Darf man über »Lügen« reden?

Vor etwa 14 Milliarden Jahren entstand unser Universum, etwas später unsere Milchstraße, Eiweiß-Verbindungen verbanden sich und irgendwann lief der Mensch auf der Erde herum. Wir erfanden das Rad, die Schrift, die Oper, das Theater, Computer und auch Comedy-Soaps mit Nerds.

Das menschliche Leben selbst ist in den Maßstäben des großen Ganzen nicht mal ein Wimpernschlag. Unsere Existenz als Mensch ist erst unwahrscheinlich, dann fragil und bedroht, und schließlich auch bald wieder vorbei.

Wir sind gesegnet mit einem Geist, der Symphonien schreiben kann, der Romane verfassen, Krankheiten heilen, Philosophie treiben und den Weltraum erobern kann.

Und dann gibt es Menschen, die all diese Geschichte und all diese Fähigkeiten nicht besser zu nutzen wissen, als Tag für Tag in eine Redaktion zu gehen.

Was ist Lüge?

Ja, ich könnte jetzt Instanzen von »Fehlern« in Leitmedien aufzählen, bei denen Absichtslosigkeit anzunehmen mir nicht gelingen will, etwa die Falschmeldung von Spiegel Online zu Festnahmen in Paris am Wochenende. (Viele Newscycle später wurde die Meldung still korrigiert – ins richtige Gegenteil.) Sie lügen – oft gedruckt – und wir bloggen, wie sie lügen.

Ihre Gegenwahrheiten zu dokumentieren ist eine wichtige Tätigkeit. Hier und heute aber will ich mir erlauben, einige Zeilen lang einmal über den Begriff der Lüge nachzudenken.

Darf man »Lüge« sagen?

Der Hillary-Clinton-Fan Kevin Spacey genießt vielleicht derzeit nicht den besten Ruf, doch seine Leistung als Schauspieler bleibt die eines Ausnahmetalents.

Im Film »Die üblichen Verdächtigen« sagt seine Figur einige Sätze über den Teufel, die seitdem in das »allgemeine Bewusstsein« eingedrungen sind.

Darunter:

»Der größte Trick, den der Teufel je gebracht hat, war die Welt glauben zu lassen, es gäbe ihn gar nicht.«
Film: »Die üblichen Verdächtigen« (1995)

Das Zitat, im Original:

Ich habe manchmal den Verdacht, es verhält sich mit gewissen »Leitmedien« und dem Begriff »Lüge« so ähnlich.

Der Ausdruck »Lüge« bezeichnet eigentlich so etwas wie das absichtsvolle Sagen der Unwahrheit.

In den letzten Jahren ist das Wort »Lüge« als Teil des Wortes »Lügenpresse« in die Debatte gekommen. Wie das Wort »Gutmensch« ist »Lügenpresse« ein Vorwurf gegen die Heuchelei und Wahrheitsschwäche des linken Establishment, und konsequenterweise wurde es von gewissen Professoren ebenso, in 2014, zum »Unwort des Jahres« gewählt. (Die Jury scheint Wörter, die linke Deutungshoheit angreifen, schlimm zu fürchten – wieso sie ihnen dann so viel PR verschaffen, bleibt deren Geheimnis.)

Eben jene, denen Lüge vorgeworfen wurde, haben sich geeinigt, dass »Lüge« ein böses Wort sei und wer ihnen Lüge vorwirft, zu ächten sei. Die, denen Lüge vorgeworfen wird, wollen (moralisch) verbieten, ihnen Lüge vorzuwerfen. Man fühlt sich erinnert an Facebook, wo es nicht möglich ist, Mark Zuckerberg oder seine Gattin Priscilla Chan zu blocken – offizielle Begründung: weil schon zu viele sie bereits blocken.

Mit Verlaub: Dass diejenigen, denen man Lügen vorwirft, das Wort »Lüge« verbieten wollen, ist allein für mich noch kein Grund, mir das Wort verbieten zu lassen.

Wer lügt?

Man reagiert zuerst natürlich mit dem üblichen Nazi-Vorwurf: »Wer etwas sagt, was mir nicht passt, ist Nazi/Rechtspopulist/et cetera.«

Erstaunlich oft war die Verteidigung wenig mehr als beleidigte Indigniertheit: Wie kann es so ein schmutziger Ungewaschener wagen, einen Journalisten zu hinterfragen?

Andere Verteidigungen waren gehaltvoller. Etwa diese: Niemand lügt absichtlich, es sind höchstens Fehler, die passieren.

Ich will einmal davon absehen, dass ich diese dritte Linie nicht blind unterschreiben würde – ich sehe weniger als keinen Grund dafür, anzunehmen, dass Journalisten eine von Natur aus der Lüge unfähige Menschengruppe wären.

Lassen Sie uns dieses letzte Argument einmal näher betrachten. Gerade wenn wir annehmen, dass Journalisten alle stets bemüht sind, objektiv die Wahrheit zu sagen (ja, ich höre Ihr Lachen), gerade dann fände ich folgende Frage interessant:

Kann es sein, dass gelogen wurde, obwohl kein einziges Individuum bewusst die Unwahrheit sagte?

Ist es erforderlich, dass ein einzelner Mensch sich zur Lüge entschließt, damit wir von einer Lüge sprechen können?

Braucht die Lüge ein Individuum?

Erlauben Sie mir, einige Szenarien anzudenken, in denen man vom »Lügen« sprechen könnte, ohne dass es notwendig ist, einem Einzelnen das Lügen vorzuwerfen.

Personal-Auswahl

Menschen können sich irren. Bei der Einschätzung von Nachrichten könnte es durchaus sein, dass Menschen tendenziell in eine Richtung irren.

Wer in einer Redaktion eingestellt wird, muss »zum Team passen«. Über die Jahre werden Menschen, die »zum Team passen« eher eingestellt und drin bleiben, während andere weiterziehen.

Eine solche Tendenz würde dazu führen, dass sich ein ganzes Team von Journalisten wieder und wieder mit der gleichen Schlagseite irrt – und doch kein Einzelner sich den Vorwurf machen muss, absichtlich die Unwahrheit berichtet zu haben.

Flaschenhals

Es könnte natürlich sein, dass eine Redaktion meinungs-divers besetzt ist (man darf ja mal träumen). Doch auch dann müssen alle Meldungen und Meinungen noch immer durch verschiedene Flaschenhälse gehen, ob das nun die Redaktionskonferenz, die Schlussredaktion oder Anrufe »von oben« sind. Die Bandbreite der Meinungen ist immer nur so weit wie der engste Flaschenhals.

Egal wie »divers« die Meinungen innerhalb der Redaktion sind: Wenn auch nur ein Flaschenhals immer nur in eine Richtung zu irren neigt, werden in der Summe wohl Meinungen und Meldungen veröffentlicht werden, die man unter »Lügen« einordnen könnte, ohne dass ein Einzelner sich der bewussten Unwahrheit bezichtigen lassen muss.

Überzeugung

Es gibt einen dritten logisch möglichen Fall, der zugleich komplex und allzu wahrscheinlich ist.

Es ist denkbar, dass eine Gruppe von Menschen für sich den Begriff von »Lüge« völlig umdefiniert hat. Was, wenn für eine Gruppe von Menschen eine »Lüge« ist, was dem politischen Gegner hilft, und die »Wahrheit« entsprechend das, was die eigene politische Seite stützt?

Ich denke etwa an die Berichterstattung zu Russland, zu nicht-linken Bewegungen in Deutschland, zu Donald Trump und zu Hillary Clinton, und ich habe das Gefühl, dass manches »Wahrheitskonzept« nicht ganz mit dem meinen in Einklang zu bringen ist.

Das traditionelle Konzept von »Lüge« erfordert, dass der Lügner bewusst die Unwahrheit sagt. Wenn beim Sprecher allerdings der »Wahrheits-Trigger« exakt bei Meldungen anspringt, die seiner politischen Seite nutzen, unabhängig vom Geschehen in der Welt – kann man dann von »Lüge« sprechen?

Wahrscheinlich

Welchen Fall haben wir nun vorliegen, wenn Redaktionen aktiv Falschmeldungen verbreiten?

Ich denke zurück an die von der Tagesschau verbreiteten Bilder zum Fake-Staatsschef-Trauermarsch von Paris. Als der Tagesschau diese scheinbare Manipulation vorgeworfen wurde, reagierte der Dr. Gniffke, sagen wir mal: »öffentlich rechtlich«:

»Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt’s. Heute geistern schon wieder wilde Verschwörungstheorien durch soziale und traditionelle Medien. Kritiker bemängeln, dass die Darstellung der Staats- und Regierungschefs am Sonntag in Paris eine reine Inszenierung gewesen sei.«
– blog.tagesschau.de, 13.01.2016 (bei archive.is)

Welches Szenario halte ich für wahrscheinlich?

Wie so oft: Wohl eine Mischung von allem. Etwas Gruppendynamik, etwas Flaschenhals, etwas Umdeutung des Wahrheitsbegriffs.

Ich glaube, den Erfolgreichsten unter denen ist es egal. Sie sind mit so viel Verwaltungskram beschäftigt, dass sie froh sind, irgendwas zu versenden, ohne dass es böse Anrufe »von oben« gibt. Und wenn man bei der Unwahrheit erwischt wurde, schiebt man einfach neue Skandälchen hinterher, bis die Unwahrheit versandet, oder man beschimpft die Kritiker (siehe oben), oder man »korrigiert« irgendwo unter Ausschluss der Öffentlichkeit – während die »alternative Wahrheit« zur besten Sendezeit lief oder auf der Titelseite stand.

Realistisch also denke ich: Die haben keine »böse Absicht« – es ist ihnen schlicht egal.

Auftrag für Blogger

Konservative und liberale Blogger arbeiten mit dem Promille eines Promille der finanziellen Mittel, die den »Leitmedien« zur Verfügung stehen. Dennoch ist unsere Verpflichtung zur Wahrheit – und damit zur Recherche und Überprüfung unserer Behauptungen weit höher.

Prüfen Sie selbst: Haben Sie je gehört, dass auch nur 1 Journalist seine Stelle verloren hätte, weil er Unsinn über Russland oder Trump erzählte, unbescholtene Bürger als »Nazis« beschimpfte oder Merkels Welteinladung wider allen Verstand hochjubelte? Nein. Wer im Geiste der Regierung die Fakten biegt, bekommt Journalismuspreise. – Blogger dagegen, die gegen Verstand oder Faktenlage verstoßen, werden von ihren Lesern abgestraft. In letzter Zeit haben sogar »Stiftungen« begonnen, nach Nebensatzfehlern in Blogtexten zu suchen, um dann mit steuerfinanzierter Anwaltswucht gegen kritische Stimmen vorzugehen.

Doch der erste Grund, warum Blogger wie Berger, Tichy, Broder oder Danisch bloggen, ist – wage ich zu behaupten – weil es ihnen wichtig ist. Es ist wichtig, dass jemand auch die Meinungen der »normalen« Menschen formuliert, denn die gehören zur Wahrheit dazu. Es ist wichtig, dass jemand sagt, was wirklich ist. Das ist alles, aber das ist der Unterschied.


Wie ich denke

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