22.10.2019

Einem von diesen meinen geringsten Brüdern

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild von Aperture Vintage
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»Rentnerin (87)«, »Mädchen (5)«, … wir ahnen den Rest. Gutmenschen nehmen das in Kauf. Hilft es, die Bibel zu zitieren? – »Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.« – Ja, das meint »Mädchen (5)« und »Rentnerin (87)«!!
Einem von diesen meinen geringsten Brüdern
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Wie viele der Kinder müssen lebendig nach Hause kommen, damit man sagen kann, dass ein Kindergartenausflug erfolgreich war? Es mag pedantisch wirken, doch ich meine, dass wenn ein Krokodil auch nur ein oder zwei der Kinder frisst, der Ausflug nicht insgesamt ein Erfolg genannt werden kann.

Mein Beispiel mit dem Kindergartenausflug und dem Krokodil ist Ihnen zu herb? Nun denn, geben wir derselben Wahrheit ein anderes Bild! Wie viele Stücke muss man am Puzzle beschädigen, damit man sagen kann, dass das gesamte Puzzle beschädigt wurde? Ich würde ja sagen: Ein Schaden am kleinsten Puzzlestück ist ein Schaden am ganzen Puzzle. Nimm das kleinste Stück weg, und du hast das Ganze zerstört. Das Ganze ohne sein Kleinstes ist eben nicht mehr das Ganze.

Welches ist das größte der Gebote? Ist es jenes, wonach man seinen Nächsten lieben soll? Ist es jenes, wonach man nicht vor Gericht gegen seinen Nachbarn falsch aussagen soll? (Ja, Sie wissen, welches ich meine. Nein, dort steht nicht »lügen«, aber »Falsches-Zeugnis-Presse« rollt nicht so gut von der wütenden Zunge.)

An manchen Tagen, und heute ist so ein Tag, halte ich ja ein anderes der Gebote für das Größte, und es ist nicht einmal ein Gebot, mehr eine Mahnung, und sie geht so: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matthäus 25:40b). Soll sagen: Seid gut zu den Geringsten und den Schwächsten, und wenn ihr zu denen nicht gut seid, spart euch euren Gottesdienst.

In Klammern: 5

Wie geht Deutschland mit seinen Geringsten um, mit seinen Schwächsten? Wir lesen:

Jede zweite Rente beträgt weniger als 900 Euro.
(manager-magazin.de, 26.7.2019)

»Dann verdient euch doch etwas dazu«, könnte ein Gutmensch sagen, »Hauptsache ihr geht uns mit eurer Armut aus dem Blick

Nun, die 87-Jährige Rentnerin Ursula hat sich mit Tellerwaschen etwas Geld dazu verdient, und davon hat sie gespart, wie es sich gehört, wie es einst klug war und wie es noch immer anständig ist. Wie geht es ihr heute? Wir lesen:

„Der Angeklagte hat mit massiver stumpfer Gewalt auf Kopf, Hals, Brustkorb, Arme und Beine der Rentnerin eingewirkt und sie mit einem Stich verletzt“, sagt Oberstaatsanwalt Horst Sauerbaum (52). „Die Leiche wickelte er in ein Bettlaken, steckte sie in einen schwarzen Rollkoffer und verstaute sie in einem Schrank im Keller.“
(bild.de, 21.10.2019)

So sieht es also am Ende des Lebens in Deutschland aus, wenn man arm ist, wenn man den falschen Job hatte, wenn man auf den Staat vertraute, wenn man zu gutgläubig ist oder wenn man einfach Pech hatte. Wie sieht es am Anfang des Lebens aus? Ach, ich will gar nicht in die Details gehen. Muss ich mehr zitieren als »Mädchen (5)«? Nein, ich muss und will nicht, aber das Mädchen hat überlebt, so viel sei gesagt, und die ganze Meldung ist per »soll« und Frageform im Status der Möglichkeit gehalten. (bild.de, 21.10.2019)

Nein, nicht alle Opfer neuer Gewalt sind arm oder stammen aus sozial schwierigen Verhältnissen, und doch beginnt ein Muster zu erscheinen. Es sind eher selten reiche Wohlfahrtsbonzen, Propagandisten oder professionelle Gutmenschen, und auch ihre helikopterbehüteten Kinder nicht, welche der Gewalt zum Opfer fallen – es scheinen tendenziell eher »einfache Menschen« zu sein. Sozial nicht Überdurchschnittliche, Schwächere, Gutgläubige, und einige, die einfach nur »Pech« hatten.

In schnapsgetränkter Kleidung

Im Rettungswesen kennt man eine Faustregel, was die Opfer von Verbrennungen angeht: »Normal people don’t burn« – »Normale Menschen brennen nicht«. Es bedeutet: »Öfter als andere brennen Menschen, deren Leben schon vor dem Feuer in Schutt und Asche lag, Menschen, die ihre Krankheitsgeschichte schon mitbringen.« (spiegel.de, 14.1.2002) – Menschen, die ihr Leben im Griff haben, zünden sich selbst eher selten an, sie schlafen nicht volltrunken mit der Zigarette im Mundwinkel in schnapsgetränkter Kleidung ein.

Nein, nicht immer sind die Schwerverbrannten »nicht normal«, es gibt auch ganz »normale« Unfälle, aber die Faustregel hat ihre Berechtigung. Vielleicht brauchen wir eine neue, zusätzliche Faustregel: »Rich people don’t suffer the consequences of tolerance«, zu Deutsch: »Reiche Leute erleiden nicht die Folgen von Toleranz«.

Ja, mir fallen Ausnahmen ein. Ich meine etwa, mich an den Fall einer Wohlhabenden zu erinnern, die ganz »wie normale Leute« durch den Park ging. Ich wollte es googeln – das war ein Fehler. Man könnte lange Aufsätze über Deutschland in 2019 schreiben, man könnte mahnen und warnen. Oder man könnte einfach »frau mord park« googeln – doch tun Sie es nicht vorm Schlafengehen, nein, besser: Tun Sie es lieber gar nicht.

Was ihr getan habt

Was ist das für ein Land, das seine Kinder und seine Rentner in Gefahr bringt, ein Land, das den Schwächsten solches Unrecht antut, und solches Tun dann Moral nennt?

Und: Welches ist das Größte der Gebote? Ich habe den Verdacht, dass allen großen Geboten eine einzige Wahrheit zugrunde liegt, eine Aufforderung, und ich bin recht sicher, dass jener Satz von dem geringsten unter den Brüdern, und dem, was man ihm angetan hat, sehr nah dran ist.

Es ist zweifellos wichtig und richtig, den Mächtigen und Starken gewissen Respekt zu schenken, doch das tun selbst die Wölfe und die Schimpansen. Wenn wir unsere Geringsten nicht schützen, sind wir nicht besser als jene Tierarten, welche ihre Schwächsten zurücklassen.

Jene Tiere tun es, weil ihr Rudel geschützt wird, wenn sie sich der Schwächsten entledigen, weil sonst alle von ihnen in Gefahr wären, doch warum tun wir Menschen das?

Leben im Griff

Wie viele der Kinder müssen lebendig nach Hause kommen, damit man sagen kann, dass ein Kindergartenausflug erfolgreich war? Alle, verdammt noch mal – alle!

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern… – was tun wir unseren Schwächsten an?!

Verschont mich mit eurer Moral, und haltet das Maul über eure Werte, solange eure Alten in Armut leben, solange ihr die Kinder der Armen in Gefahr bringt, während ihr eure Heuchelei zelebriert!

Menschen, die ihr Leben im Griff haben, zünden sich selbst eher selten an. Nationen, die bei Verstand sind, lassen sich nicht von linken Ideen herumschubsen. Völker, die ein Gewissen haben, lassen ihre Schwächsten nicht in Gefahr geraten.

Und, natürlich: Kindergärtnerinnen, die ihre Arbeit ernst nehmen, unternehmen keine Ausflüge durch den Sumpf mit den Krokodilen.

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