11.10.2019

»Nie wieder« oder »Nicht schon wieder«?

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von @gebhartyler
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Der Neonazi von Halle und Staatsfunker im heiligen Kampf gegen die Opposition teilen in 1 Aspekt ein ähnliches Denkmuster – sie geben einer Gruppe die Schuld für alles Übel. – »Kampf gegen X« ist ein trauriger, gefährlicher Lebensinhalt, egal wer X ist.
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Man hört sie ja immer wieder, die herzerwärmenden Geschichten, von einem Ehepaar, bei dem einer der beiden sein Gedächtnis verliert. Ein Mensch erkennt seinen Partner nicht wieder, und doch bezeugt er ihm aufs Neue große Sympathie. Man kennt die Geschichten von Alzheimer-Patienten, und da sind sie zugleich schön und schmerzhaft, denn man ahnt, dass auch dieser letzte Funken bald verlöschen könnte.

Es gibt ja auch fröhliche(re) Varianten von Vergessen und neuer Flamme. In Hollywood-Filmen wie »50 First Dates« (mit Drew Barrymore und Adam Sandler) wird mit dem Gedanken gespielt, dass ein Mensch sich immer und immer wieder in einen anderen Menschen verliebt (oder: verlieben soll), und implizit wird so natürlich gefragt, ob es eine Vorherbestimmung gibt, ein von Schicksal und kausalen Launen der Welt bestimmtes Schicksal, das festlegt, wer sich in wen verliebt.

Eine liebenswerte und in allen Konsequenzen positive Variante des Neu-Verliebens ist ein populäres Video eines Mannes, der nach einer Operation aus der Narkose erwacht, und seiner Gattin, die er offensichtlich nicht erkennt, die charmantesten Komplimente macht – man findet es auf YouTube unter dem Stichwort »Wait! You’re my wife? You’re hot!«.

Diese Geschichten vom Gedächtnisverlust sind auf ihre Weise (auch) schön, wenn und weil Menschen etwas Schönes und Richtiges wieder und wieder tun – doch wäre auch nicht der umgekehrte Fall denkbar? Es ist ja denklogisch möglich, dass ein an Gedächtnisverlust leidender Mensch wieder und wieder denselben Fehler begeht – und sich jedes Mal aufs Neue wundert.

Die Hände waschen

In Halle hat ein Neonazi die Betenden in einer Synagoge angreifen wollen, was ihm misslang weil er die Türen nicht passieren konnte, worauf hin er zwei zufällig angetroffene Passanten tötete.

Es überrascht heute genau gar nicht, dass Staatsfunk und Politiker den Anschlag(sversuch) instrumentalisierten, um gegen die Opposition zu agitieren. Als Beispiel sei hier etwa das Interview des ZDF-Morgenmagazins mit dem AfD-Sprecher Meuthen betrachtet (@morgenmagazin, 11.20.2019). Im ersten Moment möchte man anerkennen, dass immerhin mit der AfD statt über sie gesprochen wird, doch es ist mehr der Versuch eines Tribunals, und spätestens als irgendwie krampfhaft Hitler und Goebbels in die Debatte gebracht werden, wird es absurd. Etwas später darf dann der Antisemitismus-Beauftragte der Merkelregierung über »sekundären Antisemitismus« reden, und irgendwie den Anschlag von Halle mit der Kritik an Schächtung in Verbindung bringen (@morgenmagazin, 11.20.2019) – wer gegen das betäubungslose Ausbluten von Tieren ist, so die implizite Logik, der ist in Konsequenz dafür, Gotteshäuser anzugreifen – ja, es ist schräg, ja, es ist das, was im Staatsfunk geredet wird. Vom primären Antisemitismus in den Äußerungen der »Guten«, etwa im »Scherz« eines ZDF-Böhmermann, man müsse sich die Hände waschen, nachdem man einem Juden die Hand gibt (siehe vice.com, 25.10.2018), werden wir im Staatsfunk wenig hören. – Doch, nicht alle Medien betreiben nur Parteiarbeit, bei einigen findet sich noch Journalismus.

bild.de, 10.10.2019 berichtet vom »Vater des Killernazis von Halle«, und dort heißt es: »Er gab immer allen anderen die Schuld«. Antisemiten aller Richtung, ob rechts, links oder religiös motiviert, teilen die Eigenschaft, anderen die Schuld an ihrem eigenen Versagen zu geben.

Das Denkmuster der Staatsfunker und Politiker, welche der Opposition die Schuld an allem Übel in der Republik geben, und das Denkmuster des mörderischen Antisemiten, welcher Juden die Schuld an seinem eigenen Versagen gibt, ist in einem Punkt ähnlich: Beide suchen nach Schuldigen für ihr eigenes Versagen.

Schon seit geraumer Zeit

Eines der deutschen Mantras lautet »Nie wieder!« (ich habe die zweite Essaysammlung so genannt, wohlüberlegt), doch erstens fragt man sich was genau es ist, das nie wieder vorkommen soll, und zweitens fühlt man sich nach mancher Gewalttat versucht, stattdessen auszurufen: Nicht schon wieder!

Auch nach der Gewalttat von Halle wurde das »Nie wieder!« laut, und in einigen Fällen wurde es sogar kritisch reflektiert. Julian Reichelt setzte den Anschlag in Kontext anderer Angriffe (siehe achgut.com, 10.10.2019). Der Springer-Chef setzte dem Ruf »Nie wieder!« die Ignoranz der Elite entgegen, die schon seit geraumer Zeit nicht wahrhaben will (oder kann?), was in Deutschland wirklich passiert (welt.de, 10.10.2019, hinter Bezahlmauer).

Das Denkmuster der AfD-Basher und das Denkmuster der Neonazis ähneln sich: Man will nicht Verantwortung für die eigenen Fehler und Fehlentscheidungen übernehmen, also sucht man einen komfortablen Schuldigen – im einen Fall die Opposition, im anderen Fall »die Juden«.

Nein, kein Staatsfunker marschiert mit Gewehr und Granaten in den Fraktionssaal der AfD, und das ist auch nicht der Aspekt der hier verglichen wird, es sind qualitativ unterschiedliche Ebenen, kein Zweifel. Das Schuldzuweisungsmuster ist es, das vergleichbar ist – ob das Wetter (neudeutsch: »Klima«) schlecht ist, die politische Lage gespannt, die Menschen im Internet unhöflich oder die Wirtschaftsaussichten eher mau, immer ist die Gruppe schuld, die im Parlament de facto gar nichts bewegen kann. (Zugleich sind Angriffe auf Oppositionspolitiker und Wahlstände fast schon gewöhnlich, siehe etwa den Polizeischutz für Björn Höcke, mdr.de, zuletzt aktualisiert 3.10.2019.)

Nein, AfD sind nicht »die neuen Juden« (auch wenn Juden in dem Moment, wo sie sich zur AfD bekennen, wieder eindeutig betitelt werden, etwa sueddeutsche.de, 7.10.2018: »Die Alibi-Juden«). – Das Denkmuster des Staatsfunks und der Neonazis würden auch mit mancher anderen Zielgruppe funktionieren. Bevor es die AfD gab, wurde von denselben Kreisen, die jetzt alles Übel in Deutschland als Schuld der AfD ansehen, die FDP als parteigewordener Belzebub angesehen.

Der Antisemitismus trifft keine informationshaltigen Aussagen über die Juden, aber sein Auftreten verrät viel über die Denkmuster der Antisemiten – und das ist etwas, das Agitation gegen die Opposition mit dem Antisemitismus gemeinsam hat. Man könnte hier statt »Juden« oder »AfD« auch »Kapitalismus« oder »USA« einsetzen, und in entsprechenden z.B. linken Kreisen wird das auch beliebig austauschbar getan. Die dem Beschuldigten zugeschriebenen Eigenschaften existieren im Geist des Beschuldigers (der sie mit aus dem Kontext gerissenen Fragmenten zu belegen sucht, siehe das obige Tribunal-Interview im ZDF).

Nein, AfD-Mitglieder sind nicht »die neuen Juden«, doch ihre Gegner bei Staatsfunk und Parteien bedienen sich ähnlicher Denkmuster wie Judenhasser es tun. Statt Verantwortung für ihr Leben und ihre Politik zu übernehmen, suchen sie einen »Schuldigen«.

Dann geht es gemeinsam

Es sind herzerwärmende Geschichten, wenn ein Mensch vergisst, dass er einen anderen Menschen liebte, und sich prompt ein weiteres Mal verliebt, und am nächsten Tag nochmal, und danach nochmal, bis ihm irgendwann ganz der Verstand versagt.

Weniger herzerwärmend ist es, wenn ein Mensch oder ein Land wieder und wieder denselben Fehler begeht. Ein möglicher Grund wäre, dass der Mensch vergisst, dass er den Fehler begangen hat. Ein anderer möglicher Grund wäre, dass der Mensch nie begriffen und/oder sich nicht eingestanden hat, was zu seinem Fehler führte.

Gutmenschen und der mordende Neonazi von Halle haben gemeinsam, dass sie sich weigern – seelisch wie praktisch – die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen. Gutmenschen suchen die Schuld an allem Übel bei der AfD, der mordende Neonazi von Halle sieht die Schuld an allem Übel bei den Juden – und immer wieder sind sich Gutmenschen, Neonazis, die UN und Teile der arabischen Welt auffällig einig, und dann schürt man gemeinsam den Hass auf Israel. (Randnotiz: Eine iran-kuschelnde Regierung, die in der UN gegen Israel stimmt, sollte zum Nie-wieder und Aus-der-Geschichte-lernen schweigen, wenn sie denn Anstand hat – aber wenn sie Anstand hätte, würde die deutsche Regierung ja auch nicht gegen Israel stimmen.)

Wütend und unsicher

Deutschland erlebt, länger schon und dann immer wieder, eine Verantwortungskrise. Ein acht Milliarden Euro teurer Apparat redet den Bürgern ein, dass alle außer Merkel und linksgrünen Ideologen verantwortlich sind für die Folgen derer politischen Handlungen und demokratisch fragwürdiger Agitation.

Nicht das laute Brüllen von »Nie wieder!« wird Deutschland zurück zu einem einigermaßen normalen Zustand bringen, und schon gar nicht, wenn man regelmäßig »Nicht schon wieder!« ausrufen will.

Ob es nun »Mein Kampf« oder »Kampf gegen X« heißt, wer sich über einen Kampf gegen einen vermeintlich Schuldigen definiert, offenbart darin zuerst seine eigene Leere, und sein »Kampf« ist der Versuch, die Verantwortung für sein eigenes Scheitern einem vermeintlich Schwächeren in die Schuhe zu schieben, und so die eigene wie auch die Wut des Volkes von sich weg umzulenken.

Die Menschen sind wütend und unsicher, und auf wen wären sie wütend, wenn die Propaganda ihnen nicht die Opposition vorsetzen würde? Eben.

Mein persönliches Motto lautet bekanntlich »Ordne deine Kreise!«, und es ist denkbar positiv. Mein eigenes Kämpfen ist die Verteidigung dessen, was mir wichtig ist. Meine Lebensphilosophie ist das strukturelle Gegenteil der Denkweise von Gutmenschen und Neonazis. Ich bin dafür verantwortlich, was ich tue, und wenn es schiefgeht, dann ist das nicht die Schuld derer, die mich davor gewarnt haben. Ich bin dafür verantwortlich, meine Kreise zu ordnen, und wenn ich es nicht getan habe, dann ist das gewiss nicht die Schuld dieser oder jener Gruppe von Menschen.

Es ist rührend, vor allem in Filmen, aber es ist auch sehr traurig, wenn ein Mensch sich in denselben Menschen »täglich neu verliebt«, weil er sich schlicht nicht mehr erinnert.

Es ist gar nicht niedlich, wenn Menschen sich weigern, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen und einen Schuldigen suchen.

Die Tat von Halle und ihre Instrumentalisierung durch die Propaganda sind eine Mahnung, nicht Fehler zu wiederholen. Bedenkt die Folgen eurer Taten und übernehmt Verantwortung für sie. Wenn ihr etwas in den Sand gesetzt habt, seid nicht wie die Politiker, die heute nicht mehr zurücktreten, sondern einen »moralisch Schuldigen« suchen – übernehmt Verantwortung, repariert, was ihr reparieren könnt, oder zieht euch zumindest demütig zurück.

Solange wir uns erinnern können an das, was gestern war, und solange wir wissen, was uns wichtig ist, solange wir frei sind – und danach erst recht! – solange gilt: Ordne deine Kreise!

Eines noch: Man spricht mehr über den Täter, als ihm zustünde. Lassen Sie uns heute zumindest für einen Augenblick an die beiden Toten von Halle denken, lassen Sie uns in ihre Gesichter blicken (etwa hier). Ihre Vornamen sind Jana und Kevin, und ihr Weg auf dieser Erde ist viel zu früh zu Ende.

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