30.4.2019

Alles nur ein Spiel, alles nur ein Spiel?!

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Julius Drost
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Lustige Einwegpunkte für 146.500 Euro, Einheitsjubiläum vergessen, 1.-Mai-Randale. »Sagt mal«, möchte man nach Berlin rufen, »ist für euch da alles nur ein Spiel?« – Ich will, gerade heute, die Ernsthaftigkeit loben!
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»Letzte Karte!« – Ist es ein Schlachtruf? Eine Drohung? Wenn mein Sohn es ausruft, dann ist es die Ankündigung des nahenden Triumphs, und gleichzeitig klingt es wie die Beschwörung höherer Mächte, seinem Gegnern nicht in letzter Minute noch Karten zu geben, die den baldigen Sieg noch verhindern könnten. Es ist aber ein kluger Teil des Regelwerks, dass man in einem solch euphorischen Moment den Markennamen jenes Spiels mit der letzten Karte ausrufen muss! (Ähnlich wird es ja auch beim Schach praktiziert, da sagt man ebenfalls im freudigsten Moment »Schach!«, oder gar »Schachmatt!«. »Mensch ärgere dich nicht« wäre gewiss auch noch heute populär, wenn man nur die Nennung des Spielnamens per Regelwerk vorgeschrieben hätte.)

In meinem fortdauernden Bemühen, am Irrsinn nicht selbst irre zu werden, lege ich eine neue Theorie an die Praxis an: Was, wenn »die da oben« das alles »nur« als ein Spiel betrachten, was der erste der Fehler wäre, und als zweiten Fehler dann auch noch missverstanden haben, was ein echtes Spiel überhaupt ist? – Es sei mir gestattet, Grund und Gründe zu erläutern, doch zuerst zur Illustration ein paar Beispiele vom Tage!

Irgendsoein Jubiläum

Jeder Mensch vergisst mal etwas. Ich hatte letztens vergessen, dass ich den Kindern ein Eis versprochen hatte, sobald die von der Schule nach Hause kämen, und die Kinder warteten geduldig, ob ich mich daran erinnern würde. Etwa vier Sekunden lang warteten sie, dann erinnerten sie mich mit der gebotenen Dringlichkeit ans Versprochene.

»Seehofers Ministerium übersieht Jubiläum zur deutschen Einheit«, meldet welt.de, 30.4.2019. Ja, auch wichtige Menschen können auch mal etwas vergessen, insofern bin ich dem Herrn Seehofer gar nicht böse, dass sein Ministerium wohl irgendsoein Jubiläum einzuplanen vergessen hat. – Aber mal ernsthaft: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die das alles nicht mehr ernst nehmen, dass es nur so ein Spiel für die ist? Was war es denn, was Herrn Seehofer so ablenkte? Ach ja: Er spielt seine Rolle im großen deutschen Bauernschwank: »Ich tue, als würde ich Merkel widersprechen, doch wirklich wagen würd’ ich’s niemals nimmer nicht!«

Alles nur ein Spiel, vom Flughafenbau, über lustige Einwegpunkte auf der Fahrbahn für 146.500 Euro (morgenpost.de, 30.4.2019), von spielerischer Einwanderungspolitik über Inklusionsexperimenten und Integrationsträume bis hin zur Energieversorgung – die »Guten« sind schranken- wie grenzenlos, sie spielen heute auch schon mal ein wenig Weimarer Republik, wenn ihnen danach ist (idowa.de, 27.4.2019, Zitat daraus: »Die Kripo hat gesagt, ich solle da nicht nachhaken.«) – und sie tun immerzu so, als wäre alles nur ein Spiel – womöglich glauben sie es sogar selbst.

Zum Maifeiertag versammeln sich auch dieses Jahr tausende Antifa-Schergen – im Polizeisprech »erlebnisorientierte Jugendliche», und sie spielen Bürgerkrieg; ihre Schädel sind voll mit Ideologie, Lust an der Gewalt und wohl auch mancher Substanz. Für die ist es ein Spiel, und für manche ihrer Unterstützer auch. Wenn es allzu ernst wird, so hofft man wohl nicht ganz falsch, werden die Körper und die Gesundheit der 5.500 Polizisten hingehalten (bz-berlin.de, 29.4.2019), so dass das gefährliche Spiel nicht die geistigen Brandstifter in Redaktionen und Parteien trifft. Dass diese Polizisten zumeist jemandes Söhne, Brüder, Väter sind? Ist ja alles nur ein Spiel.

Doch, was wäre das große Spiel ohne die gelegentlichen Ereigniskarten, die aus wolkigem Himmel hineingeworfen werden, um den Spielfluss interessant zu halten! Zur Auflockerung also, zwischendurch mal eine positive Meldung, zum Lächeln und Frohsein: »Arbeitslosenzahl sinkt auf niedrigsten Stand seit Wiedervereinigung«, lesen wir (welt.de, 30.4.2019). – Wir kennen ja die Kriminalitätsstatistik (wenn ein Antifa-Scherge die rechte Hand allzu gerade hebt oder ein Syrer ein Hakenkreuz sprayt, dann ist beides eine »rechte Straftat«), wir machen uns gar nicht erst die Mühe, die wahre Wahrheit hinter der offiziellen Wahrheit zu suchen – man muss nicht jedes Spiel mitspielen – man sieht die Menschen, die nach Pfandflaschen suchen, man sieht die Parks und Plätze, und man hat so seine eigene Vorstellung auch von dieser »Statistik«. Damit ein Spiel ein Spiel ist, ist es – unter anderem – notwendig, dass alle Spieler die Regeln akzeptieren, oder zumindest so tun, als würden sie es tun.

»Wir sind nur die Randfiguren in einem schlechten Spiel«, so sang Klaus Lage einst, doch präziser wäre: wir sind die Bauernopfer, in einem wahrscheinlich verdammt unterhaltsamen Spiel, nur eben nicht für uns – würden die sonst so lachen?

Hundewelpen miteinander

Kleinen Tieren und kleinen Menschen ist es gleichermaßen angeboren, Freude am Spiel zu empfinden. Wenn etwas »von Natur aus« (sprich: durch Evolution) dem Menschen intensive Freude bereitet oder wir zumindest einen Drang danach empfinden, können wir zuverlässig davon ausgehen, dass es (im Prinzip) für das Überleben der Spezies entscheidend ist; bekannte Beispiele sind natürlich das Essen und die praktische Liebe (damit meine ich in etwa das Gegenteil des gleichlautenden kantschen Begriffs), und Ähnliches gilt fürs Spiel.

(Notiz: Der modernen Gesellschaft ist es gelungen, wichtige Triebe ihres evolutionären Zwecks zu berauben, etwa durch Verhütung, Industriezucker oder künstliche Aromen; auch der Spieltrieb wird durch Psychotechniken wie »Gamification« gelegentlich seiner nützlichen Aspekte beraubt, so dass der Spielende sich etwa durch Abhängigkeit, Preisgabe seiner Privatsphäre und/oder »Microtransactions« selbst schadet, doch lassen Sie uns hier den ursprünglichen und positiven Zweck von Spiel(en) betrachten!)

Wenn Hundewelpen miteinander spielen, »üben« sie sich darin, den Gegner im Kampf zu unterwerfen – und ihm buchstäblich an die Kehle zu gehen. Ein maximal ernstes Ziel wird mit der dem Spiel wesentlichen »Uneigentlichkeit« entschärft und so wird es »spielbar« und damit trainierbar.

Wenn wir das Wort »Spiel« sagen, können wir eine Aufführung im Theater, das Treiben der Kinder auf dem Hof oder auch die Stellvertreterschlacht von zwei mal elf Fußballmillionären meinen, und es ist tatsächlich stets dieselbe Bedeutung desselben Wortes: Ein Spiel ist das regelbasierte uneigentliche Durchbuchstabieren einzelner Aspekte realer Konflikte; ein Schachspiel und ein Fußball-Länderspiel sind gleichermaßen uneigentlicher Krieg.

»Ich will spielen!«, sagt das Kind, und es weiß nicht, warum es das sagt, außer dass seine Natur es ihm abverlangt. Eine der wichtigen Fähigkeiten, die das Kind beim Spiel lernt – lernen sollte – ist die Unterscheidung von Uneigentlichkeit und Ernst.

Wenn wir heute »verspielt« oder »spielerisch« sagen, meinen wir meist nur den uneigentlichen und konsequenzlosen Teil des Spiels, doch so wie ein Spiel ohne Uneigentliches bitterer Ernst und eben kein Spiel ist (man beachte die Auflösung von »Ender’s Game«), so ist ein Spiel ohne Ernsthaftigkeit ebenso kein Spiel mehr, sondern Blödsinn, Unsinn, Lebenszeitverschwendung.

Desto weniger Zeit

Dass (oder: wenn) diese Leute es alles als Spiel sehen, das ist nur das erste Problem, das zweite ist, dass sie nicht erkennen, dass das Spiel auch einen ernsthaften Teil hat – oder dass sie es erkennen, und sich weigern, dafür Verantwortung zu übernehmen. Ich habe wenig Achtung vor Peinlichpolitikern und Nihilisten mit Presseausweis, ich habe wenig übrig für Staatsfunk-Komödianten, Schmunzeltwitter und ander Manifestationen einer sich hinter Sarkasmus versteckende Seelenödnis.

»Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt«, so lehrt uns Marcel Reif (spiegel.de, 21.12.2005), und es sind wahre und wichtige Worte, ob sie nun in dieser Tiefe gemeint waren oder nicht.

Ich werde nun aufbrechen

Man möchte ausrufen, die Faust gegen den säkularen Himmel schüttelnd: »Ihr da oben, in euren Regierungsräumen und Redaktionen, ihr meint, ihr spielt ein Spiel, doch euer Spiel ist falsch! Falschspieler seid ihr!«

Es ist kein Spiel, und wenn ihr es schon als Spiel betrachtet, so fehlt euch zum Uneigentlichen noch das Ernste.

Wo bleibt die Ernsthaftigkeit? – Es ist denen ein böses Wort, doch ich will es loben. Lasst uns ernsthaft sein, wo denen alles nur ein Spiel ist.

Der österreichisch-jüdische Dichter Erich Fried (1921 – 1988; sein Vater starb 1938, nach einem »Verhör« durch die Gestapo) schrieb:

Die Jungen werfen zum Spaß mit Steinen nach Fröschen. Die Frösche sterben im Ernst. (Erich Fried)

Der Unernst der Berliner Klasse mag denen selbst wie ein Spiel vorkommen; den Bürgern, die ihre Heimat zu verlieren fürchten, den Toten in den Gräbern, den Familien in Angst und Trauer, und all denen, die aufgegeben haben, kommt es schon länger nicht mehr wie ein Spiel vor.

Ich will die Ernsthaftigkeit preisen, so unmodern das auch sein mag. Der eine Fehler ist es, das Leben zu ernst zu nehmen – der andere Fehler ist es, das Leben nicht ernst genug zu nehmen.

Ich werde nun aufbrechen und den Kindern ein Eis kaufen, bevor sie aus der Schule kommen, und es solange im Freezer lagern. – Heute war das Eis nicht versprochen, doch was wäre ein Spiel ohne die gelegentliche Überraschung? Ich bin Vater, ich bestimme die Regeln. Nach dem Eis sollen die Kinder ihre Instrumente spielen. Dann spielen wir das Spiel »Hausaufgaben machen«. Zwischendurch dürfen sie nach draußen gehen, um dort zu spielen, oder spielen wir noch eine Runde Karten. Schließlich, wenn alle anderen Spiele ausgespielt sind, wird zuletzt das aufregende Spiel »Schlafen gehen« gespielt – ernsthaft!

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