Nein, Muslime sind nicht »die neuen Juden«

9. September 2018, von Dushan Wegner; Bild von Daniel Corneschi
Wer Islamkritik mit der industriellen Ermordung von Juden vergleicht, der hat im »besten« Fall »den Schuss nicht gehört« – im schlimmsten Fall versucht er hier, mittels »jew-washing« reale interkulturelle Probleme zu verschleiern.
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Haben Sie davon gehört – Vorsicht, bitte, es folgt bitterste, uneigentlich gemeinte und verzweifelte Ironie! – haben Sie also davon gehört, als in Nizza ein Jude mit dem LKW in Menschen hineinfuhr, weil er ein Zeichen gegen die Verderbtheit des Westens setzen wollte? Oder der Jude in Berlin, der in den vollbesuchten Weihnachtsmarkt fuhr? Nervt es Sie auch, dass nun überall Beton-Pöller aufgestellt werden, weil man fürchtet, dass immer wieder einzelne Juden ihren Glauben missverstehen und daraufhin mit dem LKW in Menschenmengen fahren? Ist Ihnen auch aufgefallen, wie viele Juden jeden anderen Menschen zum Judentum missionieren wollen, doch in Ländern, wo es ihnen gelingt, es dann regelmäßig zu Armut und Gewalt kommt, so dass Juden in andere Länder migrieren, wo einige von ihnen dann wieder missionieren? Irritiert es Sie auch, wie Frauen, die eine liberale Synagoge aufmachen, unter Polizeischutz arbeiten müssen, zum Schutz vor anderen Juden? Haben Sie auch gemerkt, wie das Glaubensbekenntnis der Juden, »Schma Jisrael«, manchen Nicht-Juden zusammenzucken lässt, weil es leider immer wieder der tödlichen Gewalt gegen »Ungläubige« vorangeht?

Zur Wiederholung, damit kein Zweifel aufkommt: Diese Fragen waren Ironie. Traurig-bittere Ironie. Selbstverständlich teilen Sie keine einzige dieser »Beobachtungen«! In diesen schrägen Fragen habe ich einige der Probleme, die leider im Kontext des Islam auftauchen, probehalber auf Juden und das Judentum übertragen. Zu zeigen, dass es nicht passt, dass es falsch ist, das war der Sinn meiner Fragen.

Dasselbe?

Einst galt es als Provokation linker Elfenbeintürmler, Kritik am Islam mit der versuchten Auslöschung der Juden zu vergleichen. Heute, in der Blütezeit des linksgrünen Dummkults, findet so manche Dummheit einen allzeit fruchtbaren Boden samt aller zum Sprießen notwendigen Erdfeuchtigkeit – so auch dieser dumme Vergleich.

2010 schrieb Henryk Broder in seinem Essay »Sind Muslime die Juden von heute?«:

Sehr in Mode sind derzeit Arbeiten über „Antisemitismus und Islamophobie“, deren Verfasser aufrichtig versichern, sie würden das eine mit dem anderen nicht gleichsetzen, sondern nur vergleichen. Und Vergleiche anzustellen sei eine wissenschaftlich bewährte und zulässige Methode. Das stimmt. Grundsätzlich kann man alles mit allem vergleichen. Die Wehrmacht mit der Heilsarmee, einen Bikini mit einer Burka und die GEZ mit der Camorra. (Henryk Broder in welt.de, 13.1.2010)

Der Vergleich von Antisemitismus und der Sorge um die praktischen Folgen des Islams ist eine falsche und gefährliche Dummheit, und er verhält sich zur Gleichsetzung wie der heiße Kuss zum Beischlaf: man tut das eine und will doch das andere.

Die Geschichtslosigkeit solcher Vergleiche hinderte Linke und Islam-Apologeten nicht daran, sie zu ziehen.

Als Beispiel: 2016 verglich Aiman Mazyek (Vorsitzender des »Zentralrats der Muslime«) die AfD mit der NSDAP und die Kritik am Islam mit »Hitler-Deutschland«. (Wir wollen an dieser Stelle von der Frage absehen, wen Herr Mazyek tatsächlich vertritt.) Wir werden immer und immer wieder daran erinnert, dass das griechische Denken in der muslimischen Welt überwinterte, während Europa im dunklen Mittelalter versank, und von daher ist die Leichtigkeit überraschend, aber auch erfrischend, mit welcher Mazyek sich über die starren Vorgaben verknöcherter Kuffar-Logik hinwegsetzt.

Der entsprechende Artikel in der Welt ist mit »Mazyek vergleicht AfD mit Hitlers NSDAP« betitelt; darin wird Mazyek zitiert:

Aufklärung bedeutet zum Beispiel, dass es zum ersten Mal seit Hitler-Deutschland eine Partei gibt, die erneut eine ganze Religionsgemeinschaft diskreditiert und sie existenziell bedroht. Das müssen wir feststellen und auch so betonen. (Aiman Mazyek, zitiert in welt.de, 18.04.2016)

Man könnte, unter anderem, höflich darauf hinweisen, dass es im Dritten Reich nicht um die Kritik an einer politisch-religiösen Weltsicht ging, sondern um die industrielle Vernichtung von Millionen Menschen. Deine Religion zu kritisieren, egal wie unangenehm du das findest, ist nicht dasselbe wie Menschen in Waggons zu verfrachten und in Auschwitz zu vergasen.

Der Vergleich zwischen Hitlers Mordmaschinerie und moderner Kritik am Islam wird auch heute, 2018, wieder »hip« (verzeihen Sie auch hier bitte die bittere Flapsigkeit).

Auf zeit.de wird gefragt:

Droht Deutschland ein neues 1933? (zeit.de, 8.9.2018)

Der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim tritt gelegentlich als eine Art inoffizieller Migranten-Sprecher auf (Kazim: »Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns. Ob du willst oder nicht«, siehe z.B. juedischerundschau.de, 5. Tishri 5777), und manchmal wird es  – »spannend«.

Die bayerische AfD hat im aktuellen Landeswahlkampf plakatiert:

Deutsche Leitkultur! Islamfreie Schulen (online verbreitetes Wahlplakat der AfD Bayern, 2018)

Herr Hasnain Kazim tut der AfD Bayern den Gefallen und verbreitet das Wahlplakat über seinen Twitter-Account. Er kopiert das Originalplakat hinein und schreibt dann darüber:

Ich hielt den Spruch: „Früher waren’s die Juden, heute die Muslime“ für übertrieben. Die @AfD belehrt mich eines Besseren. (@HasnainKazim, 6.9.2018 / archive.is)

Ich selbst habe den Luxus, dass meine Kinder eine humanistisch-säkulare Schule besuchen, wo sie Deutsch-, Englisch-, Spanisch- und Chinesisch-Unterricht haben, aber Religion nur in höheren Jahrgängen aus der Entfernung von Soziologie und Geschichte lernen, also als etwas Zu-Besprechendes, nicht als etwas Zu-Glaubendes – das ist ein viele Welten großer Unterschied.

Ich hätte etwas dagegen, dass meine Kinder in der Schule ein Weltbild zu akzeptieren lernen, dass die Menschen in gute Gläubige und böse Ungläubige zu teilen lehrt – und da ist mir ganz egal, auf welches heilige Buch sich das bezieht. Nun ist es so, dass das moderne Christentum ausreichend aufgeweicht ist, die Welt eben nicht mehr in Christen und »Heiden« zu trennen (egal was Altes und Neues Testament sagen), insofern ist es nicht notwendig, gegen die eigentlich im Christentum angelegte Zweiteilung zu kämpfen.

In der Logik des Herrn Kazim vom Spiegel ist offensichtlich der Wunsch, dass die eigenen Kinder nicht im Glauben aufwachsen, »Kuffar« zu sein und deshalb konvertieren zu müssen, vergleichbar mit dem Massenmord am jüdischen Volk.

Exkurs: Ist Ideologiekritik wirklich »Rassismus«?

Wenn ihnen die Argumente ausgehen, wird in aktiver und bewusster Begriffsverwirrung die Kritik am Islam von Linken und Islam-Aktivisten immer häufiger als »Rassismus« gebrandmarkt. Es ist offensichtlich Blödsinn – ein Beispiel: ich schätze den Ex-Muslim Ali Utlu, doch den zum Islam konvertierten Pierre Vogel sehe ich kritisch; wenn das Rassismus ist, wie würde man es nennen, wenn ich Utlu aufgrund seiner Herkunft ablehnte und Vogel aus demselben Grund schätzte? Ein Begriff kann nicht zugleich sein Gegenteil bedeuten. Die Kritik oder sogar Ablehnung einer Religion als »Rassismus« zu brandmarken ist ein linker Taschenspielertrick, nicht mehr.

Geschichtsgegenteilig

Der Vergleich der Islamkritik (oder auch der kompletten Ablehnung) mit Pogromen und den Morden der Nazis ist bereits aus mehreren geschichtlichen und sachlichen Gründen schräg und falsch. Beginnen wir damit, dass Hitler sich ganz gut mit der islamischen Welt verstand.

Hitler zeigte sich immer wieder, auch privat im Gespräch, dem Islam als »Religion für Männer« zugetan (siehe u.a. »Hitler & the Muslims« von Steve Coll, nybooks.com, 2.4.2015, »Islam and Nazi Germany’s War« von David Motadel). Mit der 13. Waffen-Gebirgs-Division »Handschar« kämpften Muslime aktiv und als solche in der SS mit (Wikipedia); Himmler entwickelte für sie den merkwürdigen Begriff »Muselgermanen«.

Während Hitler den Islam als Denkschule bewunderte, äußerte er sich rassistisch gegenüber Arabern selbst. Damit ist Hitlers Einstellung zum Islam das präzise Gegenteil der meisten heutigen Islamkritiker: In der Islamkritik im heutigen Sinne wird natürlich nicht der Mensch als biologisches Wesen kritisiert, und es ist völlig egal, was seine Haut- und Augenfarbe oder seine Kopfform ist – es geht um die Ideologie, die er im Kopf mit sich herumträgt, nicht um die Farbe der Haare auf diesem.

Es steht jedem frei, die Kritik am Islam mit diesem oder jenem gleichzusetzen, wie schon Broder feststellte; den Islamkritiker aber mit Hitler zu vergleichen, das ist geschichtsgegenteilig.

Wer sucht wen

Nehmen wir an, Herren wie Mazyek und Kazim hätten Recht, und Ablehnung des Islam wäre tatsächlich sinnvoll mit Antisemitismus vergleichbar – selbst dann gäbe es einen strukturellen Unterschied, einen Punkt, an dem sie gegenteilig sind.

Vielleicht haben Sie den Film Inglorious Basterds von Quentin Tarantino gesehen. Man sollte jenen Hollywood-Film nun wirklich nicht als Geschichtsbuch lesen, doch in der Anfangsszene mit Christoph Waltz ist viel Wahres: Juden mussten sich verstecken, weil die Nazi-Schergen sie aktiv suchten.

Das Ziel der Nazi-Antisemiten war es, das jüdische Volk auszulöschen, so wie es das Ziel moderner Antisemiten und »Israelkritiker« ist, in Israel »die Juden ins Meer zu treiben« (siehe z.B. hagalil.com, 27.10.2005). – Islamkritiker dagegen wollen schlicht nicht, dass die Effekte, die zuverlässig in anderen Ländern mit dem Islam einhergehen, auch in ihrer eigenen Heimat auftreten.

Wer wie jener Spiegel-Journalist die Angst vor den praktischen Folgen islamischer Weltsicht mit der aktiven Vernichtung von Menschen vergleicht, hat nicht nur jeden Maßstab verloren, er redet auch gefährlichen Unsinn.

Wer ist auf der Flucht?

Von Iran ausgehend finden jedes Jahr weltweit Demonstrationen zum »al-Quds-Tag« statt, auch in Berlin. Ganz öffentlich wird etwa die Fahne der shiitischen Hisbollah geschwenkt, was eigentlich verboten ist. Es ist eine Veranstaltung von meist muslimischen »Israelkritikern« und es wurden in der Vergangenheit schon mal Parolen gerufen wie »Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein« und »Zionisten ins Gas« (siehe z.B. tagesspiegel.de, 8.6.2018). Mindestens eine der am antisemitischen Aufmarsch teilnehmenden Gruppen bezog in der Vergangenheit öffentliche Gelder aus Hamburg (tagesspiegel.de, 15.6.2018). Im linksgrünen Deutschland ist das Recht recht relativ.

Seit einigen Jahren schon wandern Juden leise aus Europa aus, nicht auf der Flucht vor »Rechtspopulisten«, sondern auf der Flucht vor eben jenen, die Leute wie Kazim als »die neuen Juden« bezeichnen.

Im Text »Warum so viele Juden von Israels Stränden nicht nach Europa zurückkehren«, zitiert Julian Reichelt einen nach Israel ausgewanderten Topmanager:

»Ich bin nach Israel zurückgegangen, weil meine vier erwachsenen Kinder mit meinen Enkeln nicht mehr in Frankreich bleiben wollten. Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber wir spüren, wie der Antisemitismus sich wieder in Europa ausbreitet. Wir Juden haben gelernt, dass es besser ist, zu früh zu gehen als zu spät.« (bild.de, 27.7.2018)

Ein Zyniker würde sagen: Die Juden fliehen vor den Flüchtlingen. Wer sagt, Muslime seien so etwas wie »die neuen Juden«, der klingt fast, als wären »die alten Juden« für ihn bereits eine Sache der Vergangenheit.

Das eine, das andere

Das eine ist die Ablehnung einer missionarischen Religion mit politischen Komponenten, das andere der Massenmord an einem Volk. Wer, wie Kazim vom Spiegel, beides in vergleichbare Nähe bringt, der kann sich aussuchen, ob er in solchen Aussagen die Opfer des Holocaust verhöhnt oder einfach nur seine geschichtliche Ahnungslosigkeit zur Schau trägt – so oder so ist es eine weitere Drehung abwärts in der öffentlichen politischen Debatte.

Solche Relativierungen und absurden Vergleiche stellen die Verhältnisse auf den Kopf und verhöhnen die Opfer samt ihrer Familien; es ist eine direkte Folge linksgrünen Antiintellektualismus (siehe auch »Es gibt kein Recht auf Dummheit« und »Die Schildbürger, die CDU und der Islam«). Für radikale Gesinnungsethiker (vulgo: »Gutmenschen«) ist »ethisch richtig«, was sich dem Bauchgefühl nach in dem Moment richtig anfühlt – ein Spruch wie »Muslime sind die neuen Juden« kann sich tatsächlich »gut anfühlen«: Wer Muslime mit Juden gleichsetzt, der versucht, durch »jew-washing« reale interkulturelle Probleme zu verschleiern.

Gerade heute, in diesen aufgewühlten Zeiten, müssen wir unterscheiden: Menschen sind Menschen und Ideen sind Ideen. Die Würde des Menschen ist unantastbar und muss es bleiben, doch Ideen und Religionen müssen kritisiert, zerrissen und auch rundherum abgelehnt werden dürfen.

Allen jüdischen Mitlesern an dieser Stelle, zum aktuellen Jahreswechsel vom Jahr 5778 zum Jahr 5779, ein gutes und süßes Jahr!

Guter Text?

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