Dem Wähler unsere Politik vermitteln

Ein Generator für Statements am Wahlabend

Hitler, bekannt aus Drittem Reich und Autobahnbau, ist der nachdrücklichste Beleg dafür, dass Wahlen etwas verändern können. In der Neuzeit wird deshalb dieses Risiko minimiert. Erfolgreiche Methoden hierfür sind zum Beispiel gläserne Wahlurnen, geschulte Auszähler, antifaschistische Aktivisten und via Gesetz finanzierte Medien mit politischen Aufsichtsräten. Oppositionspolitiker werden als »Nazi-Schlampe« etc. verunglimpft – so lange, bis ausreichend wenige Menschen motiviert sind, »falsch« zu wählen.

Parteien

Ich habe, vor vielen Monden, einen Sommer lang in einer Farbenfabrik gearbeitet. Ich musste Farbe aus einem Silo in Farbeimer gießen. Die Anweisungen am Morgen sahen ungefähr so aus: Drei Paletten Marke X, eine Palette Marke Y, zwei Paletten Marke Z, und so weiter. Ich habe immer dieselbe Farbe in die Eimer gegossen – nur die Deckel und Etiketten wechselten. Im Baumarkt aber standen die Eimer zu sehr unterschiedlichen Preisen zum Verkauf, die eine Marke kostete das Dreifache der anderen. Marke X war ja auch für den anspruchsvollen Bauherrn, Marke Y für den kostenbewussten, et cetera. (Am Rande: Nicht die teure Marke war heimlich schlecht, die billige Marke war heimlich richtig gut. Das kam für den Hersteller günstiger als verschiedene Farbrezepte anzumischen.)

Doch reden wir über Politik. Der Wähler hat in Deutschland die Möglichkeit, zwischen verschiedenen politischen Geschmacksrichtungen zu entscheiden. »Griechenland« wird »gerettet« werden und Macht graduell nach Brüssel übertragen, so oder so. Die Demokratie wie die Börse sind ein Casino – am Ende gewinnt immer die Bank. Der Wähler kann sich aber entscheiden, welches Etikett draufkleben soll. (Man könnte mir widersprechen und darauf hinweisen, dass desaströse Bildungspolitik und versuchte Deindustrialisierung regelmäßig mit SPD bzw. Rot-Grün einhergehen. Da wäre durchaus etwas dran. Aber widersprechen Sie nicht mir und nicht hier. Widersprechen Sie in der Wahlkabine. Für die folgende Untersuchung macht das wenig Unterschied.)

Kaugummifüller

Um dem Wähler ein Thema zu geben, gibt es auch innerhalb des erlaubten, »richtigen« Wählens eine Auswahl an Möglichkeiten. In der Postdemokratie sind politische Richtungen wie Kaugummi: Es beschäftigt die Kiefer auch lange nachdem der Geschmack draußen ist.

Der Wähler gibt eine Stimme für den Farbeimer seiner Wahl ab, und anschließend wird demokratisch ausgezählt wer sich danach die meisten Füller leisten kann. Jemand hat gewonnen und jemand hat verloren. (Interessanterweise gibt es zwei Arten zu gewinnen/verlieren: Einmal gemessen daran, ob man regieren wird können, und einmal gemessen an den Erwartungen und den Ergebnissen der vorherigen Wahl.)

Wer gewinnt, muss eine angemessene Form der Siegesfeier finden. Wer verliert, den erwarten Rituale öffentlicher Demütigung.

Stegner

Im alten Rom war die Hinrichtung der unterlegenen Gladiatoren ein besonderes Vergnügen fürs römische Volk. Wir sollten zwar nicht mehr »Volk« sagen, aber die Demütigung der Unterlegenen ist uns noch immer ein Fest.

Ralf Stegner ist der deutsche König des politischen Hatespeech. Gegen Stegner ist Pirinçci ein Klosterschüler, wenn auch mit reicherem Sprachschatz. In Schleswig-Holstein hat Stegners SPD, mit Frauenversteher Albig als Spitzenkandidat, letze Woche eine krachende Wahlniederlage erlitten. (Anschließend wurde Stegner mit 100% zum Fraktionschef wiedergewählt. Keine logische Konsequenz, aber die SPD ist schon länger im Verkehrte-Welt-Modus. Haben Sie deren Kanzlerkandidaten gesehen?) »Das Netz« feierte eine Orgie hämischen Spotts. Fotos von Stegners ins Kinn übergehenden Mundwinkeln kursierten.

Liebe Stegner-Hater, ich habe eine Info für Sie: Der Stegner bekommt im Monat mehr Euro aufs Konto überwiesen als einige von Ihnen im ganzen Jahr. Er wird auch dafür bezahlt, dass Sie sich über ihn lustig machen. Beim Lesen seines Kontoauszugs guckt er wahrscheinlich weniger grimmig.

Die öffentliche Demütigung der Unterlegenen ist Teil der Demokratiespiele. Und wie so viel in Spielen ist auch dies ritualisiert.

Rituale des Sieges, Rituale der Demütigung

Die Informierten unter Ihnen haben mein Buch »Talking Points« gelesen und verstehen in Folge, wie politische Sprache, also »Talking Points«, funktionieren. (Die anderen sind eben Opfer des Bullshits, in der Fachsprache auch »Spiegel-Leser«. Das tut mir leid, aber was mehr soll ich tun?) Die Rituale am Wahlabend konzentrieren nun politische Talking Points zu sonst seltener Intensität.

Als extra kurze Zusammenfassung, hier der Talking-Points-Imperativ: Sprich jederzeit so, dass der Wähler motiviert ist, dir die Macht über sein Leben zu übertragen.

Ob »Kompetenz« (Schäuble), »Güte« (Merkel immer kurz vor Wahlen) oder »Populismus« (Linke/ AfD/ SPD immer kurz vor Wahlen/ CDU jüngst in NRW) – alle Talking-Points-Effekte haben den einen Zweck, Sie zu überzeugen, dem Politiker die Macht über Ihr Land und Leben zu übertragen. Wahlen sind die Eucharistie der Demokratie. Wenn der Pfarrer das Hochgebet spricht, wird die trockene Oblate zu Gott, zumindest der Substanz nach. Wenn der Wähler sein Kreuz macht, wird mal der Deutschlehrer und mal der abgebrochene Student zum Vertreter des Volkes, zumindest dem Amt nach. Kein Kreuzchen und der Politiker wäre kein Politiker. Deshalb sind die Rituale des Wahlabends so heilig.

Gewinner sein ist nicht schwer

Am Wahlabend haben Gewinner wie Verlierer dieselbe Aufgabe. Sie müssen sich als würdige »Volksvertreter« (wieder mit dem »Volk«, Wegner?!) positionieren. Sie opfern sich der Aufgabe, ein Volk (nicht Ihr Ernst – schon wieder?) zu führen (Vorsicht, »führen« ist noch gefährlicher als Volk – meine Güte, Wegner!!). Es geht nicht um Diäten, um Redehonorar oder die Aussicht auf anstrengungungslosen Wohlstand als Quotenaufsichtsrat. Es muss darum gehen, sich der Aufgabe unterzuordnen wie der IS-Attentäter seinem Missverständnis.

Für die Formulierung empfehlen sich also zwei Elemente:

  1. Führungsanspruch etablieren
  2. Führungsanspruch etablieren

Alles klar? Nein? Gut, ich will etwas Details hinzufügen.

  1. Führungsanspruch etablieren, indem ich das Gewähltsein betone.
  2. Führungsanspruch etablieren, indem ich z.B. aufzeige, wie viele Leute – meist unbezahlt – für mich arbeiteten.

Beispiele

  1. Wahlweise: Ich nehme die Wahl demütig an. Diese Wahl ist ein Grund zur Freude. Heute ist ein guter Tag für die Christ/Sozial/Freidemokratie (impliziert: denn wir wurden gewählt).
  2. Dieser Wahlsieg ist vor allem der Erfolg all der Wahlkämpfer, die unermüdlich Plakate klebten und Zettel verteilten. Ich bin glücklich, dass alle Wahlkämpferinnen diesen Wahlkampf heil überstanden haben.

All diese Sätze lassen sich frei kombinieren und variieren. Es geht aber immer nur um eines: Betonen Sie ihren Führungsanspruch – und tun Sie, als würden Sie bescheiden tun.

Verlierer sein um so mehr

Die rhetorische Herausforderung des Wahlunterlegenen ist komplizierter als die des Siegers.

Ebenso wie der Gewinner, muss auch der Verlierer seinen Führungsanspruch bekräftigen. Sein Problem: Die Wahl hat eben das Gegenteil bewiesen! Der Wahlverlierer hat – logisch betrachtet – also zwei Möglichkeiten: Sich als historische Führungspersönlichkeit darzustellen – oder sich als Führungspersönlichkeit der Zulunft zu etablieren.

(Hinweis: Wir lassen hier Formulierungen weg, die zwar häufig verwendet werden, aber eher kontraproduktiv sind. Das berühmte »Es ist uns nicht gelungen, dem Wähler unsere Inhalte zu vermitteln« etwa ist eine nur fadenscheinig verhüllte Beschimpfung der Wähler. Wir wollen hier gute Ratschläge geben, abgedroschene Stanzen überlassen wir den Beratern der SPD.)

Struktur

  1. Führungsanspruch erheben
  2. Verlust eingestehen und neuen Führungsanspruch erheben

Mögliche Formulierungen:

  1. Ich bin geehrt, dieser Partei so lange gedient zu haben. Die Partei und ich haben schöne wie auch harte Momente erlebt.
  2. Die Partei hat hart gekämpft, aber verloren.

Generator

So ein Wahlabend ist für Wähler wie für Gewählte stressig! Um meinen Teil zur allgemeinen Beruhigung beizutragen, habe ich Ihnen einen Wahlkommentar-Generator gebaut.

Zuerst wählen wir die Partei, die Ihnen am politischen Herzen liegt.




 
… und natürlich die Frage, ob jene Partei gewonnen oder verloren hat!


und jetzt …

Mal im Ernst

Eine Wahl mag die demokratische Eucharistie sein. Die Kommentare der Politiker mögen die ritualisierte Volkvertreterwerdung sein. Doch es ist nicht die Annahme der Wahlergebnisse, zumindest nicht allein, was eine Demokratie ausmacht.

Damit ein Volk – hier ein notwendiger Einschub! »Volk« ist ein kraftvolles, altes, wichtiges Wort. Genauso wie »Nation«. Sicher, diese Wörter wurden in dunkler Zeit missbraucht und schändlich gemacht. Wer aber jetzt theoretisch wie praktisch diese Wörter bannen will, der vollendet gewissermaßen und in dieser einen Hinsicht das Werk jener Monster. Genug des Einschubs. Sie haben verstanden. – damit also ein Volk seine Herrscher demokratisch wählen kann, muss es demokratische Bildung genossen haben, und weiter genießen, und muss echte Optionen haben, und diese Optionen kennen.

Ich tue mir schwer, Deutschlands Wahlen in 2017 vollumfänglich »demokratisch« zu nennen. Ein Acht-Milliarden-Medienapparat mit Parteien und Funktionären im Aufsichtsrat erzieht die, »die schon länger hier leben«» und also wählen dürfen, teils gegen ihre eigenen Interessen zu stimmen. Es gibt keine ehrliche öffentliche Diskussion aller logisch möglichen Optionen. Antifa-Schläger schüchtern die Opposition ein. Bereits in manchen Schulen wird gegen Oppositions-Politiker gehetzt, teils mit offenen Lügen. (Eltern berichten, wie besonders in SPD-Ländern einzelne Lehrer gegen eine konkrete Partei hetzen.)

Es ist eben nicht nur das »demokratische Gefühl«, das eine Demokratie demokratisch macht. Das demokratisch-politische Gefühl kann ich Ihnen auch erzeugen. (Wenn Sie wissen wollen, wie das ganz konkret geht, darf ich Ihnen noch einmal Talking Points« empfehlen.) Demokratie braucht informierte Wähler, sonst ist sie nur ein Schauspiel, überbesetzt von gewissenlosen Souffleuren und ausgeführt von schlechten Schauspielern mit erstaunlich hohen Gagen.

Was spielt die Zukunft der Demokratie uns also auf? Ich weiß es nicht, selbst wenn ich Ihnen sagen kann, welche Noten gespielt werden werden. Die Harmonien kenne ich noch nicht. Bis dahin aber, meine lieben Freunde, lassen Sie uns Spaß haben. Trinkt, tanzt, was sonst sollen wir tun? Es sind die letzten Tage des Westens