Meinung, Freiheit und »Konsequenzen«

13. Januar 2019, von Dushan Wegner; Bild von Nowshad Arefin
Mein Vater schuftete im Bergwerk, zur Strafe, weil er bekennender Christ war. Mit ihm schufteten mehrere (!) Professoren, wegen »falscher Meinung« – oder wie Linksfaschisten heute sagen: es gab Meinungsfreiheit, man musste nur die Konsequenzen tragen.
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Nehmen wir einmal hypothetisch an, dass Sie und ich nicht in jener Art von Beziehung stehen, wo man einander Fesseln anlegt und das elektrisierend findet, und dass ich es dennoch tue, dass ich Ihnen also Handschellen anlege. Ich drehe Ihnen die Hände auf den Rücken, und der kalte Stahl schneidet in Ihre Handgelenke; schnell fühlen Sie sich hilflos mit den Händen hinterm Rücken fixiert, Sie können sich nicht einmal an der Nase kratzen, wenn es juckt – und es wird jucken! – und die ungewohnte Haltung lässt bald Ihre Schultern schmerzen.

Sie werden mir gewiss zustimmen, dass ein derart gefesselter Mensch unfrei ist.

Ketten im Kopf

Nun stellt sich heraus, dass die Handschellen, die ich Ihnen angelegt habe, in Wahrheit defekt waren! – Hätten Sie nur mit etwas Kraft daran gezogen, dann wären die Handschellen leicht aufgesprungen, doch, ach, Sie haben nicht gezogen – Sie wussten es ja nicht!

Frage: Sind Sie unfrei, wenn Sie sich hätten leicht befreien können?

Diese Frage ist nicht so einfach. Unsere Begriffe sollen in möglichst vielen Situationen möglichst schnell funktionieren, und es würde nicht funktionieren, wenn jede letzte Grenz-Situation im Begriff mittransportiert werden müsste. (Die Begriffe von Fachsprachen sind detaillierter, deshalb muss man genau diese auch studieren – der PKW-Begriff eines Auto-Ingenieurs oder der Herz-Begriff eines Arztes sind detaillierter als die entsprechenden Begriffe jeweils bei Laien.) – Ist ein Mensch nun frei, wenn er leicht davon gehen könnte, aber aus welchem Grund auch immer meint, dass er nicht gehen kann? Die einzig ehrliche (und einzig wirklich richtige) Antwort scheint mir zu sein: Unser Alltags-Begriff von Freiheit deckt den Fall der unbewussten Freiheit nicht ab – und Debatten über diesen konkreten Fall dienen dem (begrüßenswerten!) Zweck, den Menschen sich seiner möglichen Freiheit bewusst werden zu lassen, oder, wie man dichterisch sagen könnte: »die Ketten im Kopf zu sprengen«.

Unfreiheit durch Überzeugung

Bleiben wir für einen Augenblick bei den Handschellen, und nehmen wir an, ein Hypnotiseur würde Sie dazu bringen, die Hände auf dem Rücken zu halten. Eigentlich würden Sie Ihre Hände lieber frei bewegen, etwa um sich eine Suppe zu kochen, oder um die Rosensträucher, die am Rand des Weges stehen, mit freier Hand an Ihr Gesicht heranzuziehen, denn was ist das für ein Leben, wenn man sich keine Zeit fürs Riechen an den Rosazeen nimmt?

Wenn ein Mensch mit diesen oder jenen Psychotricks manipuliert wurde, seine möglichen Freiheiten nicht zu nutzen, können wir ihn im vollen Sinne frei nennen? Ein Gläubiger, welchem von Kindesbeinen an beigebracht wurde, ein Gott stünde bereit ihn zu bestrafen, wenn der Gläubige auch nur einen Schritt vom Pfad der Heiligkeit abwiche, ist er wirklich frei? Und, natürlich: Würden wir eine Unfreiheit durch Überzeugung eher jenem Gläubigen zuschreiben, dessen Glaube uns ganz fremd ist?

Wenn wir den Begriff der Freiheit, und damit der Un-freiheit, auch auf die bloß eingebildete Handlungs(un)freiheit  ausweiten, wie sollten wir in Folge mit jenen umgehen, welche den Menschen diese geistigen Ketten anlegen, sei es durch Schmeichelei, durch Demagogie oder durch Propaganda? Einen Menschen, der einen anderen Menschen in Ketten legt und dabei kein vom Staat beauftragter Kettenanleger ist, so einen würden wir doch hart bestrafen – warum aber nur, wenn die Ketten stählern sind?

Alle Lebenstheorie

Wir eilen weiter. Die Zeit rastet nicht, und wer wären wir, uns selbst zu gestatten, was sogar die Zeit sich nicht erlaubt?

Wir verlassen die geschmiedeten wie auch die gedachten Handschellen; wir betrachten ein weiteres Beispiel, und zwar ein doppeltes!

Variante 1: Nehmen wir an, Sie stehen an einer Weggabelung, und Sie überlegen, ob Sie den Weg A oder den Weg B nehmen; während Sie überlegen, sehen Sie, dass am Weg A, gleich nach ein paar Schritten, im Gebüsch ein Räuber kauert, der Sie ausrauben und womöglich töten wird. – Wie frei sind Sie wirklich, diesen oder jenen Weg zu gehen?

Variante 2: Nehmen wir an, dass ich Ihnen sage, dass Sie frei seien, zu denken und zu sagen, was Sie möchten – bitte stets nach bestem Verstand und reinstem Gewissen! – doch wenn Ihre Meinung der aktuellen Leitmeinung widerspricht, dann würde man dafür sorgen, dass Sie Ihren Job verlieren, man würde Sie bei Ihren Kunden anschwärzen, man würde Ihre Konkurrenz fördern, Ihre Kinder nicht für die Schule Ihrer Wahl zulassen – wären Sie dann wirklich frei in der Äußerung Ihrer Meinung?

Sie haben es gemerkt: die zweite Variante dieses letzten Gedankenexperiments habe ich so formuliert, dass es nicht mehr rein hypothetisch ist. Was wäre alle Lebenstheorie, alle Philosophie, wenn sie nicht rechtzeitig praktisch würde?

Explizit und wörtlich

Dieser Tage wird in Deutschland ein Interview mit dem bekannten Ex-Handballspieler Stefan Kretzschmar diskutiert.

Darin sagte er, unter anderem:

»Wenn wir in unserem Land über Meinungsfreiheit reden, dann haben wir die Meinungsfreiheit in dem Punkt, dass wir nicht in den Knast kommen, wenn wir uns kritisch äußern. Aber wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Sobald wir eine gesellschaftskritische Meinung äußern, haben wir von unserem Arbeitgeber mit Repressalien zu rechnen …« (Stefan Kretzschmar, zitiert nach bild.de, 13.1.2019)

Als wollten sie Kretzschmar pragmatisch und lautestmöglich bestätigen, sprang die Fraktion der Mitläufer und Gehorsamen schnell.

Wie auch schon beim Angriff auf den Abgeordneten Magnitz traten, hier als Beispiel für viele weitere, wieder die Staatskomödianten vom NDR auf den Plan. Zynisch-sarkastisch formulieren sie: »In Deutschland gibt es keine Meinungsfreiheit! Gut, dass das mal wieder jemand nicht aussprechen darf.« (@extra3, 12.1.2019) – Die Staatskomödianten ignorieren, dass Kretzschmar explizit und beinahe wörtlich sagte, dass man diese Dinge zwar technisch sagen darf, dass die Konsequenzen aber erheblich sind, was im Alltag doch auf dieselbe Konsequenz hinausläuft. (Wäre hier »Lügencomedy« angebracht? Die NDR-Spaßmacher argumentieren aggressiv gegen einen Standpunkt, den Kretzschmar explizit nicht vertrat, sondern dessen Verneinung er als Hinleitung zu seiner These machte – sind die Staatsfunkler einfach nur überfordert oder wirklich so unehrlich?)

Wer in Deutschland über die dahinbröselnde Meinungsfreiheit klagt, dem wird von Gerngehorsamen entgegnet: »Klar hast du Meinungsfreiheit, aber dann musst du halt mit den Konsequenzen leben!« (Der Fundstellen sind so viele, suchen Sie einfach selbst im digitalen Medium Ihrer Wahl nach den Schlagworten Meinungsfreiheit und Konsequenzen.) – Der offensichtliche Widersinn solcher Argumentation durch latent-faschistische Linke wird leicht deutlich, wenn man andere Kontexte einsetzt, etwa: »Natürlich bist du frei, als Christ in Somalia (oder Saudi Arabien) öffentlich deinen Glauben zu leben, aber dann musst du eben mit den Konsequenzen leben.«, oder: »Natürlich bist du frei, in Russland öffentlich schwul zu sein, aber dann musst du eben mit den Konsequenzen leben.« »Natürlich bist …« – es ist widersinnig. Die Linken, die heute sagen »Natürlich kannst du deine Meinung frei kundtun, du musst dann halt nur mit den Konsequenzen leben«, die hätten exakt dasselbe auch im Dritten Reich sagen können, und wie ich die Charaktere so einschätze, hätten einige von ihnen es auch in hoher Lust am niederen Gehorsam gern getan.

Staublunge

Aus unserer eigenen Familiengeschichte: Nach der Invasion 1968 wurden alle Tschechen, die einen anständigen Job hatten oder antreten wollten (etwa ab der Funktion einer Bibliothekarin in der städtischen Bibliothek) auf ihre Loyalität geprüft.

Man stellte den Bewerbern eine simple Frage: »Was halten Sie von der internationalen Hilfe im August 1968?« – Das war der Kern der Besprechung, die wichtigste ihrer Qualifikationen.

Wer sagte, dass diese unverlangte »Hilfe« (= die Invasion durch die Truppen des Warschauer Paktes) falsch war, der war erledigt. Der Euphemismus »Bratrská pomoc« (in etwa: Bruderhilfe) wurde von den Machthabern ernsthaft verwendet, wurde aber bald vom denkenden Volk ironisch benutzt – auch darin gibt es Ähnlichkeiten zu heute.

Mein Vater hat selbst im Bergwerk unter Tage mit mehreren (!) Professoren Kohle aus den Steinen geschlagen. (Meine Geburtsstadt heißt »Havířov«, also etwa »Stadt der Bergarbeiter«.) – Er wurde bestraft, weil wir bekennende Christen waren, die Professoren wurden bestraft, weil sie den Überfall auf Tschechien kritisch sahen, oder wie Linksfaschisten sagen würden: Man war frei, seine Meinung kundzutun, man musste nur mit den Konsequenzen leben.

(Gerade wir Tschechen sind, ähnlich wie viele ehemalige DDR-Bürger, schockiert, wie die deutsche Linke heute ähnliche Denkmuster wiederholen.)

Jede Farbe

Meinungsfreiheit bedeutet, dass man seine Meinung ohne Repressalien äußern darf und kann. Wenn die Ministerien, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, politiknahe Leitmedien, Behörden, Schulen etc. ein Klima schaffen, das abweichende Meinung dämonisiert, wenn das Äußern abweichender Meinung deine Existenz vernichten kann und wird, dann ist das keine vollumfängliche Meinungsfreiheit.

Du bist frei, jede Farbe zu wählen, vorausgesetzt die Farbe ist schwarz; so hieß es früher bei Autos. Du bist frei, jede Meinung zu äußern, vorausgesetzt es ist nicht die »destabilisierende falsche Meinung«, sondern die eine, richtige.

Du bist frei, so die Gutlackierten heute, und wenn du dich nicht frei fühlst, dann vernichten wir deine Existenz.

Wer sich nicht bewegt, der spürt seine Fesseln nicht, so sagt man, und es ist wahr.

Eine eigene Meinung muss man sich leisten können, ihr Preis ist hoch und er steigt weiter. Man muss die freie Meinung nicht verbieten, so das neue Einheitsdenken, man muss sie nur sehr, sehr teuer machen.

Bürger, die auch nur ein klein wenig selbst nachdachten, haben in den letzten Jahren gespürt, wie schnell einem die Handschellen öffentlicher Meinung angelegt werden.

Wie ist der Stand der Meinungsfreiheit in Deutschland? Wer sich bewegt, bekommt einen drauf, da sagt Kretzschmar das Offensichtliche, und gerade das ist heute wieder ein mutiger Akt.

Neue Regel(n)

Wenn Sie in den letzten Jahren nicht das Gefühl hatten, dass Ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, sind Sie sicher, dass Sie auch innerlich frei sind? Und, andersherum: Wenn Sie in den letzten Jahren das Gefühl hatten, dass die Grenzen der Meinungsfreiheit immer enger werden, dass Sie täglich mehr fürchten, zu sagen, was Sie wirklich denken, dann hat dies doch ein Gutes: Wer die Meinungsfesseln spürt, der weiß, dass er innerlich frei ist.

Die Einschränkung der Meinungsfreiheit ist besorgniserregend, kein Zweifel. Doch, noch mehr Sorgen als die Einschränkungen der Meinungsfreiheit machen mir die Menschen, welche die Fesseln gar nicht erst spüren.

Wenn dich die Fesseln schmerzen, welche sie dir anlegen, dann freue dich, denn das heißt, dass du noch Freiheit kennst! Und dann, nachdem du dich gefreut hast, schüttele die Meinungsfesseln wieder ab – der Mensch ist nicht zum Gehorsam geboren, sondern zur Freiheit!

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