Misstraut den Gebildeten!

Dummheit, ja, eine »Dummheit«. Karl Jaspers nannte es eine »Dummheit«, dass Hannah Arendt aus Deutschland emigrierte, 1933. »Das ist ja ganz unmöglich«, kommentierte Jaspers, als Ernst Mayer sagte, die Juden würden eines Tags in Baracken gebracht und dann die Baracken angezündet werden.

Jaspers schrieb am 20. April 1933 (ja, der Tag) an Heidegger warmherzige Sätze, die in ihrer weltfremden Schwurbeligkeit auch von Frau M. stammen könnten: »Sie sind bewegt von der Zeit –, ich bin es auch«, und: »Es muss sich zeigen, was eigentlich in ihr steckt.« – Später zeigte es sich auch ihm, »was eigentlich in ihr steckt.«

Er weigerte sich dennoch, auszuwandern. Er besorgte Zyankali, für sich und für seine jüdische Frau. Es war für den Fall, dass sie festgenommen und ins KZ gebracht würden. Es blieb ihnen erspart, gerade so. Die Amerikaner befreiten Heidelberg am 30. März 1945. Jaspers war ein kluger Mann, ein gebildeter Mann, doch in der wichtigsten und schrecklichsten Angelegenheit des Zwanzigsten Jahrhunderts hätte seine Vorhersage kaum falscher sein können.

Im Roman »Im Westen nichts Neues« lässt Remarque den Protagonisten Paul Bäumer über den Vorlauf zum Ersten Weltkrieg sagen: »Die Menschen hatten eben alle keine Ahnung von dem, was kam. Am vernünftigsten waren eigentlich die armen und einfachen Leute; sie hielten den Krieg gleich für ein Unglück, während die bessergestellten vor Freude nicht aus noch ein wussten, obschon gerade sie sich über die Folgen viel eher hätten klar werden können.«

Nassim Nicholas Taleb schreibt über den »Intellectual Yet Idiot«: »Der Intelektuelle Idiot erklärt andere für geisteskrank (›pathologizes others‹), weil sie Dinge tun, die er nicht versteht, ohne jemals zu realisieren, dass er es ist, dessen Verständnis beschränkt sein könnte.« (meine Übersetzung)

Jacques Ellul erklärt in »Propaganda«, dass jene, die sich für »gebildet« halten, für einige Arten der Propaganda besonders anfällig sind, weil und gerade wenn sie meinen, dass sie selbst für Propaganda nicht anfällig seien. Gebildete haben gelernt, nach welchen Mustern die Welt üblicherweise läuft. Sie haben gelernt, Autoritäten zu vertrauen und aus wenigen Informationen weitreichende Schlüsse zu ziehen. Diese Fähigkeiten machen sie normalerweise erfolgreich – so lange die Dinge laufen, wie sie es in ihrer »Bildung« gelernt haben.

Mittlerweile ahnen selbst die Idioten, Gebildeten und sogar einige Journalisten, dass Deutschland dank Merkel und ihren willigen Propagandisten auf eine Katastrophe zusteuert – die Toten und ihre Familien werden Ihnen sagen, dass die Katastrophe bereits begonnen hat. (Die Kaltherzigen und Regierungstreuen brüllen derweil die Trauernden nieder.)

Merkel hätte ihre schrecklichen Fehler nicht begehen können, wenn sie nicht von einer Armee halbgebildeter Ideologen dazu angeleitet worden wäre. Als die BILD-Zeitung all die Prominenten auffuhr zur »Wir helfen – #refugeeswelcome«-Aktion, als die ARD die jungen Männer im wehrfähigen Alter mit Bildern großäugiger kleiner Kinder verkaufte, als die Leiche eines aus der Türkei einwandernden, ertrunkenen Jungen als Symbol für »Flüchtlinge« instrumentalisiert wurde, was hätte Merkel denn tun sollen? Ihren Kurs wieder ändern und ihren Das-Boot-ist-voll-Standpunkt von 2002 neu entdecken?

Es waren ganz besonders die Gebildeten und TV-Prominenten, die Merkel dummen Beifall klatschten bei ihrem schrecklichen, folgenreichen Fehler. Merkel ist gebildet. Ihre Klatscher und Propagandisten sind gebildet. Fragen Sie die Familien der Opfer, fragen Sie die Polizisten, Lehrer und Sozialarbeiter, was die »Bildung« dieser Gebildeten wert ist.

Der durchschnittliche westliche Gebildete ist eine Kreuzung aus einem Idealisten und einem Solipsisten. Der Idealist glaubt, aus seinen Ideen wissenswerte »Wahrheiten« ableiten zu können. Der Solipsist glaubt, dass er der einzige Mensch ist und die Welt aus seiner Einbildung besteht. Die reale Welt ist dem Idealisten wie dem Solipsisten mehr zufällig als systematisch zugänglich.

Der Gebildete schreibt anderen Menschen diese oder jene Denkart zu. Dem einen schreibt er endlosen Edelmut zu, dem anderen schreibt er größte Bösartigkeit zu. Beides ist falsch, doch dass der Gebildete sich selbst die Autorität bescheinigt, anderen Menschen solche Eigenschaften zuzuschreiben, das ist der breiteste Irrtum. (Ein Beispiel von vielen für die Dummheit der Gebildeten: Der westliche Gebildete geht implizit davon aus, dass alle Gesellschaften so individualistisch sind wie der Westen. Vor diesem Hintergrund verstehen sie nicht, dass es andere Motive als persönliche Verzweiflung geben kann, die gefährliche Überfahrt übers Mittelmeer auf sich zu nehmen.)

Der Gebildete geht stets davon aus, dass die Geschichte sich in immer gleichen Mustern fortschreibt, so wie er es aus der Schule kennt – und keine tatsächliche Volte der Umstände kann ihn davon abbringen. Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft der Gebildeten, täglich neu falsch zu liegen und doch im Brustton der Überzeugung die immer wieder nächste Vorhersage zu treffen.

Ich schlage eine andere Bildung vor: Lest so viel ihr lesen könnt – und vergesst es dann wieder. Lernt, was den Menschen und den Staaten wirklich wichtig ist. (Was sind die relevanten Strukturen der Staaten und Menschen?) Verstehe, was dir wichtig ist, und gehe davon aus, dass die Wichtigkeiten der anderen Menschen ganz andere als die deinen sein können. Lerne, was es braucht, das dir Wichtige zu verteidigen. Greife deinen Gegner an, bevor er dich angreift. Verteidige das, was dir wichtig ist, bevor es verteidigt werden muss. Die Geschichte verläuft in Kreisen, doch die Linie der Kreise ist immer erst im Nachhinein erkennbar.

Nichts passiert, weil du es dir so wünschst. Nichts passiert, weil es früher so passierte. Nichts passiert, weil es das Einzige ist, was du dir vorstellen kannst. Alles passiert aus einem Grund, und wer Vorhersagen treffen will, muss den jeweils stärksten Grund kennen.

Die Zukunft gehört nicht den Gebildeten und Schönrednern, nicht den Theoretikern und Dampfplauderern. Die Zukunft gehört den Klugen, Ehrlichen und Mutigen, welche die Motivationen der Menschen und die Zusammenhänge der Welt verstehen und benennen. Während der Gebildete noch seinen letzten Irrtum zu erklären versucht (»wir waren zu naiv« etc.), handelt der Kluge bereits, ohne Rücksicht auf das Gemecker der Intellektuellen Idioten, und tut das, was es braucht, um die wirklich relevanten Strukturen zu stärken.

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