Risse in der Mauer des Bullshits

Die Sphinx stellte einst dem Ödipus ein Rätsel:

»Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.«
Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums

Wer ist gemeint, und warum?

(Vielleicht kennen Sie das Rätsel und seine Lösung. Dann »Psst!« – verraten Sie es bitte noch nicht Ihren Mitlesern!)

Die meisten Menschen lieben Rätsel, besonders aber die Kinder und die Philosophen.

Ein Kinderrätsel:

»Bin ich davor,
bin ich darin.
Bin ich darin,
bin ich davor.«

Welcher Gegenstand ist gemeint? (Auch hier sage ich Ihnen die Auflösung später.)

Schließlich noch eines der bekanntesten Gedankenexperimente (so nennen Philosophen ihre Art von »Rätseln«), das »Trolley-Problem«:

Eine Dutzend Menschen hält sich, warum auch immer, auf den Gleisen auf. Ein Zug rollt heran und wird sie wohl alle töten. Kurz vor ihnen ist im Gleis allerdings eine Weiche und ein Weichensteller hat die Möglichkeit den Zug auf ein Nebengleis umzuleiten. Auf diesem Nebengleis nun befinden sich zwei Gleisarbeiter. – Soll der Weichensteller den Zug von seinem vorgesehenen Weg ablenken, womit der Zug dann die zwei Menschen tötet und die zwölf Menschen am Leben bleiben?

In der Antwort auf dieses ethische Rätsel sind die Begründungen interessanter als die Antworten. Es gibt leider durchaus reale Situationen, in denen Menschen vor ähnlichen Dilemmata stehen. Retter bei Massenunfällen müssen entscheiden, welche Menschenleben sie zuerst zu retten versuchen. Die Software in selbstfahrenden Autos wird in kritischen Situationen innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen Risiken – und damit zwischen Menschenleben – entscheiden müssen. In Deutschland wurde rund um das »Luftsicherheitsgesetz« diskutiert, ob die Bundeswehr in einer 9/11-Situation ein entführtes Passagierflugzeug abschießen darf.

Und schließlich, eine letzte Rätselfrage, die/der wir uns alle stellen (sollten)!

Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Wie soll ich mein Leben leben, so dass ich am Ende zufrieden sein werde?

Dieses letzte Rätsel versuchen Religionen und Philosophien zu beantworten, während Schnapsbrenner und Komiker uns Mittel zur Verfügung stellen, welche die Offenheit der Frage »erträglicher« machen.

Das Rätsel

Ich selbst widme mich einem auf den ersten Blick recht speziellen »Rätsel«:

Wie kommen wir – als Individuum und als Gesellschaft – zu unseren ethischen Urteilen? Wie können wir auch spontan zu ethischen Urteilen kommen, die uns langfristig glücklich machen?

Ich halte dies für die wichtigste gesellschaftliche Frage, heute und in den kommenden Jahrzehnten.

Was sind denn die »großen Themen«, heute und in den nächsten Jahren?

Einige Beispiele:

  • Welche Verantwortung hat der reiche Westen für Menschen aus armen Ländern – und wie soll er diese (gegebenenfalls) praktisch umsetzen?
  • Was ist uns wichtiger, Umweltschutz oder wirtschaftliche Entwicklung auch in Schwellenländern?
  • Wie können Demokratien ihre Toleranz um-/durchsetzen gegenüber Religionen und/oder Kulturen, die Toleranz und Demokratie im Effekt oder expressis verbis ablehnen?
  • Wie geht eine Gesellschaft damit um, wenn Menschen ihre Freiheit dazu nutzen, sich Krankheiten »anzufressen«? (Stichwort: die Ethik von »Nudging«.)
  • Auch wenn die Grünen es lächerlich gemacht haben: Welche Verantwortung haben wir gegenüber anderen Lebewesen auf diesem Planeten, vor allem denen, die offensichtlich ein dem Menschen ähnliches Bewusstsein haben?

Die Antworten hängen jeweils zuverlässig damit zusammen, auf welche Weise der Antwortende zu seinem ethischen Urteil gelangt ist. Viele große Themen sind heute zurückführbar auf die eine große Meta-Frage: Wie kommen wir zu unseren ethischen Urteilen?

Das Problem

Als ich jung war, dachte ich auf eine naive Weise, dass sich das doch alle fragen müssten: Natürlich steht die Frage nach den Bedingungen unserer ethischen Erkenntnis hinter vielen unserer großen Probleme! Bestimmt würden Menschen sich darüber unterhalten wollen.

Niedlich.

Die Realität ist eine andere. Sehr viele Menschen sind ununterbrochen damit beschäftigt, mit Gewalt ihr eigenes Nicht-Denken in der Breite durchzusetzen.

Manche Religiöse und Gutmenschen empfinden es als Angriff und Beleidigung, mit ihnen über die Bedingungen ihrer ethischen Urteile reden zu wollen. Die einen nennen die Fragenden dann »Ungläubige«, die anderen nennen einen derzeit »Nazi« oder »Rechtspopulist«. Sie haben extremistische Flügel, die für sie die schmutzige Arbeit erledigen. Sie schneiden den Fragenden die Kehle auf, selbst wenn diese nur durch ihr bloßes Anderssein »fragen«. Sie zünden Autos der Fragenden an, bedrohen ihr Heim oder prügeln sie ins Krankenhaus. Der Widerstand gegen die öffentliche Debatte der Grundlagen ethischer Konzepte ist viel größer, als ein junger Philosoph es sich albträumen könnte.

Die Wand

Selbst wenn der Fragende bereit ist, solche Gefahr in Kauf zu nehmen und in den Grundlagen ethischer Entscheidungen zu stochern, stellt er schnell fest, dass vor dem »ethischen Motor« vieler Menschen noch eine Wand aus Bullshit steht.

Diese Wand aus Bullshit ist nicht homogen. Es sind Vorurteile darunter, zum Beispiel die der Rassisten, ob sie nun alle Fremden für böse erklären oder, wie Gutmenschen es tun, für gut (»edle Wilde«). Es ist die Bereitschaft, von oben diktierte Begriffe blind zu übernehmen. Es ist der (angeborene) Wille, starken Autoritäten zu folgen. Es ist immer wieder die Neigung, die im Augenblick angenehme Lüge der unangenehmen Wahrheit vorzuziehen.

Lassen Sie mich hier einschieben, dass ich sehr nachdrücklich zuerst über mich selbst spreche. Dieser »Bullshit« ist sehr menschlich. Aber nicht alle von uns sind im gleichen Maße bereit, daran zu arbeiten.

»Denken tut weh«, pflegt meine Großmutter diesen Sachverhalt zu kommentieren. Was dem Menschen weh tut, das wird er mit Gewalt abzuwehren suchen.

Mein Ansatz

Die Absicht hinter meinem Schreiben ist einfach zu erklären. Ich arbeite mit einem destruktiven und einem konstruktiven Schritt:

  1. Ich versuche, mit spitzen Worten die Risse und Widersprüche in der Mauer des Bullshits weiter aufzureißen.
  2. Mit allerlei Tricks versuche ich, Menschen zu bewegen, über die Bedingungen ihrer ethischen Urteile nachzudenken.

Eine berühmte Zeile des Dichters und Sängers Leonard Cohen im Lied »Anthem« lautet:

There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.
– Leonard Cohen, Anthem (Album: The Future)

In allem ist ein Riss, so gelangt das Licht hinein.

»Qualitäts-Journalisten« mögen ihre Aufgabe darin sehen, die Risse in den Mauern des Bullshit-Konsenses zu kitten. Für die schmutzige Aufgabe, Bullshit mit Bullshit zu reparieren, gibt es Journalismuspreise, gutbezahlte Jobs und Zugang zur Macht.

Ich bin, in diesem Sinne, ein »Anti-Journalist«. Ich will nicht kitten und zusammenkleben, was aus gutem Grund auseinanderbricht. Ich will die Risse in der Mauer des Bullshits weiter aufreißen. Durch diesen zum Spalt aufgehebelten Riss werfe ich die Frage hinein: Was sind die Grundlagen deines ethischen Urteils?

Mein Buch »Talking Points« wollte den Leser stark machen, selbst die Risse in der Mauer des (politischen) Bullshits weiter aufzureißen. Mein nächstes Buch (derzeit im Lektorat) verfolgt den gleichen Zweck: Die Risse in der Mauer des Bullshits weiter aufreißen – und dann die Menschen motivieren, über die Bedingungen ihrer ethischen Urteile nachzudenken.

Meine Freunde und Leser mögen mich daran messen. Meine Feinde versuchen jeden Tag, mich daran aufzuhängen.

Auflösungen

Lassen Sie uns die gestellten Rätsel auflösen, so gut wir können.

Zur großen Frage, was der Mensch mit seinem Leben anstellen solle, hier mein Lösungsvorschlag: 1. Erkenne deine Kreise (die Strukturen, die dir wirklich relevant sind), 2. ordne deine Kreise (versuche, dein Leben so zu arrangieren, dass du keine großen Widersprüche lebst), und 3. stütze deine Kreise (stärke Strukturen, die dir wirklich relevant sind, je nach der Stärke der Relevanz). – Zu den Details an anderer Stelle mehr.

Zum Trolley-Problem: Es ist noch offen, hängt aber u.a. von Faktoren wie »Beispielfunktion« ab und Fragen wie der, ob der Mensch zum »Objekt« werden darf.

Zum Kinderrätsel: Es ist der Spiegel, in welchen der Mensch hineinschaut.

Zum Rätsel der Sphinx schließlich: Es ist natürlich der Mensch. Als Säugling läuft er auf allen Vieren, später auf zwei Beinen, in den letzten Jahren braucht er zum Laufen den Krückstock.

Wir sind auf gutem Weg

Die mir wichtigen Strukturen sind meine Familie, meine Freunde, meine mich beherbergende Kultur und meine Leser rund um die Welt. Ich kämpfe mit Worten an der Seite jener, welche die Mauer des Bullshits mit Verstand, Fakten und besseren Argumenten angreifen. Ich will Menschen dazu bewegen, über die Grundlagen ihrer ethischen Meinungen nachzudenken. Das ist, was mich antreibt.

Ich danke jedem Einzelnen, der mich bei dieser Arbeit unterstützt.

An jene aber, die Sie mich für meine Arbeit hassen: Sie bauen die Mauer des Bullshits, sei es aus Angst oder aus Zynismus – meine Leser und ich werden jedoch weiter Tag und Nacht die dummen Steine aus Ihrer Bullshit-Mauer herausschlagen.

Einige unserer Gegner werden in letzter Zeit nervöser und aggressiver. Sehr gut. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.


Wie ich denke

Relevante Strukturen

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