Es gilt, am Irrsinn nicht irre zu werden

7. Februar 2019, von Dushan Wegner; Bild von Alysa Tarrant
FDP-Politiker will ISIS-Schergen zurückholen, Greta kommentiert deutsche Politik, ausgerechnet SPD will Demokratie verteidigen – und der Staatsfunk erklärt Deutschland für super meinungsfrei – wie soll man an all dem nicht irre werden?!
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Manche Dinge, manche Menschen und auch manche Zustände lernt man bekanntlich erst dann zu schätzen, wenn man sie zu verlieren fürchtet. Die Gesundheit ist so eine Sache – warum jubelt das gesunde Kind nicht täglich? Der Verstand ist auch so eine – wer heute nicht fürchtet, am Irrsinn selbst irre zu werden, ist es für den vielleicht schon zu spät?

Tag für Tag

»Was ist mein Zweck?«, fragt der kleine Roboter bei Rick and Morty (siehe auch: »Lieber Staat, was war nochmal deine Aufgabe?«). Wir finden es lustig und traurig zugleich; es ist also ein perfekter Scherz. – Ich zumindest bin gesegnet, animalisch wie menschlich einen Zweck nennen zu können. Der eine Zweck bleibt heute daheim statt zur Schule zu gehen – das Menschlein hat etwas Fieber; ein anderer Zweck ist es, Tag für Tag den Irrsinn des Tages zu listen und dann etwas Vernunft entgegenzuhalten, damit Sie und ich nicht selbst noch irre oder gar fiebrig werden!

Das zitternde Lamm

Stellen wir uns einen Schlachter vor, der mit der einen Hand das zitternde Lamm hält und mit der anderen das blutige Beil schwingt, und zugleich salbadert der Schlachter so laut wie obszön von der moralischen Überlegenheit des Vegetarismus. – So in etwa fühlt es sich heute an, wenn SPD-Politiker von Demokratie und Verfassung reden, und erst recht, wenn sie sich anmaßen, andere hierin belehren zu wollen.

In »Das sollen die Guten sein?! – Teil 2: Weniger Demokratie wagen« schrieb ich:

Vorratsdatenspeicherung, Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Putin-Nähe, NoHateSpeech, Extra-Renten für SPD-Zielgruppen, Beteiligungen an Medienunternehmen, #TeamGinaLisa, Kooperation mit Ex-Stasi, Entlassung des Generalbundesanwalts, Ausfälle (1,2) der Integrationsministerin, manche (sogar die Jusos) sagen auch: allzu viel Verständnis für den Iran

Ist es ein »Ausrutscher«, wenn man so etwas immer und immer wieder tut? (An Generalbundesanwalt Harald Range erinnern Sie sich?)

Es ist 2019 und die SPD greift wieder demokratische Prinzipien an: 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts will die SPD allen Bürgern das Recht nehmen, frei zu bestimmen, wer sie im Parlament vertritt; Parteien sollen ihre Listen zuerst nach Genitalien aufstellen (welt.de, 4.2.2019) – ein Unaufmerksamer könnte sich glatt fragen, warum es die AfD und nicht die SPD ist, die vom Verfassungsschutz »geprüft« wird.

Vor einigen Tagen wurde noch der Holocaust für Wahlkampfmätzchen instrumentalisiert (siehe auch: Immerzu im Kreis herum), diese Woche ist es Weimar, also jene Republik, die für Zersplitterung und Gewalt gegen Abweichler steht, was man gegen die Opposition in Stellung bringt. Was für ein Hohn, wenn ausgerechnet SPD-Politiker nun »die Verfassung verteidigen« und darauf achten wollen »dass diese Demokratie nicht ausgenutzt wird, um sie zu überwinden« (tagesschau.de, 6.2.2019), es grenzt an politische Geschmacklosigkeit, wenn Steinmeier in Weimar sich erst vom Bodo Ramelow (Partei: umbenannte SED) empfangen lässt und dann recht unverhohlen die Opposition angreifend Worte wie »Rechtsstaatlichkeit« und »Verantwortung« in den Mund nimmt, bei »Bürgerfesten« mit abgesperrten Plätzen, Hubschraubern, Maschinengewehren und Polizisten auf den Dächern (welt.de, 6.2.2019).

»Überlassen wir Schwarz-Rot-Gold niemals den Verächtern der Freiheit« sagte gestern der Herr, der sicher keine Schuld am Schicksal von Murat Kurnaz trägt (siehe z.B. dw.com, 16.11.2016); doch so weit wie ich das sehe, fremdeln manche Verächter von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat sowieso schon länger mit Schwarz-Rot-Gold, insofern sollte das klar gehen.

Wollte man über das, was die SPD zur Debatte beiträgt, jedesmal auch nur den Kopf schütteln, bräuchte man bald eine Halskrause gegen das Schleudertrauma. Der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs erklärt Michael Wolffsohn und Henryk Broder für »ganz rechtsaußen« – immer wieder irritierend, wenn Deutsche sich anmaßen, Juden zu maßregeln, wie in Deutschland gedacht werden darf (dokumentiert z.B. bei @Hallaschka_HH) – und Juden als Ganz-Rechtsaußen zu verunglimpfen, das ist ganz große linke Schule (siehe auch: Das sollen die Guten sein?! – Teil 3: Die Ausrutscher). Katarina Barley twittert erschüttert über den letzten Mauertoten – während ihre Partei mit der umbenannten SED koaliert (@katarinabarley, 6.2.2019). Die Jusos Hannover, also zukünftige SPD-Politiker, erklären derweil ohne den Hauch einer Zweideutigkeit: »Mein Vaterland interessiert mich nicht die Bohne« (mehrfach z.B. auf Twitter dokumentiert).

Was ist mein Zweck? Hier soll mein Zweck sein, Ihnen zu versichern: Nein, es ist nicht irre, wenn Ihnen solche Aussagen irres Bauch- und Kopfweh bereiten; manchmal ist Schmerz die bestmögliche Reaktion – fragen Sie Ihren Arzt!

Die Kunst des Konzisen

Julian Reichelt schrieb vor einiger Zeit: »Hunderte Gefährder leben auf unsere Kosten – Niemand macht es seinen schlimmsten Feinden so bequem wie wir« (bild.de, 16.8.2018) – es hat etwas beruhigend Stabiles an sich, dass man bei der Bild nach wie vor die Kunst des Konzisen beherrscht.

Manche Islamisten wollen ja (zunächst) gar nicht in Deutschland bleiben; sie reisen nach Syrien und schließen sich dort ISIS an. Einige von ihnen überlegen es sich und wollen wieder fliehen, werden aber festgenommen und sitzen dann im Gefängnis der kurdischen Regionalverwaltung (bild.de, 6.2.2019).

Der FDP-Abgeordnete Stephan Thomae (katholisch, rollendes R) fordert nun, diese Islamisten, die den Westen hassen, die den Terrorismus der Demokratie vorzogen, aber denen das ganze Töten und Getötetwerden nun doch lästig geworden ist, wieder nach Deutschland zurück zu holen. Deutschland als All-inclusive-Paradies für Islamisten, Rückholung inklusive?

Ich vermute, dass der Herr Abgeordnete nicht davon ausgeht, dass die Islamisten neben seiner Wohnung angesiedelt werden oder seine Kinder bedrohen werden – wenn man jene zurückholt, werden die Islamisten (evtl. nach verbüßter Haftstrafe, wir wissen ja, wie hart diese sind) vermutlich dort angesiedelt, wo man die Bürger, denen das Sorgen bereitet, als »Nazis«, »Pack« und »Rechte« verunglimpfen darf, oder wo sogar ein Bundespräsident von »Dunkeldeutschland« reden darf.

Islamisten und ISIS-Mitglieder nach Deutschland holen; es ist schwer, von solchen Ideen nicht irre zu werden, ich weiß. Mein Zweck ist es, Ihnen zu sagen: Wenn solche Ideen Ihnen etwas schräg vorkommen, dann sind Sie damit nicht allein.

Uneingeschränkt frei!

Die Tagesschau verkündet, dass in Deutschland die Freiheit, seine Meinung zu äußern, »uneingeschränkt« gilt (@tagesschau, 6.2.2019). Die Logik wird wohl sein: Was nicht links ist, ist Hass, und Hass ist keine Meinung – ergo: Deutschland ist maximal meinungsfrei! – Am selben Tag, an dem von oben verkündet wird, wie meinungsfrei Deutschland doch sei, wird ein publizistischer Kollege attackiert – wieder einmal –weil mächtige Leute nicht mochten, was auf seiner Website geschrieben stand.

Die Aufgabe der Philosophie, sagt Wittgenstein, sei es, »der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen«. Die Aufgabe dieses Essayisten soll es sein, sich und den Leser davor zu bewahren, dem Irrsin nachzugeben – so komfortabel und verlockend diese Vorstellung einem bei Gelegenheit auch vorkommen kann.

In diesem Geiste innerer Stabilität also: Nein, es ist nicht irre, wenn Ihnen die Schere zwischen berichteter und tatsächlicher Realität geradezu irre vorkommt.

Gretlzöpfe

Wir hörten nun alle, fürchte ich, von dieser jugendlichen Umweltaktivistin aus Schweden. Sie heißt Greta Thunberg und sie trägt Gretlzöpfe, und die Linksgrünen feiern sie, denn für sie ist alles ganz einfach, während diese Experten und Professoren alles viel zu kompliziert sehen.

Poes Gesetz sagt, dass die Parodie einer extremen Position von dieser nicht zu unterscheiden ist (Details bei Wikipedia).

Heute erleben wir eine Steigerung von Poes Gesetz, wir erleben reale Steigerungen, die als Satire unglaubwürdig wären. Das Relotiusmagazin titelt: »Greta Thunberg findet Termin für deutschen Kohleausstieg absurd« (spiegel.de, 7.2.2019); es ist fast schon symmetrisch: ich finde die linke Greta-Verehrung absurd. – Kann bitte jemand abdrucken, was mein 8-jähriger Sohn zur Energiepolitik sagt? Weniger qualifiziert als Grünen-Chefin Annalena-»deswegen fungiert das Netz als Speicher«-Baerbock wird er schon nicht sein. (Wundert es, dass man aus dem grünen Lager den Nobelpreis vorschlägt? – siehe br.de, 6.2.2019)

Gebt den Kindern das Kommando – die nehmen das alte Lied tatsächlich ernst. Mein Zweck ist es, Ihnen zu sagen, dass es bedenklich wäre, wenn Sie nicht fürchteten, davon noch irre zu werden.

In diesem Land erwirtschaftet

Erinnern Sie sich noch? – »Niemandem wird etwas weggenommen!«, hieß es (Volker Kauder, tagesspiegel.de, 2.3.2016), und »Die Milliarden für die Integration wurden in diesem Land erwirtschaftet und wurden niemanden weggenommen« (Heiko Maas, @spdde, 6.10.2016).

Was kümmert die Guten ihr Geschwätz von gestern! Jetzt haben sie »Angst vor einem noch größeren Milliardenloch« (welt.de, 6.2.2019). Die einen sprechen von einer 25-Milliarden-Euro-Lücke bis 2023, die anderen von 80 Milliarden. Wie viele werden es wirklich sein? Ich kann es Ihnen exakt sagen: Der Finanzierungskrater nach Merkel wird Wir-sind-die-Guten-und-alle-anderen-die-Nazis-Euro groß sein, plus 99 Cent, damit der Preis kleiner wirkt.

Es ist mein Zweck, Ihnen zu sagen, dass ich es auch irre finde, vielleicht schlicht deshalb, weil es irre ist – wer weiß das schon?

Es ist Zeit

Die Debattenlage im Westen, diese Zerrissenheit zwischen erregter Hypermoral und tatsächlichen Zusammenhängen, zwischen linken Bauchgefühlen und konservativer Verantwortung, dieses Fieber wird noch eine Weile köcheln.

Mein Zweck soll es sein, den Irrsinn zu benennen und aufzuschlüsseln, und so dem Irrsinn etwas von seiner Kraft zu nehmen. Es ist mein Zweck, Ihnen zu sagen, dass Sie nicht allein sind mit der Angst, am Irrsinn selbst noch irre zu werden. – Ich hoffe, meinen Zweck hier und heute erfüllt zu haben.

Doppelte Rätsel

Es ist Zeit, dem Sohn einen neuen Tee aufzugießen. Es geht ihm schon besser: Vitamine, Kräutertee und Bettruhe wirken Wunder! Vielleicht ist es auch das Nicht-in-der-Schule-Sein, welches sein Fieber gesenkt und zugleich seine Stimmung gehoben hat – der Mensch ist ja ein Rätsel, und diese kleinen Menschlein sind gleich doppelte Rätsel!

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