11.4.2019

Es wird schwieriger, in die Mittelschicht zu gelangen – was sollen wir tun?

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Gus Ruballo
Bei den Simpsons konnte noch ein Arbeiter seine Familie samt Haus finanzieren – irgendwie. In der Realität bricht die Mittelschicht aber rapide weg, wie auch eine neue OECD-Studie zeigt. Was tun?
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Viele von uns kennen Die Simpsons, eine (einst witzige) gezeichnete TV-Serie über eine amerikanische Familie, bestehend aus Vater Homer J. Simpson, Mutter Marge, Tochter Lisa, Sohn Bart, und Babytochter Maggie, dazu gelegentlich auftretenden entfernteren Familienmitgliedern wie Opa Abraham (»Abe«) Simpson.

Die Simpsons-Familie gilt als der »unteren Mittelschicht« angehörend, und es wird durchgehend über Geldnot geklagt. Reparaturen werden aufgeschoben und wenn Opa eine medizinische Behandlung braucht, dann unternimmt man schon mal eine Kurzreise nach Kuba (Folge 603: Havana Wild Weekend) oder Dänemark (Folge 638: Throw Grappa from the Dane).

Die Simpsons wurden zum ersten Mal am 17. Dezember 1989 ausgestrahlt (13.9.1991 in Deutschland). Es gibt sie seit mittlerweile 30 Staffeln. Mancher Junge, der sich damals mit dem frechen Bart identifizierte, erkennt sich heute in Homer wieder.

Die Welt von heute ist eine andere als die Welt von 1989. Die Welt der heutigen Simpsons hat einige technische Neuerungen der echten Welt übernommen, doch die sozialen Eckpfeiler sind dieselben – und das fällt allmählich auf.

Das freistehende Einfamilienhaus der Simpsons steht in einer netten Vorortsiedlung mit Bäumen und viel Gras. Jedes Kind verfügt über ein eigenes Zimmer, das Haus hat (mindestens) zwei Bäder, einen Keller und eine Garage (siehe auch: »The Simpsons House« bei der englischsprachigen Wikipedia).

Des humorigen Effekts halber wird in der TV-Serie immer wieder auf den baufälligen Zustand des Simpsons-Hauses hingewiesen, doch die Zuschauer sehen das Haus von außen, und sie sehen, dass es bewohnbar und groß ist, und dass das Haus in einer sympathischen Gegend steht – und sie erkennen: Das Simpsons-Haus und die Simpsons-Lebenssituation, welche 1989 noch als Symbol für »unteren Mittelstand« galten, erscheinen heute als nah am Luxus: Ein ungelernter Arbeiter (in Staffel 5, Folge »Home Goes to College« erwirbt er doch noch einen Abschluss) kann eine Familie mit Frau und drei Kindern ernähren – auch wenn es manchmal eng wird – dazu irgendwie ein nettes, großes Haus in einer anständigen Gegend finanzieren und den Großvater im Altersheim unterbringen, und das alles mit einem einzigen Job?!

Mittelschicht als ferner Traum

Eine aktuelle Studie der OECD (»Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung«, siehe Wikipedia) stellt fest:

Mittelschicht-Haushalte fühlen sich zurückgelassen und stellen die Vorteile der ökonomischen Globalisierung in Frage. In vielen OECD-Ländern sind mittlere Einkommen schwächer gewachsen als der Durchschnitt und in einigen überhaupt nicht. Technologie hat eine Reihe von Jobs für mittel-qualifizierte (»middle-skilled jobs«) weg-automatisiert, welche noch vor wenigen Jahrzehnten von Mittelschicht-Arbeitern ausgeführt wurden. Die Kosten einiger Güter und Dienstleistungen, welche essentiell sind für den Mittelschichts-Lebensstil, sind stärker gestiegen als Einkünfte und allgemeine Inflation. Der Mittelschicht gelingt es nicht mehr zu sparen, und in einigen Fällen häufen sie Schulden an. (OECD.org, 10.4.2019, meine möglichst sinnwahrende Übertragung aus dem Englischen)

(Notiz für Journalisten: Wenn Sie über diese oder ähnliche Studien berichten, und besonders wenn Sie dem Leser dabei eine Interpretation der Ergebnisse vorschlagen, dann haben Sie doch bitte auch die Größe, das Original zu verlinken, damit der Leser Ihren Deutungsvorschlag überprüfen und sich selbst eine Meinung bilden kann – oder einfach als Service für den extra neugierigen Leser. In diesem Geiste also, zwei Links zu dieser Studie: »Governments must act to help struggling middle class« (englische Zusammenfassung, oecd.org, 10.4.2019), »Under Pressure: The Squeezed Middle Class« (Volltexte der Studie, online via oecd-ilibrary.org))

Wer ins Leben startet und kein Erbe mitbringt, auf den könnte die Untere-Mittelschicht-Welt der Simpsons von 1989 – die damals immerhin noch »denkbar« erschien, siehe etwa sueddeutsche.de, 24.4.2014 – heute wie ein rosafarbener Traum wirken, ob in den USA oder in Deutschland.

Es wird besser, und teurer, also schlechter

Einige der Veränderungen unserer Welt und Umwelt sind tatsächlich die Folge hirn- und gewissenloser Politik, aber nicht alle.

Dass die Dinge teurer werden, liegt auch an einigen Faktoren, die unser Leben eigentlich besser machen. Die Technologie und die Sicherheitsmaßnahmen unseres Alltags sind denen von vor einigen Jahrzehnten weit überlegen (man vergleiche etwa die kontinuierlich sinkende Zahl der Verkehrstoten in Autos). Wir tragen heute leistungsfähige Computer als Mobiltelephone mit uns und können den Film- und Bücherschatz der Welt mit wenigen Klicks sofort ins Wohnzimmer holen.

Nicht nur hat die bessere Qualität ihren Preis, der zum Teil auch dadurch entsteht, dass das Marketing ebenfalls psychologisch optimiert ist – forbes.com, 27.9.2018 berichtet, dass etwa das Luxus-iPhone XS in den USA für 1.250$ verkauft wird, aber in der Herstellung geschätzte $450 kostet, bei anderen Apple-Geräten soll der Aufschlag auf die Produktionskosten »nur« etwa 100% betragen (es sind alles Schätzungen durch Dritte), und diese durch psychologisch optimiertes Marketing ermöglichten Preise heben den Geldbedarf, den es braucht, um gefühlte Mittelschicht zu bleiben, um »dabei« zu sein, um nicht »abgehängt« zu werden. Die verbesserte Psychologie von Produkt und Werbung schenkt (zumindest bis zum Kauf) dem Käufer ein gutes Gefühl – doch sie hebt, ebenso wie die Technik, die Lebenskosten.

Auch weitere Faktoren heben den Preis der Zugehörigkeit zur Mittelschicht, etwa die durch Bauvorschriften entstehenden Kosten und die nicht nachlassende Migration innerhalb des jeweiligen Landes vom Ländlichen in Richtung der Metropolen, doch selbst wenn man auf dem Land leben wollte, auf Komfort-Technologie verzichtete und sein Leben im Recycling-Modus leben wollte, würde man nicht daran vorbeikommen, dass Maschinen immer intelligenter werden und einfache Jobs damit immer überflüssiger. (Es ist ein »lustiger« Zufall, dass in etwa zur gleichen Zeit, als in den USA fast landesweit immer höhere Mindestlöhne eingeführt werden, McDonalds die Automatisierung von Bestellung und Bezahlung vorantreibt, siehe etwa forbes.com, 11.6.2018. – Auch den deutschen Mindestlohn-Populisten sei ins Stammbuch geschrieben: Der finale Mindestlohn beträgt immer null Euro. Jede Anhebung des Mindestlohns wirft den jeweils schwächsten Teil der Arbeitnehmer die Rentabilitätsklippe hinunter.)

Die Weber konnten damals, als die Textilmaschinen und Fabriken aufkamen, den Fortschritt nicht aufhalten; es ist zu bezweifeln, dass der heutige Mittelstand den Trend zu wertigeren Produkten und Automatisierung in allen Teilen der Gesellschaft aufhalten kann – oder auch nur will.

Die Mittelschicht, wie sie in den Zeiten von Wirtschaftswunder und Freizeitkult möglich wurde, löst sich auf, und wird sich konsequenterweise weiter auflösen – die Frage ist, was nach ihr kommt.

Kinder des Wirtschaftswunders

Im Text »Künstliche Intelligenz und Mäusespeck« schrieb ich, ein wenig sarkastisch:

Liebe Kinder, die ihr noch in der Schule seid, hier kommt eine Wahrheit, die einige angenehm finden werden und andere weniger angenehm: Jede Wissenschaft besteht, wenn man sie ordentlich und weit genug treibt, im Kern zu einem ganz wesentlichen Teil – wenn nicht sogar komplett – aus Mathematik.

Niemand, auch ich nicht, kennt die Melodien, die in zwanzig, fünfzig oder gar hundert Jahren gespielt werden, doch einige Akkorde können wir bereits heute hören.

Wer sein Einkommen selbst verdienen muss und dabei im angenehmen Wohlstand leben will, der muss nützlich sein.

Die Kinder des Wirtschaftswunders hatten Leitsprüche wie »entspann dich, Alter« und »erst mal chillen«. Wer in Zukunft auf einem Niveau leben will, das dem Wohlstand des einstigen »Mittelstands« ähnelt, der muss nützlich sein.

Also, Eltern und Kinder (und wir sind alle jemandes Kinder), legt die Smartphones weg und greift zu den Büchern (gern auch E-Readern, siehe auch »Scrollende Wracks sind keine Leser«), wichtig ist, dass euer Lesegerät nicht blinkt und das Dopamin hochjagt). Sucht unter euren Talenten diejenigen heraus, die anderen Menschen nützlich sind (und für deren Ausübung man gemeinhin auch Geld erhalten kann), und entwickelt sie weiter. Streicht »ich habe darauf Lust« oder »ich habe keine Lust« aus eurem Wort- und Gedankenschatz, für immer. Und wenn ihr euch für den Moment nicht entscheiden könnt, geht im Internet auf die Seite de.khanacademy.org und lernt solange Mathematik.

Werdet täglich besser in einer Disziplin, in der ihr gut seid und die so nützlich ist, dass Menschen dafür bezahlen!

In der Folge »Homer at the Bat« sagt Homer: »Egal wie gut du in etwas bist, es gibt immer ungefähr eine Million Leute, die darin besser sind als du.« (Staffel 8, Folge 13, via simpsonsarchive.com) – Die Aufgabe ist, diese Zahl zu verringern, deutlich zu verringern. Für Homer J. Simpson in der Welt von 1989 mag es genügt haben. Für uns genügt es schon länger nicht mehr.

Die Mittelschicht ist vorbei; es lebe das, was nach der Mittelschicht kommt. Es wird wahrscheinlich mit Mathematik zu tun haben.

Wir stehen erst an den Anfängen der Anfänge der Automatisierung, ich schlage für den Augenblick als Leitspruch vor: Sei nützlich, sei fleißig, lerne immerzu, sei klug und bleibe dabei Mensch, – doch, vor allem und zuerst, sei ehrlich zu dir selbst.

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