9.6.2019

Özil hat geheiratet, ohne das deutsche Feuilleton zu fragen

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
32845
Özil hat geheiratet, ohne dass deutsche Moralprofis seine Gästeliste absegnen konnten. Özil führt deutsche Bessermenschen auf gleich mehrere Arten vor – und mindestens das ist charmant.
Facebook
Twitter
WhatsApp
E-Mail

Der deutsche Star-Fußballspieler Mesut Özil hat geheiratet – man gratuliert, selbstverständlich! Er hat geheiratet, ohne zuvor Berliner Besserwisser ob der Gästeliste um Erlaubnis zu fragen – Journalisten, die es nicht einmal hinbekommen, »Erdoğan« richtig zu schreiben (geschweige denn auszusprechen, es ist eher »erdoan« – ich habe Türken gefragt), sind empört, dass jener als Trauzeuge auf der Hochzeit des Fußball-Superstars zugegen war.

Bei welt.de, 8.6.2019 wird ganz dramatisch getitelt: »Der tiefe Sturz des Mesut Özil« – und ich frage mich: In welcher Dimension soll er abgestürzt sein? Finanziell wird es nicht sein, im Ruhm auch nicht – in beiden Kategorien liegt er weit, weit jenseits vor dem, was die meisten von uns je erreichen werden, inklusive jener Journalistin. In welcher Kategorie ist er also »abgestürzt«? Es muss die Moral sein. Ja, ja, »Moral« mit übergroßem »M«, die letzte Währung des deutschen Journalismus.

Es fiele mir wahrlich nicht ein, Erdoğan zu verteidigen. In der Türkei werden störende Meinungen verfolgt. Das kann zum Glück nicht in Deutschland passieren, denn störende Meinungen sind in Deutschland »Hass« und »Hass ist keine Meinung«, und deshalb gilt, dass wenn du wegen deiner Meinung verfolgt wirst, du gar nicht wegen deiner Meinung verfolgt wirst, und deshalb haben wir in Deutschland super Meinungsfreiheit – anders als in der Türkei!!

Nicht die Kritik an Erdoğan stört mich – um des lieben Himmels Willen! – nein, es ist das Unverständnis der deutschen Möchtegern-Moralisten.

Ein Mensch, der auch nur ein wenig Weisheit geschnuppert hat, möchte seine relevanten Strukturen geordnet haben (siehe auch mein Buch gleichen Titels). Was hat Deutschland dem (zukünftigen) Familienmenschen Özil denn anzubieten? (Und – räusper – dem Unternehmer?)

Ich habe mehrere Texte geschrieben, in denen ich erkläre, wie und warum ich Özil verstehen kann, darunter diese:

Es ist ja heute in Mode, das Verstehen der Motive eines Menschen gleichzusetzen mit der positiven Beurteilung – eine kindische, aber lästige Angewohnheit. Ich versuche, kein Urteil zu treffen, kein negatives und kein positives; es schiene mir zu kindisch. Ich versuche, zu verstehen. Ich finde durchaus bemerkenswert, wie ordentlich Özil seine »relevanten Strukturen« sortiert; und dazu zählt definitiv, dass er versprochen hat, im Kontext seiner Hochzeit lebensnotwendige Operationen für eintausend Kinder zu bezahlen (siehe etwa mirror.co.uk, 7.6.2019), und es ist nicht das erste Mal, dass er so etwas tut – ich bin sicher, die Kinder würden die Operationen ablehnen, wenn sie hören würden, wer Özils Trauzeuge ist.

Hinweis: Dieser Text gehört zu einer neuen (experimentellen) Kategorie mit dem Titel »Siehe Etwa«. Für Erklärungen siehe »Neue Kategorie »Siehe Etwa« – ein Versuch«, für die (lange!) Liste aller Essays siehe dushanwegner.com/liste/ – ich wünsche angenehmes Lesen!

Mit Freunden teilen

Facebook
Twitter
WhatsApp
E-Mail

»Weitermachen, Wegner!«

Diese Arbeit ist nur durch Ihre Unterstützung möglich. Es geht einfach und schnell via Kreditkarte oder PayPal – und schon jetzt: Dankeschön!

Jahresbeitrag(entspricht 1€ pro Woche) 52€

Wegner verstehen

Alles, was ich schreibe, basiert auf einer bestimmten Philosophie, den Relevanten Strukturen. In diesem Buch erkläre ich Ihnen, wie ich denke.

Politik durchschauen

Talking Points erklärt, warum (erfolgreiche) Politiker so sprechen wie sie sprechen – und warum wir ihnen dann folgen. Dieses Buch ist Pflicht, wenn Sie Nachrichten durchschauen wollen – oder selbst ein Politiker sind!