Mensch vs. Gehorsam

Unsere Unternehmung ist klein, aber es gibt viel Potential für aggressive Expansion! Also, wer von Ihnen feinen Herren würde sich gern unserem Team anschließen? Oh, im Moment ist nur eine Stelle zu vergeben, also müssen wir ein Probespiel veranstalten! („gotta have tryouts“)

Haben Sie diese Zeilen erkannt? Es ist meine Übersetzung von Jokers Einführung in die Tryouts-Szene in Batman, The Dark Knight.

Während der Joker diese Zeilen spricht, knien zwei Gangster auf dem Boden vor ihm. Gegen Ende seiner Ansprache zerbricht der Joker einen Billard-Queue und wirft eine abgebrochene Hälfte, durch den Bruch nun gefährlich scharf, zwischen die beiden. Der Zuschauer denkt sich den Rest im Kopf zu Ende. Einer wird den Stock greifen und überleben, der andere nicht.

Merkels Stock

Die Tryouts-Szene scheint mir eine passende Metapher für „Rechts vs. Links“ in der heutigen politischen Debatte zu sein. Divide et impera! Teile und Herrsche! Der Gedanke ist wohl von Machiavelli, nicht von den Römern. Die sagten aber „Brot und Spiele“. Im neuen „Brot und Spiele“ sind wir selbst die Gladiatoren. Wir schauen uns selbst beim Kampf zu und sind unterhalten und gleichzeitig vom Wesentlichen abgelenkt. Wirf den Leuten einen Stock hin, ein Spiel, und lass sie spielen und sich im Spiel erstechen, während du herrschst. Merkel hat mal gegen mehr Immigration gewettert („das Maß des Zumutbaren ist überschritten“, 2002), dann war sie wieder bedingungslos dafür („keine Obergrenze“). Mal so, mal so. Sie wirft das Stöckchen, auf welches sich Journalisten und Aktivisten stürzen, um allen, die den Gehorsam verweigern, damit die Augen auszustechen. Die Positionen waren ihr egal, die Positionen sind ihr egal. Die Positionen sind das Stöckchen, das sie in die Redaktionen und Bierzelte wirft. Merkel allein ist ausreichender Beleg für die Unsinnigkeit von Rechts vs. Links.

Die Linken von heute ähneln ja immer mehr zuerst dem abstrakten Zerrbild, das sie von ihren Gegnern zeichnen. Die angeblichen „Nazis“, welche von Linken überall ausgemacht werden, sind eigentlich nur der Spiegel, in den sie hineinbrüllen. „Rechts“ und „links“ als Begriffe drehen heute weitgehend hohl. Selbst wenn ich eben von Linken sprach, ahnen wir doch, dass ich mich auf etwas anderes bezogen haben musste.

Wenn aber nun „links“ und „rechts“ die zwei Spitzen desselben Stocks sind, den die Mächtigen unter uns kleine Gangster werfen, auf dass wir uns damit einander die Augen ausstechen, was beschreibt denn dann diesen Graben, der sich ganz offensichtlich durch die Debatte wie durch die Gesellschaft zieht?

Ich will einen Versuch wagen, den großen Graben zu kartographieren.

Mensch und Gehorsam

Der nicht zu leugnende Riss, den wir ungelenk mit „rechts vs. links“, „konservativ vs. progressiv“ etc. beschreiben, ist, so mein Ansatz, eigentlich ein Riss zwischen zwei von Inhalten unabhängigen Perspektiven auf die eigene Rolle im menschlichen Miteinander.

Man könnte – und läge nicht einmal falsch – für das, was ich formulieren will, zunächst mit klassischen Begriffen operieren wie „liberal“ oder „Citoyen“ auf der einen Seite, und „autoritär“ oder „totalitär“ auf der anderen. Mich befriedigen diese Begriffe hier aber nicht. Zuerst haben sie sich dann doch abgenutzt. Heutige Empörungslinke als totalitär zu bezeichnen ist zwar zweifelsohne in Teilen richtig, doch es sagt noch nicht, warum sie es sind. Diese politischen Begriffe, bei aller Tragweite, beschreiben doch nur das Ergebnis, nicht die Ursache. Leidet der Patient am Fieber oder Virus? Am Fieber, sicher – und doch ist es die Ansteckung mit dem Virus, die es eigentlich zuerst zu vermeiden galt.

Ich wage eine einfachere Klassifizierung, eine unpolitische, eine auf den ersten, ungenauen Blick fast simplifizierende: Die einen denken vom (handelnden und verantwortlichen) Menschen her, die anderen vom Gehorsam.

Die Nebenthese dazu wäre, dass die meisten kulturellen Kämpfe der Geschichte zwangsläufig im Kampf zwischen dem Prinzip des verantwortlich handelnden Menschen und dem Prinzip des Gehorsams münden.

Vom Menschen her

Was ich mit „(verantwortlich handelnder) Mensch“ und „vom Mensch her denkend“ meine, das beschreibt am ehesten der klassische Begriff Citoyen. Es ist der freie Bürger, der Verantwortung für sich und seine Umgebung übernimmt. Der ethische Motor, der ihn treibt, ähnelt dem „Ordne deine Kreise!“, das ich in Relevante Strukturen herleite.

Vom Gehorsam her

Eine radikale Form des Denkens „vom Gehorsam her“ wird auch totalitär genannt, dann will man nicht nur autoritär den Gehorsam erzwingen, sondern auch gleich einen „neuen Menschen“ erschaffen.

Spielarten

Ein sehr greifbares Beispiel für den Gegensatz von Mensch und Gehorsam erlebten wir etwa in der protestantischen Reformation. Luther wollte den christlichen Glauben neu und vom Menschen her denken. Für Luther sollte der Mensch direkt mit seinem Schöpfer in Kontakt treten, nicht mit der Kirche als Vermittler und Verkäufer der Vergebung. Doch, einmal an der Macht, kann das Denken vom Menschen her in das Denken vom Gehorsam her umschlagen. Nicht nur die Inquisition erzwang Gehorsam, auch Protestanten verbrannten Menschen, um Gehorsam zu erzwingen.

Die beiden großen Schrecken Europas des zwanzigsten Jahrhunderts, Nationalsozialismus und Kommunismus/Stalinismus, haben gemeinsam, dass sie den Willen zum Gehorsam einforderten, voraus- und durchsetzten. Wer sich selbst auf Gehorsam reduzieren ließ und zudem ein Talent dafür besaß, andere durch Drohung, Propaganda oder beides zu Gehorsam zu bewegen, der konnte in beiden Systemen nicht nur überleben, sondern Karriere machen.

Deutscher Ungehorsam

Heute, in 2018, bedeutet „rechts“ meist im realen Gebrauch „einer, der den (gedanklichen) Gehorsam verweigert“. Warum er es tut, kann verschieden sein – sei es, dass er 3 Minuten lang über die Folgen der aktuellen Politik nachgedacht hat, dass er tatsächlich Nationalist ist oder dass er noch Old-School-Sozialdemokrat ist und auf der Seite der Arbeiter und „kleinen Leute“ steht. Wer den bedingungslosen Gehorsam verweigert, gilt heute als rechts, unabhängig von politischen Inhalten.

Im Dritten Reich trat der Gehorsame in die NSDAP ein, der Ungehorsame aber, der von den Rechten des individuellen Menschen aus dachte, der fürchtete um sein Leben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden sich nicht wenige Gehorsame bald vollständig geläutert in hoher Politik und in hohen Ämtern wieder.

In der DDR wurde der Gehorsame zum Genossen und wer die Rechte des Individuums über den Gehorsam gegenüber der Partei stellte, der galt als „Klassenfeind“ – und so finden sich manche Genossen von damals heute in der Politik oder beim Öffentlich Rechtlichen Fernsehen wieder – einige „Klassenfeinde“ von einst aber demonstrieren wieder, wieder mit dem gleichen Ruf, wieder Montags, nicht immer mit der gleichen Hoffnung wie damals.

Trägerthemen und Zusatzstoffe

Beide Ansätze, das Denken vom Menschen her und das Denken vom Gehorsam her, kommen mit Trägerthemen und mit Zusatzstoffen. Gehorsam kann im Namen der Nation erfolgen, wie etwa im Nationalismus. Gehorsam kann auch im Namen des Anti-Nationalismus erzwungen werden (wollen), wie heute. Gehorsam kann im Namen der Arbeiter daherkommen oder im Namen des Fortschritts, im Namen von Religion oder im Namen einer totalitären Politischen Korrektheit, die ein bestimmtes Denken aufzwingen will. Das Denken vom Menschen her kann aber ebenfalls im Namen der Arbeiter erfolgen (Mensch vor Profit) oder im Namen des Fortschritts (nur freie Individuen erfinden Neues), im Namen einer Religion (z.B. Spiritualität ohne Kirche) oder im Namen einer ursprünglichen Politischen Korrektheit, die den Menschen vor Verletzung seiner Würde schützen wollte.

Der Graben heute

Der Graben, der heute die westliche Gesellschaft teilt, ist wieder ein Graben zwischen dem Denken vom Gehorsam her und dem Denken vom Menschen her.

In Deutschland scheinen sich spezielle Stiftungen und ein oder zwei Parteien dem Zweck verschrieben zu haben, neuen Gehorsam im Denken zu erzwingen. Sie geben Broschüren heraus die beschreiben, was man noch sagen dürfen soll, und fahren Kampagnen gegen Bürger, die den Gehorsam verweigern.

Bei der FAZ werden nun die Blogs von Rainer Meyer („Don Alphonso“) eingestellt. Er schrieb vom Menschen her. Er war wohl nicht gehorsam genug. Politiker in der SED-Nachfolgepartei, die benannte Stiftung und totalitäre Grüne jubeln über sein Gegangenwerden.

Es geht schon lange nicht mehr um Inhalte, spätestens seit Merkel nicht mehr. Es geht um Gehorsam. Gehorche – oder werde als „Nazi“ oder „extrem rechts“ gebrandmarkt.

Einschub: No-Go-Areas

Was gesagt werden darf und was nicht gehorsam genug ist, das kann sich auch über Nacht ändern! Nehmen wir etwa das Thema „No-Go-Areas“. Bis vor kurzem galt es als rechtspopulistisch, von No-Go-Areas in Deutschland zu reden. Jetzt hat Merkel selbst davon gesprochen, dass es sie gibt. Die Gehorsamen kommen kurz ins Schleudern. Merkel führt aber immer wieder vor, dass die Inhalte des Gehorsams über Nacht austauschbar sind – Hauptsache es wird gehorcht.

Die Vorhut des Gehorsams

Je komplizierter die Welt ist, um so attraktiver wird für verunsicherte Seelen das Versprechen, wenn man nur genug Gehorsam durchsetzte, würde das Leben wieder ordentlich und überschaubar. Denken wir nur an den Minister hinter Merkels Zensurgesetz, dem „NetzDG“. Juristen haben mir erzählt, dass „Maas erwägt schärfere Gesetze“ in ihren Kreisen ein running gag ist. Mehr Gehorsam fordern als populistische Antwort auf alle Störungen des gesellschaftlichen Miteinanders.

Aktivisten der Politischen Korrektheit und via Gesetz bezahlte „Comedians“ wiegeln ihr Publikum der Gerngehorchenden gegen Ungehorsame auf. Gehorche – oder werde über Tage hinweg beschimpft und bedroht. Wenn du ganz und gar nicht gehorchen willst, kommen „Künstler“ und bauen sich vorm Haus auf, in dem deine Familie wohnt. Und wenn selbst das nicht hilft, dann gibt es noch immer die Antifa.

Es wird immer Menschen geben, die vom Menschen statt vom Gehorsam her denken. Außerdem sind die Inhalte des Gehorsams jederzeit frei austauschbar – siehe Merkel. Die Arbeit der Denunzianten und Totalitären wäre aus ihrer Sicht erst dann „fertig“, wenn auch der letzte vom Menschen her denkende Ungehorsame zum Gehorsam gezwungen ist. Die Dystopie, in welcher jeder Mensch ihrem Denkkorsett zu gehorchen gezwungen ist, scheint dann doch unrealistisch zu sein. Selbst dem IS laufen ja die Leute davon.

Next steps

Ein Twitterer hatte einen interessanten, wahrscheinlich witzig gemeinten Gedanken:

Jetzt gebt den Islamisten eine einsame Insel irgendwo und lasst sie abgeschottet von der Welt ihren Islamischen Staat errichten.
@Fraeulein_v_Amt, 8.3.2018

Eine lustige, fast romantische Idee, sie hat nur einen Fehler: Die erwähnten Vom-Gehorsam-her-Denker geben sich nicht damit zufrieden, ihr eigenes Leben zu leben – sie spüren in sich den Drang, auch den Rest der Welt zum Gehorsam zu zwingen. Heute werden sie nicht ruhen, bis auch der letzte Bürger Hurra! schreit, ob es nun Hurra Bankenrettung! oder Hurra offene Grenzen! ist.

Die Sprachpolizisten und Blogwarte beschränken sich ja nicht darauf, selbst zu schreiben, was sie für richtig halten. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht (und werden teils vom Staat fürstlich dafür bezahlt), den Rest der denkenden Republik zum gleichförmigen Gehorsam zu zwingen. (Schon deshalb wäre es absurd, heutige Konservative mit „Gehorsamen“ gleichzusetzen. Konservative und Liberale wollen meist einfach nur in Frieden leben, heutige Linke wollen dem Rest der Welt den Gehorsam unter ihren teils beliebigen Prinzipien aufdrücken.)

Was also soll man tun? Was kann man überhaupt tun?

Nun, es scheint naheliegend: Den Gehorsam verweigern! Mindestens den inneren, immer öfter auch den äußeren.

Ich weiß, dass „vom Menschen her“ vs. „vom Gehorsam her“ noch etwas ungelenk ist, dass es nicht ganz so einprägsam und an primitive Triebe appelliert wie „rechts vs. links“. Doch es scheint mir präzise.

Dieses „rechts vs. links“ ist nur ein Stöckchen, das Meinungsmacher uns hinwerfen, damit wir uns damit gegenseitig in Kopf und Herz stechen. Ich will versuchen (da habe auch ich noch Entwicklungspotenzial), mich diesem dummen Spiel zu verweigern.

Ich sehe den Riss zwischen jenen, die vom Menschen her denken und im Geist des Citoyen die Verantwortung für sich und ihre Umwelt übernehmen (die „ihre Kreise ordnen“) – und auf der anderen Seite jenen, die ihrer Mitwelt einen dumpfen Gehorsam aufzwingen wollen, blind für Moral und Konsequenzen.

Es wird auch heute viel über Erinnerungskultur gesprochen. Sehr gut. Ich habe aus der Geschichte gelernt: Es mag gefährlich sein, den Gehorsam zu verweigern, du magst die Blogwarte und Haltungsjournalisten, die Denunzianten und Hundertfünfzigprozentigen gegen dich haben, aber wenigstens wirst du dich nicht für dich selbst schämen müssen. Wenn Gehorsam und Mensch aber gegeneinander stehen, entscheide dich immer für den Menschen!

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