun – Gedanken zu äußern, die man aus dem Faschismus kennt. Menschen werden mehr oder weniger direkt zum Märtyrertum aufgefordert. »Geh sterben« ist eine fast schon normale Beschimpfung gegenüber politischen Abweichlern; die nur leicht verhüllte Variation davon ist »lösch dich«. Die Entmenschlichung von Abweichlern und Oppositionellen als »Ratte« ist nun sogar via Gericht abgesegnet (siehe »Es ist 2019 und in Deutschland werden wieder Menschen mit Ratten verglichen«). – Und in diesem Klima soll ein Mensch voller Vertrauen seine Organe zur Spende freigeben? Ja, sollte ich wohl, doch ich bin mir täglich weniger sicher.

Ich vertraue den Ärzten, welche den Hirntod feststellen und dann die Organe entnehmen. Die Ärzte allerdings handeln innerhalb eines gesetzlichen und ethischen Rahmens, der von ethischen Autoritäten bestimmt wird, deren ethischem Urteil und Weitblick ich nicht vertraue.

Der Verlust ethischer Autorität sogenannter »Eliten« wird viele böse Konsequenzen haben – eine davon ist, dass Menschen unsicher sein werden, ob sie ihre Organe spenden wollen. Die Leidtragenden sind, wieder einmal, die Schwächsten.

Ich bin unsicher, und ich bleibe es vorerst. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin.

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