Wie Meinungen entstehen

Zu Beginn seines Tricks zeigt uns der Magier zuerst etwas ganz Gewöhnliches. Manchmal ist das, was er zeigt, wirklich ganz gewöhnlich (und der Trick besteht in etwas anderem), manchmal erscheint es nur als gewöhnlich. Dann aber passiert etwas, und das, was passiert, hat einen unerwarteten Ausgang.

Der Bühnenmagier lenkt uns ab, von dem, was wirklich passiert. Mit der einen Hand tut er das, worauf wir achten sollen – mit der anderen Hand führt er unbemerkt den Ausgang des Zaubertricks herbei. Wir achten auf genau das, wovon der Zauberer möchte, dass wir darauf achten. Dann, Trara!, ist der Trick vollbracht, und wir merken, dass wir die ganze Zeit auf etwas anderes hätten achten sollen. (Schönen Film mit inzwischen klassischen Monolog dazu: The Prestige)

Der Zauberer zeigt ein Kartendeck, und er fragt: »Ist das ein ganz gewöhnliches Kartendeck?« – Sie sagen »Ja«, und er bittet Sie, zufällig eine Karte zu wählen. Sie wählen eine Karte. Sie merken sich Farbe und Zahl. Sie stecken die Karte zurück und alles wird durchgemischt. Es folgen Ablenkung und Handwedeln, Hokus und Pokus – und zum großen Finale findet der Zauberer »magischerweise« Ihre Karte!

Magie auf der Bühne ist ein Spiel. Alle wissen, dass es eine Ablenkung gab. Alle wissen, dass das, was Sie sehen, Sie nicht wirklich sehen, dass es da noch eine weitere, eigentliche Wahrheit gibt. Ihr Verstand und Ihre Augen widersprechen einander. Es kribbelt angenehm, doch nur weil es ein Bühnenspiel ist. Durch die Uneigentlichkeit der Veranstaltung haben wir keine Angst – wenn dasselbe im richtigen Leben passieren würde, würden wir an unserem Verstand zweifeln.

Meinungsmagie

Wer auf einer Bühne die Münzen und Uhr des mitspielenden Publikums verschwinden lässt, der ist ein Magier. Wenn er es auf eine überraschende und unterhaltsame Weise anstellt, dann wird man ihn feiern und das Publikum wird ihm gern Eintritt bezahlen. (Am Ende der Vorstellung sollte er aber immer den Zuschauern zurückgeben, was ihnen gehört!)

Nehmen wir für einen Augenblick an, ein Kerl auf der Straße würde ebenfalls Uhren »verschwinden lassen«, doch ohne sein Publikum einzuweihen – und ohne die Uhren am Ende zurück zu geben. Einen solchen Kerl würden wir Taschendieb und Trickbetrüger nennen!

Wir haben es heute viel mit sogenannten »Meinungsmachern« zu tun.

Das Wort »Meinungsmacher« ist ein erstaunlich ehrliches Wort für ein recht schattiges Gewächs. Meinungsmacher machen Meinung, das ist schon richtig. Die Mittel der Meinungsmacher weisen allerdings Ähnlichkeit zu den Mitteln der Magier auf – obwohl: weil sie ihre Mittel verheimlichen, wäre ein Vergleich mit Taschendieben vielleicht angemessener.

Wir ertrinken heute in Meinungen. Ganze Konzerne und Sendeanstalten pumpen Tag und Nacht neue Meinungen in das große Meinungsbad.

Was muss man tun, um nicht im Wasser zu ertrinken? Schwimmen lernen. Was muss man tun, um nicht in all den Meinungen unterzugehen? Man muss verstehen, wie Meinungen gemacht werden.

Niemand, auch Sie nicht, ist »zu schlau«, um auf Meinungsmache hereinzufallen. Ich will hier und heute erklären, wie Meinung gemacht wird.

Das Skelett der Meinung

Ein paar Meinungen, die heute kursieren:

  1. Schokoaufstrich gehört verboten!
  2. Es geht den Staat nichts an, was ich esse!
  3. Wir sollten alle Grenzen öffnen!
  4. Wir sollten alle Grenzen schließen!

Eine Meinung bezieht sich meistens auf eine Veränderung – oder auf die Verhinderung einer Veränderung.

Wie kommt es, dass der eine Bürger den Schokoaufstrich verbieten (oder erschweren) möchte und der andere Bürger ganz super doll gegen ein solches Verbot ist? Ist einer der Bürger blöd und der andere schlau? Ist der eine Bürger gewissenlos und der andere gewissenhaft?

Gläubige Menschen meinen manchmal, es sei »Gott«, der ihnen ihr Gewissen – und damit ihre Meinung! – gegeben habe. Sorry, das ist nicht ganz richtig. Unsere Meinungen sind nicht »göttlich«, sonst würde es ja nicht passieren, dass wir die Meinung ändern. Sie sind weder unhinterfragbar noch unveränderbar. Unsere Meinung ist viel zufälliger und beliebiger, als wir meinen.

Sollten wir Schokocreme (oder die Werbung dafür) verbieten? Ein solches Verbot würde mehrere Zusammenhänge betreffen. Es würde den Eltern, die ihre Kinder vom Zucker fernhalten wollen, das Leben vereinfachen. Es würde die Gewinnmöglichkeiten der betroffenen Firma, ihrer Lieferanten und Partner beeinträchtigen. Nach Meinung der Kritiker eines solchen Verbots würde es Prinzipien wie Entscheidungsfreiheit, persönliche Freiheit und Selbstverantwortung einschränken. Ohne Zweifel würde die Verteuerung oder gar das Verbot von Nougatcreme in die Lebensqualität jener, die sie gerne essen, eingreifen.

Welche Meinung man zu gesetzlichen Maßnahmen ob kindlichen Zuckerkonsums hat, hängt davon ab, welche der betroffenen Zusammenhänge einem wichtiger ist. Ist es Ihnen wichtiger, den Eltern die Erziehung einfach zu machen – oder ist es Ihnen wichtiger, dass alle Firmen völlig frei bewerben und jedem verkaufen dürfen, was sie wollen? Welchen Zusammenhang einer Veränderung Sie wichtiger finden, hängt zum wesentlichen Teil von Prägungen in Ihrer Vergangenheit ab.

Wenn Sie selbst ein »Managertyp« sind und dazu noch keine größeren Probleme bei der Erziehung Ihrer Kinder kennen, könnten Sie dazu tendieren, die Freiheit des Verkaufens und Kaufens wichtiger zu finden. Wenn Sie dagegen Elternteil sind und darunter leiden, dass Ihre Kinder sowieso zu oft zu laut nach Zuckerkram verlangen, könnten Sie es wichtiger finden, dass der Staat Ihnen ein wenig dabei hilft.

Nougatcreme ist noch ein einfaches Thema, doch dasselbe Prinzip zählt für sehr viel schwierigere Fragen, etwa der Frage nach der Öffnung – oder Schließung – der Grenzen. Was ist uns wichtiger? Wer die Grenzen offen halten möchte, macht uns den Zusammenhang »die Migranten selbst« wichtig, indem er etwa wie das GEZ-TV die Bilder großäugiger Kinder zeigt. Wer die Grenzen schließen möchte, macht uns den Zusammenhang »Nachhaltige Politik« besonders wichtig; die Offene-Grenzen-Debatte ist eine Debatte über Zusammenhänge.

Wie manipulieren wir eine Meinung?

Ein öffentlicher Denker (wenn er irgendwas taugt) kann auf den Zuhörer wirken, als würde er grundsätzlich widersprechen. Im Englischen nennen sie so einen »contrarian«. Wann immer sich eine allgemein akzeptierte Meinung etabliert, wird der öffentliche Denker (wenn er etwas taugt) automatisch nach Wegen suchen, dieser etablierten Meinung zu widersprechen – selbst und gerade wenn er sie teilt! Seine Motivation ist, den Mitmenschen bewusst zu machen, dass es immer auch andere Zusammenhänge als die aktuell »beliebtesten« gibt.

Es ist nicht (nur) Lust an Reibung und Dagegensein. Wer eine Meinung einnimmt und sich nicht dessen bewusst ist, dass auch eine andere Meinung eine Berechtigung haben könnte (nämlich wenn man andere Zusammenhänge oder einen anderen Zeitrahmen betrachtet), der ist womöglich bereits Opfer von Propaganda oder einfach nur eigener Überheblichkeit geworden.

Ein Bühnenmagier versucht, den Zuschauer zu »manipulieren«, auf die Handlungen der einen Hand zu achten und die Handlungen der anderen Hand zu ignorieren. Der Taschendieb rempelt das Opfer an oder schiebt ihm etwa einen Pappkarton unter die Nase, und so lenkt er das Opfer davon ab, dass er zugleich das Portmonnaie aus der Tasche stiehlt. Der Propagandist macht den einen Zusammenhang durch Psychotricks (Bilder kleiner Kinder, Dauer-Berichterstattung, Schuldgefühle etc.) besonders wichtig, und ignoriert oder verteufelt sogar die mögliche Betrachtung anderer Zusammenhänge.

Die Aufgabe des Propagandisten ist es, eine Meinung durchzusetzen. Dafür muss er einen Zusammenhang sehr wichtig erscheinen lassen – und einen anderen Zusammenhang ausblenden. Wenig macht dem Propagandisten solche Angst, wie wenn ein öffentlicher Denker einen zusätzlichen Zusammenhang in die Debatte einbringt. (Siehe auch: Lasst euch nicht triggern!)

Damit (möglichst) alle dasselbe wollen, müssen alle dasselbe meinen. Damit alle dasselbe meinen, müssen alle dieselben »richtigen« Zusammenhänge berücksichtigen – und die »falschen« Zusammenhänge ignorieren.

Es ist gar nicht notwendig, dass das GEZ-TV nonstop dieselbe Meinung vertritt, um im Effekt genau eine Meinung durchzusetzen! Es ist sogar möglich, gelegentlich abweichende Meinungen zu senden, so wie wenn man etwa einen Regierungskritiker in die Talkshow einlädt (wobei auch das deutlich seltener zu werden scheint – sicher ist sicher). Entscheidend ist, dass das GEZ-TV den größten Teil der Zeit jene Zusammenhänge in den Fokus schiebt, welche die gewünschte Linie plausibel machen, während man jene Zusammenhänge, welche die gewünschte Linie in Frage stellen, mit Winkelworten wie »nur regionale Bedeutung« für irrelevant erklärt.

Meinungslüge

Die meisten Meinungen transportieren zwei zusammenhängende Lügen. Die meisten Menschen, die einfach so eine Meinung innehaben, transportieren (leider meist unbewusst) gleich zwei Unwahrheiten.

Wenn ich sage, »ich bin der Meinung, dass X«, dann sage ich eigentlich, dass ein bestimmter Zusammenhang, in welchem X steht, mir besonders wichtig ist – und jemand mit einer anderen Meinung sagt eigentlich, dass ihm ein anderer Zusammenhang wichtig ist. Das ist alles, und darüber werden Kriege geführt.

Die erste Unwahrheit  (bei Propagandisten: »Lüge«) ist, »das ist mir wichtig« mit »das ist wichtig« zu verwechseln. (Man erkennt sie unter anderem daran, dass sie Meinungen als »Fakten« ausgeben oder einfach ihre Aussagen mit Formulierungen wie »Punkt!« beenden.)

Was sollte das überhaupt bedeuten, dass etwas »absolut« wichtig ist. Ein Zusammenhang kann immer nur einem Menschen, oder vielen Menschen wichtig sein. Ein Meinungsmacher, der einen Zusammenhang für absolut wichtig erklärt, verhält sich exakt so wie ein Fundamentalist, der ein religiöses Gebot für absolut wichtig erklärt.

Die zweite Unwahrheit, die hinter den meisten Meinungen steckt, besteht darin, zu vergessen, dass andere Zusammenhänge möglich sind.

Merksätze

Ich will mit diesem Text helfen, mich selbst (und mit mir Sie, die Leser) ein wenig gegen Meinungsfieber zu immunisieren.

Drei Merksätze zu Meinungen:

  1. »Meinung« entsteht dadurch, dass ein Zusammenhang sich wichtiger anfühlt als ein anderer.
  2. Wir verwechseln oft, »das ist mir wichtig« mit »das ist (absolut) wichtig«.
  3. Zu jeder Meinung gibt es auch andere mögliche Zusammenhänge.

Möge es uns gelingen, jedes Mal wenn wieder die Meinungswogen branden, uns daran zu erinnern: »Meinung« bedeutet nur, dass mir ein Zusammenhang extra wichtig ist – es gibt andere Zusammenhänge und unter anderen Umständen könnte mir ein anderer wichtig sein, und dann hätte ich die gegenteilige Meinung!

Es sind viele Propagandisten und Meinungsmacher unterwegs. Sie spalten, wo Debatte und Verständnis notwendig wäre. Setzen wir neue Fenster in die Wände unserer dunklen Meinungshütten und lassen das Licht herein!

Bei diesem Text, liebe Leser, möchte ich Sie explizit bitten: Teilen Sie ihn! Dieser Text soll helfen, den Meinungskrieg ein wenig zu entschärfen und zusammen zu finden – bitte helfen Sie, indem Sie diesen Text teilen.

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