Millennials: Wer Zusammenhänge nicht versteht, der kann noch immer Details kritisieren!

Ich erinnere mich – und es gibt guten Grund, wie ich heute verstehe, dass ich mich erinnere – an ein besonderes Erlebnis aus jener Zeit, in der ich noch täglich Klassenzimmer besuchte, als Lernender. Ich bleibe so vage in der Zuordnung, weil ich jene ansonsten hervorragende Lehrerin nicht bloßstellen möchte.

Ein kompliziertes Thema wurde verhandelt und ich versuchte, mein Gehirn darumzuwickeln. Und dann, plötzlich, hatte ich begriffen. Ich zeigte einfach auf, euphorisch, und als ich drangenommen wurde, wiederholte ich das zu Lernende, in meinen eigenen Worten.

Die Lehrerin schaute mich irritiert an und sagte: „Das ist richtig, aber wo ist jetzt das Neue? Wo ist die Kritik?“

Ich war etwas bedröppelt. Es war nicht das einzige Mal, dass ich in meiner Schullaufbahn von einer Lehrkraft zurechtgewiesen wurde, wahrlich nicht, aber dieses eine Mal ist mir speziell in Erinnerung geblieben. Ich war damals überzeugt und ich bin noch immer überzeugt, dass ich richtig lag und die Lehrerin falsch. Nicht in der Sache, denn da waren wir uns einig, aber sicher und nachdrücklich in der Methodik.

Die jungen Leute, aber nicht wieder

Wer vom Schicksal gesegnet wurde, durch rebellische Lehrer oder am deutschen Schulsystem vorbei, etwas klassische Bildung abzubekommen, der sieht heutige „Millennials“, das Publikum von bento.de oder Jan Böhmermann, und fragt sich: Sind die blöd?

Seit Jahrtausenden hat sich die ältere Generation über die jüngere Generation beschwert. Diese sei zu wild, zu respektlos, zu rebellisch.

Meine Kritik ist eine andere: Millennials erscheinen mir als zu brav, sie haben Respekt vor Institutionen statt vor Bildung.

Die Hippies verschlangen noch Bücher, kifften und rebellierten gegen das Establishment. Heutige Millennials lesen Harry Potter und ansonsten nur ihren Facebook-Feed, trinken Mate-Zuckerwässerchen und rebellieren eher gegen klassische Bildung und Logik. Die Hippies protestierten gegen den Vietnamkrieg, sie waren die Opposition, Millennials protestieren gegen die Opposition und würden für den Vietnamkrieg protestieren, wenn das Fernsehen sie dazu aufforderte.

Über Jahrtausende beschwerten sich die Alten, dass die junge Generation zu wild und unangepasst sei. Ich beschwere mich, dass die junge Generation zu brav und mitläuferisch ist. Das ist, meine ich, dann doch etwas anderes.

Generation Abkürzung

Die Angepasstheit, die Institutionsgläubigkeit, die erschreckende Unfähigkeit zur Reflexion und Überprüfung eigener Standpunkte, all dies ist ärgerlich, doch ich sehe eine weitere und größere Last, die Millennials um ihren wendigen Hals tragen.

Jene Situation in dem Klassenzimmer, als ich zurückgewiesen wurde, weil ich keine Kritik beigetragen hatte, sie ist symptomatisch, fürchte ich.

Wer in den letzten Jahrzehnten in Deutschland vom Schulsystem ins Leben entlassen wurde, dessen Lernen war dreigliedrig aufgebaut:

  1. Reproduktion
  2. Interpretation
  3. Transferleistung

Besonders in den Rot-Grünen- und Pisa-Verlierer-Bundesländern begreifen die erfolgreichsten Schüler bald, dass sich 1. und 2. abkürzen lassen, indem man 3. die Transferleistung durch Kritik an einem Detail simuliert.

Auch Lehrer müssen mit ihrer Zeit haushalten, besonders heute, wo sie immer mehr von Lehrkräften zu Sozialarbeitern und Wir-schaffen-das-Beauftragten werden.

Faule Schüler begreifen seit jetzt schon Jahrzehnten, dass sie das System und die Überlastung der Lehrer für sich nutzen können, um bei minimalem Aufwand dennoch beste Noten zu erhalten.

Der Trick zu Bestnoten in sogenannten „Laberfächern“: Man nehme sich einen beliebigen Punkt heraus und kritisiere diesen. Während dies im Gymnasium insgesamt nur bis zu einem bestimmten Grad funktioniert, schließlich gibt es ja noch die Mathematik und Naturwissenschaften, lässt sich dieses Prinzip an der Universität ad extremum exerzieren. Ich habe von einem Anglistik-Institut an einer deutschen Universität gehört, da sprechen die Dozentinnen kaum Englisch, müssen es aber auch nicht, weil sie sowieso mehr von Gendertheorie reden als von Shakespeare. Ich saß selbst in Medienwissenschaften-Seminaren, wo dem Dozenten wie auch den StudentInnen offensichtlich zum Beispiel das simpelste Grundlagen-Wissen zum Google-Ranking fehlte, die aber in halbstündigen Vorträgen den Bias und die resultierende Deutungsmacht der Suchmaschine kritisierten. Wer einen beliebigen Punkt herausgreift und diesen mit Floskeln aus dem politisch korrekten Empörungs-Baukasten attackiert, der kann sich das ganze lästige Wissen um Zusammenhänge, Wirkweisen und alternative Deutungsmöglichkeiten sparen. (Wenn man lachen möchte, empfiehlt sich hier der Twitter-Account @RealPeerReview, wo akademische Absurditäten dieser Art festgehalten werden.)

Es ist tragisch und frustrierend zugleich. Schüler und Studenten, die durch dieses System gehen, haben jahrzehntelang positives Feedback dafür bekommen, einen zufälligen Punkt herauszugreifen und wesentliche Zusammenhänge ignorierend zu kritisieren.

Millenial-Medien wie Bento, Vice oder Buzzfeed bedienen die Generation Dunning-Kruger. Wer diese Online-Magazine liest, bekommt stündlich neu indirekt bestätigt, dass die Empörung über einen banalen Nebenaspekt das Wissen um die Zusammenhänge und die Einbettung in klassische Bildung ersetzt.

Einigen von denen gelingt es ja zeitweise, mit ihrer Un-Qualifikation irgendwo in Berlin unterzukommen. Sie tingeln dann als „Aktivist“ durch Podiumsdiskussionen oder verdingen sich für eine Zeit bei einem der vielen von der Regierung geförderten Propaganda-Projekte. Ein Großteil der Enfants Débiles erlebt früher oder später ein lähmend schmerzhaftes Erwachen. Sie haben so gut wie keine langfristig zu Geld umwandelbaren Qualifikationen erworben. Sie haben dem System vertraut. Sie wurden vom System angelogen. Nein, es genügt nicht, einen Teilaspekt herauszugreifen und auf diesem herumzuhacken. „You gotta serve somebody.“ Wenn du willst, dass die Gesellschaft dich bezahlt, langfristig bezahlt, musst du der Gesellschaft dienen. Ja, es gibt Tricks, aber sie funktionieren immer nur für wenige und selten auf Dauer.

Perspektive aus der Hölle

Doch, die praktische Nutzlosigkeit ist noch immer nicht das größte Problem der Zusammenhangsblinden. Es wird noch trauriger.

Der Mensch ist glücklich, wenn er etwas erschafft, wenn er ordnet und wenn er etwas für die nächste Generation hinterlassen darf.

(Schon bei der „nächsten Generation“ wird es bei Millennials schwierig. Sie haben das Töten potentiellen Nachwuchses zur persönlichen Lebensstil-Entscheidung degradiert. Zitat Edition-F: „Am Ende war genau das ausschlaggebend: Ich hatte nicht das Gefühl, dass es zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben die richtige Entscheidung gewesen wäre, ein Kind zu bekommen.“ – editionf.com – Doch, das ist ein anderes Thema, aber eben auch eines, das die sinn-stiftende Möglichkeit der nächsten Generation nimmt.)

Wir erleben eine Generation, deren Tonangeber es nicht gelernt haben, etwas zu erschaffen, keine Welterklärung, keine Unternehmen, keine großen Erfindungen. Was bleibt ihnen also? Sie schreiben Texte wie „Ist dein Arbeitsplatz sexistisch? Eine Checkliste“ – wer keine Arbeitsplätze schafft, der muss halt an denen mäkeln, die es tun. Sie helfen selbst kaum (außer man betrachtet Likes auf Facebook als Hilfe), und um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, mäkeln sie an denen herum, die eben nicht zu faul und zu egoistisch sind, sich der Arbeit vor Ort zu stellen, etwa am Chef der Essener Tafel.

Sie werden nicht glücklich werden.

Es ist kein glücksbringendes Lebenskonzept, überall eine mögliche Ungerechtigkeit zu suchen. Wären sie nicht so nervig, müsste man mit den Millennials um ihre verkorkste Seelenlage weinen. Sie haben eine Perspektive anerzogen bekommen, die sie zum Unglück zwingt. Wer nach Möglichkeiten des Beleidigtseins sucht, nach potentiellem Rassismus und Sexismus, nach Diskriminierung und irgendwelchem Bias, der gleicht in jungen Jahren schon dem verbitterten Opa, der im Fenster lehnt und Falschparker anzeigt.

Mancher Mensch sucht ein Leben lang nach seiner Kindheit, nach dem Glück seiner Jugend, nach „Rosebud“ (für die Filmkenner unter uns). Die Tragik der Millennials ist, dass sie in der Zeit ihrer Formung darauf trainiert wurden, dass das Herummäkeln an Details ihnen Belohnung einbringt; und nun suchen sie ihr Leben lang danach, wieder so belohnt und, ja, geliebt zu werden wie damals. Sie werden es nicht finden. Die Welt funktioniert nicht so, wie es ihnen beigebracht wurde. Einige merken es irgendwann und stürzen in Depressionen. Andere verschärfen ihre Kritik immer weiter, in der Hoffnung, dass wenn sie nur scharf genug kritisieren, sich die Liebe wieder einstellen wird. Einige Propaganda-Agenturen stellen sie vielleicht eine Zeit lang als nützlichen Idioten ein, aber das ist alles. Das Hamsterrad kommt nicht schneller an, wenn du schneller läufst.

Den nörgelnden Millennials möchte ich sagen: Give it up! Ihr wurdet angelogen. Auch wenn ihr inzwischen Millionen an der Zahl seid – ein Irrtum wird nicht richtiger, nur weil Millionen ihm anhängen. Es ist weder nachhaltig noch glücklichmachend, an Details und am Lebenswerk anderer Leute herumzunörgeln, statt selbst aufzubauen und selbst Positives zu erschaffen. Was soll dereinst auf eurem Grabstein stehen? „Er hat viel kritisiert“?

Auspendeln lassen

Uns aber, die wir unter deren Genörgel leiden, rate ich zum Durchhalten. Die Nörgler und Dauerbeleidigten haben nicht recht. Nein, es ist weder klug noch glücklichmachend, immer und überall die Fehler zu sehen. Auf keinen Fall dürfen wir uns von ihnen anstecken lassen, weder in ihrer blinden Systemgläubigkeit noch in ihrer Blindheit gegenüber dem Schönen, das glücklich macht. Es macht wenig Sinn, mit Millennials zu diskutieren, denn sie halten sich in ihrer verbohrten Einfältigkeit für klug und in jeder Hinsicht für überlegen. (Wir haben es mit der Generation zu tun, die in der Schule sogar für den Letzten beim Wettrennen einen Pokal hatte – wenn sie nicht Leistungsvergleich ganz abgeschafft hatten.) Sie werden scheitern, sie werden crashen, wenn nicht Schlimmeres. Es bleibt nur: abwarten, durchhalten, Schaden minimieren – und, ganz wichtig: die eigenen Kinder davor bewahren, selbst zu so Unglücklichen zu werden.

Egal, was Millennials uns sagen: Nein, tatsächliche Zusammenhänge und Wirkungen zu verstehen ist nicht inhärent böse und „repressiv“. Nein, es macht nicht glücklich, den ganzen Tag nach Quellen von Beleidigtsein und Detailkritik zu suchen. Egal, was sie euch in der Schule erzählt haben: Fakten sind wichtig. Ignorierte Zusammenhänge können tödlich sein. Glück braucht Ordnung, nicht Dauerkritik an den absurdesten Details.

Und, an beide, an Millenials und an uns, die Opfer ihres Nörgelns: Entspannt euch! Millennials sollten sich entspannen, weil sie ohnehin in die falsche Richtung laufen, und nicht schneller ankommen, nur weil sie sich beeilen. Wir Opfer der Millennials aber können uns entspannen, und abwarten, bis jene ausgebrannt sind. Auch wenn das Pendel der Vernunft bisweilen wilde Bahnen beschreibt, bislang hat es sich noch immer eingependelt.

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